{"id":81298,"date":"2026-06-17T11:00:19","date_gmt":"2026-06-17T09:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=81298"},"modified":"2026-06-17T10:56:20","modified_gmt":"2026-06-17T08:56:20","slug":"ein-politischer-kompass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ein-politischer-kompass\/","title":{"rendered":"Ein politischer Kompass"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 35 Jahren \u2013 am 17. Juni 1991 \u2013 unterzeichneten Polens Ministerpr\u00e4sident Jan Krzysztof Bielecki und Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn den Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Dokument war der erste derart umfassende v\u00f6lkerrechtliche Vertrag, der die gegenseitigen Beziehungen nach der Wende von 1989 und der deutschen Wiedervereinigung regelte. Er legte auch die Grundlagen f\u00fcr die Zusammenarbeit in vielen Bereichen fest, darunter Sicherheit, Wirtschaft, regionale und grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit, Wissenschaft, Kultur, Umweltschutz und gesellschaftliche Kontakte.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Er war auch ein Zeichen des Friedens und ein Beweis f\u00fcr politischen und moralischen Mut sowie ein Beleg daf\u00fcr, dass Vers\u00f6hnung zwischen V\u00f6lkern selbst nach den schmerzhaftesten Erfahrungen der Geschichte m\u00f6glich ist. Gleichzeitig best\u00e4tigte er den Willen zum friedlichen Zusammenleben und zur Achtung der Grenze an Oder und Nei\u00dfe und garantierte den Schutz der Rechte nationaler Minderheiten. Wir wissen auch, dass in den Beh\u00f6rden der Volksrepublik Polen sowie in den neu entstehenden Institutionen der Dritten Republik bis zum Treffen in Kreisau nur ungern erw\u00e4hnt wurde, dass es in Polen Deutsche gibt, die in verschiedenen Teilen des Landes leben, am zahlreichsten in der Woiwodschaft Oppeln. Doch dank der Unterzeichnung des Vertrags kam der Moment, in dem man offen und ruhig f\u00fcr unsere kleine Heimat wirken und arbeiten konnte, ohne Angst vor Druck oder Repressalien.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Wenn man heute auf den Vertrag zur\u00fcckblickt, sieht man, wie reif und weise diese Formulierungen waren, wie sie uns 35 Jahre guter Zusammenarbeit erm\u00f6glicht haben.<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2>Ein bahnbrechender Prozess<\/h2>\n<p>\u00dcber den Wert, den der vor 35 Jahren unterzeichnete Vertrag birgt, \u00e4u\u00dferte sich in unseren Medien Knut Abraham, Koordinator f\u00fcr die deutsch-polnische gesellschaftliche und grenz\u00fcbergreifende Zusammenarbeit:<\/p>\n<p>\u201eIn ganz Europa herrschte damals ein unglaublicher Optimismus. Die grundlegende \u00dcberzeugung, dass f\u00fcr Europa nach dem Albtraum des Zweiten Weltkriegs, der d\u00fcsteren Zeit der sowjetischen Besatzung und dem Elend des real existierenden Sozialismus eine neue, friedliche Epoche anbrechen w\u00fcrde. Und so geschah es auch. Der deutsch-polnische Vertrag war entscheidend, denn er schuf die Grundlagen f\u00fcr Vers\u00f6hnung, gute Nachbarschaft, Partnerschaft und vor allem Freundschaft. Wir verstanden, dass der bahnbrechende Prozess der Vereinigung Europas insbesondere von Deutschland und Polen abh\u00e4ngen w\u00fcrde. Wir konnten auf vielf\u00e4ltige gesellschaftliche Verbindungen aufbauen, die bereits bestanden \u2013 sowohl zu Westdeutschland als auch zur ehemaligen DDR. Wir dachten dabei stets an die deutsche Minderheit. Die Eindr\u00fccke von ihrer umfangreichen Selbstorganisation und ihrem Wiederauftreten waren noch lebendig. In dieser Zeit war ich oft in Oberschlesien und anderen Regionen unterwegs.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76382\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-76382\" class=\"size-large wp-image-76382\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/knut-abraham.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-76382\" class=\"wp-caption-text\">Knut Abraham, Koordinator f\u00fcr die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit.<br \/>Foto: FB\/Kurt Abraham<\/p><\/div>\n<p>Knut Abraham sagte auch, dass es f\u00fcr beide L\u00e4nder \u00e4u\u00dferst wichtig war, ihre Beziehungen auf ein neues Fundament zu stellen, und f\u00fcgte hinzu:<\/p>\n<p>\u201eIch denke, man kann hier von einem v\u00f6lligen Neubeginn in den deutsch-polnischen Beziehungen sprechen. Wahrscheinlich ging es auch darum, das dunkelste Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte hinter sich zu lassen \u2013 aber nicht im Sinne des Vergessens, was geschehen war, sondern vielmehr darum, Raum f\u00fcr etwas Neues zu schaffen. Und das Neue war, dass man 1991 frei und ohne ideologische Einschr\u00e4nkungen unter Berufung auf die Geschichte sprechen und Themen ansprechen konnte, die zuvor tabu waren.\u201c<\/p>\n<h2>Schl\u00fcsselbedeutung<\/h2>\n<p>Der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland wird auch von polnischen Politikern gew\u00fcrdigt. Laut Tomasz Siemoniak, ehemaliger Innen- und Verwaltungsminister, hatten die Unterschriften unter dem hier besprochenen Dokument eine enorme, geradezu entscheidende Bedeutung. Tomasz Siemoniak betont, dass die Regierungen von Jan Krzysztof Bielecki und Bundeskanzler Helmut Kohl 1991 beschlossen, die sich aus dem Einigungsvertrag ergebenden Fragen zu regeln, und dass die Regelung dieser Beziehungen Priorit\u00e4t f\u00fcr beide L\u00e4nder habe \u2013 und zwar im Geiste der Nachbarschaft und im Geiste einer auf Jahrzehnte angelegten Freundschaft:<\/p>\n<p>\u201eWenn man heute auf diesen Vertrag zur\u00fcckblickt, sieht man, wie reif und weise diese Formulierungen waren, wie sie uns 35 Jahre guter Zusammenarbeit erm\u00f6glicht haben \u2013 die Unterst\u00fctzung Deutschlands beim Beitritt Polens zur NATO, die Unterst\u00fctzung Deutschlands beim Beitritt Polens zur EU, der Aufbau sehr starker wirtschaftlicher Beziehungen\u201c, so Tomasz Siemoniak.<\/p>\n<div id=\"attachment_80967\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-80967\" class=\"size-large wp-image-80967\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mosty-Dialogu-00934.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-80967\" class=\"wp-caption-text\">Mit Blick auf die Entwicklung des politischen Klimas zog Siemoniak in seiner Dankesrede zugleich einen ern\u00fcchternden Vergleich: \u201eChristoph und ich haben ein wenig dar\u00fcber gesprochen, dass die Politik fr\u00fcher besser war und heute schlechter geworden ist.\u201c Foto: S. Koprek-Golomb<\/p><\/div>\n<p>Und das ist keine \u00dcbertreibung \u2013 Deutschland ist Polens wichtigster Wirtschaftspartner, Polen wiederum ist zu einem bedeutenden Wirtschaftspartner f\u00fcr Deutschland geworden:<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein starkes Fundament, das in den ersten Jahren unserer Unabh\u00e4ngigkeit gelegt wurde. Es ist stabil, und wir sollten zu jenem Geist zur\u00fcckkehren, den uns mutige Menschen auf beiden Seiten der Grenze geschenkt haben, die nach Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung suchten\u201c, konkludiert Tomasz Siemoniak.<\/p>\n<h2>Ein Novum in der Au\u00dfenpolitik<\/h2>\n<p>Hervorzuheben ist auch, dass der vor 35 Jahren unterzeichnete Vertrag eine Art Novum in der Au\u00dfenpolitik sowohl f\u00fcr Deutschland als auch f\u00fcr Polen darstellte. Alle darin enthaltenen Elemente, die beide L\u00e4nder betreffen \u2013 von der Infrastruktur \u00fcber die Au\u00dfenpolitik bis hin zu den Angelegenheiten der in Polen lebenden Deutschen und der in Deutschland lebenden Polen \u2013 wurden in diesem Vertrag zusammengefasst.<\/p>\n<p>\u201eWissenswert ist auch, dass dieser Vertrag das erste Dokument nach der schwierigen historischen Zeit des Zweiten Weltkriegs ist, das Polen und Deutschland auf den Weg des Friedens, der Freundschaft und der Zusammenarbeit gef\u00fchrt hat\u201c, betont Ryszard Galla, Beauftragter des Sejmmarschalls f\u00fcr nationale und ethnische Minderheiten.<\/p>\n<div id=\"attachment_72341\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72341\" class=\"size-large wp-image-72341\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/doradca-marszalka-Sejmu-ds.-mniejszosci-narodowych-i-etnicznych-Ryszard-Galla.com_-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/doradca-marszalka-Sejmu-ds.-mniejszosci-narodowych-i-etnicznych-Ryszard-Galla.com_-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/doradca-marszalka-Sejmu-ds.-mniejszosci-narodowych-i-etnicznych-Ryszard-Galla.com_-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/doradca-marszalka-Sejmu-ds.-mniejszosci-narodowych-i-etnicznych-Ryszard-Galla.com_-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/doradca-marszalka-Sejmu-ds.-mniejszosci-narodowych-i-etnicznych-Ryszard-Galla.com_.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-72341\" class=\"wp-caption-text\">Doradca marsza\u0142ka Sejmu ds. mniejszo\u015bci narodowych i etnicznych Ryszard Galla.<br \/>Foto: Stefani Koprek-Golomb<\/p><\/div>\n<p>Hier stellt sich jedoch die Frage, ob dieses Dokument nach 35 Jahren noch Bestand hat:<\/p>\n<p>\u201eIn bestimmten Fragen schauen wir immer noch auf die Regelungen dieses Vertrags, also hat er Bestand. So war es beispielsweise in der Zeit, als wir im Rahmen des Runden Tisches arbeiteten. Damals sch\u00f6pften wir aus den Vertragsregelungen Inspiration f\u00fcr die Ausarbeitung des Dokuments, das die Arbeit des Runden Tisches abschloss\u201c, erinnert sich Ryszard Galla und f\u00fcgt hinzu:<\/p>\n<p>\u201eMan schaut also in ihn hinein, aber \u2026 es werden auch Diskussionen zwischen den Regierungen Polens und Deutschlands gef\u00fchrt, ob dieser Vertrag ge\u00e4ndert oder neu geschrieben werden soll. Pers\u00f6nlich bin ich der Meinung, dass es gut ist, dass dar\u00fcber diskutiert wird, denn es f\u00fchrt dazu, dass die beiden Seiten miteinander sprechen, und wie wir wissen, sind Gespr\u00e4ch und Dialog f\u00fcr uns wichtig.\u201c<\/p>\n<h2>Kein leerer Vertrag<\/h2>\n<p>Tomasz Siemoniak ist jedoch ein entschiedener Bef\u00fcrworter, sich an den Geist und den Buchstaben des Vertrags zu halten. Er ist der Ansicht, dass das, was im Vertrag festgelegt ist, st\u00e4ndig vertieft und neu interpretiert werden sollte:<\/p>\n<p>\u201eVor 15 Jahren, beim deutsch-polnischen Runden Tisch zu Minderheitenfragen, beschlossen wir, uns die Regelungen anzusehen, die Polen in Deutschland und die deutsche Minderheit in Polen betreffen, denn \u2026 der Vertrag muss lebendig sein\u201c, argumentiert Tomasz Siemoniak und schlie\u00dft:<\/p>\n<p>\u201eDem muss man zustimmen, denn er ist schlie\u00dflich ein politischer Kompass und keine allt\u00e4gliche Handlungsanweisung. Deshalb wird er beim bevorstehenden Junitreffen des polnischen Ministerpr\u00e4sidenten mit dem deutschen Bundeskanzler anl\u00e4sslich des Vertragsjubil\u00e4ums Gegenstand von Reflexionen und Diskussionen sein, denn es handelt sich um sehr wichtige Dinge, die nicht nur Auswirkungen auf das haben, was morgen oder \u00fcbermorgen geschieht, sondern auf die kommenden Jahre. Und wenn das so ist, bin ich daf\u00fcr, \u00fcber den Vertrag zu sprechen, aber gleichzeitig bin ich auch gegen Ad-hoc-\u00c4nderungen an einem so bedeutenden Dokument.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 35 Jahren \u2013 am 17. Juni 1991 \u2013 unterzeichneten Polens Ministerpr\u00e4sident Jan Krzysztof Bielecki und Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn den Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland. 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