{"id":83024,"date":"2026-07-25T16:30:47","date_gmt":"2026-07-25T14:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=83024"},"modified":"2026-07-17T10:49:28","modified_gmt":"2026-07-17T08:49:28","slug":"wusste-erich-koch-was-mit-dem-bernsteinzimmer-passierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wusste-erich-koch-was-mit-dem-bernsteinzimmer-passierte\/","title":{"rendered":"Wusste Erich Koch was mit dem Bernsteinzimmer passierte?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als der alte Mann am 12. November 1986 nach 36 Jahren Haft in polnischen Gef\u00e4ngnissen starb, war er eine vergessene Person. Zwar gab es in einigen deutschen Zeitungen kleine Nachrufe, doch mit dem Namen Erich Koch konnten viele Deutsche nichts mehr anfangen. Dabei war er w\u00e4hrend des Dritten Reiches einer der schlimmsten Nazis gewesen. Er wurde f\u00fcr den Tod von weit mehr als einer Million Menschen verantwortlich gemacht \u2013 darunter Juden, Polen, Ukrainer und Ostpreu\u00dfen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4re damals bekannt gewesen, dass der 90-J\u00e4hrige m\u00f6glicherweise ein sensationelles Erbe hinterlassen hat, h\u00e4tte sein Tod zweifellos mehr Aufsehen erregt. Denn offenbar hatte Koch, der Adolf Hitlers Vertrauen genoss und mit dessen Sekret\u00e4r Martin Bormann befreundet war, schon in den 70er-Jahren im Gef\u00e4ngnis in Barczewo\/Wartenburg seine Memoiren geschrieben. Doch sie blieben nach seinem Tod unauffindbar \u2013 und sind bis heute verschwunden.<\/p>\n<h2><strong>Brutal gegen die Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/h2>\n<p>1959, als Koch in Warschau vor Gericht gestellt wurde, kannte in Polen und der Ukraine jedes Kind seinen Namen, und zwei Millionen Ostpreu\u00dfen verbanden die dramatische und verlustreiche Flucht vor der Roten Armee nach Westen mit ihm. Der Gerichtssaal war zum Bersten gef\u00fcllt, zahlreiche Journalisten aus vielen L\u00e4ndern waren eigens angereist, als das Wojewodschaftsgericht am 9. M\u00e4rz das Urteil sprach. In diesem Prozess wurde ihm der Tod von mindestens 300 000 Menschen vorgeworfen \u2013 Polen und Juden, die zwischen 1939 und 1944 ermordet worden waren.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war das Gebiet der Stadt Ciechan\u00f3w als Zichenau nach der deutschen Besetzung an Ostpreu\u00dfen angegliedert, wo Koch seit 1928 Gauleiter war. Das Gebiet Bia\u0142ystok kam ebenfalls unter seine Kontrolle. Koch beutete sein neues Herrschaftsgebiet r\u00fccksichtslos aus und ging brutal gegen die einheimische Bev\u00f6lkerung vor. Zwar konnte ihm das Gericht keine direkte Beteiligung an Mordaktionen der SS nachweisen, jedoch hatte es keine Zweifel daran, dass er als Vorgesetzter des regionalen SS-Chefs die Verantwortung trug. Das Urteil konnte daher in den Augen der Richter nur auf Tod lauten.<\/p>\n<div id=\"attachment_83019\" style=\"width: 588px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83019\" class=\"size-full wp-image-83019\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/erich-koch-Bundesarchiv_Bild_183-H13717_Erich_Koch.jpg\" alt=\"\" width=\"578\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/erich-koch-Bundesarchiv_Bild_183-H13717_Erich_Koch.jpg 578w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/erich-koch-Bundesarchiv_Bild_183-H13717_Erich_Koch-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 578px) 100vw, 578px\" \/><p id=\"caption-attachment-83019\" class=\"wp-caption-text\">Erich Koch<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Dabei waren Kochs Verbrechen in Polen nur der kleinere Teil dessen, was ihm eigentlich zur Last gelegt wurde. Denn als \u201eReichskommissar der Ukraine\u201c wurde er zus\u00e4tzlich f\u00fcr den Tod von mindestens einer Million Ukrainer und Juden verantwortlich gemacht. Er galt als Hitlers gr\u00f6\u00dfter Territorialherr, sein Herrschaftsgebiet reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Diese Verbrechen fielen allerdings nicht in die Zust\u00e4ndigkeit des polnischen Gerichts. Stalin wollte ihn zur allgemeinen Verwunderung aber nicht haben, als er 1949 nach vierj\u00e4hrigem Untertauchen in Schleswig-Holstein von der britischen Milit\u00e4rpolizei gefasst wurde. Vehement forderten dagegen ehemalige Ostpreu\u00dfen wie die \u201eZeit\u201c-Journalistin Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, die Koch aus ihrer alten Heimat her pers\u00f6nlich kannte, seine Verurteilung in der gerade gegr\u00fcndeten Bundesrepublik. Er sei \u201eeiner der gro\u00dfen politischen Schergen des Dritten Reiches und zeitweise neben Hitler einer der wichtigsten M\u00e4nner in der NSDAP\u201c gewesen, schrieb sie.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eErich Koch galt als Hitlers gr\u00f6\u00dfter Territorialherr, sein Herrschaftsgebiet reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Den Ostpreu\u00dfen war Koch verhasst, weil er ihnen im Winter 1945 verboten hatte, rechtzeitig vor der heranr\u00fcckenden Roten Armee nach Westen zu fl\u00fcchten. In der Folge starben tausende Menschen, als sie bei Eisesk\u00e4lte schlie\u00dflich v\u00f6llig \u00fcberst\u00fcrzt und unvorbereitet fliehen mussten. Koch war auch einer der Bef\u00fcrworter des \u201eVolkssturms\u201c, zu dem in den letzten Wochen vor Kriegsende noch etliche Jugendliche und alte M\u00e4nner verpflichtet wurden. Anfang 1950 wurde er aber trotz des Appells D\u00f6nhoffs nach Polen ausgeliefert, denn anders als die sowjetische hatte die polnische Regierung einen Auslieferungsantrag gestellt. Warschau stellte ihn dann fast neun Jahre sp\u00e4ter endlich vor Gericht.<\/p>\n<h2><strong>Zu krank zum Sterben?<\/strong><\/h2>\n<p>Das Todesurteil wurde allerdings nicht vollstreckt. Koch kam eine Absurdit\u00e4t des polnischen Strafrechts zugute, nach dem schwer erkrankte Verurteilte nicht hingerichtet werden durften. Wahrscheinlich gab es aber noch einen anderen Grund: Erich Koch hatte sich im Krieg eine gro\u00dfe Sammlung von Kunstgegenst\u00e4nden zusammengeraubt. Darunter war auch das ber\u00fchmte Bernsteinzimmer aus Leningrad (Sankt Petersburg), das er nach K\u00f6nigsberg schaffen und dort im Schloss ausstellen lie\u00df. Er hatte die Holzkisten, in die es aus Sicherheitsgr\u00fcnden lange vor dem Kriegsende wieder verpackt worden war, als einer der Letzten gesehen. Wahrscheinlich hatte er auch den Befehl gegeben, sie an einen Ort zu schaffen, wo sie der Roten Armee nicht in die H\u00e4nde fielen. Angeblich machte er den Polen immer wieder Hoffnungen, ihnen das Versteck zu zeigen, wenn sie ihn freilie\u00dfen. Auch der Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) forschte danach und befragte Koch im Gef\u00e4ngnis. 13 dicke Aktenb\u00e4nde f\u00fcllten die Aufzeichnungen \u00fcber die ergebnislose Suche.<\/p>\n<p>Koch verschwand nach der Aussetzung des Todesurteils im Prominentengef\u00e4ngnis von Barczewo (dem ehemaligen Wartenburg). Einer der gr\u00f6\u00dften deutschen Kriegsverbrecher geriet im Laufe seiner jahrzehntelangen Haft hinter dem Eisernen Vorhang in Polen hierzulande fast v\u00f6llig in Vergessenheit. Willy Brandt h\u00e4tte ihn bei seinem ber\u00fchmten Besuch 1971 in Warschau theoretisch mitnehmen k\u00f6nnen. Doch die deutsche Delegation war nicht nur v\u00f6llig verbl\u00fcfft, dass Koch \u00fcberhaupt noch lebte \u2013 sie verzichtete auch gerne auf seine R\u00fcckf\u00fchrung. In Deutschland h\u00e4tte Koch vermutlich auf freien Fu\u00df gesetzt werden m\u00fcssen, so die Sorge.<\/p>\n<div id=\"attachment_83017\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83017\" class=\"size-full wp-image-83017\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-PAP-PAI-Morek.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"608\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-PAP-PAI-Morek.jpg 750w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/foto-PAP-PAI-Morek-300x243.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><p id=\"caption-attachment-83017\" class=\"wp-caption-text\">Erich Koch in der Strafvollzugsanstalt Wartenburg. November 1986.<br \/>Foto: PAP\/PAI Morek<\/p><\/div>\n<p>Allerdings gab es in Bonn auch noch andere Bef\u00fcrchtungen. Denn Koch hatte w\u00e4hrend des Dritten Reiches ein eng gesponnenes Netz von Kontakten in der Partei und wusste so einiges \u00fcber die Vergangenheit von Politikern, Milit\u00e4rs oder Juristen. So war Konrad Adenauers Vertriebenenminister Theodor Oberl\u00e4nder einige Zeit sein direkter Untergebener gewesen. H\u00e4tte er geplaudert, w\u00e4re das wom\u00f6glich in Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost und West unangenehm geworden. Solange er weit weg in Polen im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, galt er als ungef\u00e4hrlich. Wahrscheinlich dachte Koch allerdings gar nicht daran, all sein Wissen mit ins Grab zu nehmen. Da er im Gef\u00e4ngnis deutsche Zeitungen lesen konnte, war er \u00fcber die ver\u00f6ffentlichten Erinnerungen von NS-Gr\u00f6\u00dfen wie Albert Speer und Baldur von Schirach oder dem einstigen Chef des Generalstabes der Wehrmacht, Franz von Halder, informiert. Vielleicht hat er sie sogar gelesen. Zun\u00e4chst hatte er offenbar geplant, nach seiner Haftentlassung, auf die er bis zu seinem Tod hoffte, seine Memoiren zu verfassen. 1972 schrieb er einem ehemaligen Vertrauten aus seiner Zeit als ostpreu\u00dfischer Gauleiter: \u201eEwig schade w\u00e4re es, wenn ich alles mit ins Grab nehmen m\u00fcsste. Ich denke, wir verstehen uns!\u201c Die Ver\u00f6ffentlichung seines Wissens und seiner Kenntnisse werde wie eine Atombombe einschlagen, war er sich sicher. \u201eWeder Halder, Speer noch Schirach wissen Wirkliches.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Memoiren wertvoller als die von Albert Speer<\/strong><\/h2>\n<p>Dann \u00e4nderte er seine Meinung und begann offenbar doch im Gef\u00e4ngnis mit der Arbeit. Im Dezember 1974 schrieb er an Verwandte in Wuppertal, er werde noch entscheiden, \u201ewer das Recht erh\u00e4lt, meine Memoiren \u2013 die mehr wert sind als die von Speer oder Schirach \u2013 zu ver\u00f6ffentlichen\u201c. Ein Verwandter aus Westdeutschland, der als Abwesenheitspfleger f\u00fcr ihn t\u00e4tig war und Koch im Gef\u00e4ngnis besuchte, berichtete, eine Art Tagebuch in Kochs Zelle gesehen zu haben. Doch was es auch immer war: Nach dessen Tod 1986 blieb es verschwunden. Die polnischen Beh\u00f6rden gaben gegen\u00fcber den Anw\u00e4lten der in der Schweiz lebenden Erbin Kochs nur an, dass in seiner Zelle neben Bargeld \u201eMobilien\u201c gefunden worden seien, ohne eine weitere Erkl\u00e4rung hinzuzuf\u00fcgen. Versuche der Anw\u00e4lte der Frau und der deutschen Botschaft, an den Nachlass zu gelangen, schlugen fehl. Dass er, wenn es ihn denn gab, sowohl einen gro\u00dfen historischen als auch materiellen Wert besa\u00df, war ihnen wohl klar. Ger\u00fcchte, nach denen ein Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter das Manuskript beiseitegeschafft habe, haben sich bislang nicht best\u00e4tigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_83021\" style=\"width: 912px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83021\" class=\"size-full wp-image-83021\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bernsteinzimmer-Andrey_Zeest_-_Amber_Room_2_autochrome.jpg\" alt=\"\" width=\"902\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bernsteinzimmer-Andrey_Zeest_-_Amber_Room_2_autochrome.jpg 902w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bernsteinzimmer-Andrey_Zeest_-_Amber_Room_2_autochrome-300x222.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bernsteinzimmer-Andrey_Zeest_-_Amber_Room_2_autochrome-768x567.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 902px) 100vw, 902px\" \/><p id=\"caption-attachment-83021\" class=\"wp-caption-text\">Das Bernsteinzimmer. Angeblich wusste Koch, was damit passiert ist.<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Was auch immer in dem verschollenen Manuskript \u00fcber andere Nazi-Gr\u00f6\u00dfen wie Heinrich Himmler oder Hermann G\u00f6ring, mit denen Koch st\u00e4ndig zu tun hatte, steht \u2013 die Geschichte m\u00fcsste im Falle seiner Entdeckung nicht neu geschrieben werden. Interessante Details aus dem Innenleben des \u201eTausendj\u00e4hrigen Reiches\u201c k\u00f6nnte es aber sicher bergen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der alte Mann am 12. November 1986 nach 36 Jahren Haft in polnischen Gef\u00e4ngnissen starb, war er eine vergessene Person. Zwar gab es in einigen deutschen Zeitungen kleine Nachrufe, doch mit dem Namen Erich Koch konnten viele Deutsche nichts mehr anfangen. Dabei war er w\u00e4hrend des Dritten Reiches einer der schlimmsten Nazis gewesen. 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