{"id":83327,"date":"2016-07-26T10:00:52","date_gmt":"2016-07-26T08:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83327"},"modified":"2026-07-24T11:13:28","modified_gmt":"2026-07-24T09:13:28","slug":"ausgebucht-bis-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ausgebucht-bis-abend\/","title":{"rendered":"Ausgebucht bis Abend"},"content":{"rendered":"<p><strong>W<\/strong><strong>\u00e4re Ingeborg Odelgas Leben bereits ein fertiges Buch, dann w\u00e4re es ein langer und spannender Roman. Es h\u00e4tte einige traurige Kapitel, aber auch Passagen, die mit Gl\u00fcck und Erfolg gef\u00fcllt w\u00e4ren. Und es w\u00fcrde eine Frau vorstellen, die immer sich selbst treu geblieben ist, die bescheiden, aber zielsicher ihr Leben lebt und mit viel Mut immer wieder was Neues wagt. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ich treffe Ingeborg Odelga in ihrer Heimatstadt Proskau. Hier wurde sie vor 90 Jahren geboren und obwohl es sie im Leben an verschiedene Orte verschlagen hat, hat sie hier letztendlich ihr Zuhause gefunden. In dem Haus, in dem sie zur Welt kam. Es ist ein ger\u00e4umiges altes Haus am Proskauer Markt, gr\u00fcne Oase mitten in der Stadt. Den kleinen Garten drumherum liebt die Dichterin ganz besonders. Vor allem den \u00fcber 100 Jahre alten Birnbaum, den noch ihre Mutter gepflanzt hat. Der Baum hat auch schon einen Blitzeinschlag \u00fcberstanden. Doch gute Birnen gibt es weiterhin.<\/p>\n<h2><strong>Mutig und zielsicher<\/strong><\/h2>\n<p>So widerstandsf\u00e4hig ist auch Ingeborg Odelga. Ihr Leben war kein leichtes gewesen. Die Mutter verstarb fr\u00fch, der Vater ist wegen der Arbeit nach Berlin gezogen. Im Alter von 13 Jahren ist Ingeborg nachgezogen. In Berlin hat sie eine Krankenschwesterausbildung abgeschlossen. Dann brach der Krieg aus. \u201eNach Proskau kam ich 1945 zur\u00fcck, noch in meiner Krankenschwesteruniform ging ich mich zum Arbeitsdienst anmelden\u201c, erinnert sich die Dichterin. Am 15. November 1950 beginnt sie im Proskauer Krankenhaus ihre Arbeit erst nur als Stationshilfe. Obwohl sie kaum Polnisch spricht, schlie\u00dft sie eine Krankenschwesterfortbildung ab und besteht anschlie\u00dfend ein polnisches Staatsexamen. Sie holt ihr Abitur nach und arbeitet dann 30 Jahre als Krankenschwester. Sie ist gerade 55 Jahre alt, als sie pensioniert wird. 10 weitere Jahre leitet sie dann noch den \u00f6rtlichen Roten Kreuz. 13 D\u00f6rfer, sie allein auf dem Fahrrad, ob Sonne, ob Schnee. Wieder wird sie arbeitslos. Doch erneut \u00f6ffnet sich ein T\u00fcrchen. \u201eBekannte aus der Schweiz haben mir eine Arbeit als Altenpflegerin besorgt\u201c, sagt Ingeborg Odelga. 1990 f\u00e4hrt dort f\u00fcr drei Jahre hin. \u201eDas war die sch\u00f6nste Zeit, obwohl ich nicht viel verdient habe. Aber ein St\u00fcck Europa habe ich gesehen: Italien, Monaco, Davos\u201c, schw\u00e4rmt heute noch Ingeborg. Dann kehrt sie wieder nach Proskau zur\u00fcck.<\/p>\n<h2><strong>Vielbesch\u00e4ftigt und kreativ<\/strong><\/h2>\n<div id=\"attachment_83297\" style=\"width: 693px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83297\" class=\"size-large wp-image-83297\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-683x1024.jpg 683w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-200x300.jpg 200w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-768x1152.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1269du-odelga-foto-A-Durecka-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><p id=\"caption-attachment-83297\" class=\"wp-caption-text\">Ingeborg Odelga in ihrem Garten<br \/>Foto: Anna Durecka<\/p><\/div>\n<p>\u201eUnd da h\u00f6re ich im Radio, dass jemand auf Deutsch \u201eDie erste Polka\u201c von Bienek liest. Da dachte ich: das ist doch bisschen langweilig. Ich hab mein Eichendorff-Gedichtsband eingepackt und bin nach Oppeln gefahren\u201c, erinnert sich die Dichterin. Der Redakteur der Sendung \u201eNasz Heimat\u201c Andrzej Rusak ist begeistert. Nun soll Ingeborg Odelga im Radio die Gedichte vorlesen \u2013 das h\u00e4tte sie nicht erwartet. \u201eGanz aufgeregt war ich, bei den Aufnahmen habe ich gezittert\u201c, erinnert sich die Dichterin. Doch wieder ist sie mutig, nimmt die neue Herausforderung an. Weitere 20 Jahre mit Ingeborg im Radio vergehen. Irgendwann gehen ihr die Gedichte aus, da f\u00e4ngt sie ihre eigenen vorzulesen. Die schreibt sie seit einigen Jahren, wie ihr Vater auch. \u201eDas lag wohl irgendwie in der Familie, mein Gro\u00dfvater hat auch Poesie geschrieben, obwohl er ein einfacher Waldarbeiter war\u201c, so Ingeborg Odelga.<\/p>\n<h2><strong>Edel und fromm<\/strong><\/h2>\n<p>Heute kann die Dichterin tun und lassen, was sie will. Trotzdem hat sie immer wenig Zeit.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eF\u00fcr mich ist der Tag immer zu kurz oder ich nehme mir zu viel vor, das kann auch sein. Jedenfalls bin ich oft ausgebucht bis abends\u201c, sagt Ingeborg Odelga.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber vielleicht ist das gerade auch das Geheimnis ihrer Langlebigkeit. \u201eMan sollte immer ein Ziel im Leben haben, in Bewegung bleiben, au\u00dferdem standfest sein und gen\u00fcgsam. Bescheiden leben\u201c, sagt Ingeborg Odelga. Die Dichterin erinnert sich immer wieder gerne an das Gedicht, dass f\u00fcr sie ihr Vater geschrieben hat, nachdem ihre Mutter verstorben ist. Mitten in ihrer K\u00fcche liest ihn die Dichterin f\u00fcr mich vor: \u201eWenn Dich des Lebensst\u00fcrme\/ Umbrausen rauh und wild,\/ Steh fest wie stille T\u00fcrme!\/ Vor Augen hab der Mutter Bild\/ Kraft im Kampf soll es Dir geben,\/ Mut und Sieg Dir in Gefahr. \/Formen soll es Dir Dein Leben\/ Edel, fromm wie Mutter\u2018s war. \u201eLebenlang habe ich mich an diese Worte gehalten. Das Gedicht meines Vaters war immer ein Wegweiser f\u00fcr mich gewesen. Ist es bis heute\u201c, sagt Ingeborg Odelga.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4re Ingeborg Odelgas Leben bereits ein fertiges Buch, dann w\u00e4re es ein langer und spannender Roman. Es h\u00e4tte einige traurige Kapitel, aber auch Passagen, die mit Gl\u00fcck und Erfolg gef\u00fcllt w\u00e4ren. 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