{"id":84786,"date":"2026-08-19T05:00:35","date_gmt":"2026-08-19T03:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=84786"},"modified":"2026-08-18T17:42:35","modified_gmt":"2026-08-18T15:42:35","slug":"die-gedanken-sind-frei-ein-sommer-des-verwaisten-gedenkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-gedanken-sind-frei-ein-sommer-des-verwaisten-gedenkens\/","title":{"rendered":"Ein Sommer des verwaisten Gedenkens"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDie Menschen ern\u00e4hrten sich von alten Kartoffeln, die irgendwo in Kellern gelegen hatten, oder von gefangenen Tauben. Auf Nachfragen antworteten die Milizposten, dass die Deutschen sich selbst um Essen k\u00fcmmern m\u00fcssten, so wie die Polen w\u00e4hrend der deutschen Besatzung hatten tun m\u00fcssen. Doch wie sie das angesichts des Verbots, das Ghetto zu verlassen, und des Fehlens eines Arbeitsausweises bewerkstelligen sollten, dar\u00fcber verloren sie kein Wort. (\u2026) Die hiesigen Deutschen bestanden gr\u00f6\u00dftenteils aus alten Leuten, die nicht mehr in der Lage gewesen waren, vor dem Krieg zu fliehen, oder die zur\u00fcckgekehrt waren.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Enge der Unterk\u00fcnfte zehrte an den Nerven der Menschen. (\u2026) Der Sommer war hei\u00df und trocken, waschen konnte man sich nur im Fluss, und die in primitiven Aborten gesammelten Exkremente wurden irgendwo am Fluss vergraben oder einfach in ihn geleert. Infolgedessen gab es Schw\u00e4rme dicker Fliegen; Fl\u00f6he, L\u00e4use und Ratten vermehrten sich. (\u2026) Die Zahl der Menschen, die gezwungen waren, in zwei Stra\u00dfen zu wohnen, war immerhin auf mehrere Tausend angestiegen.*\u201c<\/p>\n<p>Dieses\u00a0Fragment stammt aus dem Buch \u201eSommer der toten Tr\u00e4ume\u201c von Harry Th\u00fcrk und beschreibt nicht die Kriegszeit, sondern den ersten Nachkriegssommer in Neustadt\/Prudnik, den der in Z\u00fclz\/Bia\u0142a geborene Autor dort pers\u00f6nlich erlebte. Die Deutschen im Roman sind die dem Autor aus der Vorkriegszeit bekannten Bewohner von Neustadt. Einer von ihnen war der Kaufmann Preiss, der aus seinem Haus vertrieben und von Milizion\u00e4ren mehrfach geschlagen wurde. Er wurde ins Ghetto gebracht, wo man ihn eines Morgens \u201emit alten polnischen Zeitungen bedeckt vor einem der H\u00e4user in der K\u00f6nigin-Hedwig-Stra\u00dfe fand. Jemand hatte ihm die Augen geschlossen. Wahrscheinlich dieselbe Person, die ihm die Schuhe ausgezogen hatte. (\u2026) Das Ausheben einzelner Gr\u00e4ber war nicht mehr m\u00f6glich. (\u2026) Deshalb entschied man sich f\u00fcr das Ausheben von Massengr\u00e4bern.\u201c<\/p>\n<blockquote><p>Also ein Monopol auf das Opfersein, die Ablehnung selbst des Eindrucks eines Schuldgef\u00fchls \u2013 und Anstand gilt nur gegen\u00fcber Polen. Eine solcherma\u00dfen verstandene Moral ist Lichtjahre entfernt von den Worten der polnischen Bisch\u00f6fe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum f\u00fchre ich im Sommer 2026 dieses Fragment \u00fcber die Nachkriegsgr\u00e4uel an, die einfache, alte Menschen \u2013 oberschlesische Deutsche \u2013 in ihrer Stadt Neustadt, dem Nachkriegs-Prudnik, trafen? Gr\u00e4uel seitens der Beh\u00f6rden: zun\u00e4chst der sowjetischen, dann der nicht minder schlimmen polnischen.<\/p>\n<p>Nun, im Juli dieses Jahres lehnte der Neust\u00e4dter Gemeinderat bei einer Stimmenthaltung die Initiative des Kreisvorstands des Landkreises Neustadt ab, an dieses tragische Schicksal mehrerer tausend Neust\u00e4dter Deutscher in den Jahren 1945\u20131946 zu erinnern und es damit auch bekannt zu machen. Der Kreisvorstand hatte gemeinsam mit dem Neust\u00e4dter Landesmuseum f\u00fcr solides historisches Wissen zu diesem Thema gesorgt. Der Kreisrat hatte sich damit vertraut gemacht, aber die Stadtverordneten befanden, dass sie es nicht brauchten, was bedeutet, dass ihre Entscheidung auf einer von vornherein feststehenden Annahme beruhte. Vermutlich waren sie der Ansicht, dass die fachliche Pr\u00e4sentation durch einen Historiker es ihnen nur erschwert h\u00e4tte, nach der negativen Beurteilung des Antrags ihr Gesicht zu wahren. Diese Annahme formulierte ein Neust\u00e4dter Ratsmitglied in einem kuriosen Statement, das Radio Opole am 16. Juli 2026 zitierte: \u201eDas ist einfach Anstand uns Polen gegen\u00fcber. Wir waren die Opfer dieses Krieges. (\u2026) Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, dass wir ein Schuldgef\u00fchl gegen\u00fcber diesen Menschen haben, die von hier vertrieben wurden.\u201c<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/polen-und-ukraine-der-praesidentenstreit-um-das-wolhynien-massaker-und-die-erinnerung-an-die-geschichte\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Pomnik_Rzezi_Wolynskiej_-_rewers_licencja_CC_BY-150x150.jpeg\" alt=\"Kann es einen Gewinn geben?\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">\u201eDie Gedanken sind frei\u201c<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Kann es einen Gewinn geben?<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-gedanken-sind-frei-vertrag-annaberg-und-wir\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/do-gaidy-scaled-e1782228878794-150x150.jpeg\" alt=\"Der Vertrag, der Annaberg und wir\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Die Gedanken sind frei<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Der Vertrag, der Annaberg und wir<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Also ein Monopol auf das Opfersein, die Ablehnung selbst des Eindrucks eines Schuldgef\u00fchls \u2013 und Anstand gilt nur gegen\u00fcber Polen. Eine solcherma\u00dfen verstandene Moral ist Lichtjahre entfernt von den Worten der polnischen Bisch\u00f6fe: \u201eWir vergeben und bitten um Vergebung.\u201c Sie braucht tats\u00e4chlich kein historisches Wissen. Diese Schwarz-Wei\u00df-Moral erinnert an Kali aus \u201eIn der W\u00fcste und im Urwald\u201c, aber auch an eine Szene aus dem von mir zitierten Roman Th\u00fcrks: Um einem Deutschen auf der Stra\u00dfe die Jacke zu stehlen, zerschmettert ein junger Pole ihm mit einem Kn\u00fcppel den Sch\u00e4del. Als eine Milizpatrouille eintrifft und nach dem Grund des Mordes fragt, h\u00f6rt sie die Worte: \u201eWas wollt ihr? Wir sind Polen!\u201c. Kein Schuldgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Aber es sind 80 Jahre vergangen, die Worte der Bisch\u00f6fe fielen vor 61 Jahren, und vor 35 Jahren schlossen Polen und Deutschland einen Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft. Dabei haben die Worte, die in Neustadt im Sommer 1945 und im Sommer 2026 fallen, dieselbe Grundstruktur, die in der polnischen Erinnerungskultur nach wie vor gut gedeiht. In der Folge ist eine Erinnerung, die sich damit einverstanden erkl\u00e4rt, jedes Leids und jedes Opfers zu gedenken, unabh\u00e4ngig von Nationalit\u00e4t oder T\u00e4tern, heimatlos und unerw\u00fcnscht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Menschen ern\u00e4hrten sich von alten Kartoffeln, die irgendwo in Kellern gelegen hatten, oder von gefangenen Tauben. Auf Nachfragen antworteten die Milizposten, dass die Deutschen sich selbst um Essen k\u00fcmmern m\u00fcssten, so wie die Polen w\u00e4hrend der deutschen Besatzung hatten tun m\u00fcssen. 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