{"id":78768,"date":"2026-05-12T05:00:09","date_gmt":"2026-05-12T03:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=78768"},"modified":"2026-05-12T15:15:45","modified_gmt":"2026-05-12T13:15:45","slug":"kehrt-der-alte-streit-um-flucht-und-vertreibung-zurueck-zur-erinnerung-an-flucht-und-vertreibung-35-jahre-nach-dem-deutsch-polnischen-nachbarschaftsvertrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/kehrt-der-alte-streit-um-flucht-und-vertreibung-zurueck-zur-erinnerung-an-flucht-und-vertreibung-35-jahre-nach-dem-deutsch-polnischen-nachbarschaftsvertrag\/","title":{"rendered":"Kehrt der alte Streit um Flucht und Vertreibung zur\u00fcck?"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Erinnerung an Flucht und Vertreibung 35 Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Im f\u00fcnfunddrei\u00dfigsten Jahr nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit kehrt ein Thema zur\u00fcck, das noch vor einigen Jahren zumindest teilweise befriedet schien: die Vertreibung der Deutschen nach 1945 und ihr Platz im europ\u00e4ischen Geschichtsged\u00e4chtnis.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die geplanten \u00c4nderungen am Gesetz, das die T\u00e4tigkeit der Stiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201c in Berlin regelt, haben bereits bei einem Teil der deutschen Politiker sowie in Kreisen, die sich mit Erinnerungskultur befassen, Besorgnis ausgel\u00f6st. Die Bedenken betreffen nicht nur die k\u00fcnftige Ausrichtung der Institution nach der Wahl eines neuen Direktors, sondern vor allem eine m\u00f6gliche Verschiebung der Interpretationsschwerpunkte: weg von der europ\u00e4ischen Geschichte der Zwangsmigrationen hin zu einer st\u00e4rker national definierten Erz\u00e4hlung \u00fcber die \u201eVertreibung der Deutschen\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr den polnischen Leser mag dies wie eine R\u00fcckkehr zu den Auseinandersetzungen vor zwei Jahrzehnten klingen. Damals l\u00f6ste das Projekt eines \u201eZentrums gegen Vertreibungen\u201c, das vom Bund der Vertriebenen unterst\u00fctzt wurde, in Polen heftige Emotionen aus. Man bef\u00fcrchtete eine Relativierung der deutschen Verantwortung f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg sowie eine Verlagerung der Aufmerksamkeit von den Massenopfern der deutschen Besatzung auf das Leid der Deutschen selbst.<\/p>\n<div id=\"attachment_78771\" style=\"width: 2058px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78771\" class=\"size-full wp-image-78771\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1360\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007.jpg 2048w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007-300x199.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007-768x510.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna007-1536x1020.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><p id=\"caption-attachment-78771\" class=\"wp-caption-text\">Die geplante Gesetzes\u00e4nderung zur Stiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201c k\u00f6nnte den Schwerpunkt der Erinnerungskultur erneut st\u00e4rker auf die deutsche Opfererfahrung verlagern \u2013 und damit einen lange m\u00fchsam aufgebauten Kompromiss infrage stellen. Im Bild: der \u201eBrunnen der Erinnerung\u201c (\u201eW\u0119ze\u0142ek\u201c) in Breslau.<br \/>Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<p>Zum Symbol jener Kontroversen wurde die bekannte Karikatur von Walter Hanel \u201eGeschenk nach Polen\u201c, die noch w\u00e4hrend der sch\u00e4rfsten Debatten um das Projekt Erika Steinbachs ver\u00f6ffentlicht wurde. Sie stellte die \u201eVertreibungen\u201c als eine Art Geschenk an Polen dar \u2013 ein bitterer Kommentar zu den deutschen Erinnerungsstreitigkeiten und zugleich eine Illustration der polnischen Bef\u00fcrchtungen vor einem nationalen Wettbewerb des Leidens.<\/p>\n<p>Die Karikatur traf den Nerv der Angst, dass die tragische Geschichte auf die Logik gegenseitiger Ungerechtigkeiten reduziert werden k\u00f6nnte, ohne die Ursachen des Krieges und die Folgen der deutschen Besatzungspolitik zu ber\u00fccksichtigen. Der Zeichner griff dabei ein bereits bekanntes Motiv der deutsch-polnischen Br\u00fccke auf. Die zuvor stabil wirkende Br\u00fccke erscheint in Hanels Karikatur erneut gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<h3>Von der \u201eVertreibung\u201c zu den \u201eZwangsmigrationen\u201c<\/h3>\n<p>Die Antwort auf jene Konflikte bestand jedoch nicht nur aus politischen Protesten. Schrittweise begann man, nach einer neuen Sprache der Erinnerung zu suchen \u2013 einer europ\u00e4ischeren und national weniger exklusiven. Eines der interessantesten Beispiele bleibt der Breslauer \u201eBrunnen der Erinnerung\u201c (\u201eW\u0119ze\u0142ek\u201c) \u2013 eine bescheidene k\u00fcnstlerische Installation, die auf die Erfahrung des Heimatverlustes, der Zwangsmigration und der biographischen Entwurzelung verweist, ohne das Leid ausschlie\u00dflich einer Nationalit\u00e4t zuzuschreiben.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ein-kenner-polens-wird-neuer-direktor-der-stiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as104759_e_print-e1774800019960-150x150.jpg\" alt=\"Ein Kenner Polens wird neuer Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Einstimmige Wahl nach kontroverser Debatte<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Ein Kenner Polens wird neuer Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-gedanken-sind-frei-kompromiss-aber-welcher\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Berlin_Kreuzberg_Stresemannstrasse_Deutschlandhaus-scaled-e1777281751810-150x150.jpg\" alt=\"Die Gedanken sind frei: Kompromiss \u2013 aber welcher?\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n              \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Die Gedanken sind frei: Kompromiss \u2013 aber welcher?<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\r\n        \r\n                                \r\n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/zwischen-geschichte-und-politik-der-streit-um-die-kuenftige-ausrichtung-der-bundesstiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/\">\r\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\r\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dauerausstellung-Markus-Groeteke-Stiftung-Flucht-Vertreibung-Versoehnung_2-150x150.jpg\" alt=\"Zwischen Geschichte und Politik: Der Streit um die k\u00fcnftige Ausrichtung der Bundesstiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201d\">\r\n                            <\/div>\r\n            <div class=\"newsy-card-text\">\r\n            \t\r\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\r\n                                      \t\r\n            \t\r\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Zwischen Geschichte und Politik: Der Streit um die k\u00fcnftige Ausrichtung der Bundesstiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201d<\/h3>\r\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\r\n            <\/div>\r\n        <\/a>\r\n            <\/section>\r\n    \n<p>Es war kein Zufall, dass man damals immer h\u00e4ufiger nicht mehr von \u201eVertreibung\u201c im Singular sprach \u2013 einem Begriff, der in der Wahrnehmung eng mit dem Schicksal der Deutschen verbunden war \u2013, sondern von \u201eZwangsmigrationen\u201c im Plural. Dieser Sprachwandel hatte grundlegende Bedeutung. Er erm\u00f6glichte es, die verschiedenen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts anzuerkennen \u2013 die der Deutschen, Polen, Ukrainer, Wei\u00dfrussen, Litauer und vieler anderer \u2013 ohne dabei die historische Verantwortung des Dritten Reichs f\u00fcr den Kriegsausbruch und die Entfesselung der Gewaltspirale zu verwischen.<\/p>\n<p>Der damals erzielte Kompromiss geh\u00f6rte zu den wichtigsten Errungenschaften des deutsch-polnischen Erinnerungsdialogs nach 1989. Auf ihm gr\u00fcndete sp\u00e4ter die Arbeit der Berliner Stiftung. Die deutsche Erfahrung von Flucht und Vertreibung wurde als Teil der europ\u00e4ischen Geschichte anerkannt, dabei aber sehr deutlich in den Kontext der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik eingebettet. Dies erm\u00f6glichte einen schrittweisen Vertrauensaufbau auch auf polnischer Seite.<\/p>\n<h3>Ein schwieriger Erinnerungskompromiss<\/h3>\n<p>Das Gesetz von 2020 definierte den Zweck der Stiftung als Wachhalten der Erinnerung an \u201eFlucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik\u201c. Keine Nationalit\u00e4t wurde gesondert erw\u00e4hnt \u2013 was eine bewusste Interpretationsentscheidung war und das Ergebnis jahrelanger Diskussionen darstellte.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Das Problem liegt nicht in der Erinnerung an die deutschen Vertriebenen selbst \u2013 das steht l\u00e4ngst au\u00dfer Diskussion \u2013, sondern in der Frage, ob der Schwerpunkt der Erinnerungsarbeit nicht erneut von der Geschichte der europ\u00e4ischen Gewalt hin zu einer st\u00e4rker nationalen Erz\u00e4hlung vom deutschen Opfer verschoben wird.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Herangehensweise hatte nicht nur politische, sondern auch symbolische Bedeutung. Die deutsche Erfahrung der Vertreibungen blieb pr\u00e4sent, wurde aber in die gesamte Geschichte der europ\u00e4ischen Gewalt und der Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts eingebettet. Dadurch war es m\u00f6glich, alte Erinnerungsstreitigkeiten schrittweise abzuschw\u00e4chen und eine gemeinsame Sprache der Geschichtsbeschreibung zu entwickeln.<\/p>\n<h3>Was der Novellierungsentwurf von 2026 \u00e4ndert<\/h3>\n<p>Der Novellierungsentwurf vom April 2026 bringt \u00c4nderungen mit sich, die sich schwerlich als blo\u00df redaktionelle Korrekturen bezeichnen lassen. Sie betreffen sowohl den inhaltlichen Zweck als auch die institutionelle Struktur der Stiftung.<\/p>\n<p>Die erste und wichtigste \u00c4nderung betrifft den Stiftungszweck. Zum bisherigen Wortlaut wird \u201einsbesondere die der Deutschen\u201c hinzugef\u00fcgt. Eine Formulierung, die bislang alle Opfer der Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts umfasste, erh\u00e4lt nun einen deutlichen nationalen Akzent. Das ist keine stilistische Korrektur, sondern eine wesentliche Interpretations\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Die zweite \u00c4nderung betrifft die Dauerausstellung, die einen neuen Schwerpunkt erhalten soll: \u201emit dem Schwerpunkt Flucht und Vertreibung der Deutschen im und nach dem Zweiten Weltkrieg\u201c. Die europ\u00e4ische Perspektive der Zwangsmigrationen wird damit zugunsten einer Erz\u00e4hlung verschoben, die sich vorrangig auf das Schicksal der Deutschen konzentriert.<\/p>\n<p>Auch die institutionellen \u00c4nderungen sind bedeutsam. Der Stiftungsrat wird von 21 auf 22 Mitglieder erweitert, und neues Mitglied kraft Amtes soll der Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten werden. In der Praxis bedeutet dies eine weitere St\u00e4rkung des Einflusses der mit dem Bund der Vertriebenen verbundenen Kreise, die damit insgesamt acht Sitze im Stiftungsrat innehaben werden.<\/p>\n<p>Zugleich wird die Aufsicht \u00fcber die Stiftung vom Amt der Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien auf das Bundesministerium des Innern \u00fcbertragen, und Haushalts- sowie Personalentscheidungen werden der Zustimmung eines Vertreters dieses Ministeriums bed\u00fcrfen. Diese \u00c4nderungen deuten auf eine Verlagerung der Stiftung aus dem Bereich der europ\u00e4ischen Erinnerungskultur hin zur Innenpolitik und zu Kreisen, die die Interessen der Vertriebenen vertreten \u2013 oder vielmehr ihrer Nachkommen sowie jener Milieus, die sich der Pflege der Erinnerung an den sogenannten \u201edeutschen Osten\u201c verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n<div id=\"attachment_78773\" style=\"width: 1884px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78773\" class=\"size-full wp-image-78773\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776.jpg\" alt=\"\" width=\"1874\" height=\"1360\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776.jpg 1874w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776-300x218.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776-1024x743.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776-768x557.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/25-12-22-wroclaw-fontanna002-e1778499052776-1536x1115.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1874px) 100vw, 1874px\" \/><p id=\"caption-attachment-78773\" class=\"wp-caption-text\">Brunnen der Erinnerung.<br \/>Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<h3>Nationale oder europ\u00e4ische Erinnerungskultur?<\/h3>\n<p>Daher sollten die gegenw\u00e4rtigen \u00c4nderungsvorschl\u00e4ge auch in Polen aufmerksam verfolgt werden. Das Problem liegt n\u00e4mlich nicht in der Erinnerung an die deutschen Vertriebenen selbst \u2013 das steht l\u00e4ngst au\u00dfer Diskussion \u2013, sondern in der Frage, ob der Schwerpunkt der Erinnerungsarbeit nicht erneut von der Geschichte der europ\u00e4ischen Gewalt hin zu einer st\u00e4rker nationalen Erz\u00e4hlung vom deutschen Opfer verschoben wird.<\/p>\n<p>Im polnischen Geschichtsged\u00e4chtnis besteht eine besondere Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber allen Versuchen, die deutschen Vertreibungen von der vorausgegangenen Geschichte des Krieges, der Besatzung und des von Deutschen begangenen Terrors zu trennen. Sie ergibt sich nicht nur aus der Erfahrung der Besatzung selbst, sondern auch aus der Nachkriegsgeschichte Mittel- und Osteuropas, in der nahezu alle Gesellschaften der Region Zwangsmigrationen, Deportationen oder den Verlust ihrer Heimat erfahren haben.<\/p>\n<p>Dies w\u00e4re ein beunruhigendes Signal gerade heute, zu einer Zeit, in der Europa erneut Krieg, Flucht und Zwangsmigrationen erlebt. In den vergangenen Jahren schien der deutsch-polnische Erinnerungsdialog \u2013 trotz aller Interpretationsunterschiede \u2013 einen schwierigen, aber dauerhaften Konsens erreicht zu haben. Er gr\u00fcndete nicht auf einem identischen Ged\u00e4chtnis, sondern auf Einigkeit \u00fcber den historischen Kontext und die Verantwortung f\u00fcr Ausbruch und Folgen des Krieges.<\/p>\n<h3>Im Schatten des Vertragsjubil\u00e4ums<\/h3>\n<p>Es ist wohl kein Zufall, dass die Debatte um die Zukunft der Stiftung ausgerechnet im Jubil\u00e4umsjahr des Nachbarschaftsvertrags aufkommt. Das 1991 unterzeichnete Dokument sollte die Grundlagen einer neuen Partnerschaft zwischen Polen und Deutschen schaffen \u2013 auch im Bereich des Geschichtsged\u00e4chtnisses. Wenn heute alte \u00c4ngste und alte Streitigkeitssymbole zur\u00fcckzukehren drohen, sollte man das als Warnsignal ernst nehmen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Zwangsmigrationen hat l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt, ausschlie\u00dflich deutsche oder polnische Geschichte zu sein. Sie ist Teil der europ\u00e4ischen Reflexion \u00fcber Massengewalt und Verbrechen im 20. Jahrhundert geworden. Gerade heute, da Flucht und Heimatverlust erneut zur europ\u00e4ischen Realit\u00e4t geh\u00f6ren, w\u00e4re es ein Fehler, diese Geschichte wieder in nationale Rahmen und innenpolitische Zusammenh\u00e4nge einzusperren.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung an Flucht und Vertreibung 35 Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag Im f\u00fcnfunddrei\u00dfigsten Jahr nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit kehrt ein Thema zur\u00fcck, das noch vor einigen Jahren zumindest teilweise befriedet schien: die Vertreibung der Deutschen nach 1945 und ihr Platz im europ\u00e4ischen Geschichtsged\u00e4chtnis.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":78769,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4232],"tags":[7242,6268,8057,7065,6424,6951,6955,6954,8059,8058],"redaktor":[6211],"class_list":["post-78768","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-de","tag-35-jahre-deutsch-polnischer-nachbarschaftsvertrag","tag-breslau","tag-brunnen-der-erinnerung","tag-denkmal-de","tag-nachbarschaft-verpflichtet","tag-stiftung-flucht","tag-versoehnung-de","tag-vertreibung-de","tag-vertreibung-der-deutschen-nach-1945","tag-wezelek","redaktor-krzysztof-ruchniewicz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78768","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78768"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78768\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78924,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78768\/revisions\/78924"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/78769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78768"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78768"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78768"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=78768"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}