{"id":83288,"date":"2026-07-25T10:00:27","date_gmt":"2026-07-25T08:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83288"},"modified":"2026-07-23T13:32:53","modified_gmt":"2026-07-23T11:32:53","slug":"mehr-als-sprache-und-herkunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/mehr-als-sprache-und-herkunft\/","title":{"rendered":"Mehr als Sprache und Herkunft"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eJunge Menschen anzusprechen ist heute viel schwieriger als fr\u00fcher. In meiner Jugend waren die M\u00f6glichkeiten ganz anders. Meine Eltern haben mich nicht in den Urlaub ins Ausland mitgenommen. Es gab Arbeit im Haus, auf dem Feld, im Garten. Heute ist ein Ausflug nach Oppeln f\u00fcr junge Menschen nichts besonders Attraktives. Sie haben Dutzende anderer M\u00f6glichkeiten zur Auswahl. Es wird immer schwieriger, ihre Zeit und Aufmerksamkeit zu gewinnen\u201c &#8211; sagt Martina W\u00f3jcik, Vorsitzende einer der lokalen DFK-Ortsgruppen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Einen besseren Ausgangspunkt f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Zukunft des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit in Polen k\u00f6nnte es kaum geben. In wenigen Monaten feiert der BJDM seinen 35 Geburtstag. Die Organisation entstand in einer v\u00f6llig anderen Welt als jener, in der sie heute t\u00e4tig ist. Die\u00a0M\u00f6glichkeiten junger Menschen haben sich ver\u00e4ndert, ebenso die Art, ihre Freizeit zu verbringen, ihre Erwartungen an gesellschaftliche Organisationen und ihre Motivation, sich zu engagieren. Auch\u00a0die\u00a0deutsche Minderheit selbst hat sich gewandelt. Ihre junge Generation w\u00e4chst immer seltener mit\u00a0Deutsch als selbstverst\u00e4ndlicher Alltagssprache auf, besitzt h\u00e4ufiger eine vielschichtige Identit\u00e4t und\u00a0kann \u2013 oder will \u2013 diese nicht immer in eine einzige, eindeutige Selbstbeschreibung fassen. Das\u00a0bedeutet jedoch nicht, dass Fragen nach Herkunft, Sprache und Zugeh\u00f6rigkeit an Bedeutung verloren h\u00e4tten. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn die Antworten nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich sind und immer seltener in fertiger Form weitergegeben werden, muss man sich bewusst auf die Suche nach ihnen machen. Genau hier beginnt die heutige Aufgabe von Organisationen wie dem BJDM. Die Frage nach seiner Zukunft l\u00e4sst sich n\u00e4mlich nicht darauf reduzieren, ob es auch in zehn Jahren noch Ferienfreizeiten, Austauschprojekte, Workshops und Jugendveranstaltungen geben wird. Viel wichtiger ist, wer bereit sein wird, sie zu organisieren, wer das Gef\u00fchl entwickeln wird, dass\u00a0die Geschichte dieser Gemeinschaft auch seine eigene Geschichte ist, und wer bereit sein wird, Verantwortung f\u00fcr ihre Fortsetzung zu \u00fcbernehmen. Denn die Zukunft der deutschen Minderheit h\u00e4ngt nicht nur davon ab, wie viele junge Menschen Sprache und Erinnerung von ihren Eltern oder Gro\u00dfeltern erben. Sie h\u00e4ngt auch davon ab, ob diejenigen, denen dieses Erbe nicht vollst\u00e4ndig mitgegeben wurde, einen Ort finden, an dem sie es entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>Nicht alles wird von den Vorfahren geerbt<\/strong><\/h2>\n<p>F\u00fcr viele Angeh\u00f6rige \u00e4lterer Generationen ergab sich die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identit\u00e4t unmittelbar aus dem Umfeld, in dem sie aufwuchsen: aus der Sprache, die zu Hause gesprochen wurde, aus Familiengeschichten, lokalen Br\u00e4uchen und den Erfahrungen der gesamten Gemeinschaft. Im Fall der deutschen Minderheit blieb gerade die Familie \u00fcber Jahrzehnte der wichtigste Ort, an dem dieses Erbe weitergegeben wurde. In ihr wurden Sprache, Erinnerung und Geschichten bewahrt, die w\u00e4hrend eines Teils der Nachkriegsgeschichte au\u00dferhalb der eigenen vier W\u00e4nde nicht immer frei weitergegeben werden konnten. Heute funktioniert dieser Mechanismus immer h\u00e4ufiger nicht mehr auf dieselbe unmittelbare Weise. Jemand wei\u00df, dass seine Gro\u00dfmutter Deutsch sprach, beherrscht die Sprache aber selbst nicht. Jemand erinnert sich an einzelne Familiengeschichten, hat jedoch nie versucht, sie zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen zusammenzuf\u00fcgen. Jemand kennt seine deutschen Wurzeln, hat sich aber viele Jahre lang nicht gefragt, was sie eigentlich f\u00fcr ihn selbst bedeuten. Die heutige Identit\u00e4t gleicht deshalb immer seltener einem fertigen B\u00fcndel aus Werten und Zugeh\u00f6rigkeiten, das man einfach von der vorherigen Generation \u00fcbernehmen kann. H\u00e4ufiger ist sie etwas, das nach und nach entsteht: durch die Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Geschichte, die Auseinandersetzung zwischen famili\u00e4ren Erz\u00e4hlungen und den eigenen Erfahrungen sowie durch bewusste Entscheidungen dar\u00fcber, welche Elemente dieses Erbes man als Teil des eigenen Lebens bewahren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Forscherinnen und Forscher, die sich mit der Entwicklung der jungen Generation besch\u00e4ftigen, weisen seit Jahren darauf hin, dass sich der Prozess der Identit\u00e4tsbildung verl\u00e4ngert hat. Sie beschreiben die Jugend als eine Phase intensiver Suche nach dem eigenen Platz, nach Werten und Zugeh\u00f6rigkeit. Junge Menschen verf\u00fcgen heute \u00fcber wesentlich gr\u00f6\u00dfere Wahlm\u00f6glichkeiten als fr\u00fchere Generationen. Mit dieser Freiheit geht jedoch auch die Notwendigkeit einher, Fragen selbst zu beantworten, die fr\u00fcher h\u00e4ufiger durch das famili\u00e4re und gesellschaftliche Umfeld beantwortet wurden. Das gilt auch f\u00fcr junge Menschen mit Bezug zur deutschen Minderheit. Man kann sich gleichzeitig mit Schlesien, Polen, Deutschland und Europa verbunden f\u00fchlen. Man kann im Alltag Polnisch sprechen, Deutsch lernen und Schlesisch verwenden. Man kann deutsche Vorfahren haben und sich dennoch erst als erwachsener Mensch f\u00fcr ihre Geschichte zu interessieren beginnen. Man kann sich auch lange \u00fcberhaupt keine Gedanken \u00fcber die eigene Herkunft machen \u2013 bis ein Gespr\u00e4ch, eine Reise oder die Begegnung mit einem anderen Menschen das Bed\u00fcrfnis weckt, diesen Teil der eigenen Identit\u00e4t kennenzulernen.<\/p>\n<div id=\"attachment_83283\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83283\" class=\"size-large wp-image-83283\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-300x200.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-768x512.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7521-1-2048x1365.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83283\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Amadeusz Hoffman \/ BJDM<\/p><\/div>\n<p>So war es bei Micha\u0142 Kot. Seinen ersten Kontakt mit dem Umfeld der deutschen Minderheit hatte er vor einigen Jahren, als er an einer von einem lokalen DFK organisierten Ferienfreizeit teilnahm. Sp\u00e4ter nahm er an einem polnisch-ungarischen Austausch des BJDM teil und begann sich mit der Zeit immer st\u00e4rker zu engagieren. &#8211; \u201eIn meiner Familie gibt es deutsche Wurzeln, aber Sprache und Kultur wurden nicht bewahrt. Irgendwann begann ich das Gef\u00fchl zu haben, dass ich zu diesem Teil meiner Geschichte zur\u00fcckkehren, mehr dar\u00fcber erfahren und Menschen kennenlernen m\u00f6chte, die \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht haben. Der BJDM wurde f\u00fcr mich zu einem Ort, an dem ich beginnen konnte, diesen Teil meiner eigenen Geschichte zu entdecken\u201c &#8211; erz\u00e4hlt er. Er kam also nicht mit einer bereits fertigen und eindeutig definierten Identit\u00e4t in die Organisation. Er kam unter anderem deshalb, weil er sie besser verstehen wollte. Und mit dieser Erfahrung ist er keineswegs allein. In \u00dcberlegungen \u00fcber die junge Generation der deutschen Minderheit spielen famili\u00e4re Erinnerung, individuelle Entscheidungen und die selbstst\u00e4ndige Bestimmung der eigenen Zugeh\u00f6rigkeit eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Deutschsein ist nicht mehr in jedem Fall etwas Selbstverst\u00e4ndliches, das von Kindheit an auf dieselbe Weise erlebt wird. F\u00fcr einen Teil der jungen Menschen wird es zu einem Element der eigenen Identit\u00e4t, das erst gefunden, benannt und bewusst in die eigene Geschichte integriert werden muss. Das stellt Minderheitenorganisationen vor eine v\u00f6llig neue Aufgabe. Wenn sie ausschlie\u00dflich auf Menschen warten, die bereits flie\u00dfend Deutsch sprechen, die Geschichte ihrer Familie genau kennen und \u00fcber eine klar definierte Identit\u00e4t verf\u00fcgen, k\u00f6nnten sie eines Tages feststellen, dass sie auf eine Generation warten, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Die Zukunft der deutschen Minderheit h\u00e4ngt deshalb nicht allein davon ab, wie viele junge Menschen eine fertige Antwort auf die Frage nach ihrer Herkunft erben. Sie h\u00e4ngt ebenso davon ab, ob es Orte geben wird, an denen sie selbst nach dieser Antwort suchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>Es gibt nicht den einen richtigen Weg<\/strong><\/h2>\n<p>An dieser Stelle stellt sich jedoch eine Frage, der keine Minderheitenorganisation ausweichen sollte: Wie weit kann man seine T\u00fcren \u00f6ffnen, ohne zugleich den Charakter zu verlieren, um dessentwillen die Organisation \u00fcberhaupt gegr\u00fcndet wurde? Sollte eine Jugendorganisation der deutschen Minderheit ausschlie\u00dflich f\u00fcr Menschen bestimmt sein, die bereits wissen, dass sie Deutsche sind? Muss man Deutsch sprechen, um sich als Teil dieser Organisation f\u00fchlen zu k\u00f6nnen? Sollte eine Mitgliedschaft den Abschluss einer bereits gefestigten Identit\u00e4tsentwicklung bilden \u2013 oder kann sie vielmehr der Beginn eines Weges sein, auf dem man diese Identit\u00e4t erst entdeckt?<\/p>\n<p>Seit seiner Gr\u00fcndung ist der BJDM eine Organisation der deutschen Minderheit. Dies ist weder einer von vielen T\u00e4tigkeitsbereichen noch ein historischer Zusatz zu einem modernen Projektangebot, sondern der grundlegende Zweck seiner Existenz. Die offizielle Strategie der Organisation spricht ausdr\u00fccklich von der Bewahrung des kulturellen Erbes, der Pflege der deutsch-polnischen Freundschaft, dem Einsatz f\u00fcr Minderheitenrechte und dem Aufbau einer Zukunft f\u00fcr die deutsche Gemeinschaft in Polen. Zu den wichtigsten Werten geh\u00f6ren Offenheit, Integration, Gemeinschaftsgef\u00fchl, Professionalit\u00e4t und die Achtung der Minderheitenrechte. Und auch \u201eSpa\u00df\u201c geh\u00f6rt dazu \u2013 denn Jugendarbeit muss nicht allein deshalb in ihrer Form ernst sein, weil ihre Ziele ernst sind. Entscheidend ist jedoch, dass sich eine heutige Minderheitengemeinschaft nicht nach dem Prinzip einer Auswahlkontrolle am Eingang aufbauen l\u00e4sst. Nicht jeder, der in Zukunft zu einem aktiven Mitglied dieser Gemeinschaft werden kann, wird mit perfektem Deutsch und umfassendem Wissen \u00fcber die eigenen Wurzeln zu ihr kommen. Nicht jeder wird \u00fcberhaupt deshalb kommen, weil er Antworten auf Fragen nach seiner Identit\u00e4t sucht. Manchmal ist der erste Impuls ein interessantes Projekt, ein anderes Mal sind es Freunde, die M\u00f6glichkeit zu verreisen oder schlicht die Lust, etwas Neues auszuprobieren. Das muss kein Scheitern des Auftrags der Organisation bedeuten. Im Gegenteil: Es kann der Beginn eines wesentlich l\u00e4ngeren Prozesses sein. Die Motivation, mit der ein junger Mensch zu einer Organisation kommt, muss schlie\u00dflich nicht dieselbe sein, aus der er sp\u00e4ter dort bleibt. Jemand kann wegen eines Projekts kommen und wegen der Menschen bleiben. Er kann mit einer Reise beginnen und einige Jahre sp\u00e4ter eigene Initiativen organisieren. Vielleicht landet er zuf\u00e4llig bei einer Veranstaltung und stellt Jahre sp\u00e4ter fest, dass er genau dort zum ersten Mal bewusst \u00fcber die Geschichte seiner Familie nachgedacht hat. Offenheit muss deshalb nicht bedeuten, dass der Minderheitencharakter des BJDM verw\u00e4ssert wird. In gewisser Weise kann sie sogar eine Voraussetzung daf\u00fcr sein, ihn zu bewahren. Man kann von einem jungen Menschen kaum erwarten, dass er eine Kultur pflegt, die ihm zuvor niemand gezeigt hat. Man kann keine Kenntnisse einer Sprache verlangen, die er zu Hause nie lernen konnte. Ebenso wenig kann man ein starkes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu einer Gemeinschaft erwarten, die jemand nie erleben durfte. Zun\u00e4chst muss eine M\u00f6glichkeit zur Begegnung geschaffen werden.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Micha\u0142 kommt auch seine Partnerin zum BJDM. Sie selbst stammt nicht aus dem Umfeld der deutschen Minderheit, f\u00fchlt sich aber unter den Menschen wohl, die sie dort kennengelernt hat, identifiziert sich mit den Werten der Organisation und m\u00f6chte sich gesellschaftlich engagieren. Ihre Anwesenheit macht die Organisation nicht weniger deutsch. Durch solche Begegnungen werden Kultur, Sprache und Geschichte der Minderheit auch f\u00fcr Menschen verst\u00e4ndlich und zug\u00e4nglich, die nicht von Anfang an Teil dieses Umfelds waren. Offenheit bedeutet also nicht, die Identit\u00e4t aus der Organisation zu entfernen. Sie bedeutet, andere dazu einzuladen, sie kennenzulernen.<\/p>\n<h2><strong>Auf Dauer bleiben<\/strong><\/h2>\n<p>Eine heutige Jugendorganisation konkurriert nicht mehr ausschlie\u00dflich mit anderen Vereinen. Im Grunde konkurriert sie mit allem, was die Aufmerksamkeit junger Menschen beanspruchen kann: mit Reisen, sozialen Medien, Arbeit, Studium, Sport, Unterhaltung und Hunderten von Entwicklungsm\u00f6glichkeiten, die fr\u00fchere Generationen schlicht nicht hatten. Die blo\u00dfe Aufforderung \u201eKomm zu uns, weil gesellschaftliches Engagement wichtig ist\u201c reicht immer seltener aus. Junge Menschen m\u00f6chten wissen, was ihnen eine bestimmte Erfahrung f\u00fcr ihr eigenes Leben bringt. Sie suchen Beziehungen, Entwicklungsm\u00f6glichkeiten, Selbstwirksamkeit und das Gef\u00fchl, tats\u00e4chlich Einfluss auf das nehmen zu k\u00f6nnen, was um sie herum geschieht. Das bedeutet nicht, dass sie weniger bereit w\u00e4ren, anderen zu helfen. Vielmehr hat sich die Art ver\u00e4ndert, wie sie ihr eigenes Engagement verstehen. In der Literatur \u00fcber das gesellschaftliche Engagement der Generation Z wird auf das Bed\u00fcrfnis hingewiesen, gesellschaftlichen Nutzen mit pers\u00f6nlicher Entwicklung zu verbinden. Ehrenamtliches Engagement kann somit gleichzeitig der Gemeinschaft dienen und die Person weiterentwickeln, die sich engagiert. Diese beiden Ziele m\u00fcssen nicht miteinander konkurrieren. Der BJDM bietet jungen Menschen die M\u00f6glichkeit, Erfahrungen zu sammeln, die sich nur schwer aus einem Lehrbuch erlernen lassen. Jemand leitet zum ersten Mal einen Workshop, jemand anderes schreibt einen Projektantrag, verwaltet ein Budget, organisiert eine Veranstaltung, koordiniert die Arbeit eines Teams oder spricht vor Publikum. F\u00fcr viele ist es die erste Gelegenheit zu entdecken, dass sie nicht nur teilnehmen, sondern auch selbstst\u00e4ndig etwas auf die Beine stellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Sprache, Kultur und Erinnerung bestehen nicht deshalb fort, weil sie in Satzungen und Strategien festgeschrieben wurden. Sie leben weiter, wenn eine neue Generation entscheidet, dass es sich lohnt, ihnen einen Platz im eigenen Leben zu geben. Und eine Gemeinschaft hat dann eine Zukunft, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, ihr nicht nur anzugeh\u00f6ren, sondern auch Verantwortung f\u00fcr sie zu \u00fcbernehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei einer Minderheitenorganisation kommt allerdings noch eine weitere Dimension hinzu. All\u00a0diese Erfahrungen finden in einem bestimmten kulturellen Umfeld statt. Deutsch begegnet den jungen Menschen nicht ausschlie\u00dflich im Unterricht, sondern auch in Gespr\u00e4chen, bei\u00a0Austauschprojekten und in der internationalen Zusammenarbeit. Geschichte ist pl\u00f6tzlich nicht mehr nur ein langweiliges Schulfach, und Kultur muss nicht ausschlie\u00dflich eine\u00a0folkloristische Tanzschau bedeuten. In den \u201eJugendpunkten\u201c kann Deutsch bei einem Gel\u00e4ndespiel, einer Stadtrallye oder beim gemeinsamen Kochen eingesetzt werden. Bei einem internationalen Projekt wird es zur gemeinsamen Kommunikationssprache. In der \u201eAntidotum\u201c-Redaktion beschreiben junge Menschen ihre eigene Lebenswirklichkeit und arbeiten in einem zweisprachigen Umfeld. Bei historischen Projekten k\u00f6nnen sie Fragen zu\u00a0Orten und Geschichten stellen, von denen sie zuvor vielleicht noch nie geh\u00f6rt hatten. Die\u00a0Form dieser Aktivit\u00e4ten ver\u00e4ndert sich mit jeder neuen Generation, doch ihr Kern bleibt derselbe. Die deutsche Sprache ist dabei gleichzeitig Teil des kulturellen Erbes, Sprache der Begegnung und Schl\u00fcssel zu einer Welt, zu der junge Menschen eine eigene Beziehung aufbauen k\u00f6nnen. Vielleicht liegt genau darin heute eine der wichtigsten Aufgaben einer Minderheitenorganisation: jungen Menschen nicht nur zu sagen, dass sie die Sprache ihrer Vorfahren kennen sollten, sondern ihnen Gr\u00fcnde zu geben, aus denen sie selbst diese Sprache verwenden m\u00f6chten..<\/p>\n<h2><strong>Ein Projekt organisiert sich nicht von allein<\/strong><\/h2>\n<p>Auf den Fotos nach einem abgeschlossenen Projekt sieht normalerweise alles ganz einfach aus. Da ist eine Gruppe l\u00e4chelnder Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein gemeinsames Foto, manchmal gibt es Urkunden und sp\u00e4ter ein Reel oder einen kurzen Bericht in den sozialen Medien. Nicht zu sehen sind dagegen die monatelangen Vorbereitungen, lange im Voraus verfasste Antr\u00e4ge, Budgets, Dokumente, Gespr\u00e4che mit F\u00f6rdermittelgebern, Telefonate, Abrechnungen und all die Probleme, die jemand l\u00f6sen musste, bevor die Teilnehmenden sie \u00fcberhaupt bemerken konnten. &#8211; \u201eIch bin vor allem daf\u00fcr verantwortlich, dass das B\u00fcro reibungslos funktionieren kann\u201c &#8211; sagt Dominika Szymczyk, B\u00fcroleiterin des BJDM. &#8211; \u201eIch\u00a0k\u00fcmmere mich um die Dokumentation, stehe in st\u00e4ndigem Kontakt mit der Buchhaltung, dem Vorstand und den F\u00f6rdermittelgebern, kontrolliere die Ausgaben und unterst\u00fctze die Koordinatorinnen und Koordinatoren, wenn Fragen oder Probleme auftauchen. Gleichzeitig muss man st\u00e4ndig an die Zukunft denken, denn die Finanzierung vieler Projekte beantragen wir lange im Voraus. Eine Idee kann heute entstehen, aber bevor sie Wirklichkeit wird, muss jemand all die Arbeit erledigen, die sp\u00e4ter fast niemand sieht.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83285\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83285\" class=\"size-large wp-image-83285\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-300x200.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-768x512.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF7762-2048x1365.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-83285\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Amadeusz Hoffman \/ BJDM<\/p><\/div>\n<p>Diese unsichtbare Seite der Arbeit ist wesentlich wichtiger, als man auf den ersten Blick vermuten k\u00f6nnte. Sie zeigt n\u00e4mlich, dass jugendliche Energie allein nicht ausreicht. Man kann eine gute Idee, Begeisterung und eine Gruppe interessierter Menschen haben \u2013 doch wenn niemand die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernimmt, das Vorhaben bis zum Ende umzusetzen, wird nichts daraus. Einer der in der Strategie des BJDM festgehaltenen Werte wird mit einem Augenzwinkern als \u201edeutsche Qualit\u00e4t\u201c bezeichnet. Hinter dieser scherzhaften Formulierung steht jedoch eine ernsthafte \u00dcberzeugung: Eine Jugendorganisation kann gleichzeitig ein Ort sein, an dem man Spa\u00df hat, und eine Struktur, die professionell arbeitet. Das eine schlie\u00dft das andere nicht aus. Im Gegenteil: Ohne einen professionellen organisatorischen Hintergrund g\u00e4be es keinen Raum, in dem selbst die kreativsten Ideen frei verwirklicht werden k\u00f6nnten. F\u00fcr viele junge Menschen wird gerade das Engagement in einer Organisation zur ersten wirklichen Erfahrung, Verantwortung f\u00fcr andere zu \u00fcbernehmen. Weronika Koston, ehemalige Vorsitzende des BJDM und heutiges Mitglied der Revisionskommission, beschreibt ihren Weg in der Organisation als eine Erfahrung, die kein Kurs h\u00e4tte ersetzen k\u00f6nnen &#8211; \u201eWenn man beginnt, sich im BJDM zu engagieren, wei\u00df wohl niemand so genau, wohin dieser Weg einen f\u00fchren wird. Mich hat er gelehrt, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, unter Druck zu arbeiten, schwierige Entscheidungen zu treffen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, deren Motivation sehr unterschiedlich ausgepr\u00e4gt ist. Er hat mir auch gezeigt, dass Teamarbeit unglaublich erf\u00fcllend sein kann, manchmal aber auch schwierig ist. Was einen trotz dieser Schwierigkeiten weitermachen l\u00e4sst, ist das gemeinsame Ziel und das Bewusstsein, dass wir etwas f\u00fcr unsere Gemeinschaft und unsere Region tun. Ohne den BJDM w\u00e4re ich heute nicht dort, wo ich bin.\u201c &#8211; Eine solche Wirkung l\u00e4sst sich nur schwer statistisch erfassen. Man kann die Zahl der Projektteilnehmenden, Veranstaltungen oder durchgef\u00fchrten Workshops z\u00e4hlen. Wesentlich schwieriger ist es zu messen, wie viele Menschen dadurch zum ersten Mal daran geglaubt haben, selbst etwas organisieren, Verantwortung f\u00fcr eine Gruppe \u00fcbernehmen oder eine Initiative verwirklichen zu k\u00f6nnen, die zuvor nur als Idee existierte. Und genau von solchen Menschen h\u00e4ngt die Zukunft jeder Organisation ab.<\/p>\n<h2><strong>Das schwierigste Projekt: die Nachfolge<\/strong><\/h2>\n<p>Der BJDM kann ein hervorragendes Projekt entwickeln, F\u00f6rdermittel einwerben, ein gutes Programm vorbereiten und alle verf\u00fcgbaren Pl\u00e4tze besetzen. Doch keine Jugendorganisation kann allein von ihren Teilnehmenden \u00fcberleben. Sie braucht ebenso Menschen, die eines Tages bereit sind, auf der anderen Seite zu stehen \u2013 also nicht nur zu einer Veranstaltung zu kommen, sondern sie selbst zu entwickeln, zu organisieren und Verantwortung daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen. &#8211; \u201eEs wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die sagen: ,Okay, ich k\u00fcmmere mich darum. Ich fange an, bringe Leute zusammen und versuche es einfach\u2018\u201c &#8211; beobachtet Emily Bartek, Mitglied des BJDM-Vorstands. &#8211; \u201eEs fehlen solche ,Macher\u2018, wie wir manchmal in meiner Familie sagen. Menschen, die nicht auf ein fertiges Projekt warten, sondern selbst etwas ins Rollen bringen k\u00f6nnen. Wenn solche Menschen fehlen, wird es irgendwann auch keine Projekte mehr geben, an denen andere teilnehmen k\u00f6nnen.\u201c &#8211; Martina beschreibt dasselbe Problem noch anschaulicher &#8211; \u201eWir h\u00f6ren oft, dass junge Menschen keine F\u00fchrungskr\u00e4fte wollen. Meiner Meinung nach bedeutet das nicht, dass sie nicht in Gruppen aktiv sein m\u00f6chten, die jemanden an der Spitze haben. Das Problem beginnt dann, wenn man die volle Verantwortung \u00fcbernehmen muss. Jemand hilft gerne beim Grillen und steht bei den W\u00fcrstchen. Aber vorher muss jemand diese W\u00fcrstchen kaufen und die ganze Veranstaltung vorbereiten \u2013 und anschlie\u00dfend auch noch alles aufr\u00e4umen. Und gerade f\u00fcr diesen Teil ist es am schwierigsten, Menschen zu finden.\u201c &#8211; Das Bild von Grill und W\u00fcrstchen mag zum Schmunzeln bringen, doch dahinter verbirgt sich ein Problem, das viele gesellschaftliche Organisationen gut kennen. Junge Menschen wollen sich weiterhin an konkreten Aktivit\u00e4ten beteiligen, entscheiden sich jedoch immer h\u00e4ufiger f\u00fcr kurzfristige und flexible Formen des Engagements. Wesentlich schwieriger ist es, sie davon zu \u00fcberzeugen, sich \u00fcber viele Jahre an eine Organisation zu binden und schrittweise Verantwortung f\u00fcr deren t\u00e4glichen Betrieb zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den BJDM ist diese Herausforderung besonders bedeutsam, denn eine Jugendorganisation kann sich per Definition nicht \u00fcber Jahrzehnte auf dieselben Menschen st\u00fctzen. Menschen beenden die Schule, gehen zum Studium weg, ziehen um, beginnen ihre berufliche Laufbahn und gr\u00fcnden Familien. Alle paar Jahre muss die Verantwortung deshalb an andere weitergegeben werden. Das gr\u00f6\u00dfte Projekt des BJDM ist somit keine bestimmte Ferienfreizeit, kein Austausch und kein Festival. Das schwierigste Projekt sind die Nachfolgerinnen und Nachfolger \u2013 Menschen, die heute als Teilnehmende kommen, einige Jahre sp\u00e4ter bei der Organisation mithelfen und vielleicht irgendwann selbst etwas f\u00fcr die n\u00e4chste Generation schaffen. W\u00e4hrend einer Strategieschulung versuchten der Vorstand und die B\u00fcromitarbeitenden, einen solchen Weg aufzuzeichnen. Alles beginnt mit dem ersten Kontakt zur Organisation. Jemand nimmt an einem Projekt teil und kehrt vielleicht nie wieder zur\u00fcck. Jemand anderes besucht eine weitere Veranstaltung, lernt Menschen kennen und entscheidet sich mit der Zeit f\u00fcr eine Mitgliedschaft. Wenn diese Person einen Platz f\u00fcr sich findet und sp\u00fcrt, dass ihre Anwesenheit von Bedeutung ist, kann sie beginnen, sich immer st\u00e4rker zu engagieren. Auf einem der Flipcharts erschienen zwei Symbole: ein Herz und ein Baum. Das Herz stand f\u00fcr eine Person, die sich mit der Organisation verbunden hat, an Projekten teilnimmt und weitere Menschen mitbringt. Der Baum symbolisierte jemanden, der Wurzeln schl\u00e4gt \u2013 selbst Projekte entwickelt, in den Vorstand eintritt, eine Stelle im B\u00fcro \u00fcbernimmt oder auf andere Weise Verantwortung f\u00fcr die Zukunft der Organisation tr\u00e4gt. Auf dem Papier sieht das wie ein einfacher Entwicklungsweg eines Mitglieds aus. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter jedoch eine der wichtigsten Fragen f\u00fcr die gesamte Gemeinschaft der deutschen Minderheit: Wer wird bereit sein, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, wenn die heutigen F\u00fchrungspersonen gehen?<\/p>\n<h2><strong>Was wird von uns bleiben?<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend der Strategieschulung am 11. Juli kehrte diese Frage immer wieder zur\u00fcck. Gesprochen wurde \u00fcber die sinkende Zahl deutschsprachiger Menschen, den demografischen Wandel, das abnehmende Interesse am Erlernen der deutschen Sprache, die Notwendigkeit, neue Zielgruppen zu erreichen, und dar\u00fcber, wie sich der Minderheitenkern der Organisation bewahren l\u00e4sst, w\u00e4hrend man zugleich versucht, auf die Bed\u00fcrfnisse der heutigen Jugend einzugehen. Manche sehen die Zukunft recht klar. &#8211; \u201eMeiner Meinung nach sollte der BJDM in zehn Jahren ein \u00e4hnlicher Ort sein wie heute\u201c &#8211; sagte Dastin Karasi\u0144ski, eines der Vorstandsmitglieder, w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs. Martina antwortete knapp: -\u201eDas ist eine sehr optimistische Vorstellung.\u201c &#8211; In diesem kurzen Wortwechsel steckt jedoch das gesamte Dilemma der Organisation. Heute sind in ihren Strukturen noch immer Menschen aktiv, die Deutsch sprechen, das Umfeld der Minderheit kennen und sich bewusst mit ihm identifizieren. Es gibt jedoch keinerlei Garantie daf\u00fcr, dass die Situation in zehn oder zwanzig Jahren noch \u00e4hnlich aussehen wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_83287\" style=\"width: 693px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83287\" class=\"size-large wp-image-83287\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-683x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-683x1024.jpeg 683w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-200x300.jpeg 200w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-768x1152.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-1024x1536.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-1365x2048.jpeg 1365w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/DSCF8116-scaled.jpeg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><p id=\"caption-attachment-83287\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Amadeusz Hoffman \/ BJDM<\/p><\/div>\n<p>Die BJDM-Vorsitzende Paulina Widera betont, dass die Organisation den Weg fortsetzen m\u00f6chte, den sie bereits eingeschlagen hat: sich weiterentwickeln, neue Menschen erreichen und zeigen, dass die deutsche Minderheit nicht ausschlie\u00dflich eine Erinnerung an fr\u00fchere Generationen ist. &#8211; \u201eWir m\u00f6chten, dass junge Menschen sehen, dass die deutsche Minderheit auch aus ihren Gleichaltrigen besteht: aus aktiven Menschen, die sich um ihre Gemeinschaft k\u00fcmmern, sich f\u00fcr die Sprache und Kultur ihrer Vorfahren interessieren, zugleich aber in der Gegenwart leben und etwas f\u00fcr den Ort tun wollen, an dem sie wohnen. Wir m\u00fcssen Menschen zum Engagement motivieren und zeigen, dass sich beides miteinander verbinden l\u00e4sst\u201c &#8211; sagt sie. Gleichzeitig verschweigt sie die Probleme nicht. Der\u00a0demografische R\u00fcckgang, das sinkende Interesse an der deutschen Sprache und die enorme Zahl anderer M\u00f6glichkeiten, die jungen Menschen offenstehen, f\u00fchren dazu, dass sich die Organisation nicht mehr darauf verlassen kann, dass die n\u00e4chste Generation von selbst zu ihr findet.<\/p>\n<p>Vielleicht ist genau das heute die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung. Viele Jahre lang konnten sich die Strukturen der Minderheit weitgehend auf eine nat\u00fcrliche Weitergabe zwischen den Generationen st\u00fctzen. Ein Kind wuchs in einem bestimmten Umfeld auf, lernte die Sprache kennen, nahm an Veranstaltungen teil und \u00fcbernahm mit der Zeit selbst einen Teil der Verantwortung. Heute rei\u00dft diese Kette immer h\u00e4ufiger ab. Wenn eine Organisation sie wiederherstellen m\u00f6chte, muss sie aktiv auf Menschen zugehen, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie genau nach einem solchen Ort suchen. Das erfordert auch einen ehrlichen Blick auf die eigenen Schw\u00e4chen. W\u00e4hrend der Strategieschulung wurde nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber Promotion oder neue Projekte gesprochen. Es wurden Fragen nach Strukturen, Kommunikation und der Delegation von Verantwortung gestellt \u2013 und danach, ob wirklich jede Person, die zur Organisation kommt, wei\u00df, welche M\u00f6glichkeiten ihr dort offenstehen. Man \u00fcberlegte, wie neue Mitglieder besser unterst\u00fctzt werden k\u00f6nnen und wie sich verhindern l\u00e4sst, dass sie lediglich Namen auf einer Mitgliederliste bleiben. Denn eine Mitgliedschaft allein garantiert noch keine Zukunft f\u00fcr die Organisation. Zukunft beginnt erst dann, wenn jemand sp\u00fcrt, dass er seinen eigenen Platz in ihr hat und dass sein Engagement tats\u00e4chlich etwas ver\u00e4ndert.<\/p>\n<h2><strong>Was nicht verloren gehen darf<\/strong><\/h2>\n<p>In wenigen Monaten wird der BJDM sein 35-j\u00e4hriges Bestehen feiern. Ein solches Jubil\u00e4um l\u00e4dt ganz selbstverst\u00e4ndlich dazu ein, zur\u00fcckzublicken, an fr\u00fchere Projekte, an die Menschen, die die Organisation aufgebaut haben, und an die Momente zu erinnern, die Teil ihrer Geschichte geworden sind. Vielleicht ist jedoch die Frage noch wichtiger, was aus dieser Geschichte an die n\u00e4chste Generation weitergegeben werden sollte.<\/p>\n<p>Ganz sicher die Sprache. Ohne sie wird ein Teil des Zugangs zur Geschichte und Kultur der Minderheit mit der Zeit schlicht verschwinden. Ganz sicher die Erinnerung. Ohne sie l\u00e4sst sich nur schwer verstehen, warum diese Gemeinschaft \u00fcberhaupt existiert und warum sie \u00fcber Jahre hinweg f\u00fcr die M\u00f6glichkeit gek\u00e4mpft hat, ihre eigene Identit\u00e4t zu bewahren. Ganz sicher Kultur und Traditionen. Nicht als ein abgeschlossenes B\u00fcndel von Ritualen, das mechanisch wiederholt werden muss, sondern als etwas, das jede neue Generation auf ihre eigene Weise erleben kann. Neben all dem muss jedoch noch etwas weitergegeben werden, \u00fcber das wesentlich seltener gesprochen wird: Verantwortung. Die Verantwortung daf\u00fcr, dass jemand das n\u00e4chste Treffen organisiert, den n\u00e4chsten Projektantrag schreibt, einen neuen Menschen zur Teilnahme ermutigt, eine Geschichte erz\u00e4hlt, die zuvor niemand kannte, oder sich einfach die Frage stellt, was er f\u00fcr seine eigene Gemeinschaft tun kann. Ohne Menschen, die bereit sind, diese Verantwortung zu \u00fcbernehmen, bleibt selbst die beste Strategie nur ein Dokument \u2013 und selbst die sch\u00f6nste Geschichte wird mit der Zeit lediglich zu einer Erinnerung.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p><strong>Martina hat recht: Oppeln wird vermutlich nie mit der Exotik eines Urlaubs in der T\u00fcrkei konkurrieren k\u00f6nnen. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht. Denn die wichtigsten Erfahrungen sind nicht immer diejenigen, die uns am weitesten wegf\u00fchren. Manchmal ist wichtiger der Ort, an dem man zum ersten Mal Menschen begegnet, die einem \u00e4hnlich sind. Ein Projekt, bei dem man sich zum ersten Mal traut, ein paar S\u00e4tze auf Deutsch zu sagen. Ein Gespr\u00e4ch, nach dem man beginnt, die Gro\u00dfeltern nach der eigenen Familiengeschichte zu fragen. Oder der Moment, in dem jemand nach mehreren Jahren, in denen er an von anderen organisierten Veranstaltungen teilgenommen hat, schlie\u00dflich sagt: \u201eGut, jetzt mache ich selbst etwas.\u201c Sprache, Kultur und Erinnerung bestehen nicht deshalb fort, weil sie in Satzungen und Strategien festgeschrieben wurden. Sie leben weiter, wenn eine neue Generation entscheidet, dass es sich lohnt, ihnen einen Platz im eigenen Leben zu geben. Und eine Gemeinschaft hat dann eine Zukunft, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, ihr nicht nur anzugeh\u00f6ren, sondern auch Verantwortung f\u00fcr sie zu \u00fcbernehmen.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJunge Menschen anzusprechen ist heute viel schwieriger als fr\u00fcher. In meiner Jugend waren die M\u00f6glichkeiten ganz anders. Meine Eltern haben mich nicht in den Urlaub ins Ausland mitgenommen. Es gab Arbeit im Haus, auf dem Feld, im Garten. Heute ist ein Ausflug nach Oppeln f\u00fcr junge Menschen nichts besonders Attraktives. 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