{"id":83965,"date":"2026-08-03T05:00:13","date_gmt":"2026-08-03T03:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83965"},"modified":"2026-07-31T16:40:33","modified_gmt":"2026-07-31T14:40:33","slug":"erich-koch-und-egon-bahr-oder-wie-historische-fakten-entstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/erich-koch-und-egon-bahr-oder-wie-historische-fakten-entstehen\/","title":{"rendered":"Erich Koch und Egon Bahr, oder: Wie historische Fakten entstehen"},"content":{"rendered":"<p><strong>War Polen 1970 bereit, den NS-Verbrecher Erich Koch an die Delegation Willy Brandts zu \u00fcbergeben? Eine oft zitierte Erinnerung legt dies nahe. Doch wie belastbar ist diese Quelle tats\u00e4chlich?<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wusste-erich-koch-was-mit-dem-bernsteinzimmer-passierte\/\">Artikel von Piotr Dukat \u00fcber Erich Koch<\/a> und das angebliche Angebot, ihn der Delegation Willy Brandts w\u00e4hrend dessen Warschau-Besuchs im Dezember 1970 zu \u00fcbergeben, wirft Fragen auf, die weit \u00fcber die Biografie eines der wichtigsten W\u00fcrdentr\u00e4ger des \u201eDritten Reiches&#8220; hinausgehen. Es ist vor allem die Frage nach dem Status politischer Memoiren als historische Quellen sowie danach, auf welche Weise eine einzelne memoirenhafte \u00dcberlieferung mit der Zeit zu einem gesicherten Fakt werden kann.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist eine Bemerkung Egon Bahrs in seiner Autobiografie \u201eZu meiner Zeit&#8220; (1996). Bahr, einer der Architekten der neuen Ostpolitik und enger Mitarbeiter von Bundeskanzler Willy Brandt, schrieb, dass der westdeutschen Seite w\u00e4hrend des Aufenthalts des Bundeskanzlers in Warschau im Dezember 1970 angeboten worden sei, Erich Koch mit in die Bundesrepublik zu nehmen. Die deutsche Delegation habe darauf mit \u00dcberraschung reagiert und den Vorschlag ignoriert.<\/p>\n<p>Bahrs Darstellung wurde sp\u00e4ter von Ralf Meindl in der ersten wissenschaftlichen Biografie Kochs, \u201eOstpreu\u00dfens Gauleiter. Erich Koch \u2013 eine politische Biographie&#8220; (2007), aufgegriffen. Meindl stellt sie jedoch nicht als gesicherten Fakt dar. Er verwendet die Formulierung \u201esoll \u2026 angeboten worden sein&#8220; und verweist ausschlie\u00dflich auf Bahrs Erinnerungen. Er nennt weder ein Archivdokument noch die Aussage eines anderen Beteiligten, die diese Angaben best\u00e4tigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Erw\u00e4hnung der Darstellung eines Politikers in einer wissenschaftlichen Arbeit wirft die Frage nach der \u00dcberpr\u00fcfung der Angaben auf. Die Fu\u00dfnote f\u00fchrt den Leser zu genau einer memoirenhaften Quelle. Es handelt sich um ein den Historikern gut bekanntes Ph\u00e4nomen: Ein einzelnes Zeugnis, das von nachfolgenden Autoren wiederholt zitiert wird, beginnt mit der Zeit nicht mehr als M\u00f6glichkeit, sondern als gesicherter historischer Fakt wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Bedeutet dies, dass Bahr sich etwas ausgedacht oder irgendwelche Signale von polnischer Seite falsch verstanden hat? Auch diese Schlussfolgerung l\u00e4sst sich nicht ziehen. Memoiren geh\u00f6ren zu den wichtigen Ego-Dokumenten, erfordern jedoch eine besonders sorgf\u00e4ltige Quellenkritik. Bahr selbst war sich dessen bewusst. Im Vorwort zu seinen 2013 ver\u00f6ffentlichten Erinnerungen an Willy Brandt (\u201eDas musst du erz\u00e4hlen&#8220; \u2013 Erinnerungen an Willy Brandt) weist der Autor darauf hin, dass der Zeitablauf die Details der Ereignisse verwischt, w\u00e4hrend in der Erinnerung vor allem einzelne Bilder, Situationen und Formulierungen haften bleiben.<\/p>\n<p>Er schreibt auch \u00fcber den Unterschied zwischen \u201eGeschichte und Geschichten&#8220;. Er verspricht dem Leser also keine stenografische Aufzeichnung der Vergangenheit, sondern bietet bewusst eine Erz\u00e4hlung an, die auf der selektiven und subjektiven Erinnerung eines Zeitzeugen beruht. Diese Selbstreflexion hat eine wesentliche methodische Bedeutung: Sie bedeutet, dass auch Bahrs Erinnerungen \u2013 wie jede andere Quelle dieser Art \u2013 als Zeugnis menschlicher Erinnerung zu behandeln sind, das der Konfrontation mit anderen Quellen bedarf.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist dabei, dass er in \u201eDas musst du erz\u00e4hlen&#8220; dem Warschau-Besuch Brandts im Dezember 1970 einen eigenen Abschnitt widmet \u2013 unter anderem mit einer Schilderung des ber\u00fchmten Kniefalls vor dem Denkmal der Helden des Ghettos \u2013, in diesem Zusammenhang jedoch \u00fcber das angebliche Angebot, den Kriegsverbrecher Koch zu \u00fcbergeben, schweigt. Diese Diskrepanz zwischen den beiden Darstellungen desselben Autors, \u201eZu meiner Zeit&#8220; und \u201eDas musst du erz\u00e4hlen&#8220;, zum selben Besuch stellt f\u00fcr sich genommen ein bedeutsames methodisches Argument dar.<\/p>\n<div id=\"attachment_83977\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83977\" class=\"size-large wp-image-83977\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2022_Warszawa_pomnik_Willyego_Brandta_6-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2022_Warszawa_pomnik_Willyego_Brandta_6-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2022_Warszawa_pomnik_Willyego_Brandta_6-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2022_Warszawa_pomnik_Willyego_Brandta_6-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2022_Warszawa_pomnik_Willyego_Brandta_6.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83977\" class=\"wp-caption-text\">Der historische Warschau-Besuch Willy Brandts ist gut dokumentiert. Im Bild: Das Willy-Brandt-Denkmal in Warschau. Entworfen von Wiktoria Czechowska-Antoniewska.<br \/>Foto: Cybularny\/Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>Im Fall der Erw\u00e4hnung Kochs stellen sich mehrere Fragen. Gibt es unabh\u00e4ngige Zeugnisse, die Bahrs Darstellung best\u00e4tigen? Bislang wurden solche Quellen nicht benannt. Ein besonders wichtiger Bezugspunkt bleibt die Studie von Marcin Majewski \u00fcber die im Bestand des Instituts f\u00fcr Nationales Gedenken (IPN) erhaltenen Materialien zu Erich Koch.<\/p>\n<p>Der Autor bespricht mehrere Dutzend Archiveinheiten, darunter Gerichts- und Gef\u00e4ngnisakten, Materialien des Innenministeriums, des Sicherheitsdienstes sowie weitere Dokumentenbest\u00e4nde zu Koch. Das vorgestellte Material enth\u00e4lt Informationen \u00fcber wiederholte Versuche, Koch freizulassen, \u00fcber Aktivit\u00e4ten seiner Familie, \u00fcber das Interesse der sowjetischen Beh\u00f6rden am Bernsteinzimmer, \u00fcber Kontakte zu Vertretern der Bundesrepublik sowie \u00fcber den Verlauf seines langj\u00e4hrigen Aufenthalts in polnischen Gef\u00e4ngnissen.<\/p>\n<p>Keine Erw\u00e4hnung findet sich hingegen zu Erw\u00e4gungen, Koch in die Bundesrepublik zu \u00fcbergeben, geschweige denn an die Delegation Brandts. Das Schweigen der Quellen ist noch kein hinreichender Beweis daf\u00fcr, dass das Ereignis nicht stattgefunden hat. Angesichts der so breit dokumentierten Geschichte von Kochs Aufenthalt in Polen wird es jedoch zu einem Argument, das zur Zur\u00fcckhaltung bei der Formulierung mahnt, Warschau habe solche \u201eGeschenke&#8220; angeboten.<\/p>\n<blockquote><p>Ein einzelnes Zeugnis, das von nachfolgenden Autoren wiederholt zitiert wird, beginnt mit der Zeit nicht mehr als M\u00f6glichkeit, sondern als gesicherter historischer Fakt wahrgenommen zu werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es stellt sich auch die Frage, ob die von Bahr geschilderte Situation der Logik der Ereignisse vom Dezember 1970 entspricht. Der Besuch Brandts hatte einen historischen Charakter. Sein wesentliches Ziel war die Unterzeichnung des Normalisierungsvertrags sowie die politische Anerkennung der Grenze an Oder und Nei\u00dfe. Kaum vorstellbar ist, dass man zugleich die \u00dcbergabe eines der bekanntesten NS-Verbrecher vorbereitet h\u00e4tte, ohne dass dies Spuren in der Verwaltungs- oder diplomatischen Dokumentation hinterlassen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Quellenlage zur Causa Koch selbst. Das Protokoll des dreist\u00fcndigen Gespr\u00e4chs zwischen Gomu\u0142ka und Brandt, das am 7. Dezember in Warschau stattfand, verfasste der bei diesem Gespr\u00e4ch anwesende Stanis\u0142aw Trepczy\u0144ski; Dolmetscher der polnischen Seite war Mieczys\u0142aw Tomala, der auch Verfasser der zusammenfassenden Aufzeichnung \u00fcber den gesamten Besuch des Bundeskanzlers in Polen vom 6. bis 8. Dezember 1970 war. Auf deutscher Seite nahm als Dolmetscher Karl Heinz Buhring an dem Gespr\u00e4ch teil. In keiner der Aufzeichnungen der genannten Personen taucht der Name Erich Kochs auf.<\/p>\n<p>Er erscheint auch nicht im Personenregister der Akten zur Ausw\u00e4rtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr das Jahr 1970. Seine Nichterw\u00e4hnung im ver\u00f6ffentlichten Gespr\u00e4chsprotokoll ist daher nicht auf eine redaktionelle K\u00fcrzung dieses Dokuments zur\u00fcckzuf\u00fchren; vielmehr findet sich sein Name im gesamten f\u00fcr das Jahr 1970 zug\u00e4nglichen Quellenmaterial nicht. Vier voneinander unabh\u00e4ngige Aufzeichnungen \u2013 das polnische Protokoll eines Gespr\u00e4chsteilnehmers, die polnische Sammelaufzeichnung, die Anwesenheit des deutschen Dolmetschers sowie die offizielle deutsche Edition diplomatischer Dokumente \u2013 schweigen \u00fcbereinstimmend zu derselben Angelegenheit.<\/p>\n<p>Dies bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass in Gespr\u00e4chen am Rande nicht eine beil\u00e4ufige Bemerkung oder ein informeller Hinweis gefallen sein k\u00f6nnte. Der gegenw\u00e4rtige Forschungsstand und die erhaltenen Quellen erlauben es jedoch nicht, eine solche hypothetische M\u00f6glichkeit einem offiziellen, vom polnischen Staat unterbreiteten Angebot gleichzusetzen.<\/p>\n<p>Es lohnt sich auch zu fragen, welchen Nutzen Warschau aus einer solchen \u201eGeste&#8220; h\u00e4tte ziehen sollen. Sie h\u00e4tte im Widerspruch zu der konsequent vertretenen Position der Machthaber der Volksrepublik Polen gestanden, wonach NS-Verbrecher strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden sollten \u2013 zumal die polnische \u00d6ffentlichkeit wusste, dass viele T\u00e4ter in der Bundesrepublik jahrelang erfolgreich Ermittlungen, Prozessen und Urteilen entgangen waren.<\/p>\n<p>Von Bedeutung ist auch der internationale Kontext, der die Glaubw\u00fcrdigkeit dieser Hypothese zus\u00e4tzlich in Frage stellt. Seit Anfang der sechziger Jahre interessierten sich die sowjetischen Beh\u00f6rden f\u00fcr die Person Erich Kochs und machten ihre Zustimmung zu seiner Auslieferung von der Preisgabe des Verstecks des Bernsteinzimmers abh\u00e4ngig. Es erscheint wenig wahrscheinlich, sich vorzustellen, dass Warschau in dieser Situation eigenst\u00e4ndig, ohne Konsultation mit Moskau, \u00fcber die \u00dcbergabe Kochs an die Bundesrepublik h\u00e4tte entscheiden k\u00f6nnen. Die erhaltenen Quellen liefern keinerlei Hinweise darauf, dass solche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die Frage nach der politischen Rationalit\u00e4t der gesamten Situation aus westdeutscher Perspektive: Es ist nicht ersichtlich, welches Interesse Willy Brandt an der Annahme eines solchen Angebots gehabt haben sollte. Zur symbolischen Dimension des Besuchs wurde die Geste vor dem Denkmal der Helden des Ghettos. Eine R\u00fcckkehr nach Bonn mit einem der prominenten W\u00fcrdentr\u00e4ger des \u201eDritten Reiches&#8220;, der wegen Verbrechen w\u00e4hrend der Besatzung verurteilt worden war, h\u00e4tte die Wahrnehmung dieses Besuchs sowohl in der Bundesrepublik als auch dar\u00fcber hinaus vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Eine solche Tatsache h\u00e4tte sich schlie\u00dflich vor der freien Presse eines demokratischen Landes nicht verbergen lassen.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/schlesien-in-der-deutschen-erinnerungskultur-was-fehlt-in-der-berliner-erklaerung\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Reichstag_Berlin_Germany-foto-wikipedia-2-150x150.jpg\" alt=\"Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur \u2013 Was fehlt in der \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c?\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur \u2013 Was fehlt in der \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c?<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-weimar-stadt-des-dialogs\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Schloss_Weimar_-_Panorama-150x150.jpg\" alt=\"Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Wie heikel diese Materie war, zeigen die Ereignisse der folgenden Jahre. Im September 1984 reichten sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterrand in Verdun \u00fcber den Gr\u00e4bern der Soldaten des Ersten Weltkriegs die H\u00e4nde \u2013 eine Geste, die zu einem der bedeutenden Symbole der deutsch-franz\u00f6sischen Auss\u00f6hnung wurde. So wurde sie aufgenommen, weil sie gefallenen Soldaten galt und nicht T\u00e4tern.<\/p>\n<p>Damit kontrastiert ein Fall, der sich nur wenige Monate sp\u00e4ter ereignete: Im Mai 1985 besuchte US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan auf Einladung Kohls den Soldatenfriedhof in Bitburg, um des 40. Jahrestags des Kriegsendes in Europa zu gedenken. Als sich herausstellte, dass 49 der dort Bestatteten der Waffen-SS angeh\u00f6rt hatten, brach eine der sch\u00e4rfsten politischen Kontroversen der Pr\u00e4sidentschaft Reagans aus \u2013 mit zahlreichen Protesten j\u00fcdischer Organisationen sowie ausl\u00e4ndischer Regierungen und Parlamentarier. Reagan absolvierte den Besuch schlie\u00dflich dennoch, wobei er ihn durch einen zuvor erfolgten Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen auszubalancieren versuchte; die Angelegenheit pr\u00e4gte jedoch dauerhaft die Bewertung dieser Episode seiner Pr\u00e4sidentschaft.<\/p>\n<p>Diese beiden F\u00e4lle zeigen, wie schmal und heikel die Grenze zwischen einer symbolischen Geste der Vers\u00f6hnung und einem politischen Skandal war \u2013 und rechtfertigen umso mehr Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber der Anekdote um Koch: H\u00e4tte man tats\u00e4chlich eine derart spektakul\u00e4re Geste erwogen, w\u00e4re ihr politisches Risiko mit dem von Bitburg vergleichbar, ja sogar gr\u00f6\u00dfer gewesen \u2013 ging es dort doch um Gr\u00e4ber und nicht um einen lebenden, uneinsichtigen deutschen Verbrecher.<\/p>\n<p>Der Fall Erich Koch zeigt, dass Quellenkritik nicht darin besteht, die Glaubw\u00fcrdigkeit eines Zeugen in Frage zu stellen, sondern die Grenzen der Verl\u00e4sslichkeit seines Zeugnisses zu bestimmen. Selbst die Erinnerung eines der wichtigsten Architekten der Ostpolitik bleibt zun\u00e4chst das Zeugnis eines einzelnen Zeitzeugen und kann erst im Abgleich mit der Archivdokumentation zu einem Element der Rekonstruktion der Ereignisse werden.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>War Polen 1970 bereit, den NS-Verbrecher Erich Koch an die Delegation Willy Brandts zu \u00fcbergeben? Eine oft zitierte Erinnerung legt dies nahe. 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