{"id":79245,"date":"2026-05-22T17:00:18","date_gmt":"2026-05-22T15:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=79245"},"modified":"2026-05-22T08:03:46","modified_gmt":"2026-05-22T06:03:46","slug":"interview-mit-gerard-wons-ueber-eine-leidenschaft-die-die-geschichte-von-zembowitz-rettete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/interview-mit-gerard-wons-ueber-eine-leidenschaft-die-die-geschichte-von-zembowitz-rettete\/","title":{"rendered":"\u00dcber eine Leidenschaft, die die Geschichte von Zembowitz rettete"},"content":{"rendered":"<h2>\u201eDie Geschichte endet nie\u201c<\/h2>\n<p><strong>Wenn man die Gemeindliche Heimatstube in Zembowitz betritt, betritt man kein Museum. Man betritt die private Welt der Bewohner, die seit 20 Jahren von Gerard Wons mit Piet\u00e4t zusammengesetzt wird. Er, zun\u00e4chst als Lehrer, Mitglied des DFK, heute als engagierter B\u00fcrger, hat daf\u00fcr gesorgt, dass Gegenst\u00e4nde, die in einer Scheune dem Vergessen anheimgegeben waren, zu stolzen Zeugen der Geschichte wurden.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Herr Wons, wenn man diese Hunderte von Exponaten sieht, kann man kaum glauben, dass hier einst Leere herrschte. Wie ist es Ihnen gelungen, die Menschen zu \u00fcberzeugen, ihre Sch\u00e4tze aus den Dachb\u00f6den zu holen?<\/h3>\n<p>Am Anfang war es \u00fcberhaupt nicht leicht. Als ich vor 20 Jahren die Idee in den Raum stellte, eine \u201aHeimatstube\u2018 zu machen, h\u00f6rte ich von den \u00e4lteren Bewohnern: \u201aGerhard, wir haben schon nichts mehr. Das ist alt, verstaubt, wozu soll das gut sein?\u2018 Aber ich wusste, dass sich unter dieser Staubschicht unsere DNA verbirgt. Wir nutzten das Projekt \u201aSchule der Tr\u00e4ume\u2018 und schickten die Sch\u00fcler los. Es waren die Kinder, die Dachb\u00f6den, Scheunen und St\u00e4lle durchsuchten. Und pl\u00f6tzlich, von einem Tag auf den anderen, begannen Traktoren mit kleinen Anh\u00e4ngern anzukommen. Ich erinnere mich an den Moment \u2013 wir trugen Schr\u00e4nke, Kommoden, Bilder herein \u2026 Alles war schwarz, kaputt. Das wurde eine richtige \u201aRumpelkammer\u2018. Aber es war das sch\u00f6nste Durcheinander, das ich je gesehen habe. Wir haben es Zentimeter f\u00fcr Zentimeter gereinigt, bis wir 2006 offiziell unsere Geschichte der Welt zeigen konnten.<\/p>\n<h3>Eine der ber\u00fchrendsten Geschichten, die Sie erz\u00e4hlen, ist die von der Tafel eines Gefallenendenkmals. Das klingt fast wie ein Filmdrehbuch.<\/h3>\n<p>Denn so sah es aus Wir hatten in Zembowitz ein Denkmal f\u00fcr die Gefallenen des Ersten Weltkriegs \u2013 m\u00e4chtige Findlinge am Teich. Nach dem Krieg ordnete die neue Obrigkeit seine Zerst\u00f6rung an. Die urspr\u00fcngliche Bronzetafel mit den Namen derer, die nicht nach Hause gekehrt waren, sollte verschwinden. Sie wurde unter eine Dachrinne gelegt, damit das Wasser die Mauer nicht untersp\u00fclte! Einer der Bauern, dessen Vater im Krieg gefallen war und dessen Name dort stand, konnte das nicht mit ansehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_79310\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-79310\" class=\"size-large wp-image-79310\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-1024x578.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"578\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-1024x578.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-300x169.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-768x433.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-1536x866.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-79310\" class=\"wp-caption-text\">Die Heimatstube in Zembowitz w\u00e4hrend der Nacht der Museen 2026 am 16.05.2026.<br \/>Foto: Gminny O\u015brodek Kultury &#8211; Martyna Blozik<\/p><\/div>\n<p>In der Nacht, heimlich, unter gro\u00dfen Risiken, entwendete er die Tafel und versteckte sie tief im Getreidespeicher einer Scheune. Sie lag dort \u00fcber ein halbes Jahrhundert lang unter dem Heu! Erst kurz vor seinem Tod, im Jahr 2000, \u00fcbergab mir dieser Herr die Tafel. Heute, nach dem Sandstrahlen, kann sie bei uns jeder sehen. Das ist nicht nur ein St\u00fcck Metall, das ist der Schmerz eines Menschen und die Liebe eines Menschen, die die Erinnerung gerettet hat.<\/p>\n<h3>Sie haben in Ihrer Sammlung auch Dokumente, die Historikern das Herz h\u00f6herschlagen lassen. Was ist Ihr gr\u00f6\u00dfter Stolz?<\/h3>\n<p>Unser \u201eWei\u00dfer Rabe\u201c ist eine Beglaubigungsurkunde der Kanzlei des F\u00fcrstentums Oppeln-Ratibor aus dem Jahr 1712. Das ist das \u00e4lteste Dokument in der Stube. Aber auch die alten Schulchroniken sind sehr wertvoll \u2013 zum Beispiel aus Radau oder Zembowitz. Eine von ihnen ist nur deshalb erhalten, weil Professor Zenon Jasi\u0144ski sie buchst\u00e4blich aus dem Altpapier gezogen hat.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">Gemeindezentrum f\u00fcr Information, Kultur und Lesewesen in Zembowitz, ul. Izydora Murka 1<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Chroniken sind eine Fundgrube des Wissens. Der fr\u00fchere Hauptlehrer musste dort nicht nur die Noten der Sch\u00fcler eintragen, sondern auch politische und gesellschaftliche Ereignisse. Wir haben auch einen Vorkriegs-Hauptkatalog, in dem bei jedem Kind vermerkt ist, ob der Vater ein G\u00e4rtner oder ein Bauer war. Das erlaubt es uns heute, ganze Stammb\u00e4ume der Familien aus unserer Gemeinde nachzuzeichnen.<\/p>\n<h3>Ihre Leidenschaft ist nicht nur das Sammeln, sondern auch jahrelange p\u00e4dagogische Arbeit. Sie waren der erste Deutschlehrer in dieser Gegend nach dem Krieg.<\/h3>\n<p>Ja, 1990. Das waren \u201ePionierzeiten\u201c. Es gab keine Lehrb\u00fccher, man fuhr nach Gogolin zu Herrn Stanek oder brachte B\u00fccher privat aus Deutschland mit. Ich unterrichtete in Zembowitz, Kadlub und Radau \u2013 ich war so ein \u201eWanderlehrer\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_79314\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-79314\" class=\"wp-image-79314 size-large\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3-1024x578.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"578\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3-1024x578.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3-300x169.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3-768x433.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3-1536x866.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/WhatsApp-Image-2026-05-18-at-13.24.05-3.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-79314\" class=\"wp-caption-text\">Die Heimatstube in Zembowitz w\u00e4hrend der Nacht der Museen 2026 am 16.05.2026. Foto: Gminny O\u015brodek Kultury &#8211; Martyna Blozik<\/p><\/div>\n<p>Diese Arbeit mit Sprache und Geschichte ging bei mir immer Hand in Hand. Ich wusste, dass ich, wenn ich die Sprache lehre, diesen Kindern auch das Fundament zeigen muss, auf dem ihre H\u00e4user stehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_79257\" style=\"width: 1717px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-79257\" class=\"size-full wp-image-79257\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531.jpg\" alt=\"\" width=\"1707\" height=\"2317\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531.jpg 1707w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531-221x300.jpg 221w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531-754x1024.jpg 754w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531-768x1042.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531-1132x1536.jpg 1132w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/DSC_0540-scaled-e1779093438531-1509x2048.jpg 1509w\" sizes=\"auto, (max-width: 1707px) 100vw, 1707px\" \/><p id=\"caption-attachment-79257\" class=\"wp-caption-text\">Historische Gegenst\u00e4nde.<br \/>Foto: Manuela Leibig<\/p><\/div>\n<h3>Die Stube hat k\u00fcrzlich eine gro\u00dfe Geb\u00e4udesanierung \u00fcberstanden. Das muss f\u00fcr jemanden, der diese Gegenst\u00e4nde liebt, eine Herausforderung gewesen sein.<\/h3>\n<p>Um ehrlich zu sein: Es war schrecklich! F\u00fcr anderthalb Jahre mussten wir die gesamte Sammlung in die alte Turnhalle der Schule verlegen. Stellen Sie sich das Einpacken dieses empfindlichen Porzellans vor, das Tragen der schweren Schr\u00e4nke, das Sichern der Bilder \u2026 Wir haben das mit b\u00fcrgerschaftlichem Engagement geschafft.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eHeute ist die Stube Teil des modernen Kulturzentrums. Dieser Ort lebt \u2013 hier finden Treffen des DFK, Ratssitzungen statt, und gleichzeitig sp\u00fcrt man zwischen den Schr\u00e4nken den Geist des alten Schlesiens.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Gemeinder\u00e4te, Gemeindemitarbeiter, Freunde aus der deutschen Minderheit halfen mit. Aber es hat sich gelohnt. Heute ist die Stube Teil des modernen Kulturzentrums. Dieser Ort lebt \u2013 hier finden Treffen des DFK, Ratssitzungen statt, und gleichzeitig sp\u00fcrt man zwischen den Schr\u00e4nken den Geist des alten Schlesiens.<\/p>\n<h3>F\u00fchlen Sie nach diesen 20 Jahren, dass die Mission erf\u00fcllt ist?<\/h3>\n<p>Die Geschichte endet nie. Es kommt st\u00e4ndig etwas dazu. Zuletzt zum Beispiel diese au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sch\u00f6nwald-Trachten, die sogar aus Hessen zu uns kamen, von den Nachkommen ehemaliger Bewohner des heutigen Gleiwitzer Stadtteils Sch\u00f6nwald.<\/p>\n<div id=\"attachment_79375\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-79375\" class=\"size-large wp-image-79375\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688-1024x578.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"578\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688-1024x578.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688-768x433.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688-1536x866.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG_0688.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-79375\" class=\"wp-caption-text\">Izba Pami\u0119ci w Z\u0119bowicach podczas tegorocznej Nocy Muze\u00f3w<br \/>Foto: Gminny O\u015brodek Kultury &#8211; Martyna Blozik<\/p><\/div>\n<p>Das Museum in Gleiwitz besitzt kein einziges Exemplar, aber wir haben eines! Das zeigt, dass unsere Stube ein wichtiger Punkt auf der Landkarte der Region ist. Solange die Kr\u00e4fte reichen, werde ich hier putzen, F\u00fchrungen geben und erz\u00e4hlen, denn diese Gegenst\u00e4nde sind ohne die dazugeh\u00f6rige Geschichte nur tote Dinge. Wir geben ihnen das Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Heimatstube befindet sich im Gemeindezentrum f\u00fcr Information, Kultur und Lesewesen in Zembowitz, ul. Izydora Murka 1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <strong>Manuela Leibig<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Geschichte endet nie\u201c Wenn man die Gemeindliche Heimatstube in Zembowitz betritt, betritt man kein Museum. Man betritt die private Welt der Bewohner, die seit 20 Jahren von Gerard Wons mit Piet\u00e4t zusammengesetzt wird. 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