{"id":81079,"date":"2026-06-15T05:00:23","date_gmt":"2026-06-15T03:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=81079"},"modified":"2026-06-12T14:08:48","modified_gmt":"2026-06-12T12:08:48","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-eine-krise-der-erinnerungseinrichtungen-ueber-die-plaene-zur-eroeffnung-von-yad-vashem-zweigstellen-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-eine-krise-der-erinnerungseinrichtungen-ueber-die-plaene-zur-eroeffnung-von-yad-vashem-zweigstellen-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Eine Krise der Erinnerungseinrichtungen? \u00dcber die Pl\u00e4ne zur Er\u00f6ffnung von Yad-Vashem-Zweigstellen in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Er\u00f6ffnung von Yad-Vashem-Zweigstellen in Deutschland wirft neue Fragen zur Zukunft des historischen Erinnerns auf. Unser Autor Krzysztof Ruchniewicz zeigt, warum diese Diskussion weit \u00fcber organisatorische Details hinausgeht und welche politischen Implikationen sie hat.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigung, in M\u00fcnchen und Leipzig zwei Zweigstellen von Yad Vashem zu er\u00f6ffnen, hat in Deutschland nicht nur eine lebhafte, sondern auch eine kritische Debatte ausgel\u00f6st (\u201eKritik an Pl\u00e4nen von Yad Vashem\u201c, FAZ, 30.05.2026). An ihr beteiligen sich Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft ebenso wie Repr\u00e4sentanten deutscher Erinnerungseinrichtungen. Im Hintergrund stehen dabei Fragen, die weit \u00fcber die organisatorische Einrichtung neuer Standorte hinausgehen: Es geht um die Zukunft der Erinnerungskultur nach dem Verschwinden der Zeitzeugen, um die Geschichtspolitik des Staates Israel, um die Rolle deutscher Institutionen, die sich mit dem Holocaust befassen, sowie um die sich wandelnden Beziehungen zwischen nationalem und europ\u00e4ischem Erinnern.<\/p>\n<div id=\"attachment_81085\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81085\" class=\"size-large wp-image-81085\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-768x432.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/3840px-Memorial_to_the_Murdered_Jews_of_Europeabove-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81085\" class=\"wp-caption-text\">Mit den neuen Yad-Vashem-Zweigstellen r\u00fcckt die Frage nach der Rolle deutscher Erinnerungseinrichtungen in den Mittelpunkt der Diskussion. Im Bild: Denkmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas in Berlin.<br \/>Foto: Alexander Blum\/Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>Die Kritiker des Vorhabens bem\u00e4ngeln vor allem die mangelnde Transparenz des Projekts. Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkst\u00e4tten Buchenwald und Mittelbau-Dora, betonte, dass bislang weitgehend unklar sei, welchen konkreten Charakter die neuen Einrichtungen haben sollen und welche Inhalte dort vermittelt werden. (S\u00e4mtliche zitierten Aussagen beziehen sich auf den genannten FAZ-Artikel.) \u00c4hnliche Bedenken \u00e4u\u00dfert Meron Mendel, Direktor der Bildungsst\u00e4tte Anne Frank. Er erinnert daran, dass Yad Vashem kein unabh\u00e4ngiges Forschungsinstitut, sondern eine staatliche Einrichtung Israels ist. Angesichts zunehmender politischer Polarisierungen und der Beteiligung extremistischer Kr\u00e4fte an israelischen Regierungskoalitionen gewinnt die Frage nach der zuk\u00fcnftigen Ausrichtung der Erinnerungspolitik eine ganz praktische Dimension.<\/p>\n<blockquote><p>Es entsteht der Eindruck, dass mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen eine neue Phase des Ringens um die Deutung der Vergangenheit und um institutionellen Einfluss auf ihre Vermittlung beginnt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dabei geht es keineswegs darum, die au\u00dferordentlichen Verdienste von Yad Vashem infrage zu stellen. Die Institution hat eine fundamentale Rolle bei der Dokumentation der Shoah, der Bildungsarbeit und der Herausbildung eines globalen Gedenkens an den Holocaust gespielt. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob die Er\u00f6ffnung von Zweigstellen einer nationalen Erinnerungseinrichtung in einem Land, das selbst eine umfangreiche Infrastruktur zur Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust aufgebaut hat, nicht eine symbolische Verschiebung des Zentrums der Erinnerungskultur bedeutet.<\/p>\n<p>In Deutschland existieren heute Dutzende Gedenkst\u00e4tten, Dokumentationszentren, Forschungsinstitute und Bildungsprogramme, die staatlich gef\u00f6rdert werden, aber keineswegs ausschlie\u00dflich vom Staat getragen sind. Daher stellt sich die grundlegende Frage, ob die neuen Yad-Vashem-Einrichtungen das bestehende System erg\u00e4nzen sollen oder ob sie indirekt Ausdruck eines begrenzten Vertrauens in die deutsche Erinnerungskultur sind. Zugleich entsteht der Eindruck, dass mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen eine neue Phase des Ringens um die Deutung der Vergangenheit und um institutionellen Einfluss auf ihre Vermittlung beginnt.<\/p>\n<div id=\"attachment_81083\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81083\" class=\"size-large wp-image-81083\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Yed_Vashem_-_Der_Garten_der__Gerechten_unter_den_Voelkern_-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81083\" class=\"wp-caption-text\">Die geplante Er\u00f6ffnung der Yad-Vashem-Zweigstellen in M\u00fcnchen und Leipzig l\u00f6st in Deutschland eine kontroverse Debatte aus. Im Bild: Garten der Gerechten unter den V\u00f6lkern in der Yad-Vashem-Gedenkst\u00e4tte in Jerusalem.<br \/>Foto: Proesi\/Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>Die Debatte in Deutschland besitzt zudem eine politische und finanzielle Dimension. Wenn Israel eigene institutionelle Vertretungen der Erinnerungskultur in Deutschland etablieren will, stellt sich die Frage, ob nicht auch andere Staaten Ostmittel- und Osteuropas einen \u00e4hnlichen Weg einschlagen k\u00f6nnten. K\u00f6nnte nicht auch Polen \u00fcber eigene Institutionen \u2013 etwa das Institut f\u00fcr Nationales Gedenken (IPN) \u2013 versuchen, seine historische Perspektive in Deutschland noch st\u00e4rker sichtbar zu machen? Solche \u00dcberlegungen w\u00e4ren noch vor wenigen Jahren als randst\u00e4ndig erschienen. Heute werden sie zunehmend Teil einer breiteren Diskussion \u00fcber die Zukunft der europ\u00e4ischen Erinnerungskultur.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-vertrag-ohne-museum-wie-der-erfolg-des-deutsch-polnischen-durchbruchs-von-1991-zum-opfer-seiner-eigenen-selbstverstaendlichkeit-wurde\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/pexels-bjorn-pierre-2147988187-36770103-150x150.jpg\" alt=\"Vertrag ohne Museum? Wie der Erfolg des deutsch-polnischen Durchbruchs von 1991 zum Opfer seiner eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeit wurde\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Vertrag ohne Museum? Wie der Erfolg des deutsch-polnischen Durchbruchs von 1991 zum Opfer seiner eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeit wurde<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ans-licht-ein-neuer-blick-auf-die-geschichte-oberschlesiens\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/26-05-17ratingen001-150x150.jpg\" alt=\"\u201eAns Licht!\u201c\u2013 ein neuer Blick auf die Geschichte Oberschlesiens\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">\u201eAns Licht!\u201c\u2013 ein neuer Blick auf die Geschichte Oberschlesiens<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>M\u00f6glicherweise erleben wir derzeit den Beginn einer Krise des bisherigen Modells von Erinnerungseinrichtungen. Eines Modells, das auf der Annahme beruhte, es gebe eine weitgehend gemeinsame liberal-demokratische Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Immer h\u00e4ufiger wird Erinnerung jedoch zu einem Bestandteil staatlicher Politik, zu einem Instrument der Einflussnahme und der St\u00e4rkung eigener nationaler Narrative. Man k\u00f6nnte sogar die These aufstellen, dass sich diese Tendenzen parallel zur Erosion des liberal-demokratischen Modells verst\u00e4rken, weil sie Politikerinnen und Politikern erm\u00f6glichen, vergleichsweise leicht die Unterst\u00fctzung jener Teile der Gesellschaft zu gewinnen, die sich von den bisherigen Deutungsangeboten und Wertevorstellungen distanzieren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach Yad-Vashem-Zweigstellen in Deutschland l\u00e4ngst keine blo\u00dfe Organisationsfrage mehr. Sie ber\u00fchrt vielmehr einen Kernbereich der Debatte \u00fcber die Zukunft des historischen Erinnerns in Europa.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Er\u00f6ffnung von Yad-Vashem-Zweigstellen in Deutschland wirft neue Fragen zur Zukunft des historischen Erinnerns auf. 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