{"id":83246,"date":"2026-07-27T05:00:59","date_gmt":"2026-07-27T03:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83246"},"modified":"2026-07-27T14:11:43","modified_gmt":"2026-07-27T12:11:43","slug":"schlesien-in-der-deutschen-erinnerungskultur-was-fehlt-in-der-berliner-erklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/schlesien-in-der-deutschen-erinnerungskultur-was-fehlt-in-der-berliner-erklaerung\/","title":{"rendered":"Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur \u2013 Was fehlt in der \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die am 12. Juni 2026 von der Landsmannschaft Schlesien verabschiedete \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c zeigt, wie sehr sich die Sprache dieser Organisation ver\u00e4ndert hat. Noch vor einigen Jahrzehnten w\u00e4re ein Dokument kaum vorstellbar gewesen, das eindeutig anerkennt, dass die Nachkommen polnischer Familien, die sich nach 1945 in Schlesien niedergelassen haben, heute hier zu Hause sind und dasselbe Recht haben, diese Region als ihre Heimat zu betrachten wie die vertriebenen Deutschen. Ein wichtiger Bezugspunkt ist zudem der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft von 1991 geworden \u2013 und nicht mehr, wie jahrzehntelang, ausschlie\u00dflich die deutsche Vertreibungserfahrung.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung l\u00e4sst jedoch einige wichtige Fragen unbeantwortet. Am auff\u00e4lligsten ist das Fehlen eines klaren Bezugs zum Dritten Reich und zum Nationalsozialismus. Die Vertreibungen werden als eine eigenst\u00e4ndige historische Erfahrung dargestellt, fast losgel\u00f6st vom Krieg, der deutschen Besatzung und der verbrecherischen Politik des NS-Staates. Es fehlt auch eine Reflexion dar\u00fcber, dass ein Teil der schlesischen Bev\u00f6lkerung integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Staates war \u2013 als Mitglieder der NSDAP, als Soldaten der Wehrmacht und anderer Formationen oder als Personen, die in eine auf Zwangsarbeit basierende Kriegswirtschaft eingebunden waren. Ohne diesen Kontext ist schwer zu akzeptieren, wie die Autoren den Begriff des \u201eUnrechts\u201c verstehen, das die Vertreibung darstellte. Denn wie w\u00e4re eine gerechte Bewertung derjenigen, die an der verbrecherischen T\u00e4tigkeit des Hitler-Regimes beteiligt waren, vorzunehmen? Von Personen, die Zwangsarbeiter in der Industrie oder in landwirtschaftlichen Betrieben ausgebeutet haben? Von einem vollst\u00e4ndigen \u201eLernprozess\u201c zu sprechen, f\u00e4llt schwer, solange dieser Kontext weiterhin unber\u00fccksichtigt bleibt.<\/p>\n<p>Ebenso bezeichnend ist das Fehlen jeglichen Bezugs auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950. Dies kann als bewusste Distanzierung von einem Dokument gedeutet werden, das jahrzehntelang das Denken der Vertriebenenverb\u00e4nde pr\u00e4gte. Dies ist zweifellos ein symbolischer Wandel. Schade jedoch, dass er nicht von dem Versuch begleitet wird, eine neue Sprache zur Beschreibung der gemeinsamen Geschichte Schlesiens zu finden.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZahlreiche Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen zeigen, dass der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft einen dauerhaften Rahmen der Zusammenarbeit geschaffen hat, der gut genutzt wurde.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung bereitet jedoch das Ende des Dokuments. Die Autoren \u00e4u\u00dfern die Hoffnung auf bessere Beziehungen zu polnischen Partnern und auf die \u00dcberwindung gegenseitiger Missverst\u00e4ndnisse. Dabei geschieht genau dies seit \u00fcber drei Jahrzehnten in der Praxis und auf verschiedenen Ebenen. Gemeinsame Projekte polnischer und deutscher Museen, Archive, Universit\u00e4ten und Nichtregierungsorganisationen, zahlreiche Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen zeigen, dass der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft einen dauerhaften Rahmen der Zusammenarbeit geschaffen hat, der gut genutzt wurde.<\/p>\n<p>Daher ist die wichtigste Frage heute eine andere. Nicht: Wie entwickelt man den Dialog mit Polen weiter? Sondern: Wer wird sich in Zukunft in Deutschland mit der Geschichte Schlesiens besch\u00e4ftigen? Wie viele junge Forscher entscheiden sich daf\u00fcr, sich diesem Thema zu widmen, und welche Karriereperspektiven haben sie an deutschen Universit\u00e4ten? An wie vielen Hochschulen wird systematisch zur Geschichte Schlesiens geforscht und gelehrt? Ist die Landsmannschaft Schlesien bereit, eine Stiftungsprofessur f\u00fcr die Geschichte Schlesiens an einer der f\u00fchrenden deutschen Universit\u00e4ten einzurichten? Und schlie\u00dflich \u2013 welchen Platz nimmt diese Region in der deutschen historischen Bildung und Erinnerungskultur ein?<\/p>\n<p>Wenn die Landsmannschaft Schlesien tats\u00e4chlich in die Zukunft denken will, dann liegt hier die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung. Ohne jungen Forschern reale Perspektiven f\u00fcr ihre wissenschaftliche Entwicklung zu schaffen und ohne eine neue Generation von Historikern und Lehrkr\u00e4ften auszubilden, reichen selbst die besten Beziehungen zu polnischen Partnern nicht aus. \u00dcber die Zukunft der Erinnerung an Schlesien in Deutschland wird nicht so sehr der Dialog mit Polen, Tschechien oder \u00d6sterreich entscheiden, sondern die Antwort auf die Frage, ob die Geschichte dieser Region ein dauerhafter Bestandteil der deutschen Wissenschaft, Bildung und \u00f6ffentlichen Debatte sein wird.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die am 12. Juni 2026 von der Landsmannschaft Schlesien verabschiedete \u201eBerliner Erkl\u00e4rung\u201c zeigt, wie sehr sich die Sprache dieser Organisation ver\u00e4ndert hat. 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