{"id":82389,"date":"2026-07-07T18:00:14","date_gmt":"2026-07-07T16:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=82389"},"modified":"2026-07-07T18:25:40","modified_gmt":"2026-07-07T16:25:40","slug":"erste-pastorin-aus-schlesien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/erste-pastorin-aus-schlesien\/","title":{"rendered":"Erste Pastorin aus Schlesien"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Katharina Helene Charlotte Staritz wurde am 25. Juli 1903 in Breslau geboren. Sie war die \u00e4lteste Tochter von Carl Staritz, einem Lehrer f\u00fcr Mathematik, Physik und Chemie. Die Atmosph\u00e4re im Elternhaus wurde als warm und liberal beschrieben, stark auf Bildung ausgerichtet, offen f\u00fcr Musik und zugleich in einer traditionellen Religiosit\u00e4t verwurzelt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach dem Abschluss der h\u00f6heren Schule im Jahr 1922 wollte Katharina Theologie studieren. Ihre Eltern sahen jedoch keine Zukunft f\u00fcr eine Frau in der Kirche und baten sie, stattdessen Germanistik, Geschichte und Religionswissenschaft an der Universit\u00e4t Breslau zu studieren, um sich auf den Lehrerinnenberuf vorzubereiten. Ihre eigentliche Leidenschaft blieb jedoch die Theologie.<\/p>\n<p>Der Wendepunkt kam durch Professor Hans Freiherr von Soden (1881\u20131945), einen herausragenden Kirchenhistoriker und Neutestamentler sowie langj\u00e4hrigen Mentor und engagierten F\u00f6rderer von Staritz. Von Soden besuchte ihre Eltern pers\u00f6nlich, um sie von einem Wechsel des Studienfachs ihrer Tochter zu \u00fcberzeugen. Ab dem Sommersemester 1926 nahm Katharina Staritz das Theologiestudium in Breslau auf und folgte bereits im Wintersemester 1926\/1927 ihrem Professor nach Marburg. Am 13. Dezember 1928 bestand sie das erste theologische Examen, nur neun Tage sp\u00e4ter das Doktorexamen. Damit war sie die erste Frau, die an einer theologischen Fakult\u00e4t das Lizentiat und einen akademischen Grad erlangte.<\/p>\n<h2>Die erste schlesische Stadtvikarin<\/h2>\n<p>Nach Inkrafttreten des Kirchengesetzes vom 9. Mai 1927, das die \u201eVorbildung und Anstellung von Vikarinnen\u201c in der Evangelischen Kirche der altpreu\u00dfischen Union regelte, konnte Katharina Staritz in das Lehrvikariat der Kirchenprovinz Schlesien aufgenommen werden. Dies geschah nach dem Bestehen des ersten theologischen Examens. Am 9. M\u00e4rz 1932 legte sie vor der Pr\u00fcfungskommission des Evangelischen Konsistoriums der Kirchenprovinz Schlesien das zweite theologische Examen ab.<\/p>\n<p>Obwohl es ihr als Frau nicht gestattet war, eine Pfarrstelle zu \u00fcbernehmen, fand sie eine Anstellung als nicht ordinierte Stadtvikarin beim Kirchenkreis Breslau. Sechs Jahre sp\u00e4ter erhielt sie die Ordination, jedoch mit erheblich eingeschr\u00e4nkten Rechten. Ihr privatrechtlicher Arbeitsvertrag legte den Aufgabenbereich genau fest: seelsorgerliche Betreuung von Kindern in Krankenh\u00e4usern, Unterricht f\u00fcr Konfirmandinnen und Konfirmanden, Katechese f\u00fcr Jugendliche, Frauen und Menschen j\u00fcdischer Herkunft sowie Mitarbeit in einer Vorstadtgemeinde von Breslau. Mit der Zeit gewann das Amt der Stadtvikarin jedoch zunehmend an Bedeutung. Staritz \u00fcbernahm immer mehr Aufgaben, die \u00fcber den Rahmen einer einzelnen Gemeinde hinausgingen \u2013 Aufgaben, denen sich andere Geistliche nicht stellen wollten oder konnten.<\/p>\n<h2>Verteidigerin der schlesischen Juden<\/h2>\n<p>Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde die Betreuung von Juden \u2013 nicht nur in Breslau, sondern in der gesamten schlesischen Provinz \u2013 zu einem der zentralen T\u00e4tigkeitsfelder von Katharina Staritz. Bereits im Sommer 1938 hatte Pfarrer Heinrich Gr\u00fcber (1891\u20131975) gemeinsam mit Mitgliedern der Bekennenden Kirche in Berlin das Kirchliche Hilfswerk f\u00fcr nichtarische Christen gegr\u00fcndet, bekannt als das \u201eB\u00fcro Gr\u00fcber\u201c. Es stellte die evangelische Antwort auf katholische Hilfsstrukturen wie den St.-Raphaels-Verein dar.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMit Wort und Tat legte sie Zeugnis ab von christlicher Liebe und F\u00fcrsorge \u2013 ein Erbe, das nicht nur in Archiven, sondern auch in Schulen und Kirchen pr\u00e4sent sein sollte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach den Novemberpogromen wuchs die Bedeutung des B\u00fcros Gr\u00fcber sprunghaft an. Ziel war es, Juden bei der Emigration zu unterst\u00fctzen, unter anderem durch die Vermittlung ausl\u00e4ndischer Kontakte und materielle Hilfe, sowie Beratung f\u00fcr jene zu leisten, die im Reich geblieben waren. In den Kirchenprovinzen wurden sogenannte Treuhandstellen eingerichtet, deren Leiter in st\u00e4ndigem Kontakt mit Berlin standen. Am 1. Dezember 1938 wurde Katharina Staritz zur Leiterin der Treuhandstelle in Breslau ernannt. Die formale Anerkennung der T\u00e4tigkeit des B\u00fcros Gr\u00fcber durch die Gestapo erfolgte erst im Februar 1940. Am 2. April 1940 wurde das Konsistorium in Breslau offiziell dar\u00fcber informiert, dass s\u00e4mtliche Angelegenheiten der Migration, der sozialen F\u00fcrsorge und des Schulwesens der Juden innerhalb der evangelischen Kirche durch das B\u00fcro Gr\u00fcber bearbeitet w\u00fcrden; \u00f6rtliche Ansprechpartnerin war: Vikarin Staritz, Breslau, Wagnerstra\u00dfe 7.<\/p>\n<h2>Der Brief, der zum Akt des Widerstands wurde<\/h2>\n<p>Die Situation versch\u00e4rfte sich von Monat zu Monat. Nach Ausbruch des Krieges wurde Emigration nahezu unm\u00f6glich. Das B\u00fcro Gr\u00fcber wurde geschlossen, und Gr\u00fcber selbst am 19. Dezember 1940 verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eKatharina Staritz: Eine Frau, die Aufgaben \u00fcbernahm, denen sich andere Geistliche nicht stellen wollten oder konnten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Am 12. September 1941 verschickte Katharina Staritz ein Rundschreiben an die Breslauer Pfarrer, in dem sie sich auf die Anordnung zum Tragen des gelben Davidsterns bezog. Sie wies darauf hin, dass diese auch Christen j\u00fcdischer Herkunft sowie deren Kinder betreffe und dass ihr Ausschluss von den Gottesdiensten eine Verneinung des christlichen Ethos darstelle: \u201eEs ist Pflicht der christlichen Gemeinden, sie nicht vom Gottesdienst auszuschlie\u00dfen. Sie haben das gleiche Recht auf Zugeh\u00f6rigkeit zur Kirche wie andere Gemeindeglieder und bed\u00fcrfen in besonderer Weise des Trostes aus dem Wort Gottes.\u201c Dieser Brief war ein eindeutiger Akt des Widerspruchs gegen Diskriminierung und gelangte rasch in die H\u00e4nde der Gestapo. Staritz wurde zun\u00e4chst suspendiert und anschlie\u00dfend aus ihrem Amt entfernt.<\/p>\n<h2>Verhaftung und Lagerhaft<\/h2>\n<p>Am 4. M\u00e4rz 1942 wurde sie in Marburg verhaftet. Sie durchlief das Gef\u00e4ngnis in Kassel, das Lager Breitenau und verbrachte anschlie\u00dfend fast ein Jahr im Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck. Die Lagererfahrungen ruinierten ihre k\u00f6rperliche und seelische Gesundheit dauerhaft. Die bedingte Entlassung am 18. Mai 1943 wurde durch monatelange Interventionen ihrer Schwester Charlotte sowie einflussreicher Freunde aus kirchlichen Kreisen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<h2>Die letzten Jahre und das Gedenken<\/h2>\n<p>Nach dem Krieg setzte Katharina Staritz ihren seelsorgerlichen Dienst in Frankfurt am Main fort. Als erste ordinierte Theologin erhielt sie im Bereich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau den Status einer Kirchenbeamtin. Sie arbeitete in Gemeinden, Krankenh\u00e4usern und im Frauengef\u00e4ngnis. Am 3. April 1953 starb sie an Krebs.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte blieb die Erinnerung an sie auf den Kreis von Familie und Freunden beschr\u00e4nkt. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann ihre Gestalt wieder ins kollektive Bewusstsein zur\u00fcckzukehren. Im Jahr 2001 wurde in der Kirche St. Maria Magdalena in Breslau eine Gedenktafel enth\u00fcllt, die an ihr Leben und ihren Mut erinnert. Mit Wort und Tat legte sie Zeugnis ab von christlicher Liebe und F\u00fcrsorge gegen\u00fcber den Verfolgten. So sieht unser schwieriges schlesisches Erbe aus \u2013 ein Erbe, das nicht nur in Archiven pr\u00e4sent sein sollte, sondern auch in Schulen und Kirchen. Nicht nur in evangelischen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Maciej Mischok<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Redaktion \u201aSchlesien heute\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/www.schlesien-heute.de\">www.schlesien-heute.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Katharina Helene Charlotte Staritz wurde am 25. Juli 1903 in Breslau geboren. Sie war die \u00e4lteste Tochter von Carl Staritz, einem Lehrer f\u00fcr Mathematik, Physik und Chemie. 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