{"id":83622,"date":"2026-08-08T17:00:19","date_gmt":"2026-08-08T15:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83622"},"modified":"2026-08-07T16:28:22","modified_gmt":"2026-08-07T14:28:22","slug":"schuld-und-ironie-bei-thomas-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/schuld-und-ironie-bei-thomas-mann\/","title":{"rendered":"Schuld und Ironie bei Thomas Mann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sigmund Freud bemerkte einmal, der Mensch werde sein Leben lang von Schuldgef\u00fchlen begleitet. Ob wir dem zustimmen oder nicht \u2013 die Literatur liefert uns unz\u00e4hlige Beispiele daf\u00fcr. Und mittendrin der gro\u00dfe Nobelpreistr\u00e4ger Thomas Mann. Gro\u00df jedoch nicht nur, weil er ein Virtuose des Wortes war, sondern auch, weil sein Blick auf die Wirklichkeit frei von Moralisieren und eindeutigen Urteilen blieb. Stattdessen er\u00f6ffnet er eine F\u00fclle von Perspektiven, kulturellen Anspielungen und Symbolen, die den Leser mit offenen Fragen zur\u00fccklassen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<h2>Der Pakt mit dem Teufel<\/h2>\n<p>Das Thema Schuld ist f\u00fcr Thomas Mann ein zentrales Motiv \u2013 sei es im Konflikt des genialen Individuums mit sich selbst, mit seinem K\u00f6rper oder mit der Gesellschaft, sei es im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verstrickung seiner Landsleute. Mann entfaltet dieses Motiv sowohl in epischen Erz\u00e4hlungen wie den Buddenbrooks (1901), die das Schicksal mehrerer Generationen umfassen, als auch im kleineren Format der kunstvoll verdichteten und zugleich dramatisch zugespitzten Novelle \u2013 etwa in Tonio Kr\u00f6ger (1903).<\/p>\n<p>Am eindr\u00fccklichsten und bildkr\u00e4ftigsten tritt die Schuld im Motiv des Teufelspakts hervor, wobei Mann den Teufel bezeichnenderweise als Menschen zeichnet, nur eben mit einem Makel. Gemeint ist der Dozent Schleppfu\u00df, der in Halle Theologie, genauer gesagt D\u00e4monologie, lehrt \u2013 eine Figur aus der Welt des Romans Doktor Faustus (1947). Schleppfu\u00df hinkt, wie sein Name verr\u00e4t \u2013 denn wie lie\u00dfe sich der Teufel besser erkennen als an einem deformierten Bein oder einem Pferdehuf.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNicht der Teufel verstrickt den Menschen in Schuld \u2013 bei Thomas Mann bleibt der Mensch selbst das Ma\u00df aller Dinge.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Obwohl der Roman ein hochernstes Thema verhandelt \u2013 Doktor Faustus gilt gemeinhin als Manns Auseinandersetzung mit den h\u00f6llischen M\u00e4chten des Faschismus, denen die ungl\u00fcckseligen Deutschen ihre Seele verschrieben \u2013, schmuggelt der Autor seine Botschaft in typisch mannscher Manier ein: nicht ohne Ironie.<\/p>\n<h2>Ironie als Waffe?<\/h2>\n<p>Schleppfu\u00df bedient sich dabei mit unverkennbarer Lust der Ironie, wenn er in seinen Vorlesungen beweisen will, dass das B\u00f6se die Voraussetzung des Guten sei. Sehr zum Erstaunen des ebenfalls ironisch distanzierten Erz\u00e4hlers notieren die Studenten diese Thesen eifrig in ihre Hefte. Ob Ironie tats\u00e4chlich ein Mittel ist, die M\u00e4chte der H\u00f6lle zu z\u00e4hmen, bleibt fraglich. Sicher aber schafft sie Distanz, bricht das Pathos eines schweren Themas auf, f\u00fchrt ein Moment der Ambivalenz ein, das eindeutige Schwarz-Wei\u00df-Deutungen unterl\u00e4uft.<\/p>\n<div id=\"attachment_83627\" style=\"width: 841px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83627\" class=\"size-large wp-image-83627\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-831x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"831\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-831x1024.jpg 831w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-244x300.jpg 244w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-768x946.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-1247x1536.jpg 1247w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/2.-Anton_Kaulbach_Faust_und_MephistoFXD-1662x2048.jpg 1662w\" sizes=\"auto, (max-width: 831px) 100vw, 831px\" \/><p id=\"caption-attachment-83627\" class=\"wp-caption-text\">Anton Kaulbach: Faust und Mephisto<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Denn hat ein genialer Geist das Recht, dorthin vorzudringen, wo gew\u00f6hnliche Sterbliche Halt machen m\u00fcssen? Ist es den Preis wert, dem Teufel die eigene Seele zu \u00fcberlassen, um die verborgensten Geheimnisse der Welt zu ergr\u00fcnden? Oder gen\u00fcgt als Lohn vielleicht schon die Macht? Mann beantwortet diese Fragen nicht \u2013 doch wir k\u00f6nnen ahnen, dass f\u00fcr ihn stets der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit all seiner Unschuld und all seiner Schuld ist er, nicht der Teufel, f\u00fcr Mann das Ma\u00df aller Dinge.<\/p>\n<h2>Die ausgesprochene Schuld<\/h2>\n<p>Am deutlichsten klingt dieses Motiv in Manns letztem gro\u00dfen Werk an, dem Roman Der Erw\u00e4hlte (1951). Schuld umschlingt hier den Protagonisten und seine Familie auf die wohl schmerzlichste und zugleich am st\u00e4rksten tabuisierte Weise, die man sich vorstellen kann. Gregorius ist das Kind eines inzestu\u00f6sen Geschwisterpaares, dessen Schuld er weitertr\u00e4gt, indem er seine eigene Mutter heiratet und mit ihr Kinder zeugt.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung dieses scheinbar unl\u00f6sbaren Knotens wird dennoch m\u00f6glich \u2013 durch die Offenlegung der Wahrheit \u00fcber seine Schuld und Herkunft. Genauer gesagt: indem sie ausgesprochen wird. In der Schlussszene beichtet die Mutter ihrem Sohn und Ehemann in einer Person, und dieser \u2013 inzwischen Papst \u2013 gesteht auch ihr seine Wahrheit und erteilt die Absolution.<\/p>\n<p>Mann enth\u00e4lt sich jedoch jeder moralischen Wertung und greift statt zur christlichen Logik von Schuld und Bu\u00dfe zu einem dezidiert psychoanalytischen Ansatz: Als die Mutter ihren Sohn bittet, ihr eine Bu\u00dfe aufzuerlegen, weist er sie darauf hin, dass sie sich diese bereits selbst auferlegt habe, indem sie ihre Schuld detailliert und reum\u00fctig ausgesprochen hat. Die Macht des ausgesprochenen Wortes besitzt f\u00fcr Mann also zentrale Bedeutung \u2013 selbst wenn eine solche Form der S\u00fchne im Verh\u00e4ltnis zur Schuld unzureichend erscheinen mag.<\/p>\n<div id=\"attachment_83629\" style=\"width: 671px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83629\" class=\"wp-image-83629 size-large\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951-661x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"661\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951-661x1024.jpg 661w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951-194x300.jpg 194w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951-768x1190.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951-991x1536.jpg 991w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/3.-Thomas_Mann_Der_Erwahlte_1951.jpg 1232w\" sizes=\"auto, (max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><p id=\"caption-attachment-83629\" class=\"wp-caption-text\">Buchcover des Romans Der Erw\u00e4hlte.<br \/>Quelle: H.-P. Haack\/Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>Der Autor verschiebt bewusst Grenzen und bringt den Leser aus dem Gleichgewicht \u2013 und den Gipfel der Unversch\u00e4mtheit bildet der Eingriff des ironisierenden Erz\u00e4hlers, der, als er von Gregorius\u2019 sp\u00e4terem Leben berichtet, einen talentierten Maler erw\u00e4hnt, der in Rom eine steile Karriere macht. Der Erz\u00e4hler kann sich nicht verkneifen, anzumerken, dieser Maler sei zwar begabt gewesen, habe seinen Aufstieg allerdings nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass er in die Familie des Papstes eingeheiratet habe \u2026<\/p>\n<h2>Mann und Hilscher<\/h2>\n<p>Diese Jonglage mit Ernst und Humor kann irritieren. Aber genau das ist Thomas Mann: ein gro\u00dfer Schriftsteller und zugleich ein Mensch mit all seinen Schw\u00e4chen und Verfehlungen \u2013 weder makellos noch besonders verwerflich. Das erkannte auch einer seiner Biografen, der in Schwiebus, dem heutigen \u015awiebodzin, geborene Romancier und Lyriker Eberhard Hilscher. In einem Kapitel seines bekanntesten Romans (Die Weltzeituhr, 1983) l\u00e4sst Hilscher Mann sogar als fiktive Figur auftreten und zeigt ihn im h\u00e4uslichen Umfeld, scheinbar vertieft in die Arbeit. Doch nur scheinbar. Der Nobelpreistr\u00e4ger tut n\u00e4mlich so, als arbeite er, um ein Gespr\u00e4ch mit seiner Familie zu vermeiden, die ihm im Moment gr\u00fcndlich auf die Nerven geht. Hei\u00dft das, er verh\u00e4lt sich unmoralisch oder l\u00e4dt Schuld auf sich? Ist dieser kleine Schwindel \u00fcberhaupt der Rede wert? Verliert der gro\u00dfe Schriftsteller dadurch etwas von seiner Gr\u00f6\u00dfe? Der Hochstapler Thomas Mann wird uns darauf keine eindeutige Antwort geben \u2013 dennoch lohnt es sich, in seinen B\u00fcchern danach zu suchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sigmund Freud bemerkte einmal, der Mensch werde sein Leben lang von Schuldgef\u00fchlen begleitet. Ob wir dem zustimmen oder nicht \u2013 die Literatur liefert uns unz\u00e4hlige Beispiele daf\u00fcr. Und mittendrin der gro\u00dfe Nobelpreistr\u00e4ger Thomas Mann. 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