{"id":82404,"date":"2026-07-08T11:50:50","date_gmt":"2026-07-08T09:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=82404"},"modified":"2026-07-08T13:05:25","modified_gmt":"2026-07-08T11:05:25","slug":"1-150-kilometer-fuer-ein-praktikum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/1-150-kilometer-fuer-ein-praktikum\/","title":{"rendered":"1.150 Kilometer f\u00fcr ein Praktikum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Von der Pfalz nach Oberschlesien: W\u00e4hrend viele junge Menschen f\u00fcr ein Erasmus-Praktikum den n\u00e4chstgelegenen Flughafen w\u00e4hlen, entschied sich Jakob Theisinger f\u00fcr den Sattel seines Gravelbikes. Der 25-j\u00e4hrige Erzieher in Ausbildung legte mehr als 1.150 Kilometer zur\u00fcck, um drei Wochen im Katholischen Kindergarten Ochronka mit Deutschunterricht in Chronstau zu verbringen. Dort lernte er nicht nur den Kindergartenalltag kennen, sondern auch die Geschichte der deutschen Minderheit, die Gastfreundschaft der Region und die Bedeutung deutsch-polnischer Begegnungen \u2013 gerade im Jubil\u00e4umsjahr des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. Dominika Bassek sprach mit ihm \u00fcber Ausdauer, Neugier und dar\u00fcber, warum manchmal ein Regenbogen gen\u00fcgt, um die Welt mit Kinderaugen zu sehen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Die meisten Erasmus-Teilnehmer kommen mit dem Zug oder Flugzeug. Sie dagegen sind mit dem Fahrrad nach Chronstau gefahren \u2013 mehr als 1.150 Kilometer. Warum?<\/h3>\n<p>Eigentlich bin ich schon immer gerne Fahrrad gefahren. Vor einiger Zeit habe ich das Thema Bikepacking f\u00fcr mich entdeckt und gemerkt, dass mir diese Art des Reisens unglaublich viel gibt. Ich wollte eigentlich eine Frankreich-Tour dieses Jahr machen. Als dann das Erasmus-Angebot f\u00fcr das Praktikum in Chronstau kam, stand ich vor der Entscheidung: Frankreich oder Polen?<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch bin mit vielen Fragen hierhergekommen und fahre mit vielen Antworten wieder nach Hause.\u201c<br \/>\n\u2014 Jakob Theisinger<\/p><\/blockquote>\n<p>Da dachte ich mir: Warum nicht einfach beides verbinden und mit dem Fahrrad nach Polen fahren? Ich habe mir bewusst Zeit genommen, war neun bis zehn Tage unterwegs und habe unterwegs Familie in Dresden besucht. Insgesamt waren es rund 1.150 Kilometer und etwa 6.000 bis 7.000 H\u00f6henmeter. Wenn man die Strecke als Ganzes betrachtet, wirkt sie fast einsch\u00fcchternd. Deshalb denke ich immer nur in kleinen Etappen. So kommt man Schritt f\u00fcr Schritt ans Ziel.<\/p>\n<h2>\u00a0Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf den Kindergarten Ochronka in Chronstau?<\/h2>\n<p>Vor allem aus Neugier. Ehrlich gesagt h\u00e4tte ich Polen fr\u00fcher nie als Reiseziel in Betracht gezogen. Wenn man in Deutschland an Urlaub denkt, denkt man zuerst an Italien oder ans Meer. Polen hatte ich \u00fcberhaupt nicht auf dem Schirm. Gerade deshalb fand ich das Angebot spannend. Wann hat man schon die Gelegenheit, ein Land wirklich kennenzulernen, mit dem man vorher kaum Ber\u00fchrungspunkte hatte?<\/p>\n<div id=\"attachment_82405\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82405\" class=\"size-large wp-image-82405\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-300x225.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-768x576.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3900-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-82405\" class=\"wp-caption-text\">Jakob Theisinger<br \/>Foto: Dominika Bassek<\/p><\/div>\n<h3>Sie absolvieren eine Ausbildung zum Erzieher. Wann wussten Sie, dass dieser Beruf der richtige f\u00fcr Sie ist?<\/h3>\n<p>Nach der Schule wusste ich zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte. Deshalb habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule gemacht. Dort habe ich schnell gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit mit Kindern bereitet. Mich fasziniert, wie viel Entwicklung in den ersten Lebensjahren stattfindet. Kinder spielen scheinbar nur \u2013 tats\u00e4chlich lernen sie in jeder Minute. Ihnen Werte mitzugeben und sie ein St\u00fcck auf ihrem Weg zu begleiten, empfinde ich als etwas sehr Sinnvolles.<\/p>\n<h3>Wie haben Sie die ersten Tage im Kindergarten erlebt?<\/h3>\n<p>Am Anfang war alles neu. Ich war zum ersten Mal allein in einer fremden Kultur. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Aber ich wurde unglaublich herzlich aufgenommen. Barbara Bartek hat mir von Anfang an die Region gezeigt, und auch Rafa\u0142 Bartek hat sich viel Zeit genommen, mir die Geschichte Oberschlesiens und der deutschen Minderheit n\u00e4herzubringen. Dadurch habe ich mich sehr schnell willkommen gef\u00fchlt.<\/p>\n<h3>Und die Kinder?<\/h3>\n<p>uch das ging erstaunlich unkompliziert. Ich habe mich nicht aufgedr\u00e4ngt, sondern mich zun\u00e4chst an ihren Alltag angepasst. Morgens begr\u00fc\u00dfe ich alle gemeinsam, spiele mit ihnen, singe deutsche Lieder im Morgenkreis oder spiele mit einzelnen Kindern Dame. Nach einigen Tagen kamen die Kinder ganz selbstverst\u00e4ndlich auf mich zu. Heute f\u00fchle ich mich als Teil der Gruppe.<\/p>\n<h3>Sie sprechen kaum Polnisch. Wie funktioniert die Kommunikation?<\/h3>\n<p>Erstaunlich gut. Nat\u00fcrlich helfen Gestik, Mimik und Blickkontakt enorm. Gerade dadurch habe ich gelernt, wie wichtig nonverbale Kommunikation ist. Diese Erfahrung wird mir sp\u00e4ter sicher helfen. Auch in Deutschland werden k\u00fcnftig viele Kinder in die Kinderg\u00e4rten kommen, die zun\u00e4chst kein Deutsch sprechen. Jetzt kann ich viel besser nachvollziehen, wie sie sich f\u00fchlen. Das st\u00e4rkt die eigene Empathie.<\/p>\n<h3>Gab es Unterschiede zwischen der p\u00e4dagogischen Arbeit hier und in Deutschland?<\/h3>\n<p>Ehrlich gesagt weniger, als ich erwartet hatte. Es gibt in Deutschland ohnehin sehr unterschiedliche p\u00e4dagogische Konzepte. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnte dieser Kindergarten genauso gut in Deutschland stehen. Was mir besonders positiv aufgefallen ist: Wie engagiert hier alle arbeiten. Au\u00dferdem finde ich es hervorragend, dass regelm\u00e4\u00dfig eine Physiotherapeutin mit den Kindern arbeitet und dass hier jeden Tag frisch und lecker gekocht wird.<\/p>\n<h3>Vor Ihrem Aufenthalt wussten Sie nur wenig \u00fcber die deutsche Minderheit in Polen. Hat sich das ge\u00e4ndert?<\/h3>\n<p>Absolut. Ich wusste vorher fast nichts dar\u00fcber und war ehrlich \u00fcberrascht, wie viele Menschen hier Deutsch sprechen. Durch Gespr\u00e4che, B\u00fccher, das Wochenblatt, Museumsbesuche und Ausfl\u00fcge habe ich in kurzer Zeit unglaublich viel gelernt. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte Schlesiens. Je tiefer man sich damit besch\u00e4ftigt, desto spannender wird sie.<\/p>\n<div id=\"attachment_82407\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82407\" class=\"size-large wp-image-82407\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_3896-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-82407\" class=\"wp-caption-text\">Jakob Theisinger im Einsatz mit dem Animationstuch: So lernen Kinder spielerisch die Farben auf Deutsch.<br \/>Foto: Dominika Bassek<\/p><\/div>\n<h3>Sie haben auch das Konzert zum 35-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags besucht. Hat Ihr Praktikum f\u00fcr Sie mit diesem Jubil\u00e4um zu tun?<\/h3>\n<p>Definitiv. Solche Vertr\u00e4ge leben letztlich von den Begegnungen zwischen Menschen. Ich habe hier eine gro\u00dfe Gastfreundschaft erlebt und f\u00fchle mich ein wenig wie ein kleines Puzzleteil dieses Ganzen. Man muss nicht immer gro\u00dfe politische Gesten machen. Es reicht manchmal schon, wenn Menschen sich begegnen, voneinander lernen und mit einem positiven Bild wieder auseinandergehen.<\/p>\n<h3>Welche Werte m\u00f6chten Sie Kindern mitgeben?<\/h3>\n<p>Dass sie Freude am Leben behalten und keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Wichtig ist nicht, alles perfekt zu k\u00f6nnen. Wichtig ist, etwas auszuprobieren und weiterzumachen, wenn etwas einmal nicht gelingt. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Erwachsene.<\/p>\n<h3>Und was k\u00f6nnen Erwachsene von Kindern lernen?<\/h3>\n<p>Sich wieder \u00fcber Kleinigkeiten zu freuen. Kinder k\u00f6nnen sich f\u00fcr Dinge begeistern, die Erwachsene oft gar nicht mehr wahrnehmen. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und nach einem Regenschauer einen Regenbogen sehe, m\u00f6chte ich mich dar\u00fcber genauso freuen wie ein Kind. Diese F\u00e4higkeit sollte man sich bewahren.<\/p>\n<h3>Was nehmen Sie pers\u00f6nlich aus diesen drei Wochen mit?<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich praktische Erfahrungen f\u00fcr meinen Beruf. Vor allem aber habe ich gelernt, wie wichtig Offenheit gegen\u00fcber anderen Kulturen ist. Ich bin mit vielen Fragen hierhergekommen und fahre mit vielen Antworten wieder nach Hause.<\/p>\n<h3>Werden Sie nach Chronstau zur\u00fcckkehren?<\/h3>\n<p>Man wei\u00df nie, was das Leben bringt. Wenn ich noch einmal nach Polen komme, m\u00f6chte ich wahrscheinlich auch andere Regionen kennenlernen. Aber sollte ich wieder in der N\u00e4he sein, w\u00fcrde ich auf jeden Fall vorbeischauen. Und wenn jemand aus meiner Ausbildung nach einem Auslandspraktikum fragt, werde ich den Kindergarten in Chronstau ganz sicher empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von der Pfalz nach Oberschlesien: W\u00e4hrend viele junge Menschen f\u00fcr ein Erasmus-Praktikum den n\u00e4chstgelegenen Flughafen w\u00e4hlen, entschied sich Jakob Theisinger f\u00fcr den Sattel seines Gravelbikes. Der 25-j\u00e4hrige Erzieher in Ausbildung legte mehr als 1.150 Kilometer zur\u00fcck, um drei Wochen im Katholischen Kindergarten Ochronka mit Deutschunterricht in Chronstau zu verbringen. 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