{"id":81023,"date":"2026-06-12T17:00:56","date_gmt":"2026-06-12T15:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=81023"},"modified":"2026-06-12T10:35:25","modified_gmt":"2026-06-12T08:35:25","slug":"auf-literarischen-umwegen-der-antifeminist-joseph-von-eichendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-der-antifeminist-joseph-von-eichendorff\/","title":{"rendered":"Der Antifeminist Joseph von Eichendorff"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine bekannte deutsche Schriftstellerin sagte einmal, sie halte sich \u2013 wie jede vern\u00fcnftige Frau \u2013 f\u00fcr eine Feministin. Von diesem Moment an habe ich aufgeh\u00f6rt, ihre B\u00fccher zu lesen. Nicht etwa, weil mir der Feminismus unwichtig w\u00e4re \u2013 im Gegenteil. Gerade deshalb empfinde ich solche Parolen als schlicht diskriminierend. Denn wer Feminismus mit einer aufgekl\u00e4rten, vern\u00fcnftigen Haltung gleichsetzt und auf der Gegenseite die \u201eunvern\u00fcnftigen\u201c Frauen verortet, verschafft der Idee des Feminismus eher neue Gegner als Anh\u00e4nger.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Allerdings war dies nicht das erste Mal, dass ich mit einer derartigen Irritation konfrontiert wurde. Noch befremdlicher wirkte auf mich die scheinbar harmlose Bemerkung eines hochverdienten Professors, dessen wissenschaftliches Renommee weit \u00fcber Polen hinausreicht. Mit unverhohlenem Erstaunen lie\u00df er erkennen, dass er sich mich kaum als Feministin vorstellen k\u00f6nne. F\u00fcr mich war dieser Gelehrte stets ein Sinnbild von Toleranz, Offenheit und intellektueller Vielschichtigkeit gewesen. Nie w\u00e4re ich auf den Gedanken gekommen, dass auch er Frauen in Feministinnen und Nichtfeministinnen einteilt.<\/p>\n<p>Heute ist mir das letztlich gleichg\u00fcltig; selbstverst\u00e4ndlich steht es ihm frei, mich so wahrzunehmen, wie er m\u00f6chte. Warum erw\u00e4hne ich diese Episoden dennoch? Weil sie zeigen, dass ein scheinbar allgemein verst\u00e4ndlicher Begriff wie \u201eFeminismus\u201c nach wie vor starke Emotionen hervorruft und erhebliche Missverst\u00e4ndnisse produziert. Wer solchen Missverst\u00e4ndnissen entgehen will, muss deshalb zun\u00e4chst kl\u00e4ren, wovon \u00fcberhaupt die Rede ist.<\/p>\n<h2>Nicht ein Feminismus, sondern viele Feminismen<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst einmal: Den einen Feminismus gibt es nicht, vielmehr existieren unterschiedliche Feminismen. Es handelt sich um gesellschaftliche Ph\u00e4nomene, Emanzipationsbewegungen und ideelle Str\u00f6mungen, die sich in Polen anders entwickelt haben als in Deutschland, in den Vereinigten Staaten oder anderswo auf der Welt.<\/p>\n<p>Feminismus ist dar\u00fcber hinaus eine Methode geisteswissenschaftlicher Forschung und eine bestimmte Art der literarischen Lekt\u00fcre \u2013 wiederum mit unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen in Polen, Deutschland oder den USA, trotz gemeinsamer Grundlagen. Schlie\u00dflich ist Feminismus auch eine Lebenshaltung, und diesem Verst\u00e4ndnis f\u00fchle ich mich pers\u00f6nlich am n\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Eine Feministin ist f\u00fcr mich eine Frau mit Bewusstsein: Bewusstsein ihrer selbst ebenso wie der Erwartungen, die Familie, Umfeld, Freunde oder die Gesellschaft an Frauen richten. Eine Feministin ist in meinem Verst\u00e4ndnis eine innerlich freie Frau, die ihren eigenen Lebensweg bewusst w\u00e4hlt \u2013 sei es als Hausfrau, Mutter und Ehefrau, als alleinstehende Frau mit beruflicher Erf\u00fcllung oder in ganz anderen Lebensformen. Vielleicht verbindet sie all diese Rollen, vielleicht entscheidet sie sich f\u00fcr keine von ihnen. Entscheidend ist allein, dass es ihre eigene Rolle bleibt, ihre eigene Wahl im Einklang mit ihrem Selbstverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann auch ein Mann Feminist sein \u2013 und zwar genau in diesem Sinn. Feministinnen und Feministen k\u00f6nnen Menschen \u00fcberall und jederzeit sein, sofern sie Feminismus als Freiheit zur selbstbestimmten Lebensgestaltung verstehen: als Recht, in erster Linie als Mensch wahrgenommen zu werden, dieselben Rechte zu besitzen und unabh\u00e4ngig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder Hautfarbe gleich behandelt zu werden.<\/p>\n<p>Wer w\u00e4re dann ein Antifeminist? Eben jemand, dessen Haltung darauf beruht, andere Menschen auszugrenzen, abzuwerten oder l\u00e4cherlich zu machen, nur weil sie nicht seiner eigenen Gruppe, seinem Geschlecht oder seinem Milieu angeh\u00f6ren.<\/p>\n<h2>Feminismus als Methode der Literaturlekt\u00fcre<\/h2>\n<p>Als akademische Feministin lese ich literarische Texte gern aus genau dieser Perspektive. Daf\u00fcr braucht es weder gro\u00dfe Theorien noch komplizierte Analyseinstrumente. Es gen\u00fcgt, sich zu fragen, wie ein Autor oder eine Autorin, ein Erz\u00e4hler oder eine Erz\u00e4hlerin auf die Frage des Geschlechts blickt \u2013 auf das eigene oder das des Anderen \u2013 und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.<\/p>\n<p>Ebenso wichtig ist allerdings die Frage, ob dieser Aspekt \u00fcberhaupt eine Rolle spielt. Vielleicht tut er das gar nicht. Auch das ist legitim. Feminismus ist schlie\u00dflich nur eine von vielen wissenschaftlichen Methoden: Die einen finden sie \u00fcberzeugend, die anderen nicht.<\/p>\n<h2>Eichendorff und die Schriftstellerinnen<\/h2>\n<p>Wie produktiv eine feministische Lesart bis heute sein kann, zeigt etwa der Fall Joseph von Eichendorffs. Gew\u00f6hnlich betrachtet man ihn als vorbildlichen Katholiken, genialen Dichter und insgesamt rechtschaffenen Menschen. Weniger pr\u00e4sent ist hingegen, dass er auch Literaturhistoriker und Verfasser literaturkritischer Abhandlungen war, darunter <em>\u00dcber die ethische und religi\u00f6se Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland<\/em> (1847).<\/p>\n<div id=\"attachment_81026\" style=\"width: 658px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81026\" class=\"size-full wp-image-81026\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bettina_von_Arnim_colored_portrait.jpg\" alt=\"\" width=\"648\" height=\"916\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bettina_von_Arnim_colored_portrait.jpg 648w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bettina_von_Arnim_colored_portrait-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><p id=\"caption-attachment-81026\" class=\"wp-caption-text\">Bettina von Arnim, um 1890.<br \/>Bild: unbekannter K\u00fcnstler<\/p><\/div>\n<p>Eines der zentralen Kriterien, an denen Eichendorff die Werke seiner Zeitgenossen misst, ist deren Verh\u00e4ltnis zur Religion. Dies bildet den offen ausgesprochenen Bezugsrahmen seiner Analysen. Ein zweiter Aspekt ist weniger offensichtlich, aber nicht minder aufschlussreich: Eichendorff interessiert sich vor allem f\u00fcr Schriftsteller \u2013 nicht f\u00fcr Schriftstellerinnen. Novalis, Brentano, Arnim, Heine: In seinen Augen verk\u00f6rpern sie das Wesen der romantischen Literatur.<\/p>\n<p>Und die Autorinnen? Sie erscheinen allenfalls am Rand \u2013 als Ehefrauen, Schwestern oder Freundinnen. Dass sie selbst einen bedeutenden Beitrag zur Romantik geleistet haben, vermag Eichendorff entweder nicht zu erkennen oder nicht erkennen zu wollen.<\/p>\n<h2>Frauen und Salons<\/h2>\n<p>Der Dichter aus Lubowitz verfasste noch eine weitere Abhandlung \u2013 und diesmal tauchen Frauen bereits im Titel auf: <em>Die deutsche Salon-Poesie der Frauen<\/em> (1847). Doch handelt es sich wirklich um eine positive \u00dcberraschung?<\/p>\n<p>Die Salons waren in der Romantik bedeutende kulturelle Zentren gesellschaftlichen Austauschs, der Bildung und der Kunstpflege. Meist wurden sie von Frauen geleitet, die oft selbst schriftstellerisch oder k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig waren. Sie waren jedoch keineswegs blo\u00df Gastgeberinnen, und ihre Werke ersch\u00f6pften sich keineswegs im \u201eSalonhaften\u201c.<\/p>\n<p>Ein pr\u00e4gnantes Beispiel daf\u00fcr ist Bettina von Arnim \u2013 zweifellos eine der markantesten Pers\u00f6nlichkeiten ihrer Zeit, vielleicht die temperamentvollste unter den Schriftstellerinnen der Romantik. Zudem geh\u00f6rte sie zu den wenigen Figuren des damaligen Kulturlebens, die sich politisch f\u00fcr Polen engagierten.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-melusine-oder-die-verzweiflung-einer-mutter\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/JuliusHubner_Melusine-e1778141273662-150x150.jpg\" alt=\"Melusine oder die Verzweiflung einer Mutter\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Auf Literarischen Umwegen<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Melusine oder die Verzweiflung einer Mutter<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-oberschlesien-als-gelehrtenverschwoerung\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/czarna-studnia-1-150x150.jpg\" alt=\"Die wilde Landschaft und der tapfere R\u00f6mer: Oberschlesien als Gelehrtenverschw\u00f6rung\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Auf Literarischen Umwegen<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Die wilde Landschaft und der tapfere R\u00f6mer: Oberschlesien als Gelehrtenverschw\u00f6rung<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Eichendorff allerdings konnte sie nicht ausstehen. Politik \u2013 ebenso wie Religion \u2013 betrachtete er als m\u00e4nnliche Dom\u00e4ne, in die sich Bettina von Arnim seiner Meinung nach unn\u00f6tig und dilettantisch einmischte. Und wenn sie poetisch schrieb, dann galt ihm dies lediglich als Ausdruck weiblicher Gef\u00fchle \u2013 implizit: als nichts weiter.<\/p>\n<p>Auch andere Schriftstellerinnen bekommen ihr Fett weg. So prophezeit Eichendorff etwa Sophie von La Roche mit gravit\u00e4tischer Gewissheit, ihre Briefromane w\u00fcrden k\u00fcnftig nur noch von Literaturhistorikern gelesen werden \u2013 von sonst niemandem.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun einwenden, Eichendorffs Urteil sei einseitig und zudem d\u00fcrfe man moderne Kategorien nicht auf \u00e4ltere Texte \u00fcbertragen. Schlie\u00dflich habe man damals eben so \u00fcber Frauen gedacht; es sei die Denkweise der Epoche gewesen, der historische Kontext, und Eichendorff sei keineswegs der einzige Antifeminist seiner Zeit.<\/p>\n<p>Gewiss \u2013 er war nicht der einzige. Und dennoch galt er als ein durch und durch anst\u00e4ndiger Mensch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine bekannte deutsche Schriftstellerin sagte einmal, sie halte sich \u2013 wie jede vern\u00fcnftige Frau \u2013 f\u00fcr eine Feministin. Von diesem Moment an habe ich aufgeh\u00f6rt, ihre B\u00fccher zu lesen. Nicht etwa, weil mir der Feminismus unwichtig w\u00e4re \u2013 im Gegenteil. Gerade deshalb empfinde ich solche Parolen als schlicht diskriminierend. 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