{"id":82435,"date":"2026-07-09T05:00:24","date_gmt":"2026-07-09T03:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=82435"},"modified":"2026-07-08T19:43:42","modified_gmt":"2026-07-08T17:43:42","slug":"die-geschichte-ist-nicht-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-geschichte-ist-nicht-vorbei\/","title":{"rendered":"\u201eDie Geschichte ist nicht vorbei\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit drei Monaten wohne ich in den G\u00e4stezimmern der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, die sich auf dem Gel\u00e4nde des Schlossparks Bochum-Weitmar befinden. Ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Ort. Von der mittelalterlichen Burg ist nur eine malerische Ruine erhalten geblieben \u2013 die \u00e4u\u00dferen Mauern stehen noch, und zwischen ihnen wurde vor einigen Jahren ein moderner, kubischer Bauk\u00f6rper errichtet.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>So entstand eine ungew\u00f6hnliche architektonische Komposition, in der Geschichte und Gegenwart buchst\u00e4blich miteinander verschmelzen. Hier befinden sich eine Kunstgalerie, ein kleines Caf\u00e9 sowie G\u00e4stezimmer der Universit\u00e4t. Einige Dutzend Meter weiter liegen die Ruinen des ehemaligen Klosters und der Sitz des Museums unter Tage \u2013 eines Museums f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst, das unterirdisch untergebracht ist.<\/p>\n<p>Ins Museum kam ich eigentlich durch Zufall. Ein Kollege vom Bochumer Historischen Institut nahm an einer Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung \u201eDie Kids sind nicht alright!\u201d teil, und so verabredeten wir uns und besuchten sie gemeinsam. Die Ausstellung mit dem faszinierenden Titel zeigt Arbeiten von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern, die in der Sp\u00e4tphase der DDR aufgewachsen oder um das Wendejahr 1989 in Ostdeutschland geboren wurden.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Vergangenheit existiert nicht nur in Archiven, sondern auch in Familienerz\u00e4hlungen, Verschweigen, Emotionen und Konflikten zwischen den Generationen.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist eine Generation, die die DDR-Existenz nicht bewusst miterlebt hat, aber im Schatten dieses Erbes aufgewachsen ist. Sie erz\u00e4hlt nicht von eigenen Erinnerungen, sondern setzt sich mit den Erinnerungen der Eltern- und Gro\u00dfelterngeneration auseinander. In mehreren S\u00e4len sind Videoinstallationen, Fotografien, Skulpturen und konzeptuelle Arbeiten versammelt. Jede von ihnen erz\u00e4hlt eine andere Geschichte \u00fcber Erinnerung, Identit\u00e4t und die Erfahrung der Transformation.<\/p>\n<p>Eine Arbeit fesselte meine Aufmerksamkeit besonders lange. Auf einem kleinen Sockel steht eine schwarze Metallurne. Darauf eine schlichte Aufschrift: \u201eStasi-Akten Familie Donath&#8220;. Der erste Gedanke stellt sich fast automatisch ein. Befinden sich darin verbrannte Familienakten? Erst der begleitende Kommentar zur Installation kl\u00e4rt auf, dass die Urne \u2026 leer ist.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerin Susan Donath war zehn Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter beschloss sie, sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen. Sie wollte Zugang zu den Stasi-Akten ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern erhalten und sie anschlie\u00dfend \u2013 nach der Lekt\u00fcre \u2013 verbrennen, die Asche in einer Urne sammeln und diese auf dem Familiengrundst\u00fcck begraben. Diese Geste sollte den symbolischen Abschluss eines Kapitels der Familiengeschichte markieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_82438\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82438\" class=\"size-large wp-image-82438\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa007.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-82438\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<p>Das Vorhaben lie\u00df sich jedoch nicht verwirklichen. Die Eltern verweigerten die Zustimmung zur Herausgabe ihrer Akten. Der Vater, der vor 1989 der SED angeh\u00f6rt hatte und den die Stasi zur Zusammenarbeit zu bewegen versucht hatte, war von der Frage seiner Tochter \u00fcberrascht und erbat sich Bedenkzeit. Schlie\u00dflich lehnte er ebenso ab wie die Mutter der K\u00fcnstlerin, die auf die Idee noch emotionaler reagierte und ihrer Tochter zugleich an die \u201eguten Seiten&#8220; des Lebens in der DDR erinnerte. Nur die Gro\u00dfmutter entschied sich, ihre Akten zu beantragen. In der Familie begannen Gespr\u00e4che, Auseinandersetzungen und immer neue Fragen. Die K\u00fcnstlerin selbst erhielt die \u2013 im \u00dcbrigen vorhersehbare \u2013 Antwort, dass \u2026 sie keine eigene Akte besitze.<\/p>\n<p>Die Urne blieb also leer. Und gerade deshalb ist sie so vielsagend.<\/p>\n<p>Den wichtigsten Satz f\u00fcr das gesamte Projekt findet man weder auf dem Sockel noch in der Installation selbst, sondern im begleitenden Wandtext. Susan Donath schreibt dort: \u201e\u2026weil die Geschichte nicht vorbei ist.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Satz betrifft nicht nur die DDR. Er betrifft alle Gesellschaften, die versuchen, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit unter einer Diktatur auseinanderzusetzen. Als Historiker begann ich mich zu fragen, ob \u00e4hnliche Projekte auch in Polen entstanden sind. Es geht nicht um Ausstellungen zum Kommunismus oder zur T\u00e4tigkeit des Sicherheitsapparats \u2013 davon gab es viele.<\/p>\n<p>Es geht um den k\u00fcnstlerischen Versuch, die eigene Familiengeschichte zu erkunden und den engsten Angeh\u00f6rigen Fragen zu einer gemeinsamen Vergangenheit zu stellen. Vielleicht gibt es solche Arbeiten bereits, und ich kenne sie einfach nicht \u2013 ich w\u00fcrde gerne davon erfahren. Sollte es sie tats\u00e4chlich nicht geben, ist der Grund daf\u00fcr selbst eine \u00dcberlegung wert.<\/p>\n<div id=\"attachment_82440\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82440\" class=\"size-large wp-image-82440\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/26-06-17-bochum-wystawa004.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-82440\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<p>Historiker glauben gew\u00f6hnlich, dass sich Antworten in Archiven finden lassen. Susan Donath zeigt das Gegenteil. Das Archiv schlie\u00dft die Geschichte nicht ab \u2013 manchmal \u00f6ffnet es sie erst. Akten k\u00f6nnen famili\u00e4re Konflikte neu entfachen, indem sie verstaubte, vergessene oder verdr\u00e4ngte Str\u00e4nge neu aufrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Aus der Erz\u00e4hlung der Gro\u00dfmutter ging hervor, dass sie in einer bestimmten, kleinen Angelegenheit von einem nahen Verwandten angezeigt worden war\u2026 Dies bewegte den Gro\u00dfvater so sehr, dass auch er beschloss, seinen Antrag beim Archiv zur\u00fcckzuziehen. Er kam zu dem Schluss, dass er sich einer Konfrontation mit dem Familienmitglied nicht gewachsen f\u00fchle\u2026<\/p>\n<p>Die leere Urne wurde f\u00fcr mich zu einer der eindr\u00fccklichsten Metaphern dieser Ausstellung. Sie steht f\u00fcr eine Vergangenheit, die sich bis heute nicht abschlie\u00dfen l\u00e4sst, obwohl die Mittel zur Erkenntnis und zum \u201eAbschluss&#8220; der Erfahrungen dieser einen Familie durchaus vorhanden w\u00e4ren. Ihre Mitglieder sind nach wie vor nicht in der Lage, die Last der R\u00fcckkehr zu den fr\u00fcheren Ereignissen und ihrer pers\u00f6nlichen Aufarbeitung zu tragen. Die Vergangenheit l\u00e4sst sich noch nicht symbolisch begraben. Die Geschichte erwies sich als st\u00e4rker als die k\u00fcnstlerische Geste.<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u201eDie Kids sind nicht alright!&#8220; liefert keine einfachen Antworten. Sie zeigt jedoch, welch enormes Erkenntnispotenzial in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst steckt. Junge K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler stellen Fragen, die Historiker nicht immer zu erkennen verm\u00f6gen, weil sie sich zu sehr auf Fakten, Dokumente und Chronologie sowie auf eingefahrene Erkl\u00e4rungsmuster und Deutungsrahmen konzentrieren. Sie erinnern daran, dass die Vergangenheit nicht nur in Archiven existiert, sondern auch in Familienerz\u00e4hlungen, Verschweigen, Emotionen und Konflikten zwischen den Generationen.<\/p>\n<p>\u201eDie Geschichte ist nicht vorbei\u201c, schreibt Susan Donath.<\/p>\n<p>Gerade deshalb lohnt es sich, von Zeit zu Zeit ein Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst zu besuchen \u2013 nicht nur, um Kunst zu betrachten, sondern auch, um Geschichte und Gegenwart besser zu verstehen.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit drei Monaten wohne ich in den G\u00e4stezimmern der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, die sich auf dem Gel\u00e4nde des Schlossparks Bochum-Weitmar befinden. Ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Ort. Von der mittelalterlichen Burg ist nur eine malerische Ruine erhalten geblieben \u2013 die \u00e4u\u00dferen Mauern stehen noch, und zwischen ihnen wurde vor einigen Jahren ein moderner, kubischer Bauk\u00f6rper errichtet.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":82436,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4580,4232],"tags":[6362],"redaktor":[6211],"class_list":["post-82435","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne-de","category-politik-de","tag-deutsch-polnischer-nachbarschaftsvertrag-de","redaktor-krzysztof-ruchniewicz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82435"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82442,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82435\/revisions\/82442"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/82436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82435"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=82435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}