{"id":83786,"date":"2026-08-01T17:00:06","date_gmt":"2026-08-01T15:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83786"},"modified":"2026-07-31T13:11:27","modified_gmt":"2026-07-31T11:11:27","slug":"warum-stauffenberg-bis-heute-spaltet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/warum-stauffenberg-bis-heute-spaltet\/","title":{"rendered":"Warum Stauffenberg bis heute spaltet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Debatten \u00fcber Stauffenberg sagen heute oft mehr \u00fcber unsere Erinnerungskulturen als \u00fcber den Attent\u00e4ter des 20. Juli 1944 selbst.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Jedes Jahr am 20. Juli fanden in Deutschland Gedenkveranstaltungen f\u00fcr die Beteiligten des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler von 1944 statt. F\u00fcr viele Deutsche ist Claus Schenk von Stauffenberg ein Symbol f\u00fcr Mut und staatsb\u00fcrgerliche Verantwortung. In Polen ruft seine Gestalt seit Jahren deutlich widerspr\u00fcchlichere Gef\u00fchle hervor. Das zeigten eindr\u00fccklich die Ereignisse vor zwei Jahren, als eine vom Deutschen Generalkonsulat in Danzig anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des Attentats organisierte Feier eine hitzige Debatte \u00fcber Erinnerung, Geschichte und Verantwortung ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Die Danziger Ereignisse waren jedoch keine einmalige Kontroverse, sondern ein weiteres Kapitel einer Diskussion, die seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren andauert. Zun\u00e4chst drehte sie sich vor allem um Stauffenberg selbst und die Motive seines Handelns. Mit der Zeit r\u00fcckte etwas anderes st\u00e4rker in den Vordergrund: wie in Deutschland \u00fcber die eigene Geschichte gesprochen wird.<\/p>\n<p>Stauffenbergs Biografie passt nicht in das einfache Schema einer Heldengeschichte. Er war Offizier der Wehrmacht, nahm am Feldzug gegen Polen teil und die erhaltenen Briefe aus dem September 1939 enthalten \u00c4u\u00dferungen, die auch heute noch ersch\u00fcttern. Wenige Jahre sp\u00e4ter wurde er zu einem der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Verschw\u00f6rung gegen Hitler und bezahlte seine Tat mit dem Leben \u2013 die anschlie\u00dfende Welle brutaler Repressionen forderte zudem zahlreiche weitere Opfer. Diese beiden Tatsachen lassen sich nicht voneinander trennen.<\/p>\n<p>Bereits in der Zeit der Volksrepublik Polen gab es erste Ans\u00e4tze zu einem differenzierteren Blick auf den deutschen Widerstand (die Debatte \u00fcber den Begriff \u201eWiderstand\u201c selbst sei hier ausgeklammert). Im Hirtenbrief der polnischen Bisch\u00f6fe an die deutschen Bisch\u00f6fe von 1965 war von \u201eK\u00e4mpfern des Widerstands vom 20. Juli\u201c die Rede, und wenige Jahre sp\u00e4ter zeigte Anna Morawska in ihrem Text \u00fcber Dietrich Bonhoeffer polnischen Lesern, dass es auch in Deutschland Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben hatte \u2013 einen Widerstand, der mit erbarmungsloser Verfolgung beantwortet wurde.<\/p>\n<blockquote><p>Die Urteile \u00fcber Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die eigentliche Debatte begann jedoch erst nach 1989. Zu einem symbolischen Moment wurde 1992 die Enth\u00fcllung einer Gedenktafel f\u00fcr die Attent\u00e4ter in Gier\u0142o\u017c (Wolfsschanze) \u2013 (nota bene: der Ort wurde inzwischen zu einer touristischen Attraktion). F\u00fcr die einen war dies eine Geste der Erinnerung an den deutschen Widerstand gegen Hitler. F\u00fcr die anderen ein Versuch der Rehabilitierung von M\u00e4nnern, die zuvor gr\u00f6\u00dftenteils treu dem \u201eDritten Reich\u201c gedient hatten. Die damals gestellten Fragen kehren bei jedem weiteren Jahrestag zur\u00fcck.<\/p>\n<div id=\"attachment_83782\" style=\"width: 809px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83782\" class=\"size-full wp-image-83782\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bundesarchiv_Bild_183-C0716-0046-003_Claus_Schenk_Graf_v._Stauffenberg.jpg\" alt=\"\" width=\"799\" height=\"575\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bundesarchiv_Bild_183-C0716-0046-003_Claus_Schenk_Graf_v._Stauffenberg.jpg 799w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bundesarchiv_Bild_183-C0716-0046-003_Claus_Schenk_Graf_v._Stauffenberg-300x216.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bundesarchiv_Bild_183-C0716-0046-003_Claus_Schenk_Graf_v._Stauffenberg-768x553.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 799px) 100vw, 799px\" \/><p id=\"caption-attachment-83782\" class=\"wp-caption-text\">Geschichtsbilder ver\u00e4ndern sich \u2013 und mit ihnen der Blick auf historische Pers\u00f6nlichkeiten. Im Bild: Claus Schenk Graf v. Stauffenberg, 1926 in Bamberg.<br \/>Foto: unbekannt\/Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>So war es auch 2024 bei den Feierlichkeiten in Danzig. Zweifellos trug auch die zunehmende Abk\u00fchlung der offiziellen deutsch-polnischen Beziehungen zur Heftigkeit mancher Reaktionen bei. Die gr\u00f6\u00dfte Emp\u00f6rung l\u00f6ste jedoch nicht das Gedenken an die Attent\u00e4ter selbst aus, sondern die Sprache der Feier. Norbert Lammert bezeichnete die Ereignisse des 20. Juli als \u201eAufstand&#8220;.<\/p>\n<p>In Polen hielt ein Teil der Kommentatoren diesen Begriff f\u00fcr gravierend unangemessen und warf ihm vor, die Unterschiede zwischen der Erfahrung von T\u00e4tern und Opfern des Krieges zu verwischen. Andere betonten, die heutige deutsche Erinnerungskultur verschweige die dunklen Kapitel in Stauffenbergs Biografie keineswegs, sondern versuche, die Beweggr\u00fcnde derjenigen zu verstehen, die sich gegen Hitler auflehnten.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Position hatte bereits 2012 der fr\u00fchere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, bei der Gedenkfeier im Berliner Bendlerblock vertreten. Er verschwieg weder Stauffenbergs fr\u00fchere Rolle im Dienst des Regimes noch dessen antipolnische Ansichten. Er erinnerte jedoch daran, dass die Beteiligten des deutschen Widerstands \u2013 wie er sagte \u2013 \u201ekeine perfekten Helden, ganz gewiss\u201c gewesen seien: \u201eOft Menschen voller Widerspr\u00fcche, so wie ihre Epoche insgesamt voller Widerspr\u00fcche war.\u201c In diesem Satz liegt der Kern des Problems.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/schlesien-in-der-deutschen-erinnerungskultur-was-fehlt-in-der-berliner-erklaerung\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Reichstag_Berlin_Germany-foto-wikipedia-2-150x150.jpg\" alt=\"Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur \u2013 Was fehlt in der \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c?\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur \u2013 Was fehlt in der \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c?<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-weimar-stadt-des-dialogs\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Schloss_Weimar_-_Panorama-150x150.jpg\" alt=\"Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Die Urteile \u00fcber Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen. F\u00fcr die einen ist er ein Symbol des Widerstands gegen die Diktatur, f\u00fcr die anderen vor allem ein Wehrmachtsoffizier, der sich zu sp\u00e4t vom Regime abwandte. Beide Deutungen beziehen sich auf dieselben Fakten, gewichten und deuten sie jedoch unterschiedlich.<\/p>\n<p>Die historischen Fakten sind seit langem bekannt. Ge\u00e4ndert haben sich nicht Stauffenberg oder seine Biografie, sondern die Fragen, die wir heute an sie richten. Die Art und Weise aber, wie \u00fcber ihn gesprochen wird, ver\u00e4ndert sich mit der jeweiligen Zeit und ihrer Stimmung. Und vielleicht ruft seine Gestalt gerade deshalb, mehr als achtzig Jahre nach dem Attentat vom 20. Juli, noch immer Emotionen auf beiden Seiten der Oder hervor. Man sollte sich dennoch die Frage stellen, ob es besser gewesen w\u00e4re, wenn er die Bombe nicht gebracht h\u00e4tte \u2013 wenn er und seine Mitstreiter einfach nichts getan h\u00e4tten.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatten \u00fcber Stauffenberg sagen heute oft mehr \u00fcber unsere Erinnerungskulturen als \u00fcber den Attent\u00e4ter des 20. 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