{"id":78467,"date":"2026-05-16T05:00:08","date_gmt":"2026-05-16T03:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=78467"},"modified":"2026-05-15T08:45:56","modified_gmt":"2026-05-15T06:45:56","slug":"literarische-bruecken-zwischen-polen-und-deutschland-interview-mit-leander-steinkopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/literarische-bruecken-zwischen-polen-und-deutschland-interview-mit-leander-steinkopf\/","title":{"rendered":"Literarische Br\u00fccken zwischen Polen und Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>35 Jahre ist es her, dass Deutschland und Polen den Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet haben. Ein gro\u00dfes Jubil\u00e4um, das uns heute die Frage stellt: Wie lebendig ist diese Freundschaft eigentlich im Alltag? Wir blicken auf verschiedene Facetten dieser Nachbarschaft.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Unser Reporter, Justus Niebling, hat mit Dr. Leander Steinkopf \u00fcber sein neues Buch \u201eCaf\u00e9 Amatorska\u201c gesprochen. Doch dabei blieb es nicht: Es ging auch um deutsch-polnische Beziehungen und darum, wie man sich am besten begegnet.<\/p>\n<h3>Woher kommt denn \u00fcberhaupt Ihr Interesse an Polen?<\/h3>\n<p>Schon in meiner Schulzeit geh\u00f6rte ich zu den wenigen, die Interesse an einem Sch\u00fcleraustausch mit Polen hatten. Das war damals ein sehr starkes Erlebnis \u2013 auch weil wir so unbedarft und frei von gegenseitigen Vorurteilen waren: einfach irgendwelche 16-J\u00e4hrigen, die zusammen Party machen. Vielleicht habe ich daher auch diese positive Assoziation mit Wohnbl\u00f6cken und mit einer slawischen Sprache. Und so bin ich dann immer wieder nach Polen gefahren.<\/p>\n<h3>Welche Idee von Polen hatten Sie vor Ihrem ersten Besuch?<\/h3>\n<p>Wir sind vollkommen unvoreingenommen hingefahren. Nat\u00fcrlich haben wir dort auch Auschwitz besucht. Aber w\u00e4hrend der pers\u00f6nlichen Begegnung mit den Polen haben wir keinen Moment an Schuld und Scham gedacht. Wir sind damals ganz naiv an diese Begegnung herangegangen.<\/p>\n<h3>Sollten Deutsche und Polen so naiv aufeinandertreffen?<\/h3>\n<p>Ich glaube, das ist eine gute Grundlage f\u00fcr fr\u00fche Begegnungen. Erst sp\u00e4ter wurde mir richtig bewusst, welche Verbrechen die Deutschen in Polen begangen haben. Erst sp\u00e4ter habe ich ein entsprechendes Empfinden entwickelt. Aber dadurch, dass ich bereits authentische Freundschaften zu polnischen Menschen aufgebaut hatte, empfand ich Empathie \u2013 und konnte echtes Mitgef\u00fchl entwickeln.<br \/>\nUmgekehrt glaube ich, dass es schwierig ist, solche zwischenmenschlichen Beziehungen aufzubauen, wenn man schon mit Schuldgef\u00fchlen nach Polen reist. Deshalb denke ich, dass Sch\u00fcleraustausche in jeder Hinsicht wichtig sind \u2013 und dass diese Naivit\u00e4t eine wichtige Ressource darstellt.<\/p>\n<h3>Wieso dieses Buch?<\/h3>\n<p>Mit meinem Buch m\u00f6chte ich eine L\u00fccke f\u00fcllen. Ich nehme selbst wahr, wie allgegenw\u00e4rtig zum Beispiel der Nachbar Frankreich ist, w\u00e4hrend Polen kaum wahrgenommen wird. Gleichzeitig steckt in dem Konzept Mitteleuropa, das in Deutschland wenig pr\u00e4sent ist, viel Wahrheit. Zu Polen besteht eine gro\u00dfe kulturelle N\u00e4he.<br \/>\nEine Polin wollte mir einmal den \u201etypischen Polen\u201c zeigen. Sie zeigte mir das Bild eines Mannes Mitte 50, mit Bauch, kurz\u00e4rmligem, in die Hose gestecktem Hemd und Tennissocken in Sandalen. Und ich sagte: Entschuldigung, das ist doch unser Klischee!<\/p>\n<h3>Sprechen wir \u00fcber Ihr Buch selbst. Gibt es das namensgebende Caf\u00e9 Amatorska wirklich?<\/h3>\n<p>Dieses Caf\u00e9 gibt es tats\u00e4chlich in Warschau \u2013 seit den 1950er-Jahren, glaube ich. Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar, vielleicht sogar wie eine etwas dubiose Spelunke. Aber wenn man dort ist, ist es einfach faszinierend \u2013 wegen der Menschen, die dort verkehren. Es war schon immer ein K\u00fcnstlercaf\u00e9, in der Vergangenheit auch ein Treffpunkt der queeren Szene. Selbst Foucault hat das Caf\u00e9 w\u00e4hrend seiner Zeit in Warschau regelm\u00e4\u00dfig besucht. Das ist wohl gut dokumentiert, weil ihm immer drei Spione folgten. Es ist also ein bemerkenswerter Ort, an dem bemerkenswerte Menschen zusammenkommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_78469\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78469\" class=\"size-full wp-image-78469\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Leander_Steinkopf_1_cprivat-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-78469\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Leander Steinkopf.<br \/>Foto: Dr. Leander Steinkopf<\/p><\/div>\n<h3>Und der Protagonist in dem Buch besucht dieses Caf\u00e9 \u2013 warum?<\/h3>\n<p>Eigentlich ist er in Krakau, um dort ein Buch zu schreiben. Obwohl es August ist, ist es sehr kalt und regnet die ganze Zeit. Er ist isoliert, weil er nur an seinem Manuskript arbeitet. Als er fertig ist, f\u00e4hrt er nach Warschau und hat v\u00f6llig vergessen, wie sich soziales Leben anf\u00fchlt \u2013 dass man mit Menschen sprechen kann. In dieser Stimmung geht er ins Caf\u00e9 Amatorska und merkt, wie gro\u00df sein Bed\u00fcrfnis ist, endlich wieder mit Menschen zu interagieren. Genau das tut er dort \u2013 sehr intensiv. Mein Buch handelt vor allem von diesem Abend und den darauffolgenden Tagen.<\/p>\n<h3>Nur von diesem Abend?<\/h3>\n<p>Die Handlung beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf diesen Abend. Vieles wird erinnert, fr\u00fchere Geschichten werden erz\u00e4hlt. Der Text lebt weniger von einer stringenten Handlung als von Assoziationen. Er funktioniert als Gedankenfluss eines deutschen Besuchers, der sich ein Bild von Polen zusammensetzt.<br \/>\nDieses Bild entsteht sowohl aus aktuellen Erlebnissen als auch aus Erinnerungen an fr\u00fchere Aufenthalte. Den Stil w\u00fcrde ich als ruhig, poetisch und beobachtend beschreiben.<\/p>\n<h3>Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und dem Protagonisten?<\/h3>\n<p>Ich kann offen sagen, dass viele eigene Erlebnisse eingeflossen sind. Die Bezeichnung \u201eNovelle\u201c hat mir die Freiheit gegeben, fiktional zu schreiben \u2013 aber in weiten Teilen ist es auch ein Memoir. Der Protagonist kommt nach Polen und hat dort schon als Jugendlicher pr\u00e4gende Erfahrungen gemacht, Freundschaften geschlossen und gro\u00dfe Gastfreundschaft erlebt.<\/p>\n<h3>Was verbindet ihn noch mit Polen?<\/h3>\n<p>Er versp\u00fcrt ein Gef\u00fchl des Aufgehobenseins in der Fremde. Endlich weg vom einengenden Heimatort, von der Familie, vom Schulsystem. Polen erscheint ihm als Ort der Freiheit. Nat\u00fcrlich ist das ein St\u00fcck weit eine Illusion \u2013 w\u00fcrde er dort leben, h\u00e4tte er dieselben Verpflichtungen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>&#8222;Mit meinem Buch m\u00f6chte ich eine L\u00fccke f\u00fcllen. Ich nehme selbst wahr, wie allgegenw\u00e4rtig zum Beispiel der Nachbar Frankreich ist, w\u00e4hrend Polen kaum wahrgenommen wird.&#8220;<br \/>\n<\/strong><\/span><em><span style=\"color: #ffcc00;\">Dr. Leander Steinkopf<\/span><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aber gerade weil er als Besucher kommt, kann er diese Romantik aufrechterhalten. Seine Erfahrungen bilden ein positives Gegenbild zu negativen Stereotypen \u00fcber Polen in Deutschland.<\/p>\n<h3>Wie erlebt er die deutsch-polnische Beziehung?<\/h3>\n<p>Es gibt eine wichtige Szene mit einer polnischen Freundin. Sie sprechen meist \u00fcber die Gegenwart, nicht \u00fcber die Geschichte. Doch irgendwann sagt sie: \u201eFallt bitte nicht wieder in Polen ein.\u201c Das empfindet er als gro\u00dfen Vertrauensbeweis. Denn in diesem Moment zeigt sich, dass ihre Beziehung stark genug ist, um auch die Last der Geschichte zu tragen.<\/p>\n<h3>Gibt es diese Angst vor Deutschland wirklich?<\/h3>\n<p>Mein Eindruck ist, dass es nach wie vor einen gewissen Respekt vor Deutschland gibt \u2013 als gro\u00dfem Nachbarn. Viele Deutsche verstehen diese Perspektive nicht. Wenn Polen Politiker wie Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski w\u00e4hlen, die Deutschland skeptisch sehen, wird das oft nicht nachvollzogen. Aber in pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen kann man diese Gef\u00fchle besser verstehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-79130\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/buchcover-605x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/buchcover-605x1024.jpg 605w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/buchcover-177x300.jpg 177w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/buchcover.jpg 737w\" sizes=\"auto, (max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/p>\n<h3>Wie sehen sich die Polen selbst?<\/h3>\n<p>Viele haben Respekt vor Deutschland als wirtschaftlich starkem Land. Gleichzeitig gibt es Stolz auf die eigene Entwicklung: Wirtschaftswachstum, milit\u00e4rische St\u00e4rke, attraktive St\u00e4dte. Polen holt auf \u2013 und das wird wahrgenommen. Auch in deutschen Medien erscheinen zunehmend positive Berichte \u00fcber Polen.<\/p>\n<h3>Gilt das f\u00fcr alle?<\/h3>\n<p>Meine Erfahrungen beschr\u00e4nken sich auf eher akademische Milieus in Gro\u00dfst\u00e4dten. Dort herrscht eine kosmopolitische Haltung. Viele reisen heute direkt nach Paris oder New York \u2013 Deutschland ist nicht mehr automatisch das zentrale Bezugssystem.<\/p>\n<h3>Was k\u00f6nnen Deutsche von Polen lernen?<\/h3>\n<p>Vor allem eine gewisse Haltung zum Leben. In Deutschland herrscht oft eine Mischung aus S\u00e4ttigung und Resignation. Vieles wirkt blockiert. In Polen dagegen sp\u00fcrt man Aufbruchsstimmung \u2013 den Wunsch, etwas aufzubauen. Diese Energie fehlt uns teilweise.<br \/>\nUnd eine Tugend ganz sicher: die Gastfreundschaft.<\/p>\n<h3>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Justus Niebling<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>35 Jahre ist es her, dass Deutschland und Polen den Vertrag \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet haben. Ein gro\u00dfes Jubil\u00e4um, das uns heute die Frage stellt: Wie lebendig ist diese Freundschaft eigentlich im Alltag? 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