{"id":83428,"date":"2026-07-30T05:00:54","date_gmt":"2026-07-30T03:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83428"},"modified":"2026-07-29T14:45:29","modified_gmt":"2026-07-29T12:45:29","slug":"ostaszow-kommentar-zum-streit-um-die-aufnahme-in-das-denkmalregister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ostaszow-kommentar-zum-streit-um-die-aufnahme-in-das-denkmalregister\/","title":{"rendered":"Eigentum oder Erbe? Nicht alles, was uns geh\u00f6rt, geh\u00f6rt nur uns"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ostasz\u00f3w, ein kleines Dorf in der Gemeinde Primkenau (Przemk\u00f3w), steht seit einigen Monaten im Mittelpunkt eines Streits um die Grenzen des Denkmalschutzes und die Rechte der Bewohner. Der niederschlesische Woiwodschaftsdenkmalpfleger hat die gesamte l\u00e4ndliche Siedlungsstruktur des Ortes in das Denkmalregister eingetragen und sie als ein besonders wertvolles Beispiel der Siedlungsentwicklung aus den 1930er Jahren anerkannt. Die Einwohner, die sich von Anfang an gegen diese Entscheidung gewehrt haben, k\u00fcndigen weiteren Widerstand an.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Bewohner von Ostasz\u00f3w bef\u00fcrchten kostspielige Einschr\u00e4nkungen durch den Denkmalschutz und betonen, dass \u00fcber die Zukunft ihrer H\u00e4user vor allem diejenigen entscheiden sollten, die darin leben. Trotz der Unterst\u00fctzung durch Kommunalpolitiker und einer eingereichten Petition wurde der Eintrag Anfang Juli dennoch vorgenommen. Der gesamte Fall, der sich zu einem langen Verwaltungs- und Gerichtsverfahren entwickeln d\u00fcrfte, ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p>Der Streit um die Aufnahme Ostasz\u00f3ws in das Denkmalregister geht weit \u00fcber die Grenzen eines niederschlesischen Dorfes hinaus. Auf der einen Seite steht die Pflicht, ein einzigartiges kulturelles Erbe zu sch\u00fctzen, auf der anderen das Recht der Bewohner, \u00fcber ihre eigenen H\u00e4user zu entscheiden, sowie die Sorge vor Kosten und Einschr\u00e4nkungen, die der Denkmalschutz mit sich bringt. Die Frage lautet daher nicht nur, ob Ostasz\u00f3w sch\u00fctzenswert ist, sondern auch, wie dieser Schutz gestaltet werden kann, damit sich die Bewohner nicht als seine Opfer f\u00fchlen. Derzeit kochen die Emotionen hoch.<\/p>\n<h2><strong>Ein Erbe, das nicht nur eine private Angelegenheit ist<\/strong><\/h2>\n<p>Die Entscheidung, Ostasz\u00f3w unter Schutz zu stellen, ist fachlich selbstverst\u00e4ndlich begr\u00fcndet. Ein Denkmal ist nicht ausschlie\u00dflich Privateigentum. Es ist auch Teil des kulturellen Erbes der gesamten Gesellschaft. Der Eigent\u00fcmer hat Rechte daran, aber auch die Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass besondere Orte nicht unwiederbringlich zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Der Widerstand der Bewohner zeigt jedoch, dass es in Polen noch immer ein Problem mit der Wahrnehmung von Kulturerbe als gemeinschaftlichem Gut gibt. Viele Menschen verbinden Eigentum vor allem mit dem Recht, frei dar\u00fcber entscheiden zu k\u00f6nnen: Wenn etwas mir geh\u00f6rt, kann ich damit alles machen. Doch manche Orte besitzen einen Wert, der \u00fcber das Interesse eines einzelnen Eigent\u00fcmers hinausgeht. Historische H\u00e4user, alte Dorfstrukturen oder jahrhundertealte B\u00e4ume sind Teil von Landschaft, Geschichte und Erinnerung.<\/p>\n<p>Wir sind lediglich eine weitere Generation, die Orte nutzt, die von Menschen vor uns gepr\u00e4gt wurden. Wir haben sie nicht erhalten, um sie beliebig umzugestalten, sondern um sie m\u00f6glichst unver\u00e4ndert an kommende Generationen weiterzugeben. Das klingt selbstverst\u00e4ndlich, ist in Polen jedoch noch immer keine weit verbreitete Vorstellung.<\/p>\n<div id=\"attachment_83421\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83421\" class=\"size-large wp-image-83421\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-DWKZ-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-DWKZ-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-DWKZ-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-DWKZ-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-DWKZ.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-83421\" class=\"wp-caption-text\">Ostasz\u00f3w entstand 1936 als Hierlshagen \u2013 eine Mustersiedlung mit 42 Bauernh\u00f6fen, die vom Reichsarbeitsdienst errichtet wurde.<br \/>Foto: Niederschlesischer Woiwodschaftsdenkmalpfleger<\/p><\/div>\n<p>Bei der Bewertung der Haltung der Bewohner darf man allerdings den historischen Kontext nicht au\u00dfer Acht lassen. Gemeinschaftliches Denken entsteht nicht automatisch. In westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wurde die \u00dcberzeugung, dass ein Eigent\u00fcmer eines Denkmals zugleich auch H\u00fcter eines gemeinsamen Gutes ist, \u00fcber Jahrzehnte hinweg aufgebaut. In Polen befindet sich dieses Bewusstsein noch immer im Prozess der Entwicklung. Noch immer begegnet man zu oft der Vorstellung, dass ein alter Baum gef\u00e4llt werden kann, weil die Bl\u00e4tter st\u00f6ren, oder dass ein historisches Geb\u00e4ude so umgebaut werden darf, dass es ausschlie\u00dflich modernen Bed\u00fcrfnissen entspricht. Bildung in diesem Bereich ist ebenso wichtig wie die gesetzlichen Vorschriften, die ihrerseits h\u00e4ufig umgangen werden. Wie viele Berichte liest man \u00fcber illegale Bauarbeiten, die Zerst\u00f6rung alter Friedh\u00f6fe oder die F\u00e4llung gesch\u00fctzter Naturdenkmale?<\/p>\n<h2><strong>Die schwierige Geschichte eines Ortes<\/strong><\/h2>\n<p>Man darf auch den besonderen Charakter von Ostasz\u00f3w nicht au\u00dfer Acht lassen. Es handelt sich nicht um ein gew\u00f6hnliches historisches Dorf mit einer jahrhundertealten, ununterbrochenen Tradition. Der Ort entstand 1936 als Hierlshagen \u2013 eine Mustersiedlung mit 42 Bauernh\u00f6fen, die vom Reichsarbeitsdienst errichtet und nach dessen Leiter Konstantin Hierl benannt wurde.<\/p>\n<p>Die heutigen Bewohner sind keine Nachfahren der Menschen, die dieses Dorf einst gr\u00fcndeten. Sie kamen nach dem Krieg hierher, \u00e4hnlich wie Tausende andere Bewohner der westlichen und n\u00f6rdlichen Gebiete Polens. Daher kann man schwer erwarten, dass sie dieselbe emotionale Bindung zu diesem Ort empfinden wie Menschen in Regionen, in denen Familien seit Generationen dieselben H\u00e4user und H\u00f6fe bewohnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_83423\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83423\" class=\"size-large wp-image-83423\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ostaszow-quelle-FB-Ostaszow-wioska-w-deche-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ostaszow-quelle-FB-Ostaszow-wioska-w-deche-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ostaszow-quelle-FB-Ostaszow-wioska-w-deche-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ostaszow-quelle-FB-Ostaszow-wioska-w-deche-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/ostaszow-quelle-FB-Ostaszow-wioska-w-deche.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-83423\" class=\"wp-caption-text\">Der Streit um die Aufnahme Ostasz\u00f3ws in das Denkmalregister geht weit \u00fcber die Grenzen eines niederschlesischen Dorfes hinaus.<br \/>Foto: FB: Ostasz\u00f3w \u2013 Wioska w Dech\u0119<\/p><\/div>\n<p>Man kann nicht so tun, als h\u00e4tte die deutsche Vergangenheit Ostasz\u00f3ws keine Bedeutung f\u00fcr die heutigen Emotionen. Es ist deutlich schwieriger, sich mit einem Ort zu identifizieren, der erst seit wenigen Generationen \u201eunser\u201c ist \u2013 insbesondere dann, wenn der Staat gerade jene historische, deutsche Schicht sch\u00fctzen m\u00f6chte, die f\u00fcr viele faktisch als \u201efremd\u201c wahrgenommen wird.<\/p>\n<h2><strong>Denkmalschutz verlangt Verantwortung des Staates<\/strong><\/h2>\n<p>Der Staat hat das Recht, Kulturerbe zu sch\u00fctzen, auch wenn dies Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Eigent\u00fcmer bedeutet. Die Eintragung in das Denkmalregister ist keine Strafe, sondern die Anerkennung, dass ein bestimmter Ort einen Wert besitzt, der \u00fcber das Interesse einzelner Personen hinausgeht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn wir besondere Orte bewahren wollen, m\u00fcssen wir daf\u00fcr sorgen, dass ihre Bewohner sich nicht nur als Eigent\u00fcmer ihrer H\u00e4user f\u00fchlen, sondern auch als Verwalter eines gemeinsamen Erbes.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Gef\u00fchle und Sorgen der Bewohner ignorieren darf. Das Argument der Kosten ist real. F\u00fcr viele Menschen ist ein Haus kein Bestandteil einer historischen Kulturlandschaft, sondern vor allem ein Ort des t\u00e4glichen Lebens und eine gro\u00dfe finanzielle Belastung.<\/p>\n<p>Wenn die Gesellschaft von Eigent\u00fcmern erwartet, dass sie zu Bewahrern eines gemeinsamen Erbes werden, muss der Staat Mechanismen schaffen, die ihnen dies erleichtern. Wenn Renovierungen nach besonderen denkmalpflegerischen Regeln erfolgen m\u00fcssen, sollten Eigent\u00fcmer tats\u00e4chlich Zugang zu F\u00f6rdermitteln, Steuerverg\u00fcnstigungen und Unterst\u00fctzungsprogrammen haben \u2013 auch zu fachlicher Beratung. Derzeit ist die Beantragung solcher F\u00f6rdermittel keineswegs einfach, nicht nur wegen der komplizierten B\u00fcrokratie, sondern auch wegen begrenzter finanzieller Mittel. Kommunale Fonds f\u00fcr diesen Zweck sind keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Staatliche Programme bieten Mitteln nur einer Handvoll Interessierter. Und au\u00dferdem muss ein erheblicher Eigenanteil aufgebracht werden.<\/p>\n<h2><strong>Kulturerbe braucht Zeit und Verst\u00e4ndnis<\/strong><\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re die beste L\u00f6sung eine Ver\u00e4nderung des Bewusstseins, sodass die Bewohner selbst den Wert des Ortes erkennen, an dem sie leben, und ihn unabh\u00e4ngig von gesetzlichen Vorschriften sch\u00fctzen m\u00f6chten. Solche Ver\u00e4nderungen gehen jedoch sehr langsam voran. Daf\u00fcr braucht es mehrere Generationen.<\/p>\n<p>Die Toskana w\u00e4re heute nicht die Toskana, wenn nicht konsequent Landschaft, Architektur und historische Bausubstanz gesch\u00fctzt worden w\u00e4ren. Dieses Modell l\u00e4sst sich jedoch nicht ohne Weiteres auf die westlichen Gebiete Polens \u00fcbertragen. Dort wurde die Kontinuit\u00e4t nach 1945 unterbrochen. Die heutigen Bewohner leben h\u00e4ufig in H\u00e4usern, die von jemand anderem gebaut wurden. Deshalb erfordert der Aufbau von Verantwortung f\u00fcr ein solches Erbe Zeit, Bildung und eine kluge Unterst\u00fctzung durch den Staat.<\/p>\n<p>Wenn wir besondere Orte bewahren wollen, m\u00fcssen wir daf\u00fcr sorgen, dass ihre Bewohner sich nicht nur als Eigent\u00fcmer ihrer H\u00e4user f\u00fchlen, sondern auch als Verwalter eines gemeinsamen Erbes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostasz\u00f3w, ein kleines Dorf in der Gemeinde Primkenau (Przemk\u00f3w), steht seit einigen Monaten im Mittelpunkt eines Streits um die Grenzen des Denkmalschutzes und die Rechte der Bewohner. Der niederschlesische Woiwodschaftsdenkmalpfleger hat die gesamte l\u00e4ndliche Siedlungsstruktur des Ortes in das Denkmalregister eingetragen und sie als ein besonders wertvolles Beispiel der Siedlungsentwicklung aus den 1930er Jahren anerkannt. 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