{"id":83879,"date":"2026-08-02T17:00:55","date_gmt":"2026-08-02T15:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83879"},"modified":"2026-07-31T15:26:59","modified_gmt":"2026-07-31T13:26:59","slug":"vergessenes-erbe-gogolin-thomas-stannek-und-sein-radfahrerverein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-gogolin-thomas-stannek-und-sein-radfahrerverein\/","title":{"rendered":"Thomas Stannek und sein Radfahrerverein \u2013 ein St\u00fcck Gogoliner Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer heute durch Gogolin spaziert und an der Krapkowicka-Stra\u00dfe vorbeikommt, ahnt kaum, dass sich hinter einer unscheinbaren Hausnummer einst eine der lebendigsten Vereinsgeschichten der Region verbarg. Es ist die Geschichte eines Schmieds, eines Kalkfabrikanten und einer Leidenschaft, die vor \u00fcber hundert Jahren M\u00e4nner aus Gogolin regelm\u00e4\u00dfig auf den Sattel brachte.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Am Anfang steht Thomas Stannek, ein Mann, der urspr\u00fcnglich aus Karlsruhe bei Namslau \u2013 dem heutigen Pok\u00f3j bei Namys\u0142\u00f3w \u2013 stammte. Von Beruf war er Unternehmer und Handwerker, doch seine wahre Leidenschaft galt dem Radsport. Neben seiner t\u00e4glichen Arbeit nahm er an verschiedenen Fahrradrennen teil, darunter auch am legend\u00e4ren Sechstagerennen, das bis heute in Berlin ausgetragen wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_83877\" style=\"width: 543px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83877\" class=\"size-full wp-image-83877\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/gogolin-bahnhof.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/gogolin-bahnhof.jpg 533w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/gogolin-bahnhof-300x195.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><p id=\"caption-attachment-83877\" class=\"wp-caption-text\">Bahnhof in Gogolin. Postkarte aus dem Jahr 1915.<br \/>Quelle: Wiener Werkst\u00e4tte Postkarten<\/p><\/div>\n<p>Genau dort, auf einer dieser Rennbahnen, sollte sich 1909 sein Leben entscheidend \u00e4ndern. Er lernte Viktor Madelung kennen, den Besitzer zahlreicher Kalk\u00f6fen in Gogolin. Madelung erz\u00e4hlte ihm von seiner Heimatstadt: von der boomenden Kalkindustrie und davon, dass er dringend einen Schmied brauchte. Die Einladung \u00fcberzeugte Stannek, und er folgte ihr nach Gogolin.<\/p>\n<h2><strong>Neubeginn an der Hauptstra\u00dfe<\/strong><\/h2>\n<p>In Gogolin angekommen, lie\u00df Stannek keine Zeit verstreichen. Er er\u00f6ffnete eine eigene Werkstatt, kaufte ein Haus, gr\u00fcndete ein Gesch\u00e4ft und errichtete sogar eine Tankstelle \u2013 alles direkt an der Hauptstra\u00dfe, die durch den Ort f\u00fchrte. In seiner Manufaktur fertigte er Fahrr\u00e4der unter der eigenen Marke \u201eTheodosia\u201c, die heute nicht mehr existiert. Im Laden verkaufte er neben seinen eigenen R\u00e4dern auch Modelle anderer, damals renommierter Marken wie \u201eGritzner\u201c.<\/p>\n<p>Um Stannek und sein Gesch\u00e4ft herum bildete sich mit der Zeit eine Gruppe Gleichgesinnter, die den Grundstein f\u00fcr den Radfahrerverein \u201eAdler\u201c legte. Der Verein wuchs, und zeitweise z\u00e4hlte er sogar f\u00fcnfzig Mitglieder \u2013 M\u00e4nner, die sich f\u00fcr den damals noch jungen Fahrradsport begeisterten. Heute, wo praktisch jeder ein Fahrrad besitzt und m\u00fchelos fahren kann, ist kaum vorstellbar, dass dies zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch ein Luxus war, den sich vor allem wohlhabende B\u00fcrger leisten konnten.<\/p>\n<h2><strong>Sonnt\u00e4gliches Ritual und eigene Bierkr\u00fcge<\/strong><\/h2>\n<p>Das gesellschaftliche Herzst\u00fcck des Vereins war das traditionelle sonnt\u00e4gliche Biertrinken. Bei diesen regelm\u00e4\u00dfigen Treffen ging es keineswegs nur ums Vergn\u00fcgen: Man plante die n\u00e4chsten Ausfl\u00fcge, tauschte sich aus und machte nebenbei auch Gesch\u00e4fte. Ein besonderes Detail verr\u00e4t viel \u00fcber den Zusammenhalt der Gruppe \u2013 jedes Mitglied besa\u00df seinen eigenen Bierkrug mit dem Vereinslogo, und auf der Unterseite des Deckels war jeweils der eigene Name eingraviert. So war sichergestellt, dass jeder stets aus seinem pers\u00f6nlichen Krug trank.<\/p>\n<blockquote><p>Was von jener Zeit heute noch existiert, sind vereinzelte Sammlerst\u00fccke \u2013 die Bierkr\u00fcge und Fahrradglocken der ehemaligen Mitglieder, die l\u00e4ngst \u00fcber private Sammlungen verstreut sind.<\/p><\/blockquote>\n<h2><strong>Ausfl\u00fcge in die weite Umgebung<\/strong><\/h2>\n<p>Der Radfahrerverein \u201eAdler\u201c war f\u00fcr seine ausgedehnten Touren bekannt, die die Mitglieder sowohl in die n\u00e4here Umgebung als auch in weiter entfernte Gegenden f\u00fchrten. Einer der l\u00e4ngsten und anspruchsvollsten Ausfl\u00fcge f\u00fchrte die Gruppe \u00fcber eine Strecke von rund hundert Kilometern nach Zobten am Berge, dem heutigen Sob\u00f3tka, in Niederschlesien.<\/p>\n<div id=\"attachment_83874\" style=\"width: 641px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83874\" class=\"size-full wp-image-83874\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Thomas-Stannek.jpg\" alt=\"\" width=\"631\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Thomas-Stannek.jpg 631w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Thomas-Stannek-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 631px) 100vw, 631px\" \/><p id=\"caption-attachment-83874\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Stannek.<br \/>Quelle: Panorama Ziemi Gogoli\u0144skiej<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr die damalige Zeit war eine solche Distanz eine echte Herausforderung. Die Fahrr\u00e4der waren technisch bei Weitem nicht so ausgereift wie heutige Modelle, weshalb jede l\u00e4ngere Tour mit erheblicher k\u00f6rperlicher Anstrengung verbunden war \u2013 so schildert es Walter Stannek, der Enkel des Vereinsgr\u00fcnders, wenn er von den Erz\u00e4hlungen seiner Familie berichtet.<\/p>\n<p>Gerade wegen dieser Strapazen war die Gruppe nie ganz auf sich allein gestellt. Wilhelm Schupa, ein B\u00e4cker, der im selben Geb\u00e4ude wie Stannek seine Backstube betrieb, sowie Maria Stannek, die Frau des Vereinsgr\u00fcnders, begleiteten die Radfahrer mit dem Auto. Sie fuhren stets hinter der Gruppe her, bereit einzugreifen, falls unterwegs etwas passieren sollte. Im Fahrzeug f\u00fchrten sie den gesamten Proviant mit sich, dazu einen Verbandskasten und Werkzeug \u2013 eine fr\u00fche Form der Versorgungslogistik, die zeigt, wie ernst man solche Unternehmungen nahm.<\/p>\n<h2><strong>Das Ende einer \u00c4ra<\/strong><\/h2>\n<p>Der Verein blieb bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges aktiv. Mit Kriegsbeginn endete jedoch diese Phase des geselligen Radsports in Gogolin. Von der einst so lebendigen Vereinsstruktur blieb danach nur noch der Laden von Thomas Stannek in der Krapkowicka-Stra\u00dfe 1 bestehen.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/einladung-zum-spaziergang-im-schlosspark\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1621du-vergesseneserbe1-1024x768-1-150x150.jpg\" alt=\"Einladung zum Spaziergang im Schlosspark\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Vergessenes Erbe<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Einladung zum Spaziergang im Schlosspark<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-eine-schule-die-ein-jahrhundert-ueberdauert-hat\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/elektryczniak-foto-michal-florek-150x150.jpeg\" alt=\"Vergessenes Erbe: Eine Schule, die ein Jahrhundert \u00fcberdauert hat\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Denkmal der Geschichte des Oppelner Bildungswesens<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Vergessenes Erbe: Eine Schule, die ein Jahrhundert \u00fcberdauert hat<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Was von jener Zeit heute noch existiert, sind vereinzelte Sammlerst\u00fccke \u2013 die Bierkr\u00fcge und Fahrradglocken der ehemaligen Mitglieder, die l\u00e4ngst \u00fcber private Sammlungen verstreut sind. Der Ort, an dem einst der Fahrradladen stand und R\u00e4der unter eigener Marke gefertigt wurden, beherbergt heute eine Fleischerei. Von der Geschichte des Radfahrervereins \u201eAdler\u201c zeugt an dieser Stelle nichts mehr sichtbar \u2013 und doch lebt sie weiter, in den Erinnerungen der Nachkommen und in den wenigen Objekten, die die Zeit \u00fcberdauert haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer heute durch Gogolin spaziert und an der Krapkowicka-Stra\u00dfe vorbeikommt, ahnt kaum, dass sich hinter einer unscheinbaren Hausnummer einst eine der lebendigsten Vereinsgeschichten der Region verbarg. 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