{"id":79162,"date":"2026-05-17T17:00:53","date_gmt":"2026-05-17T15:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=79162"},"modified":"2026-05-21T13:29:09","modified_gmt":"2026-05-21T11:29:09","slug":"vergessenes-erbe-weimarer-moderne-an-der-oder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-weimarer-moderne-an-der-oder\/","title":{"rendered":"Weimarer Moderne an der Oder"},"content":{"rendered":"<p><strong>So kontrovers der Abriss des Piastenschlosses war, so sehr bem\u00fchten sich die verantwortlichen Beh\u00f6rden, einen architektonisch wertvollen Ersatz zu schaffen. Nach \u00fcber 90 Jahren dient das neue Regierungsgeb\u00e4ude weiterhin seinem Zweck und ist das politische Entscheidungszentrum des Oppelner Oberschlesiens.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Abriss und arch\u00e4ologische Untersuchungen<\/h2>\n<p>Der Abriss des Piastenschlosses mag kontrovers gewesen sein, war aber f\u00fcr die damaligen Arch\u00e4ologen und Historiker eine einzigartige Chance f\u00fcr Ausgrabungen. Vom Abbruch verschont blieb einzig der mittelalterliche Bergfried. Parallel dazu verlief ein Architekturwettbewerb f\u00fcr den Entwurf des neuen Regierungsgeb\u00e4udes. Die eingereichten Entw\u00fcrfe sollten u. a. das neue Regierungsgeb\u00e4ude ansprechend in den Schlosspark, das umgebende Stadtbild und den Piastenturm einbinden. Wert wurde auch auf den Wohnbereich des Regierungspr\u00e4sidenten, die Repr\u00e4sentationsr\u00e4ume und die Funktionalit\u00e4t des Geb\u00e4udes gelegt.<\/p>\n<p>Die Jury, in der u. a. der oberschlesische Regierungspr\u00e4sident Hans Lukaschek sa\u00df, w\u00e4hlte den Schneidem\u00fchler Stadtarchitekten Friedrich Lehmann (in einigen Quellen Konrad Lehmann). Sein Entwurf war gepr\u00e4gt von den Ideen des Bauhauses und der architektonischen Moderne. Er bestach durch eine schlichte, klare Bauform, gro\u00dfe horizontale Verglasungen und Stahlbetonelemente. Die Fassade sollte mit keramischen Fliesen verkleidet werden. Inspiriert von Le Corbusiers Konzept der Pilotis (einer offenen Betonpfahlkonstruktion) sah Lehmanns Entwurf auch einen Durchgang von der Stra\u00dfe zum Schlosspark im Mittelteil des Regierungsgeb\u00e4udes vor.<\/p>\n<h2>Ein architektonischer Sprung in die Moderne<\/h2>\n<p>F\u00fcr den Bau des Regierungsgeb\u00e4udes zog Lehmann nach Oppeln, wo der Bau im August 1930 begann. Innerhalb von vier Jahren entstand ein imposanter Bau, der sich deutlich von der bisherigen Architektur Oppelns absetzte. Mit einer H\u00f6he von sieben Stockwerken, einer L\u00e4nge von 112 Metern und einer Breite von 14 Metern geh\u00f6rte er damals zu den gr\u00f6\u00dften Geb\u00e4uden der Stadt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eNach \u00fcber 90 Jahren dient das neue Regierungsgeb\u00e4ude weiterhin seinem Zweck und ist das politische Entscheidungszentrum des Oppelner Oberschlesiens.\u201d<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Zur Ausstattung im Inneren geh\u00f6rten die luxuri\u00f6se Dienstwohnung des Regierungspr\u00e4sidenten, ein Weinkeller mit Platz f\u00fcr Hunderte Flaschen sowie zahlreiche aufw\u00e4ndige Details wie z. B. Treppenh\u00e4user aus grauem Marmor. Technisch war der neue Verwaltungssitz Oberschlesiens ebenfalls auf dem neuesten Stand und mit modernen Au\u00dfenjalousien, Kohlekesseln f\u00fcr die Heizung und einer effektiven Beleuchtung ausgestattet. Den gr\u00f6\u00dften Eindruck machen bis heute die funktionierenden Paternoster-Aufz\u00fcge im Hauptfoyer. Sie wurden 1932 von der Berliner Firma Carl Flohr A.-G. hergestellt und konnten gleichzeitig 24 Personen bef\u00f6rdern. Der originale Mechanismus des Aufzugs ist ebenfalls erhalten, aber f\u00fcr Au\u00dfenstehende kaum zug\u00e4nglich.<\/p>\n<h2>Unter neuer Verwaltung<\/h2>\n<p>Die Eroberung der zur Festung erkl\u00e4rten Stadt im Januar 1945 durch die Rote Armee \u00fcberstand das Regierungsgeb\u00e4ude, anders als der Marktplatz, relativ unbeschadet. Nach der \u00dcbergabe der Verwaltung an die polnischen Beh\u00f6rden fand zun\u00e4chst der Nationalrat der Woiwodschaft und sp\u00e4ter die Woiwodschaftsverwaltung hier ihren Sitz.<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten Umgestaltungen im direkten Umfeld des Regierungsgeb\u00e4udes z\u00e4hlen der Umbau des Piastenturms 1957 sowie der Bau eines Amphitheaters 1963.<\/p>\n<p>Die politische Wende von 1989 hatte nicht nur politische, sondern auch architektonische Folgen. 1991 wurde das Regierungsgeb\u00e4ude unter Denkmalschutz gestellt, und 1997 wurden verglaste Aufz\u00fcge von au\u00dfen angebaut, um die Barrierefreiheit zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Nach 1989 gewann auch der Woiwodschaftstag an politischer Bedeutung. F\u00fcr ihn wurde ein moderner Zweckbau hinter dem Woiwodschaftsamt errichtet. So konnten die neuen R\u00e4ume f\u00fcr die Abgeordneten dezent und denkmalgerecht eingerichtet werden. Neben Sitzungen des Regionalparlaments, in dem die Vertreter der deutschen Minderheit eine politisch wichtige Rolle spielen, finden hier auch Konferenzen statt.<\/p>\n<h2>Historisches Interieur und heutige Nutzung<\/h2>\n<p>Das Innere des Regierungsgeb\u00e4udes ist bis heute mit vielen Details gut erhalten. Zu erw\u00e4hnen sind u. a. die original erhaltenen modernistischen Kronleuchter im Goldenen Saal, wo die wichtigsten nationalen und internationalen G\u00e4ste empfangen werden.<\/p>\n<p>Dank Renovierungsarbeiten wurde zudem eine dekorative Version des Staatswappens der Weimarer Republik freigelegt. Dieses befindet sich auf f\u00fcnf Meter breiten, vierteiligen T\u00fcren und wurde in Intarsientechnik aus farbigen Holzfurnieren gefertigt. Von alten Farbschichten befreit, dekoriert es das B\u00fcro des Leiters der Woiwodschaftlichen Denkmalschutzbeh\u00f6rde.<\/p>\n<p>Gelegentlich gibt es die M\u00f6glichkeit, an F\u00fchrungen durch das Woiwodschaftsamt teilzunehmen, was besonders Freunden der modernistischen Architektur zu empfehlen ist. Wem dagegen das alte Piastenschloss mehr gef\u00e4llt, der kann sich eine digitale Version im Internet anschauen. Wie so oft im Leben gilt auch hier das alte Sprichwort: Die Sch\u00f6nheit liegt im Auge des Betrachters.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Martin Wycisk<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So kontrovers der Abriss des Piastenschlosses war, so sehr bem\u00fchten sich die verantwortlichen Beh\u00f6rden, einen architektonisch wertvollen Ersatz zu schaffen. Nach \u00fcber 90 Jahren dient das neue Regierungsgeb\u00e4ude weiterhin seinem Zweck und ist das politische Entscheidungszentrum des Oppelner Oberschlesiens.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":79163,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4224],"tags":[8228,8231,8229,6815,6709,8230,8232],"redaktor":[6092],"class_list":["post-79162","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-de","tag-abriss-des-piastenschlosses","tag-nationalrat-der-woiwodschaft","tag-regierungsgebaeude-oppeln","tag-schlesien-de","tag-vergessenes-erbe-de-2","tag-weimarer-moderne-an-der-oder","tag-woiwodschaftsverwaltung","redaktor-martin-wycisk-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79162","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79162"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79162\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79166,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79162\/revisions\/79166"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/79163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79162"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79162"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79162"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=79162"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}