{"id":84643,"date":"2026-08-16T05:00:35","date_gmt":"2026-08-16T03:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=84643"},"modified":"2026-08-14T21:58:04","modified_gmt":"2026-08-14T19:58:04","slug":"wort-zum-sonntag-von-pfarrer-dr-habil-peter-tarlinski-16-august-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wort-zum-sonntag-von-pfarrer-dr-habil-peter-tarlinski-16-august-2026\/","title":{"rendered":"Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski"},"content":{"rendered":"<h2>20. Sonntag im Jahreskreis \u2013 A<\/h2>\n<p><strong>Lesung: Jes 56,\u00a01.6\u20137<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lesung: R\u00f6m 11,\u00a013\u201315.29\u201332<\/strong><\/p>\n<p><strong>Evangelium: Mt 15,\u00a021\u201328<\/strong><!--more--><\/p>\n<h2>Heilung in der Not durch den Glauben<\/h2>\n<p>Jesus befindet sich au\u00dferhalb des j\u00fcdischen Kernlandes, im Gebiet von Tyrus und Sidon. Dort begegnet ihm eine kanaan\u00e4ische Frau. Sie geh\u00f6rt nicht zum Volk Israel. Und doch erkennt sie in Jesus den, von dem sie Rettung erwartet. Die Erz\u00e4hlung aus dem Evangelium nach Matth\u00e4us f\u00fchrt uns Schritt f\u00fcr Schritt tiefer. Sie spricht von Not und Vertrauen, vom Schweigen Gottes, von einem Glauben, der nicht aufgibt, und von einer Liebe, die Grenzen \u00fcberschreitet. Lasst uns gemeinsam entlang des Textes schreiten und in das Ereignis eintauchen. Das wird diesmal etwas mehr Zeit ben\u00f6tigen \u2013 aber g\u00f6nne Dir diese Begegnung, unbedingt.<\/p>\n<h2>Die Not eines Menschen wird zum Gebet<\/h2>\n<p>Die Frau kommt zu Jesus, weil ihre Tochter leidet. Sie kann ihr selbst nicht helfen. Ihre Ohnmacht treibt sie zu Christus. Sie ruft: \u201eHab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!\u201c Bemerkenswert ist, dass sie nicht sagt: \u201eHab Erbarmen mit meiner Tochter\u201c, sondern: \u201eHab Erbarmen mit mir.\u201c<\/p>\n<p>Das Leid des Kindes ist auch ihr eigenes Leid. Wer liebt, bleibt vom Schmerz des anderen nicht unber\u00fchrt. Die Not eines geliebten Menschen kann das eigene Herz vollst\u00e4ndig erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>So beginnt auch unser Gebet oft nicht mit gro\u00dfen Gedanken \u00fcber Gott. Es beginnt mit einer Wunde. Mit Angst. Mit Sorge um einen Menschen. Mit der Erfahrung: Ich wei\u00df nicht mehr weiter.<\/p>\n<p>Gerade dann darf ein Mensch zu Christus rufen. Nicht vollkommen formuliert. Nicht theologisch ausgefeilt. Sondern einfach: Herr, hab Erbarmen.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>Das Schweigen Jesu bedeutet nicht Gleichg\u00fcltigkeit<\/h2>\n<p>Dann geschieht etwas Schwerverst\u00e4ndliches: \u201eJesus aber gab ihr keine Antwort.\u201c Die Frau ruft \u2013 und Jesus schweigt. Dieses Schweigen kennen auch gl\u00e4ubige Menschen. Wir bitten um etwas. Wir hoffen. Wir warten. Und scheinbar geschieht nichts. Das Evangelium verschweigt diese Erfahrung nicht. Der Glaube bedeutet nicht, dass Gott jede Bitte sofort erf\u00fcllt. Es gibt Zeiten, in denen wir seine N\u00e4he deutlich erfahren. Es gibt aber auch Zeiten, in denen Gott verborgen bleibt. Das Schweigen Jesu ist hier jedoch nicht das Ende der Begegnung. Die Frau wendet sich nicht entt\u00e4uscht ab. Sie bleibt. Sie geht weiter hinter Jesus her. Sie h\u00e4lt an ihrer Hoffnung fest. Vielleicht liegt darin eine wichtige Botschaft: Auch das Schweigen Gottes kann ein Raum des Glaubens werden. Ich verstehe Gott nicht immer. Ich erkenne seinen Weg nicht immer. Aber ich darf trotzdem bei ihm bleiben.<\/p>\n<h2>Die J\u00fcnger wollen Ruhe \u2013 Jesus sieht den Menschen<\/h2>\n<p>Die J\u00fcnger reagieren anders: \u201eSchick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!\u201c Sie h\u00f6ren das Rufen der Frau. Aber sie nehmen zun\u00e4chst vor allem wahr, dass sie st\u00f6rt. Das ist eine sehr menschliche Reaktion. Not kann unbequem sein. Der leidende Mensch h\u00e4lt sich nicht immer an unsere Ordnung. Er kommt vielleicht zu einem ung\u00fcnstigen Zeitpunkt. Er wiederholt seine Bitte. Er braucht Geduld. Die J\u00fcnger m\u00f6chten das Problem m\u00f6glichst schnell loswerden. Doch das Evangelium f\u00fchrt uns zu einer anderen Haltung. Der Mensch in Not ist nicht zuerst eine St\u00f6rung. Er ist ein Mensch, der gesehen werden m\u00f6chte. Christliche Barmherzigkeit beginnt deshalb mit Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Nicht sofort wegsehen.<br \/>\nNicht vorschnell urteilen.<br \/>\nNicht nur fragen: \u201eWas will dieser Mensch von mir?\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht zuerst fragen:<\/p>\n<p>Was tr\u00e4gt dieser Mensch in seinem Herzen?<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Vielleicht beginnt gro\u00dfer Glaube manchmal genau dort. Nicht dort, wo ein Mensch auf alles eine Antwort hat. Sondern dort, wo er trotz allem noch wei\u00df, an wen er sich wenden kann.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Gottes Heilsweg beginnt mit Israel \u2013 aber er bleibt nicht an Grenzen stehen<\/h2>\n<p>Jesus sagt: \u201eIch bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.\u201c Diese Worte erinnern daran, dass Gottes Heilsplan eine Geschichte hat. Jesus kommt aus Israel. Die Verhei\u00dfungen Gottes an Abraham und sein Volk werden nicht aufgehoben. Gott bleibt seinen Verhei\u00dfungen treu. Doch schon in dieser Begegnung wird sichtbar, wohin der Weg Jesu f\u00fchrt. Das Heil, das in Israel beginnt, ist f\u00fcr alle Menschen bestimmt. Am Ende des Matth\u00e4usevangeliums wird der auferstandene Christus seine J\u00fcnger senden: \u201eGeht und macht alle V\u00f6lker zu meinen J\u00fcngern.\u201c Die kanaan\u00e4ische Frau steht gleichsam schon an dieser Grenze. Sie geh\u00f6rt nicht zu Israel. Aber sie glaubt. Christus, der Sohn Gottes, ist derjenige, der rettet und heilt. Damit zeigt das Evangelium etwas Entscheidendes:<\/p>\n<p>Niemand ist f\u00fcr Christus zu weit entfernt.<\/p>\n<p>Herkunft ist keine Grenze.<br \/>\nVolkszugeh\u00f6rigkeit ist keine Grenze.<br \/>\nVergangenheit ist keine Grenze.<\/p>\n<p>Wer Christus sucht, darf zu ihm kommen.<\/p>\n<p>Es ist auch wahr, dass \u201eim Namen Jesu gerettet zu werden\u201c bedeutet: durch ihn das Heil zu empfangen, zu ihm zu geh\u00f6ren, ihm zu vertrauen und an den Fr\u00fcchten seines Todes und seiner Auferstehung teilzuhaben.<\/p>\n<h2>\u201eHerr, hilf mir!\u201c \u2013 ein ganzes Gebet in drei Worten<\/h2>\n<p>Die Frau kommt n\u00e4her, f\u00e4llt vor Jesus nieder und sagt: \u201eHerr, hilf mir!\u201c Mehr sagt sie nicht. Es ist vielleicht eines der k\u00fcrzesten Gebete des Evangeliums. Und zugleich eines der tiefsten. Keine Erkl\u00e4rung. Keine Rechtfertigung. Keine langen Argumente. Nur: Herr, hilf mir. Manchmal braucht der Glaube nicht viele Worte. Wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, kann diese Rufe gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Herr, hilf mir.<br \/>\nHilf meinem Kind.<br \/>\nHilf meiner Familie.<br \/>\nHilf einem Menschen, den ich liebe.<br \/>\nHilf mir, wenn meine Kraft zu Ende geht.<\/p>\n<p>Ein solches Gebet enth\u00e4lt bereits Vertrauen. Denn wer um Hilfe bittet, glaubt zumindest noch daran, dass Hilfe m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h2>Die Frau l\u00e4sst sich nicht entmutigen<\/h2>\n<p>Dann verwendet Jesus ein Bild, das uns heute hart erscheinen kann: \u201eEs ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.\u201c Die Frau widerspricht Jesus nicht aggressiv. Sie nimmt sein Bild auf und f\u00fchrt es weiter: \u201eJa, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.\u201c Gerade hier zeigt sich die Gr\u00f6\u00dfe ihres Glaubens. Sie verlangt keinen besonderen Rang. Sie beansprucht keinen Vorrang. Sie sagt gewisserma\u00dfen: <em>Herr, selbst das Kleinste, das von dir kommt, gen\u00fcgt mir.<\/em><\/p>\n<p>Ein Brotkrumen von Gottes Tisch ist f\u00fcr sie gr\u00f6\u00dfer als alles, was sie anderswo finden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das ist Demut. Aber keine erniedrigte Haltung. Die Frau besitzt eine erstaunliche innere Kraft. Sie l\u00e4sst sich nicht vertreiben. Sie bleibt im Gespr\u00e4ch mit Christus. Sie vertraut seiner G\u00fcte st\u00e4rker als der scheinbaren H\u00e4rte des Augenblicks. Ihr Glaube sagt: Ich wei\u00df, dass in dir Erbarmen ist. Deshalb gehe ich nicht weg.<\/p>\n<h2>Glaube h\u00e4lt sich an Gottes G\u00fcte fest<\/h2>\n<p>Am Ende sagt Jesus: \u201eFrau, dein Glaube ist gro\u00df.\u201c Nur selten spricht Jesus im Evangelium so ausdr\u00fccklich von einem gro\u00dfen Glauben. Und er sagt es ausgerechnet zu einer heidnischen Frau.<\/p>\n<blockquote><p>Die Frau besitzt eine erstaunliche innere Kraft. Sie l\u00e4sst sich nicht vertreiben. Sie bleibt im Gespr\u00e4ch mit Christus. Sie vertraut seiner G\u00fcte st\u00e4rker als der scheinbaren H\u00e4rte des Augenblicks.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gro\u00dfer Glaube besteht offenbar nicht darin, alles \u00fcber Gott zu wissen. Diese Frau kennt keine komplizierte Theologie. Aber sie wei\u00df, wohin sie mit ihrer Not gehen muss. Ihr Glaube ist gro\u00df, weil sie Christus vertraut.<\/p>\n<p>Sie vertraut, als er schweigt.<br \/>\nSie vertraut, als die J\u00fcnger sie wegschicken wollen.<br \/>\nSie vertraut, als sie seine Antwort nicht sofort versteht.<br \/>\nSie vertraut weiter.<\/p>\n<p>Glaube bedeutet deshalb nicht nur: Ich glaube, dass Gott existiert.<\/p>\n<p>Glaube bedeutet:<\/p>\n<p>Ich halte mich an Gott fest, auch wenn ich seinen Weg noch nicht verstehe.<\/p>\n<h2>Christus l\u00e4sst sich von der Not des Menschen finden<\/h2>\n<p>Schlie\u00dflich sagt Jesus: \u201eEs soll dir geschehen, wie du willst.\u201c Und ihre Tochter wird geheilt.<\/p>\n<p>Das Evangelium endet nicht beim Schweigen Jesu. Es endet mit Heilung. Die Frau hat Christus gesucht \u2013 und erfahren, dass seine Barmherzigkeit gr\u00f6\u00dfer ist als die Grenzen, die Menschen zwischen sich ziehen. Diese Geschichte weist damit weit \u00fcber sich hinaus. In Christus \u00f6ffnet Gott seinen Tisch f\u00fcr die V\u00f6lker. Was mit Israel begonnen hat, soll die ganze Welt erreichen.<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus wird sp\u00e4ter davon sprechen, dass wir in Christus nicht mehr Fremde sind, sondern zur Familie Gottes geh\u00f6ren. Die kanaan\u00e4ische Frau steht gewisserma\u00dfen schon vor dieser ge\u00f6ffneten T\u00fcr. Sie kommt als Fremde. Und sie geht als eine Frau, \u00fcber die Jesus sagt:<\/p>\n<p>\u201eDein Glaube ist gro\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht stellt uns das Evangelium deshalb heute einige sehr pers\u00f6nliche Fragen:<\/p>\n<p>Wo gebe ich zu schnell auf, wenn Gott schweigt? Kann ich mit meiner Not vor Christus treten, ohne mich hinter sch\u00f6nen Worten zu verstecken? Sehe ich Menschen, die Hilfe suchen, oder empfinde ich sie manchmal nur als Belastung? Glaube ich wirklich daran, dass Christus auch Grenzen \u00fcberschreiten kann, die f\u00fcr mich un\u00fcberwindbar erscheinen? Und kann ich mit der kanaan\u00e4ischen Frau einfach sagen: Herr, hilf mir.<\/p>\n<p>Vielleicht beginnt gro\u00dfer Glaube manchmal genau dort. Nicht dort, wo ein Mensch auf alles eine Antwort hat. Sondern dort, wo er trotz allem noch wei\u00df, an wen er sich wenden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. 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