{"id":84706,"date":"2026-08-29T17:00:47","date_gmt":"2026-08-29T15:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=84706"},"modified":"2026-08-28T15:49:14","modified_gmt":"2026-08-28T13:49:14","slug":"auf-literarischen-umwegen-den-literarischen-hunden-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-den-literarischen-hunden-auf-der-spur\/","title":{"rendered":"Den literarischen Hunden auf der Spur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn in Goethes \u201eFaust\u201c der gro\u00dfe Mephistopheles die Gestalt eines schwarzen Pudels annimmt und beginnt, um den ber\u00fchmten Gelehrten und seinen Diener Wagner herumzukreisen, muss man unweigerlich schmunzeln. Warum sollte ausgerechnet der Herrscher der Unterwelt die Gestalt eines Pudels w\u00e4hlen?<\/strong> <!--more--><\/p>\n<p>Dass es sich um einen schwarzen Hund handelt, verwundert kaum. In der Volkstradition wird der schwarze Hund sehr h\u00e4ufig mit h\u00f6llischen M\u00e4chten gleichgesetzt. Und wenn er dann auch noch Feuer speit, ist ohnehin klar, dass man von ihm nichts Gutes zu erwarten hat. Aber ein Pudel? Gerade das ist typisch f\u00fcr Goethe \u2013 schlie\u00dflich ist \u201eFaust\u201c einer der \u201esehr ernsten Scherze\u201c, die ihm gelungen sind, und das Bild des Mephisto als schwanzwedelnder Pudel verdeutlicht Goethes ironischen Blick auf sein eigenes Lebenswerk.<\/p>\n<h2>Hunde als Lehrmeister<\/h2>\n<p>Denkt man an Hunde in der Literatur, werden sich wohl alle, die in Polen zur Schule gegangen sind, an Roman Pisarskis \u201eO psie, kt\u00f3ry je\u017adzi\u0142 kolej\u0105\u201c (\u201eDer Hund, der mit der Eisenbahn fuhr\u201c) erinnern \u2013 ein Buch, das das Bild des treuen Hundes tief im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert hat. In gewisser Weise gilt das auch f\u00fcr \u201eGump \u2013 pes, kter\u00fd nau\u010dil lidi \u017e\u00edt\u201c (\u201eGump \u2013 der Hund, der die Menschen leben lehrte\u201c) des tschechischen Schriftstellers Filip Ro\u017eek \u2013 eine Erz\u00e4hlung, die so beliebt wurde, dass sie sogar verfilmt wurde. Auch hier ist der titelgebende Hund ein Symbol bedingungsloser Treue und Liebe. Zugleich ist es aber nicht nur eine Geschichte \u00fcber einen Hund, sondern auch die Geschichte eines Hundes. Als Erz\u00e4hler \u00e4u\u00dfert er scheinbar banale, tats\u00e4chlich aber zutiefst wahre Beobachtungen. So wundert er sich etwa dar\u00fcber, dass seine geliebte Herrin so viel Zeit mit einem leuchtenden rechteckigen Ding verbringt \u2013 sie blickt es fast ununterbrochen an und spricht sogar mit ihm. Gumps Sicht auf die Welt ist von entwaffnender Einfachheit, und gerade das macht sie so glaubw\u00fcrdig. Ohne belehrend oder moralisierend zu wirken, zeigt der Mischling aus dem Tierheim den Menschen, was es hei\u00dft, wirklich zu leben.<\/p>\n<div id=\"attachment_84702\" style=\"width: 967px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-84702\" class=\"wp-image-84702 size-large\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu-957x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"957\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu-957x1024.jpeg 957w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu-280x300.jpeg 280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu-768x822.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu-1436x1536.jpeg 1436w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2.-Bonitka-pies-autorki-artykulu.jpeg 1914w\" sizes=\"auto, (max-width: 957px) 100vw, 957px\" \/><p id=\"caption-attachment-84702\" class=\"wp-caption-text\">Bonitka \u2013 der Hund der Autorin des Artikels.<br \/>Quelle: privates Archiv<\/p><\/div>\n<h2>Ein Hund \u2013 treu \u00fcber den Tod hinaus<\/h2>\n<p>Die Redewendung \u201etreu wie ein Hund\u201c ist l\u00e4ngst mehr als eine blo\u00dfe Floskel. Sie steht f\u00fcr eine Welt, in der Liebe der h\u00f6chste Wert ist \u2013 eine Liebe, die Bestand hat, selbst wenn das Leben endet. Theodor Fontane beschreibt dies au\u00dferordentlich eindringlich, wenn ausgerechnet der Hund seiner Herrin treu bleibt \u2013 ihre Angeh\u00f6rigen hingegen nicht. Als die Titelheldin seines ber\u00fchmtesten Romans \u201eEffi Briest\u201c stirbt, verweigert ihr vierbeiniger Freund Rollo das Futter und legt sich an ihr Grab. Denn fehlgeleitete Vorstellungen von Ehre und Moral, die Effi selbst nach ihrem Tod zur Einsamkeit und zum gesellschaftlichen Ausschluss verurteilen, bedeuten ihm nichts.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGumps Sicht auf die Welt ist von entwaffnender Einfachheit, und gerade das macht sie so glaubw\u00fcrdig.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Interessant ist, dass der Hund auch in Theodor Storms ber\u00fchmter Novelle \u201eDer Schimmelreiter\u201c in einem \u00e4hnlichen Zusammenhang erscheint \u2013 im Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Ihr Hauptheld Hauke Haien ist ein genialer Baumeister und Vision\u00e4r mit aufkl\u00e4rerischem Weltbild. Doch er st\u00f6\u00dft auf den Widerstand einer Dorfgemeinschaft, die an Traditionen und Aberglauben festh\u00e4lt. Als die Dorfbewohner nach altem Brauch beschlie\u00dfen, einen Hund zu opfern und ihn lebendig in den neu errichteten Deich einzumauern \u2013 was dem Bauwerk Haltbarkeit verleihen soll \u2013, widersetzt sich Hauke entschieden und rettet dem Tier das Leben. Von da an wird es zum treuen Gef\u00e4hrten seiner behinderten Tochter. Hund, Pferd und zuvor auch die Katze \u2013 Tiere, die Hauke in verschiedenen Lebensphasen bei sich aufnimmt \u2013 gelten den Dorfbewohnern lediglich als Besitz: Man kann sie verkaufen, eintauschen oder beseitigen. F\u00fcr Hauke dagegen sind sie Mitgesch\u00f6pfe, die das Recht haben, ihren eigenen Weg zu gehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_84704\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-84704\" class=\"wp-image-84704 size-large\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-768x511.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3.-27707-chihuahua-puppy-958203-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-84704\" class=\"wp-caption-text\">Chihuahua \u2013 h\u00f6chstwahrscheinlich tritt genau dieser sehr zarte Hund bei Siegfried Lenz auf.<br \/>Quelle: Pixabay<\/p><\/div>\n<h2>Zottelige Ironie<\/h2>\n<p>Zum Schluss kehren wir zu jener Art von Literatur zur\u00fcck, die das Hundethema mit einem Augenzwinkern behandelt. Auch Siegfried Lenz beherrscht die Kunst der Ironie meisterhaft. Besonders deutlich zeigt sich das in \u201eDer Geist der Mirabelle. Geschichten aus Bollerup\u201c. Unter den kurzen Prosast\u00fccken verdient vor allem \u201eEin sehr empfindlicher Hund\u201c besondere Aufmerksamkeit. Der titelgebende Hund ist winzig und \u00e4u\u00dferst sensibel. Den pelzgef\u00fctterten Rucksack seines Herrchens darf er h\u00f6chstens sechs Minuten verlassen. \u00dcberschreitet er diese Zeit, besteht die Gefahr, dass er sich erk\u00e4ltet und nicht mehr seine volle Leistung bringen kann. Und Leistungsf\u00e4higkeit ist in seinem Fall eine Schl\u00fcsselqualit\u00e4t. Er ist n\u00e4mlich ein sehr wertvoller (und sehr teurer!) Bezwinger der F\u00fcchse, die Bollerup um sein \u00f6rtliches Gefl\u00fcgel bringen. Wie die Geschichte endet, in der der sehr empfindliche kleine Hund gegen eine ganze Schar t\u00f6dlicher Raubtiere antritt, m\u00f6ge jeder selbst herausfinden \u2013 idealerweise mit dem eigenen Hund zu F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn in Goethes \u201eFaust\u201c der gro\u00dfe Mephistopheles die Gestalt eines schwarzen Pudels annimmt und beginnt, um den ber\u00fchmten Gelehrten und seinen Diener Wagner herumzukreisen, muss man unweigerlich schmunzeln. 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