{"id":84618,"date":"2026-08-17T05:00:35","date_gmt":"2026-08-17T03:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=84618"},"modified":"2026-08-17T08:35:45","modified_gmt":"2026-08-17T06:35:45","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-ein-abgehaktes-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-ein-abgehaktes-jubilaeum\/","title":{"rendered":"Ein abgehaktes Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p><strong>35 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags stellt sich die Frage, wie wir heute \u00fcber die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sprechen. Unser Autor Prof. Krzysztof Ruchniewicz pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Geschichte der Vers\u00f6hnung neu zu erz\u00e4hlen und sie als Aufgabe f\u00fcr die Zukunft zu begreifen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen habe ich aufmerksam verfolgt, welche Stimmen im medialen Raum zum 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zu h\u00f6ren waren.<\/p>\n<p>Es waren nicht allzu viele. Ich h\u00f6rte \u00c4u\u00dferungen von Politikern und Publizisten, las verschiedene Kommentare. Beeindruckt hat mich weniger, was gesagt wurde, als vielmehr die Art und Weise, wie \u00fcber die deutsch-polnischen Beziehungen gesprochen wurde. In der Darstellung \u2013 vor allem in den sozialen Medien \u2013 dominierten Konflikte, gegenseitige Vorw\u00fcrfe und historische Ressentiments. Ich gewinne zunehmend die \u00dcberzeugung, dass sich die Sprache ersch\u00f6pft hat, mit der die deutsch-polnischen Beziehungen bislang beschrieben wurden. Voller abgegriffener Formeln, historischer Klischees und politischer Slogans wird sie der Komplexit\u00e4t immer weniger gerecht.<\/p>\n<p>Der Vertrag selbst war f\u00fcr viele Kommentatoren lediglich ein Anlass, um aktuelle Themen anzusprechen: Sicherheit, die Lage an der Grenze oder gegenw\u00e4rtige politische Auseinandersetzungen. Es fehlte hingegen eine Reflexion \u00fcber seine historische Bedeutung und seinen Platz nicht nur in der Geschichte Polens nach 1989. Noch mehr \u00fcberraschte mich, dass kaum jemand an die Menschen erinnerte, die jenen Umbruch mitgestaltet haben \u2013 Politiker, Diplomaten, Experten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft auf beiden Seiten der Oder. Als geh\u00f6re ihr Werk bereits ausschlie\u00dflich der Vergangenheit an, noch dazu einer nicht besonders wertvollen.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich nicht um das Problem der Darstellung eines einzelnen Ereignisses. Ich habe den Eindruck, dass wir seit einiger Zeit die F\u00e4higkeit verloren haben, \u00fcber die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine Weise zu sprechen, die \u00fcber momentane Emotionen und politische Streitigkeiten hinausgeht. Die Sprache der Vers\u00f6hnung, der Verantwortung und des Aufbaus eines gemeinsamen Europas, die nach 1989 eine so wichtige Rolle spielte, hat ihre Wirkkraft verloren. Es ist jedoch keine neue Art entstanden, davon zu erz\u00e4hlen, warum die deutsch-polnische Zusammenarbeit auch heute noch wichtig bleibt.<\/p>\n<blockquote><p>Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bleibt das Fundament der gegenseitigen Beziehungen, und niemand, der bei Verstand ist, stellt dies infrage.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Welt hat sich grundlegend ver\u00e4ndert. Der Krieg in der Ukraine, die Krisen in der Europ\u00e4ischen Union sowie Fragen der Migration und der Energiesicherheit lassen die deutsch-polnischen Beziehungen eine neue Dimension und eine neue Bedeutung gewinnen. Umso mehr brauchen wir eine Sprache, die die Erinnerung an die Vergangenheit mit der Verantwortung f\u00fcr die Zukunft zu verbinden vermag.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bleibt das Fundament der gegenseitigen Beziehungen, und niemand, der bei Verstand ist, stellt dies infrage. Das Problem liegt woanders. Immer seltener erinnern wir an die Geschichte der Vers\u00f6hnung selbst, die gerade aufgrund der Last des Krieges ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Prozess war. Wir kennen die Geschichte des Konflikts, doch deutlich schw\u00e4cher erinnern wir uns an die Menschen und Institutionen, dank derer es nach Jahrzehnten gelang, Vertrauen wieder aufzubauen.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nicht-gegeneinander-sondern-miteinander\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ausstellung-ruchniewicz-150x150.jpg\" alt=\"Ein starkes Zeichen f\u00fcr die deutsch-polnische Zukunft im Sejm\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">\u201eNicht gegeneinander, sondern miteinander\u201c<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Ein starkes Zeichen f\u00fcr die deutsch-polnische Zukunft im Sejm<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/erich-koch-und-egon-bahr-oder-wie-historische-fakten-entstehen\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Egon_Bahr_Hardenberg_Fuerth_2014_4-e1785507575235-150x150.jpg\" alt=\"Erich Koch und Egon Bahr, oder: Wie historische Fakten entstehen\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Erich Koch und Egon Bahr, oder: Wie historische Fakten entstehen<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Vielleicht ist die Vers\u00f6hnung ein Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Wir gingen davon aus, dass das einmal Erreichte keiner weiteren Sorge und keiner Erinnerung an seine Bedeutung f\u00fcr die nachfolgenden Generationen mehr bedarf. Dabei ist sie kein ein f\u00fcr alle Mal gegebener Zustand \u2013 sondern ein mit gro\u00dfem Aufwand verbundener Prozess, der st\u00e4ndig erneuert werden muss, indem man ihm neue Bedeutungen verleiht und auf neue Herausforderungen reagiert.<\/p>\n<p>Der Vertrag von 1991 hat die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen nicht abgeschlossen, sondern ein Fundament geschaffen, auf dem die nachfolgenden Generationen die Zukunft aufbauen sollten. Wenn er ein lebendiger Bezugspunkt bleiben soll, m\u00fcssen wir lernen, neu von ihm zu erz\u00e4hlen \u2013 nicht nur als von einem wichtigen historischen Dokument, sondern als von einer Erfahrung, die zeigt, dass selbst die schwierigste Vergangenheit die Zukunft nicht zwangsl\u00e4ufig bestimmen muss.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>35 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags stellt sich die Frage, wie wir heute \u00fcber die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sprechen. 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