{"id":83867,"date":"2026-08-01T05:00:15","date_gmt":"2026-08-01T03:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83867"},"modified":"2026-07-31T10:21:56","modified_gmt":"2026-07-31T08:21:56","slug":"rezepte-seifersdorf-vom-samenkorn-zum-baeckerbrot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/rezepte-seifersdorf-vom-samenkorn-zum-baeckerbrot\/","title":{"rendered":"Radecz und Seifersdorf: Vom Samenkorn zum B\u00e4ckerbrot"},"content":{"rendered":"<p><strong>Historisches Kattowitz, Oppeln oder Breslau nachzuzeichnen, f\u00e4llt vergleichsweise leicht, weitaus schwieriger ist es jedoch, einen Blick in das einstige Leben jener kleinen Ortschaften zu werfen, die abseits der schlesischen Wege liegen. Von ihnen erz\u00e4hlen heute vor allem schweigende H\u00e4user, Wirtschaftsgeb\u00e4ude und Gegenst\u00e4nde \u2013 manches von schmerzhaften Ereignissen gezeichnet, anderes erstaunlich gut erhalten. Sie sind stille Zeugen einer Kultur, die gemeinsam mit den Menschen allm\u00e4hlich und beinahe unbemerkt in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ob mit dem Auto, der Bahn, dem Fahrrad, dem Boot oder dem Wohnmobil unterwegs \u2013 Schlesien erz\u00e4hlt seine Geschichte selbst. Man kann achtlos an ihr vorbeifahren oder sich auf ein unscheinbares Detail einlassen, das einem noch lange im Ged\u00e4chtnis bleibt. So verh\u00e4lt es sich mit vielen Orten, die man seit Jahren kennt oder pl\u00f6tzlich aus einer v\u00f6llig neuen Perspektive entdeckt. \u00c4hnlich ist es mit der schlesischen K\u00fcche. Man kann sie ganz klassisch und traditionsbewusst betrachten. Es gibt jedoch noch einen anderen, weniger offensichtlichen Weg: Altes neu zu erschaffen und ihm einen zeitgem\u00e4\u00dfen Rahmen zu geben. Dieser Gedanke kam mir in einem kleinen Dorf, als ich bei einer Tasse Kaffee sa\u00df und der Duft von frisch gebackenem Brot in der Luft lag.<\/p>\n<p>\u201eDas ist keine gew\u00f6hnliche B\u00e4ckerei. Das ist viel mehr\u201c, h\u00f6rte ich. Und ich dachte bei mir, dass ich dem Duft von frischem Brot wohl sogar bis in die H\u00f6lle folgen w\u00fcrde. Das einstige Seifersdorf \u2013 heute Radecz \u2013 liegt gl\u00fccklicherweise sehr viel n\u00e4her.<\/p>\n<h2><strong>Vom Feld bis zum fertigen Brot<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn sich zu Hause der Duft von frisch gebackenem Brot ausbreitet, kehrt eine wohltuende Ruhe ein. Nicht ohne Grund sagt man, dass sich nicht aus jedem Mehl ein gutes Brot backen l\u00e4sst. Daran ist etwas Wahres. Doch wenn einem ein Mensch begegnet, der genau wei\u00df, aus welchem Korn der perfekte Laib entsteht, f\u00fchlt man sich sofort angekommen. Marcin Go\u0142da, Landwirt aus Radecz, ist ein bescheidener Mensch mit einer klaren Vision. Mit seinem Produkt begleitet er den gesamten Kreislauf der Jahreszeiten \u2013 vom ersten Korn bis zum fertigen Brot.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eBrot begleitet uns jeden Tag. Es geh\u00f6rt zum Alltag ebenso wie zu den Festtagen und ist bei den sch\u00f6nsten, aber auch bei den stillsten Momenten unseres Lebens stets pr\u00e4sent.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Man sagt, wer liebt, was er tut, f\u00fcr den wird Arbeit zur Berufung. Auf die Frage, wann er zuletzt Urlaub gemacht habe, schweigt er einen Moment nachdenklich. Seine Managerin Ewa, die sich zu unserem Gespr\u00e4ch gesellt, l\u00e4chelt und sagt: \u201eWenn ich dieses Leuchten in seinen Augen sehe, wei\u00df ich, dass er genau am richtigen Ort ist.\u201c Kann man \u00fcberhaupt Urlaub machen, wenn man seiner eigenen Vision folgt?<\/p>\n<p>Auf der Heimfahrt dachte ich lange \u00fcber das Erlebte nach. Zu Hause r\u00e4umte ich Mehl, Haferflocken, Eier, zwei Sorten Heidelbeer-Kolatschen \u2013 von denen wir eindeutig zu viele gegessen hatten, aber wer z\u00e4hlt in solchen Momenten schon Kalorien? \u2013 und schlie\u00dflich das Brot aus. Die anf\u00e4ngliche Begeisterung \u00fcber das reichhaltige Angebot der B\u00e4ckerei wich einer einfachen Erkenntnis: Brot begleitet uns jeden Tag. Es geh\u00f6rt zum Alltag ebenso wie zu den Festtagen und ist bei den sch\u00f6nsten, aber auch bei den stillsten Momenten unseres Lebens stets pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Das Angebot im Hofladen beschr\u00e4nkt sich \u00fcbrigens keineswegs nur auf Brot und Kuchen. Es gibt au\u00dferdem eingelegtes Obst und Gem\u00fcse sowie frische Eier \u2013 alles von ausgezeichneter Qualit\u00e4t und mit viel Liebe zum Detail verpackt. Die Produkte stammen direkt vom landwirtschaftlichen Betrieb von Marcin Go\u0142da, der das Potenzial dieses Ortes erkannt hat und sein Unternehmen in dem kleinen Dorf Radecz, nicht weit von Brzeg Dolny (Dyhernfurth), umgeben von W\u00e4ldern, Wiesen und Feldern, konsequent weiterentwickelt.<\/p>\n<div id=\"attachment_83852\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83852\" class=\"size-large wp-image-83852\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-1024x473.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-1024x473.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-300x138.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-768x354.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-1536x709.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260723_133451-2048x945.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83852\" class=\"wp-caption-text\">Direkt neben der B\u00e4ckerei l\u00e4sst sich dem Trubel ganz entspannt entfliehen. Umgeben vom Duft der Nadelb\u00e4ume kann man hier einen Kaffee genie\u00dfen und Zeit mit Familie und Freunden verbringen.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<h2><strong>Seifersdorf \u2013 ein Dorf mit Geschichte<\/strong><\/h2>\n<p>Kaum ein Ort in Schlesien l\u00e4sst sich jedoch ganz ohne einen Blick in seine Vergangenheit betrachten. Das heutige Radecz trug fr\u00fcher den Namen Seifersdorf und geh\u00f6rte bis 1945 verwaltungsm\u00e4\u00dfig zum Kreis Wohlau. \u00dcber das Dorf selbst haben sich nur wenige unmittelbare Archivquellen erhalten. Seit dem 14. Jahrhundert befand es sich im Besitz des Klosters Leubus und wurde von den Zisterziensern verwaltet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts \u00fcbernahmen die Jesuiten den Ort, bevor er nach der S\u00e4kularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Gutsherren von Dyhernfurth, der Adelsfamilie D&#8217;Abzac-Hoym, gelangte.<\/p>\n<p>Damals z\u00e4hlte Seifersdorf 53 Wohnh\u00e4user sowie ein Vorwerk und eine M\u00fchle. Aus den 1930er Jahren sind unter anderem die Namen von vier Einwohnern \u00fcberliefert: der Landwirt Bernhard Leibner, Bruno Blum \u2013 vermutlich der \u00e4lteste Sohn, der den elterlichen Hof \u00fcbernahm \u2013, der Schmied Karl Hemme sowie Johann Guske, Schlosser, Fahrradh\u00e4ndler und Landwirt zugleich. Archivunterlagen aus dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert erw\u00e4hnen au\u00dferdem eine Sch\u00e4ferei, gemeinschaftlich genutzte Weiden und Hirtendienste.<\/p>\n<div id=\"attachment_83868\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83868\" class=\"size-large wp-image-83868\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mapywig-org-Karte-Dyhernfurth_Seifersdorf-1912-1024x578.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"578\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mapywig-org-Karte-Dyhernfurth_Seifersdorf-1912-1024x578.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mapywig-org-Karte-Dyhernfurth_Seifersdorf-1912-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mapywig-org-Karte-Dyhernfurth_Seifersdorf-1912-768x434.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mapywig-org-Karte-Dyhernfurth_Seifersdorf-1912.png 1264w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83868\" class=\"wp-caption-text\">Die erste urkundliche Erw\u00e4hnung des Dorfes Siffridi Villa (sp\u00e4ter Seifersdorf) findet sich im Jahr 1305 im Liber fundationis episcopatus Vratislaviensis, dem Gr\u00fcndungsbuch des Breslauer Bis-tums. Bereits drei Jahre sp\u00e4ter ging das Dorf in den Besitz des Ritters Merbot von Haugwitz \u00fcber.<br \/>Quelle: Mapywig.org<\/p><\/div>\n<p>Die Geschichte von Marcin Go\u0142da und seinem Hof hingegen wird genau hier und heute geschrieben. Sie ist greifbar, lebendig und authentisch. Und vor allem: Sein Brot muss man einfach selbst probieren. Wenn Sie also einmal in dieser Gegend unterwegs sind, sollten Sie unbedingt einen Abstecher nach Radecz machen. Genie\u00dfen Sie die Ruhe, die Sch\u00f6nheit der Natur und das au\u00dfergew\u00f6hnliche Angebot dieser besonderen B\u00e4ckerei. Hier l\u00e4sst sich Niederschlesien mit Mu\u00dfe und allen Sinnen entdecken \u2013 Bissen f\u00fcr Bissen.<\/p>\n<h2><strong>Ein schlesisches Fr\u00fchst\u00fcck<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend vor mir ein kr\u00e4ftiges Roggenbrot mit knuspriger Kruste liegt, dessen leicht kr\u00e4uteriges Aroma durch die Samen des Bockshornklees eine ganz besondere Note erh\u00e4lt, bl\u00e4ttere ich in historischen Kochb\u00fcchern. Aus der erstmals 1927 erschienenen Rezeptsammlung <em>Die kalte K\u00fcche<\/em> w\u00e4hle ich ein ebenso schlichtes wie ungew\u00f6hnliches Fr\u00fchst\u00fcck. Verfasser des Bandes ist Carl Friebel \u2013 K\u00fcchenmeister, langj\u00e4hriger Redakteur der Fachzeitschrift <em>Die K\u00fcche<\/em> und ausgewiesener Kenner der professionellen Gastronomie sowie der Hotel- und Restaurantk\u00fcche.<\/p>\n<p>Vermutlich entstand dieses Rezept aus seinen eigenen Beobachtungen des gastronomischen Alltags und der W\u00fcnsche seiner G\u00e4ste. Zeit also f\u00fcr die kalte K\u00fcche \u2013 und ein Katerfr\u00fchst\u00fcck: Auf ein Butterbrot legt man in Streifen geschnittene Salzgurke, bestreicht sie mit Senf und belegt das Brot gitterartig mit langen Streifen Heringsfilets. Beigabe: Zwiebelringe, Rote Bete und Kapern.<\/p>\n<div id=\"attachment_83842\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83842\" class=\"size-large wp-image-83842\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim-1024x769.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"769\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim-1024x769.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim-300x225.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim-768x576.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim-1536x1153.png 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/CANVA-Kalte-Kuche-Carl-Friebel-1927-PL-do-tekstu-w-jezyku-polskim.png 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83842\" class=\"wp-caption-text\">Kalte K\u00fcche bedeutet weit mehr als Salate oder Pasteten. Die Kombination aus Salzgurken, He-ring und Roter Bete vereint s\u00e4uerliche, salzige und erdige Aromen zu einem wunderbar ausgewo-genen Geschmackserlebnis.<br \/>Foto: Grafik erstellt mit CANVA und KI<\/p><\/div>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass dieses Fr\u00fchst\u00fcck nicht nur neue Kr\u00e4fte verleiht, sondern auch wunderbar erfrischend ist und hervorragend zu einem Sommertag passt. Die angenehme S\u00e4ure von Salzgurken und Hering bildet einen spannenden Kontrast zur dezenten S\u00fc\u00dfe der Roten Bete und zur w\u00fcrzigen Sch\u00e4rfe der Zwiebeln. Eines ist dabei sicher: Den Appetit weckt diese Kombination ganz bestimmt.<\/p>\n<h2><strong>Lass&#8217;t eich schmecka!<\/strong><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historisches Kattowitz, Oppeln oder Breslau nachzuzeichnen, f\u00e4llt vergleichsweise leicht, weitaus schwieriger ist es jedoch, einen Blick in das einstige Leben jener kleinen Ortschaften zu werfen, die abseits der schlesischen Wege liegen. 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