{"id":78382,"date":"2026-05-10T11:00:37","date_gmt":"2026-05-10T09:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=78382"},"modified":"2026-05-20T16:24:18","modified_gmt":"2026-05-20T14:24:18","slug":"auf-literarischen-umwegen-melusine-oder-die-verzweiflung-einer-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-melusine-oder-die-verzweiflung-einer-mutter\/","title":{"rendered":"Melusine oder die Verzweiflung einer Mutter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wasserm\u00e4nner, Schatzh\u00fcter, Beboki oder Mittagsfrauen bilden den eigentlichen Parnass der oberschlesischen Spukgestalten, die im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Region bis heute fortleben. Und obwohl sie heutzutage kaum noch Schrecken verbreiten \u2013 ja, die Beboki sind sogar Teil der Marketingstrategie der Stadt Kattowitz geworden \u2013, scheinen sie im oberschlesischen Imaginarium weiterhin zu dominieren und andere Wesen d\u00e4monischer Herkunft eher in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen. Zu ihnen geh\u00f6rt auch Melusine \u2013 halb Frau, halb Fisch \u2013, deren Erinnerung in der regionalen Literatur bewahrt wird, die die Motive mittelalterlicher Erz\u00e4hlungen aus Frankreich und Deutschland frei weiterentwickelt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Melusine im oberschlesischen Volksglauben<\/h2>\n<p>In der Volksliteratur Oberschlesiens wird Melusine meist mit heulendem Wind in Verbindung gebracht \u2013 man glaubte fr\u00fcher n\u00e4mlich, sie ziehe als Windfrau oder Windbraut um die H\u00e4user und flehe um Nahrung f\u00fcr ihre Kinder. Um sie zu bes\u00e4nftigen, gen\u00fcgt es, ein St\u00fcck Brot und etwas Mehl auf das Fensterbrett zu legen.<\/p>\n<p>Mitunter erscheint sie auch als selbstverliebtes M\u00e4dchen, das schwere Arbeit meidet und sich unabl\u00e4ssig an seiner eigenen Sch\u00f6nheit erfreut, wodurch es den Haushalt seines Mannes ins Verderben st\u00fcrzt. Die Rettung f\u00fcr den armen Bauern bringt ein zuf\u00e4llig vorbeikommender H\u00e4ndler, der sch\u00f6ne T\u00fccher verkauft \u2013 als eines davon vom Wind erfasst wird, st\u00fcrzt Melusine ihm hinterher und kehrt nie wieder auf den verfallenen Hof zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Wind bringt auch die Pl\u00e4ne einer Melusine aus der Gegend von Beuthen durcheinander, wenn sie sich elegante Hemden n\u00e4ht, statt \u2013 wie es sich f\u00fcr eine Oberschlesierin geh\u00f6rt \u2013 zur Sonntagsmesse zu gehen. Die strafende Hand Gottes verurteilt sie dazu, bis zum J\u00fcngsten Tag Hemden zu n\u00e4hen, und der st\u00fcrmische Wind zerst\u00f6rt ihr Werk jedes Mal, wenn es beinahe vollendet ist.<\/p>\n<p>Der Wind, der diese Erz\u00e4hlungen begleitet, wird meist als heulend oder klagend beschrieben, seltener als wimmernd. Gerade dieses Element der Melusinengeschichten ist besonders bemerkenswert \u2013 es macht deutlich, dass es sich um ein Wesen handelt, das Laute von sich gibt, die von tiefem Schmerz zeugen. Um dessen Ursprung zu verstehen, muss man zu den urspr\u00fcnglichen Erz\u00e4hlungen zur\u00fcckkehren, die im Mittelalter \u00fcber Melusine im Umlauf waren.<\/p>\n<h2>Die mittelalterlichen Wurzeln der Melusinen-Erz\u00e4hlung<\/h2>\n<p>Nach Oberschlesien gelangten diese Volksb\u00fccher \u2013 heute w\u00fcrden wir sie wohl als eher anspruchslose Unterhaltungsliteratur bezeichnen \u2013 vermutlich durch J\u00f3zef Lompa, der einen der deutschen Texte ins Polnische \u00fcbertrug. Im deutschen Sprachraum wiederum geh\u00f6rte die vielfach neu aufgelegte \u201eHistoria von der edlen und sch\u00f6nen Melusina\u201c des Schweizers Th\u00fcring von Ringoltingen zu den beliebtesten Fassungen.<\/p>\n<p>Ringoltingen passte das franz\u00f6sische Vorbild, das bis heute als literarischer Urtext der Melusinen-Geschichte gilt, f\u00fcr ein deutschsprachiges Publikum an. Und gerade aus diesem mittelalterlichen Roman erfahren wir, wer Melusine war und warum sie bis heute so sehr leidet.<\/p>\n<div id=\"attachment_78387\" style=\"width: 711px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78387\" class=\"wp-image-78387 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Meluzyna-karmiaca-dzieci-e1778140942377.jpg\" alt=\"\" width=\"701\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Meluzyna-karmiaca-dzieci-e1778140942377.jpg 701w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Meluzyna-karmiaca-dzieci-e1778140942377-300x243.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 701px) 100vw, 701px\" \/><p id=\"caption-attachment-78387\" class=\"wp-caption-text\">Melusine, ihr Kind stillend.<br \/>Quelle: Geschichte von der edlen und sch\u00f6nen Melusina, welche ein Meerwunder und des K\u00f6niges Helmas Tochter war\/ Universit\u00e4tsbibliothek D\u00fcsseldorf<\/p><\/div>\n<h2>Melusine als leidende Mutter<\/h2>\n<p>In Ringoltingens Darstellung ist Melusine vor allem eine Frau von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Sch\u00f6nheit, herrisch und im Besitz magischer Kr\u00e4fte. So erscheint sie zumindest ihrem zuk\u00fcnftigen Ehemann, dem Ritter Raimund, dem Melusine Ehre und Leben rettet und von dem sie im Gegenzug verlangt, er m\u00f6ge sie zur Frau nehmen.<\/p>\n<p>Als er \u2013 \u00fcberw\u00e4ltigt von ihrer Sch\u00f6nheit \u2013 einwilligt und ihr zudem verspricht, an einem von ihr bestimmten Wochentag nicht in ihre Gem\u00e4cher zu treten, wandelt sich sein Leben auf wundersame Weise. Raimund und Melusine leben fortan in Gl\u00fcck und Wohlstand in einem pr\u00e4chtigen Schloss und bekommen eine ganze Schar Kinder.<\/p>\n<p>Doch die geheimnisvolle Natur Melusines ist Raimunds Bruder ein Dorn im Auge. Er stachelt ihn dazu an, nachzusehen, was seine Gemahlin hinter verschlossenen T\u00fcren treibt. Es k\u00f6nne ja sein, dass dort Unziemliches geschieht \u2013 vielleicht w\u00fcrden dem edlen Ritter sogar H\u00f6rner aufgesetzt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Dieses sich \u00fcber die Ewigkeit erstreckende Leiden der verzweifelten Mutter tr\u00e4gt sich fortan als Klagen oder Heulen des Windes \u00fcber die Weiten \u2013 eine ersch\u00fctternde Metapher f\u00fcr einen Schmerz, so m\u00e4chtig wie die Urgewalt des Windes selbst, der niemals mehr Trost finden wird.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Raimund sp\u00e4ht also durch das Schl\u00fcsselloch und entdeckt, dass seine Geliebte nur zur H\u00e4lfte Mensch, zur anderen H\u00e4lfte jedoch ein Ungeheuer ist: Anstelle von Beinen besitzt sie einen drachen- oder fisch\u00e4hnlichen Schwanz.<\/p>\n<p>Damit zerbricht das h\u00e4usliche Gl\u00fcck \u2013 indem Raimund sein Versprechen bricht, zerst\u00f6rt er sein eigenes Leben und das seiner Frau. Als Melusine seinen Verrat erkennt, st\u00fcrzt sie sich aus dem Fenster und entschwindet im Wind. Nur f\u00fcr wenige Augenblicke kehrt sie sp\u00e4ter ins Schloss zur\u00fcck, um die j\u00fcngsten Kinder zu stillen, die dort zur\u00fcckgeblieben sind.<\/p>\n<p>Obwohl Melusine \u00fcber au\u00dfergew\u00f6hnliche magische Kr\u00e4fte verf\u00fcgt, ist sie dennoch nicht in der Lage, das Unheil zu \u00fcberwinden, das ihr das Schicksal \u2013 ausgel\u00f6st durch den Verrat ihres vertrautesten Menschen \u2013 auferlegt hat. Raimunds Verrat f\u00fchrt dazu, dass sie auf ewig verflucht bleibt.<\/p>\n<p>H\u00e4tte er sein Versprechen gehalten und ihr Bed\u00fcrfnis nach R\u00fcckzug respektiert, h\u00e4tte der einst von ihrer eigenen Mutter ausgesprochene Fluch aufgehoben werden k\u00f6nnen, und Melusine w\u00e4re in ihre menschliche Gestalt zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>So aber muss sie in qualvollem Schmerz \u00fcber den Verlust ihrer geliebten Kinder durch die Welt irren. Dieses sich \u00fcber die Ewigkeit erstreckende Leiden der verzweifelten Mutter tr\u00e4gt sich fortan als Klagen oder Heulen des Windes \u00fcber die Weiten \u2013 eine ersch\u00fctternde Metapher f\u00fcr einen Schmerz, so m\u00e4chtig wie die Urgewalt des Windes selbst, der niemals mehr Trost finden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Dr. habil. Univ.-Prof. Nina Nowara-Matusik<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wasserm\u00e4nner, Schatzh\u00fcter, Beboki oder Mittagsfrauen bilden den eigentlichen Parnass der oberschlesischen Spukgestalten, die im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Region bis heute fortleben. 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