{"id":82537,"date":"2026-07-11T17:00:43","date_gmt":"2026-07-11T15:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=82537"},"modified":"2026-07-11T21:14:53","modified_gmt":"2026-07-11T19:14:53","slug":"im-lindenmonat-gehoert-die-buehne-der-linde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/im-lindenmonat-gehoert-die-buehne-der-linde\/","title":{"rendered":"Im Lindenmonat geh\u00f6rt die B\u00fchne der Linde"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>Der polnische Slawist und Kulturwissenschaftler Aleksander Br\u00fcckner leitete die Bedeutung des Wortes <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i><b>lipiec<\/b><\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b> (Lindenmonat, Juli) von der <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i><b>lipa<\/b><\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>, der Linde, her. Diese B\u00e4ume bl\u00fchen n\u00e4mlich genau an der Schwelle zwischen Juni und Juli \u2013 die Erkl\u00e4rung passt also wie angegossen. Es scheint daher, als geh\u00f6rten Sommer und Sonne untrennbar zur Linde; und genau in solchen optimistischen Zusammenh\u00e4ngen erscheint sie auch in der Literatur. <\/b><\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Man denke nur an zwei klassische Beispiele: an die einladende Linde Jan Kochanowskis, die dazu verlockt, sich unter ihr niederzulassen und ihren heilenden Kr\u00e4ften zu vertrauen, sowie an den diskreten Baum des Minnes\u00e4ngers Walther von der Vogelweide, in dessen Schatten sich mittelalterliche Liebende begegnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Doch die Linde steht nicht nur f\u00fcr Bl\u00fcte und positive Energie, sondern ebenso f\u00fcr Dunkelheit, R\u00e4tselhaftes und sogar Tod \u2013 freilich nicht im w\u00f6rtlichen, sondern im kulturellen Sinn.<\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Im Dunkel der Linde<\/b><\/span><\/span><\/h2>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00dcberzeugende Beispiele liefert vor allem die Volksdichtung, darunter auch jene, die in Oberschlesien spielt. In der Sammlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>\u201eOberschlesische Sagen\u201c<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (1911\/1912) von Paul und Hildegard Kn\u00f6tel, einem f\u00fcr die oberschlesische Kultur \u00fcberaus verdienstvollen Ehepaar, findet sich etwa eine Sage mit dem bezeichnenden Titel <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>\u201eDie Pestlinde\u201c<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">. Ihr Schauplatz ist das Dorf Nowaki in der heutigen Woiwodschaft Oppeln, genauer: ein Garten im Zentrum der Ortschaft. Dort soll einst eine alte Linde gestanden haben, die zum Gegenstand \u00fcbernat\u00fcrlicher Praktiken eines Fremdlings wurde \u2013 vermutlich eines Zauberers.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_82532\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82532\" class=\"size-medium wp-image-82532\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut-300x209.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut-300x209.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut-1024x713.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut-768x535.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut-1536x1069.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Siegfried-im-Drachenblut.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-82532\" class=\"wp-caption-text\">Das Lindenblatt auf Siegfrieds R\u00fccken (Nibelungen I, nach dem gleichnamigen Ufa-Film \/ Regie: Fritz Lang). Badische Landesbibliothek Karlsruhe.<\/p><\/div>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Eines Tages sei dieser Unbekannte ins Dorf gekommen und habe, geheimnisvolle Worte sprechend, die Pest in den Baum gebannt. Dadurch blieb die Dorfgemeinschaft eine Zeit lang verschont. Doch der Zauberer kehrte zur\u00fcck: Diesmal betrat er das Innere des Baumes und verlie\u00df ihn mit einem schwarzen Tuch, auf dem er in die Ferne davonflog. Er k\u00fcndigte an, dass nur ein einziger Mensch die kommende Pest \u00fcberleben werde. Und so geschah es: Ein Knecht \u00fcberstand die Seuche und erz\u00e4hlte sp\u00e4ter den neu zugezogenen Siedlern die ganze Geschichte.<\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Der Baum als Tr\u00e4ger von Erinnerung<\/b><\/span><\/span><\/h2>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In der Sage wird die Linde eindeutig mit Krankheit und Ungl\u00fcck identifiziert, die die gesamte Gemeinschaft heimsuchen. Das Beunruhigende daran: Die Pest kehrt wieder, ohne dass man wei\u00df, warum \u2013 und ohne zu wissen, wie man sich sch\u00fctzen k\u00f6nnte. So entstehen in der Vorstellung der Menschen geheimnisvolle Zauberer und magische Rituale: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Das Ph\u00e4nomen ist keineswegs einzigartig, ebenso wenig wie das Bannen von Pestluft oder D\u00e4monen in Holz. Von solchem Aberglauben erz\u00e4hlt etwa die Novelle <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>\u201eDie schwarze Spinne\u201c<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (1842) des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Auch dort bricht das Unheil \u00fcber eine kleine Gemeinde herein, ebenfalls in Gestalt einer Seuche \u2013 diesmal personifiziert als Spinne. Ein Ende findet sie erst, als sie symbolisch in einem Fensterrahmen eingeschlossen wird \u2013 selbstverst\u00e4ndlich aus Holz.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Linde steht nicht nur f\u00fcr Bl\u00fcte und positive Energie, sondern ebenso f\u00fcr Dunkelheit, R\u00e4tselhaftes und sogar Tod \u2013 freilich nicht im w\u00f6rtlichen, sondern im kulturellen Sinn.<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Linden fungierten im Volksglauben jedoch nicht nur als \u201eBeh\u00e4lter\u201c f\u00fcr Krankheit, sondern auch als symbolische Erinnerungsmale an Epidemien. Zum Gedenken an die Opfer solcher Trag\u00f6dien pflanzte man Linden auf ihren Gr\u00e4bern, so etwa im hessischen Wanfried. Die dort 1683 gesetzte Linde \u2013 zur Erinnerung an die Pest von 1682, die dreihundert Menschenleben forderte \u2013 steht noch heute als Naturdenkmal und lebendiger Zeuge jener Ereignisse.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_82534\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82534\" class=\"size-medium wp-image-82534\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Kaulbach_Unter_der_Linden-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Kaulbach_Unter_der_Linden-196x300.jpg 196w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Kaulbach_Unter_der_Linden.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><p id=\"caption-attachment-82534\" class=\"wp-caption-text\">Wilhelm von Kaulbach: Unter der Linde (Illustration zum Gedicht von W. von der Vogelweide)<\/p><\/div>\n<h2 class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das verh\u00e4ngnisvolle Lindenblatt<\/b><\/span><\/span><\/h2>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Man k\u00f6nnte also meinen, die Linde verk\u00f6rpere eine Kraft, die mehr \u00fcberdauert, als sich ein gew\u00f6hnlicher Sterblicher vorstellen kann. Ja, sie scheint dem Schicksal geradezu zu trotzen und ins Unendliche zu reichen. Warum aber wird sie zum Verh\u00e4ngnis f\u00fcr Siegfried, den legend\u00e4ren Drachent\u00f6ter \u2013 einen Helden, den niemand h\u00e4tte besiegen k\u00f6nnen, wenn nicht ein einziges Blatt auf seine Haut gefallen w\u00e4re und dort eine verwundbare Stelle hinterlassen h\u00e4tte? Vielleicht hat dies mit der germanischen G\u00f6ttin Freya zu tun, der H\u00fcterin von Liebe, Gl\u00fcck und Fruchtbarkeit, deren heiliger Baum ausgerechnet die Linde war. Vielleicht lie\u00df die m\u00e4chtige G\u00f6ttin Siegfried absichtlich eine Achillesferse, damit er nicht v\u00f6llig in Drachenhaut aufging und unsterblich wurde. Denn w\u00e4re er dann nicht den G\u00f6ttern gleich gewesen? Und war es nicht besser, dass er Mensch blieb?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Eine endg\u00fcltige Antwort bleibt uns verwehrt \u2013 ebenso wie das Wesen der Linde selbst, das unserem eigenen, menschlichen so verbl\u00fcffend \u00e4hnelt.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der polnische Slawist und Kulturwissenschaftler Aleksander Br\u00fcckner leitete die Bedeutung des Wortes lipiec (Lindenmonat, Juli) von der lipa, der Linde, her. Diese B\u00e4ume bl\u00fchen n\u00e4mlich genau an der Schwelle zwischen Juni und Juli \u2013 die Erkl\u00e4rung passt also wie angegossen. 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