{"id":80000,"date":"2026-05-29T11:00:50","date_gmt":"2026-05-29T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=80000"},"modified":"2026-05-29T11:39:15","modified_gmt":"2026-05-29T09:39:15","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-nicht-nur-hitler-verbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-nicht-nur-hitler-verbrechen\/","title":{"rendered":"Nicht nur \u201eHitler-Verbrechen&#8220;: Zum Diskurs von Erinnerung und Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Artikel von Waldemar Gielzok mit dem Titel: <a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/aus-der-mottenkiste-der-geschichte-deutsche-nationalsozialistische-oder-hitlerverbrechen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eAus der Mottenkiste der Geschichte: Deutsche, nazistische oder Hitler-Verbrechen?&#8220;<\/a> ber\u00fchrt ein wichtiges Problem der historischen Begriffe, die zur Beschreibung der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verwendet werden. Die \u00f6ffentliche Debatte vereinfacht die Geschichte, wie bereits vielfach beobachtet wurde, zunehmend und nutzt sie zur Verst\u00e4rkung politischer Emotionen. Umso mehr lohnt es sich, verschiedene Fragen aus einer breiteren und historisch pr\u00e4ziseren Perspektive zu betrachten.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Autor legt nahe, dass die Verwendung des Begriffs \u201edeutsche Verbrechen&#8220; einen Ausdruck kollektiver Anschuldigung der Deutschen und eine Fortsetzung propagandistischer Schemata der Volksrepublik Polen darstellt. Dabei war die Geschichte des Nachkriegs-Erinnerungsdiskurses weitaus komplexer. Unmittelbar nach dem Krieg waren die gesellschaftlichen Emotionen in Polen enorm und angesichts des Ausma\u00dfes des Besatzungsterrors sowie der menschlichen und materiellen Verluste vollkommen verst\u00e4ndlich. In den ersten Jahren nach 1945 schrieb man das Wort \u201eNiemcy&#8220; [Deutsche] oft sogar klein. Gleichzeitig begann man jedoch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schnell, zwischen \u201eNiemcy&#8220; [Deutsche] und \u201ehitlerowcy&#8220; [Hitler-Anh\u00e4nger] zu unterscheiden. Dies l\u00e4sst sich etwa an vielen Warschauer Gedenktafeln f\u00fcr die Opfer der Besatzung ablesen, auf denen von \u201ehitlerowcy&#8220; die Rede ist, nicht von \u201eNiemcy&#8220; als Volk.<\/p>\n<div id=\"attachment_80006\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-80006\" class=\"size-full wp-image-80006\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/The_Saski_Palace_Warsaw_destroyed_by_Germans_in_1944.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"814\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/The_Saski_Palace_Warsaw_destroyed_by_Germans_in_1944.jpg 1000w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/The_Saski_Palace_Warsaw_destroyed_by_Germans_in_1944-300x244.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/The_Saski_Palace_Warsaw_destroyed_by_Germans_in_1944-768x625.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-80006\" class=\"wp-caption-text\">S\u00e4chsisches Palais, Warschau &#8211; 1944.<br \/>Foto: Wikimedia<\/p><\/div>\n<p>Diese Unterscheidung hatte auch einen deutlichen politischen Kontext, der mit der Teilung Deutschlands in die Bundesrepublik und die DDR im Jahr 1949 zusammenhing. In der Propaganda der Volksrepublik Polen wurde die Bundesrepublik h\u00e4ufig als Staat der \u201eRevanchisten&#8220; und ehemaligen Nazis (die man lieber \u201ehitlerowcy&#8220; nannte) dargestellt, w\u00e4hrend die DDR als antifaschistischer, friedlicher Staat beschrieben wurde, der ideologisch verwandt und an neuen deutsch-polnischen Beziehungen interessiert sei. Dies wurde sehr schnell zu einem bequemen Propagandainstrument, das der Logik des Kalten Krieges und der Politik des Ostblocks untergeordnet war.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Der Eichmann-Prozess, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, das Engagement der j\u00fcngeren Generation von Historikern und Journalisten sowie die sp\u00e4teren Auftritte der Generation von 1968 f\u00fchrten zu einer tiefgreifenden Revision des Gedenkens an den Nationalsozialismus<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dabei war es gerade in der Bundesrepublik, wenn auch nicht ohne Widerst\u00e4nde und nur schrittweise, wo das Problem der Verantwortung f\u00fcr die Verbrechen des Dritten Reiches zu einem wirklichen Gegenstand einer breiten Debatte wurde.<br \/>\nBereits 1946 versuchte Karl Jaspers in seinem Essay \u201eDie Schuldfrage&#8220; verschiedene Ebenen der Verantwortung zu ordnen: die kriminelle, politische, moralische und metaphysische. Auf eine aus innerer Motivation gespeiste Aufarbeitung musste man jedoch noch warten. Alexander und Margarete Mitscherlich wiesen in ihrem vielbeachteten Buch \u201eDie Unf\u00e4higkeit zu trauern&#8220; (1967) nach, dass die westdeutsche Gesellschaft die Schuld verdr\u00e4ngte und sich emotional von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanzierte. Beide bem\u00fchten sich, die Verantwortung konkreter T\u00e4ter von den Mechanismen kollektiver Verdr\u00e4ngung zu trennen, die eine ernsthafte gesellschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit erschwerten.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/z-lamusa-historii-zbrodnie-niemieckie-nazistowskie-czy-hitlerowskie\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Auschwitz_I_22_May_2010_b-wikipedia-150x150.jpg\" alt=\"Zbrodnie niemieckie, nazistowskie czy hitlerowskie?\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Z lamusa historii<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Zbrodnie niemieckie, nazistowskie czy hitlerowskie?<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-ruinen-die-neues-leben-gewinnen-koennen\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Ruiny_palacu_w_Goszczu_k._Twardogory-e1779365746565-150x150.jpg\" alt=\"Ruinen, die neues Leben gewinnen k\u00f6nnen\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet <\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Ruinen, die neues Leben gewinnen k\u00f6nnen<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>In den 1950er Jahren wurde in der Bundesrepublik zwar \u00fcber die deutschen Verbrechen diskutiert, jedoch in sehr begrenztem Umfang. Das Schweigen \u00fcber die j\u00fcngste Vergangenheit und die Konzentration auf den Wiederaufbau des Staates in seiner neuen territorialen und politischen Gestalt dominierten. Erst im folgenden Jahrzehnt entbrannte die Debatte ernsthaft. Der Eichmann-Prozess, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, das Engagement der j\u00fcngeren Generation von Historikern und Journalisten sowie die sp\u00e4teren Auftritte der Generation von 1968 f\u00fchrten zu einer tiefgreifenden Revision des Gedenkens an den Nationalsozialismus.<\/p>\n<div id=\"attachment_80004\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-80004\" class=\"size-full wp-image-80004\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_146-1996-057-10A_Warschauer_Aufstand_Soldat_mit_Flammenwerfer.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"573\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_146-1996-057-10A_Warschauer_Aufstand_Soldat_mit_Flammenwerfer.jpg 800w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_146-1996-057-10A_Warschauer_Aufstand_Soldat_mit_Flammenwerfer-300x215.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_146-1996-057-10A_Warschauer_Aufstand_Soldat_mit_Flammenwerfer-768x550.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-80004\" class=\"wp-caption-text\">Aufstand in Warschau: Die Strahlen eines deutschen Flammenwerfers vernichten hier jeden Widerstand.<br \/>Foto: Bundesarchiv<\/p><\/div>\n<p>Eben damals begann man auch, den Begriff \u201ehitlerowcy&#8220; als allzu bequem und das B\u00f6se personalisierend zu kritisieren. Man wies darauf hin, dass er die Verantwortung auf Hitler und seine engste Umgebung beschr\u00e4nkte und das breitere gesellschaftliche und politische Ph\u00e4nomen des Dritten Reiches nicht erfasste. Was Historiker und Didaktiker als Hitlerzentrismus zu bezeichnen begannen, erf\u00fcllte n\u00e4mlich \u2014 wie Karl-Ernst Jeismann treffend bemerkte \u2014 eine exkulpatorische Funktion: Je gr\u00f6\u00dfer die Hitler zugeschriebene Rolle, desto geringer die Verantwortung, die der deutschen Gesellschaft selbst zufiel. In der Folge griff man immer h\u00e4ufiger auf die Begriffe \u201eNazismus&#8220; oder \u201eNationalsozialismus&#8220; zur\u00fcck, die den Charakter des Systems sowie die Beteiligung verschiedener Institutionen und Teile der deutschen Gesellschaft an seinem Funktionieren besser erfassen sollten.<br \/>\n\u00c4hnlich bedeutet der Begriff \u201edeutsche Verbrechen&#8220; nicht automatisch, allen Deutschen die Schuld zuzuweisen. Er kann sich auf den deutschen Staat, seinen Terrorapparat, die Besatzung oder das vom Dritten Reich geschaffene System beziehen. In der Historiographie und der \u00f6ffentlichen Debatte funktionieren diese Begriffe parallel und erfordern vor allem Pr\u00e4zision und Kontextbewusstsein.<br \/>\nBeunruhigend ist jedoch die gegenw\u00e4rtige Tendenz zum instrumentellen Umgang mit historischen Begriffen \u2014 sowohl in Polen als auch in Deutschland. Es kommt vor, dass sie nicht dazu genutzt werden, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern um politische Gegner moralisch zu diskreditieren oder dem Nachbarn \u201eeins auszuwischen&#8220; \u2014 und dabei eine Art zeitlose Verbindung zwischen unserer Gegenwart und der Mitte des 20. Jahrhunderts herzustellen, die alle Wandlungen und Bem\u00fchungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ignoriert. Auf diese Weise kehren wir zu alten Streitigkeiten zur\u00fcck, die weder dem Verst\u00e4ndnis der Geschichte noch der Entwicklung der gegenw\u00e4rtigen deutsch-polnischen Beziehungen wirklich dienen.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Artikel von Waldemar Gielzok mit dem Titel: \u201eAus der Mottenkiste der Geschichte: Deutsche, nazistische oder Hitler-Verbrechen?&#8220; ber\u00fchrt ein wichtiges Problem der historischen Begriffe, die zur Beschreibung der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verwendet werden. 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