{"id":81206,"date":"2026-06-17T05:00:26","date_gmt":"2026-06-17T03:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=81206"},"modified":"2026-06-16T17:19:33","modified_gmt":"2026-06-16T15:19:33","slug":"17-juni-zwei-jahrestage-eine-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/17-juni-zwei-jahrestage-eine-geschichte\/","title":{"rendered":"17. Juni: Zwei Jahrestage, eine Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der 17. Juni 1953 und der 17. Juni 1991 markieren zwei sehr unterschiedliche, aber eng miteinander verkn\u00fcpfte Momente der europ\u00e4ischen Geschichte. Ein Blick auf die Reaktionen in Polen zeigt, wie der Volksaufstand in der DDR und die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags fast vierzig Jahre sp\u00e4ter Teil einer gemeinsamen europ\u00e4ischen Geschichte der \u00dcberwindung von Diktatur und Teilung sind.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der 17. Juni geh\u00f6rt zu den symboltr\u00e4chtigsten Daten der deutschen und europ\u00e4ischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. An diesem Tag kam es 1953 in der DDR zu massenhaften B\u00fcrgerprotesten gegen die kommunistische Herrschaft, die sp\u00e4ter als Volksaufstand bezeichnet wurden. Es war der erste derartige Fall im Ostblock. Einige Jahrzehnte sp\u00e4ter, am 17. Juni 1991, wurde der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem vereinten Deutschland und Polen unterzeichnet. Beide Jahrestage trennen fast vierzig Jahre, doch verbindet sie mehr, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie sind Teil der Geschichte der \u00dcberwindung von Spaltungen, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg durchfurcht haben.<\/p>\n<p>In diesem Jahr hat die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur erneut zahlreiche Bildungsmaterialien zu den Ereignissen vom Juni 1953 vorbereitet. In Deutschland bleibt die Erinnerung an diesen Aufstand ein wichtiger Teil der Reflexion \u00fcber die Geschichte der kommunistischen Diktatur. In Polen geht dieser Jahrestag gew\u00f6hnlich nahezu unbemerkt vor\u00fcber. Dabei lohnt es sich, an ihn zu erinnern \u2013 nicht nur wegen der deutschen Geschichte, sondern auch deshalb, weil diese Ereignisse ein bedeutendes Echo auf unserer Seite der Oder ausgel\u00f6st haben.<\/p>\n<p>Der landesweite Aufstand nahm seinen Anfang mit den Protesten der Bauarbeiter in Ost-Berlin. Der unmittelbare Anlass war die Erh\u00f6hung der Arbeitsnormen (d.h. der f\u00fcr den Lohn zu erbringenden Arbeitsleistung), doch die gesellschaftliche Unzufriedenheit hatte sich seit Langem aufgestaut. Die DDR-F\u00fchrung verfolgte eine Politik beschleunigter Sowjetisierung des Landes, trieb den Ausbau der Schwerindustrie und des Sicherheitsapparats voran, der eine wirksame Kontrolle der B\u00fcrger gew\u00e4hrleisten sollte. Gleichzeitig war sie nicht in der Lage, ihnen ein Mindestma\u00df an Lebensstandard zu sichern. Immer mehr Menschen verlie\u00dfen das Land und flohen in die Bundesrepublik. Unter diesen Umst\u00e4nden verwandelte sich selbst ein begrenzter sozialer Protest rasch in eine politische Kundgebung.<\/p>\n<blockquote><p>Zwischen dem 17. Juni 1953 und dem 17. Juni 1991 erstreckt sich die Geschichte der \u00dcberwindung von Spaltungen in Europa.<\/p><\/blockquote>\n<p>Am 17. Juni erfassten Massenproteste nicht nur Berlin, sondern auch Dutzende weitere St\u00e4dteund Ortschaften in der gesamten DDR, gro\u00dfe wie kleine. Die Arbeiter forderten zun\u00e4chst die R\u00fccknahme der erh\u00f6hten Normen, doch schon bald verlangten sie freie Wahlen, den R\u00fccktritt der Regierung und die Demokratisierung des \u00f6ffentlichen Lebens. Die F\u00fchrung war auf ein solches Ausma\u00df des Protests nicht vorbereitet. Zugest\u00e4ndnisse kamen nicht in Betracht. Die Niederschlagung des Aufstands war jedoch nur durch den Einmarsch sowjetischer Truppen m\u00f6glich. Panzer rollten auf die Stra\u00dfen, der Ausnahmezustand wurde verh\u00e4ngt, und die Demonstrationen wurden brutal aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>In der europ\u00e4ischen Geschichtsschreibung gelten die Ereignisse vom Juni 1953 heute als erste gro\u00dfe Krise des kommunistischen Systems in Mittel- und Osteuropa. Von ihnen f\u00fchrt der Weg nach Posen, Warschau und Budapest 1956, zum Prager Fr\u00fchling 1968, zur polnischen \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c und schlie\u00dflich zum Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Weit seltener stellen wir uns die Frage, wie die Ereignisse in der DDR im benachbarten Polen wahrgenommen wurden. Lange Jahre dominierte die \u00dcberzeugung, sie h\u00e4tten kaum Einfluss auf die polnische Gesellschaft gehabt. Archivforschungen zeigen jedoch ein weitaus vielschichtigeres Bild.<\/p>\n<p>Die polnische F\u00fchrung wurde von den Ereignissen in der DDR \u00fcberrascht. Offiziell wurde die von Ost-Berlin verk\u00fcndete These einer vom Westen inspirierten \u201efaschistischen Provokation\u201c wiederholt, doch interne Dokumente zeigen, dass die PZPR-F\u00fchrung auch die gesellschaftlichen Ursachen des Aufstands erkannte. In Warschau war man sich bewusst, dass viele der in der DDR vorhandenen Probleme auch in Polen bestanden. Man denke nur an die Erh\u00f6hung der Arbeitsnormen, die Versorgungsschwierigkeiten oder die Unzufriedenheit der Arbeiter und Bauern.<\/p>\n<div id=\"attachment_77534\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77534\" class=\"size-large wp-image-77534\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-niemcy-AI-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-niemcy-AI-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-niemcy-AI-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-niemcy-AI-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-niemcy-AI.png 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-77534\" class=\"wp-caption-text\">Deutsch-Polnische Beziehungen (Symbolbild).<br \/>Foto: Ki-generiert<\/p><\/div>\n<p>Besonders aufschlussreich sind die Berichte des Sicherheitsapparats. Aus ihnen geht hervor, dass die Polen die Ereignisse jenseits der Oder mit gro\u00dfem Interesse verfolgten, \u00fcber die sie durch westliche Rundfunksender informiert wurden. Sie kommentierten den Verlauf der Demonstrationen, diskutierten \u00fcber die Ursachen der Proteste und ihre m\u00f6glichen Konsequenzen. Viele Polen glaubten der offiziellen Propaganda nicht. In zahlreichen \u00c4u\u00dferungen wurde betont, dass die Bewohner der DDR gegen den Kommunismus, die Armut und die sowjetische Vorherrschaft aufgestanden seien.<\/p>\n<p>Noch interessanter sind die emotionalen Reaktionen. In den erhaltenen Materialien finden sich kaum Anzeichen von Feindseligkeit gegen\u00fcber den protestierenden Deutschen. Es taucht keine Genugtuung \u00fcber ihre Niederlage auf, kein R\u00fcckgriff auf Kriegserfahrungen. Im Gegenteil \u2013 ein Teil der Beobachter brachte Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre Forderungen zum Ausdruck und hegte sogar die Hoffnung, dass \u00e4hnliche Ver\u00e4nderungen auch in Polen eintreten k\u00f6nnten. In einigen Regionen kursierten Ger\u00fcchte \u00fcber den baldigen Zusammenbruch des kommunistischen Systems und sogar \u00fcber die M\u00f6glichkeit des Ausbruchs von Protesten auch an der Weichsel.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kam es damals in Polen nicht zu einer Massenbewegung des Protests. Auf den Posener Juni musste man noch drei Jahre warten. Dies \u00e4ndert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Ereignisse in der DDR wahrgenommen und in Erinnerung behalten wurden. Sie waren eines der ersten Signale der Krise eines Systems, das schon damals Probleme mit seiner gesellschaftlichen Legitimation hatte.<\/p>\n<div id=\"attachment_81222\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81222\" class=\"size-large wp-image-81222\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-1024x713.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"713\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-1024x713.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-300x209.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-768x535.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-1536x1069.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/marek-studzinski-Fn1Cl_48Hcc-unsplash-2048x1426.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81222\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Marek Studzinski\/unsplash<\/p><\/div>\n<p>Es ist schwer, die symbolische Bedeutung dieser Koinzidenz zu \u00fcbersehen: Ausgerechnet an dem Tag, der jahrzehntelang an den Aufstand gegen die Diktatur erinnerte \u2013 und der in der Bundesrepublik zwischen 1954 und 1990 als staatlicher Feiertag begangen wurde \u2013, unterzeichneten Polen und das vereinte Deutschland 1991 den Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Dieses Dokument wurde zu einem der Fundamente der neuen Beziehungen zwischen beiden Staaten und \u00f6ffnete den Weg zu intensiver politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Zwischen dem 17. Juni 1953 und dem 17. Juni 1991 erstreckt sich die Geschichte der \u00dcberwindung von Spaltungen in Europa. Das erste Datum erinnert an den Beginn der Massenproteste gegen die kommunistische Diktatur im Ostblock. Das zweite symbolisiert den Aufbau einer neuen Ordnung nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des Kommunismus. Der Weg zur Unterzeichnung des Vertrags \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit f\u00fchrte jedoch durch die Ereignisse der Wende 1989\u20131990: die Friedliche Revolution in der DDR, die deutsche Wiedervereinigung sowie den Abschluss des polnisch-deutschen Grenzvertrags, der den Verlauf der gemeinsamen Grenze endg\u00fcltig best\u00e4tigte. Erst auf diesem Fundament wurde es m\u00f6glich, ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen dem freien Polen und dem vereinten Deutschland aufzuschlagen.<\/p>\n<p>Obwohl beide Ereignisse fast vierzig Jahre trennen und sie unterschiedlichen historischen Kontexten angeh\u00f6ren, verbindet sie ein gemeinsamer Nenner: das Streben der Gesellschaften nach R\u00fcckgewinnung ihrer Handlungsf\u00e4higkeit und das Verlangen nach \u00dcberwindung politischer Spaltungen. Beide Daten markieren unterschiedliche Etappen derselben europ\u00e4ischen Geschichte: des Widerstands gegen die Diktatur und des Weges in Freiheit, Demokratie und internationale Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p>[osobanaglowek=&#8220;\u00dcber den Autor&#8220; zdjecie=&#8220;https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png&#8220; podpis=&#8220;&#8220;]Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.[\/osoba]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 17. Juni 1953 und der 17. Juni 1991 markieren zwei sehr unterschiedliche, aber eng miteinander verkn\u00fcpfte Momente der europ\u00e4ischen Geschichte. 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