{"id":80977,"date":"2026-06-12T05:00:55","date_gmt":"2026-06-12T03:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=80977"},"modified":"2026-06-11T23:00:44","modified_gmt":"2026-06-11T21:00:44","slug":"erinnerung-interessen-und-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/erinnerung-interessen-und-verantwortung\/","title":{"rendered":"Erinnerung, Interessen und Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Herzen von Oppeln trafen sich Politiker, Experten und die junge Generation. Der Anlass war ein besonderer: der 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Am 3. Juni 2026 wurden die R\u00e4ume der Woiwodschaftsbibliothek zur B\u00fchne f\u00fcr Gespr\u00e4che dar\u00fcber, was uns verbindet, was uns trennt und warum wir einander nach drei Jahrzehnten immer noch brauchen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Vertrag vom 17. Juni 1991 ist f\u00fcr die Diplomatie ein Fundament, f\u00fcr die Bewohner der Region Oppeln jedoch ein lebendiges Gef\u00fcge. Die Debatte, organisiert vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Universit\u00e4t Oppeln, zeigte, dass dieses Dokument, obwohl in einer v\u00f6llig anderen \u00c4ra unterzeichnet, weiterhin Richtungen vorgibt, besonders in Zeiten neuer Herausforderungen f\u00fcr die Sicherheit Europas.<\/p>\n<h2>Architekten des \u201eRunden Tisches\u201c<\/h2>\n<p>Der wichtigste Punkt der Debatte war das Treffen zweier Politiker, die eine besondere berufliche Vergangenheit verbindet: Tomasz Siemoniak (Minister und Abgeordneter aus dem Wahlbezirk der Woiwodschaft Oppeln) und Dr. Christoph Bergner (ehemaliger Ministerpr\u00e4sident von Sachsen-Anhalt und ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten). Obwohl der Vertrag 1991 unterzeichnet wurde, sa\u00dfen sie vor 15 Jahren, im Jahr 2011, gemeinsam am Deutsch-Polnischen Runden Tisch. Damals f\u00fchrten sie ersch\u00f6pfende Verhandlungen \u00fcber die Artikel 20 und 21 des Vertrags \u2013 jene, die f\u00fcr die deutsche Minderheit in Polen und die Polonia in Deutschland von zentraler Bedeutung sind.<\/p>\n<div id=\"attachment_81001\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81001\" class=\"size-large wp-image-81001\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711116511_1395123249326672_3971152345625159328_n.jpg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81001\" class=\"wp-caption-text\">Foto: UMWO<\/p><\/div>\n<p>Dr. Christoph Bergner erinnerte sich mit Wehmut und einer Prise Humor an jene Zeit und betonte, dass gro\u00dfe Politik oft einfach Beziehungen zwischen Menschen sei:<\/p>\n<p>\u201eIch erinnere mich, dass es Telefonate gab, die nicht selten bis Mitternacht dauerten, bei denen wir mit Herrn Siemoniak einzelne Fragestellungen analysierten und zu einer Einigung kamen. Dabei hat immer der Grundsatz der Aufrichtigkeit gut funktioniert: \u201aHier kann ich nicht zustimmen, ich muss erst mit meiner Regierung sprechen.\u2018 Es war ein produktiver, wenn auch anstrengender Prozess. Die Woiwodschaft Oppeln spielte eine bedeutende Rolle in dieser Vereinbarung, denn aus dieser Region erhielten wir wichtige Impulse von Vertretern der deutschen Minderheit. Aber andererseits auch deshalb, weil wir die Gespr\u00e4che zum Teil hier f\u00fchrten. Wir berieten im Marschallamt in Oppeln, auch unter Beteiligung der Polonia aus Deutschland\u201c, so Dr. Bergner.<\/p>\n<p>Auch Tomasz Siemoniak betonte, dass der Runde Tisch damals der Moment war, in dem der Vertrag aufh\u00f6rte, nur eine Deklaration zu sein, und zu einem Instrument zur L\u00f6sung konkreter Probleme wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_81007\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81007\" class=\"size-large wp-image-81007\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/711213410_1395123129326684_3205996307027762767_n.jpg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81007\" class=\"wp-caption-text\">Foto: UMWO<\/p><\/div>\n<p>\u201eEs lohnt sich, in einer solchen Konstellation zu sprechen. Damals erwies sich das als sehr effektiv, als sehr st\u00e4rkend f\u00fcr beide Regierungen. Die damals am Runden Tisch aufgebaute Beziehung h\u00e4lt, obwohl viele neue Leute gekommen sind, und zeigt, dass dies sehr starke Motoren dieser Beziehungen sind. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass man dies in diesem Jahr, dem Jahr des 35. Jahrestages des Vertrags, reflektiert und diese Gespr\u00e4che am Runden Tisch wieder aufnimmt\u201c, so Minister Siemoniak.<\/p>\n<h2>Erinnerung ist kein Kitsch, sondern Sicherheit<\/h2>\n<p>In der Debatte klang das Thema Verantwortung stark an \u2013 nicht nur f\u00fcr die Vergangenheit, sondern auch f\u00fcr die Zukunft Europas angesichts des Krieges in der Ukraine. Der Moderator des Treffens, Bartosz Wieli\u0144ski, stellvertretender Chefredakteur der \u201eGazetaWyborcza\u201c, fragte, ob die Vers\u00f6hnung mit der Zeit nicht nur zu einem \u201eKitsch\u201c geworden sei, einer symbolischen Geste ohne Substanz.<\/p>\n<div id=\"attachment_81003\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81003\" class=\"size-large wp-image-81003\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/714243853_1395123319326665_5726164024607143246_n-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/714243853_1395123319326665_5726164024607143246_n-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/714243853_1395123319326665_5726164024607143246_n-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/714243853_1395123319326665_5726164024607143246_n-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/714243853_1395123319326665_5726164024607143246_n.jpg 1396w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81003\" class=\"wp-caption-text\">Foto: UMWO<\/p><\/div>\n<p>Die Antwort von Tomasz Siemoniak war klar: In der heutigen Welt sind gute Beziehungen zu Deutschland eine Frage der harten Sicherheit.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt keine gute Politik ohne Erinnerung. Eine Politik, die auf der Illusion beruht, dass es nur Gegenwart und Zukunft gibt, ist sehr kurzsichtig. Polen und Deutsche, die zusammenhalten, einander Sicherheit gew\u00e4hrleisten, starke Armeen aufbauen, die gemeinsam unsere L\u00e4nder verteidigen sollen \u2013 das sind alles sehr wichtige Fragen\u201c, betonte Siemoniak.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Tomasz Siemoniak: \u201eEs gibt keine gute Politik ohne Erinnerung.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dr. Bergner f\u00fcgte die historische Perspektive hinzu und bemerkte, dass die Partnerschaft zwischen Polen und Deutschland heute eine \u201eKonsolidierung des Friedens in Europa\u201c sei und die tragische Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der mit dem deutschen Angriff auf Polen begann, beiden V\u00f6lkern eine besondere Mission auferlege.<\/p>\n<h2>Nachbarschaft im Rhythmus des Pragmatismus<\/h2>\n<p>Ein interessanter Beitrag in der Diskussion war die Aussage der in Guttentag geborenen Joanna Maria Stolarek \u2013 Journalistin, die derzeit als Direktorin f\u00fcr Strategie, Kommunikation und Public Affairs bei der Polnisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau t\u00e4tig ist. Ihre Perspektive verbindet die Wirtschaftswelt mit langj\u00e4hriger Erfahrung im politischen und gesellschaftlichen Bereich \u2013 schlie\u00dflich leitete sie die letzten sechs Jahre das B\u00fcro der deutschen politischen Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung in Polen, zust\u00e4ndig f\u00fcr die Region Polen und die baltischen Staaten. Gerade dieser weite Blick erm\u00f6glichte es ihr, die deutsch-polnischen Beziehungen durch die Brille des Alltags und der Zivilgesellschaft zu bewerten. Ihrer Meinung nach ist der Vertrag von 1991 f\u00fcr junge Leute fast \u201eVorgeschichte\u201c, aber die Ergebnisse dieser jahrelangen Zusammenarbeit sehen und sp\u00fcren sie jeden Tag. Wichtig sei es jedoch, diese Beziehungen auf allen Ebenen zu pflegen \u2013 sei es der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen.<\/p>\n<div id=\"attachment_81005\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-81005\" class=\"size-large wp-image-81005\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Joanna-Maria-Stolarek-AHK.jpg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-81005\" class=\"wp-caption-text\">Joanna Maria Stolarek<br \/>Foto: UMWO<\/p><\/div>\n<p>\u201eVielleicht ist es keine Beziehung, die von tiefster Freundschaft oder Liebe gepr\u00e4gt ist, aber es ist eine sehr pragmatische Beziehung. Wir brauchen einander. Wir leben T\u00fcr an T\u00fcr. Wir sind Nachbarn. Und mit einem Nachbarn m\u00f6chte man einfach gut leben. Wenn man in einem Haus wohnt, m\u00f6chte man anklopfen k\u00f6nnen, um sich zum Beispiel etwas Salz zu leihen. Aber in nachbarschaftlichen, partnerschaftlichen Beziehungen sollte man auch sagen k\u00f6nnen: \u201aH\u00f6r zu, deine Musik war gestern ein bisschen zu laut\u2018, und ich wollte schlafen. So machen es Partner\u201c, erkl\u00e4rte Stolarek bildhaft.<\/p>\n<p>Sie betonte, dass es vor allem die Nichtregierungsorganisationen wie das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit oder Stiftungen, die Jugendaustausche organisieren, seien, die die wahren Garanten guter Beziehungen sind.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Element der Veranstaltung war die Anwesenheit von Studierenden der Universit\u00e4t Oppeln, die selbst erstellte Materialien pr\u00e4sentierten: ein Interview mit Ministerpr\u00e4sident Jan Krzysztof Bielecki sowie eine Umfrage zum Vertrag und zur deutsch-polnischen Nachbarschaft.<\/p>\n<h2>Der Vertrag heute<\/h2>\n<p>Nach 35 Jahren scheint der Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft weiterhin ein solides Fundament zu sein, aber \u2013 wie die Diskussionsteilnehmer \u00fcbereinstimmend einr\u00e4umten \u2013 ein Fundament, das st\u00e4ndiger Pflege bedarf.<\/p>\n<p>Im Jubil\u00e4umsjahr 2026 ist die Botschaft aus Oppeln klar: Pragmatismus, gemeinsame wirtschaftliche Interessen und Verantwortung f\u00fcr die Sicherheit sind die Pfeiler, aber Erinnerung und aufrichtiges Gespr\u00e4ch sind das Bindemittel, das es Nachbarn erlaubt, \u201esich gegenseitig Salz zu leihen\u201c, ohne Angst um die Zukunft haben zu m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Herzen von Oppeln trafen sich Politiker, Experten und die junge Generation. 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