{"id":78305,"date":"2026-05-07T09:00:06","date_gmt":"2026-05-07T07:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=78305"},"modified":"2026-05-07T09:12:03","modified_gmt":"2026-05-07T07:12:03","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-der-adler-auf-der-couch-aber-welcher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-der-adler-auf-der-couch-aber-welcher\/","title":{"rendered":"Der Adler auf der Couch. Aber welcher?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Andrzej Mleczko, einer der bekanntesten polnischen Karikaturisten, kommentiert seit Jahrzehnten mit feiner Ironie die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit seines Landes. In einer seiner Zeichnungen liegt der polnische Adler auf der Couch eines Therapeuten. \u201eAls ich merkte, dass ich das Symbol Polens bin, fiel ich in eine Depression\u201c, sagt der Patient. Das ist treffende Selbstironie \u2013 ein Spiel mit dem Stereotyp nationaler Empfindlichkeit und historischer \u00dcberlastung. Zugleich deutet die Szene auf etwas Tieferes hin: Das Problem liegt nicht nur in einer vermeintlichen \u201epolnischen Psyche\u201c, sondern auch in der Last der Bedeutungen, die ihr zugeschrieben werden.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Beim Lesen von Stefan Lockes Artikel \u201eBeziehungsstatus: Es ist kompliziert\u201c (\u201eFAZ\u201c, 12.04.2026) dr\u00e4ngt sich diese Metapher auf. Polen landet erneut \u2013 zumindest sinnbildlich \u2013 auf der Couch. Es wird analysiert, erkl\u00e4rt, teilweise auch diagnostiziert. Gleich zu Beginn steht die Episode um \u201edeutschen Schrott\u201c, die illustrieren soll, wie \u201ein Polens rechtspopulistischen Kreisen [\u2026] der Tenor lautet, [\u2026] aus Deutschland [\u2026] nichts Gutes kommen k\u00f6nne\u201c. Auch die historische Erinnerung \u201ef\u00e4llt [\u2026] auf fruchtbaren Boden\u201c \u2013 als w\u00e4re sie eher ein erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftiges Ph\u00e4nomen als ein Teil realer Erfahrung.<\/p>\n<p>Locke bem\u00fcht sich um Ausgewogenheit. Er benennt deutsche Fehlentscheidungen \u2013 von der Russlandpolitik bis zum Umgang mit den neuen EU-Mitgliedern. Anna Kwiatkowska spricht vom lange pr\u00e4genden \u201eLehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis\u201c, und der Autor konstatiert, dass sich in Polen \u201elangsam Realismus durchsetzt\u201c. Lockes St\u00e4rke liegt darin, dass er die strukturellen Ursachen dieses Wandels benennt \u2013 den wirtschaftlichen Aufstieg Polens, das Ende der Asymmetrie, den schmerzhaften Abschied von alten Rollenmustern. Das ist keine Kleinigkeit. Doch wird \u201eRealismus\u201c hier subtil den \u201eEmotionen\u201c gegen\u00fcbergestellt, als seien diese zweitrangig oder erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #9b2335;\"><strong>Partnerschaft l\u00e4sst sich nicht verordnen. Sie ist das Ergebnis eines langen Prozesses \u2013 \u00f6konomisch, institutionell und symbolisch \u2013 und erfordert Arbeit auf beiden Seiten.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Emotionen sind nicht das Gegenteil von Realismus \u2013 sie entstehen oft aus einer strukturellen Konstellation, die der Text nur teilweise sichtbar macht. Zwar erkennt Locke den Wandel der polnischen Position, doch die Konsequenzen dieser Verschiebung werden nicht vollst\u00e4ndig durchdacht. Die Forderung nach Beziehungen \u201eauf Augenh\u00f6he\u201c erscheint eher als normativer Wunsch denn als komplexe Aufgabe.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wird dies dort, wo der Autor heikle Themen nur streift \u2013 etwa die Frage von Reparationen f\u00fcr die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Formuszewicz und Cichocki halten fest, dass Reparationserwartungen eine \u201ebreite gesellschaftliche Legitimit\u00e4t\u201c besitzen, \u201edie politische Spaltungen \u00fcbersteigt\u201c \u2013 also mehr als nur ein Element der Erinnerungskultur, sondern auch ein reales zwischenstaatliches Problem. Im Text wird dies jedoch kaum vertieft.<\/p>\n<div id=\"attachment_78312\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78312\" class=\"size-full wp-image-78312\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/orzel1-e1778065995218.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/orzel1-e1778065995218.jpg 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/orzel1-e1778065995218-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/orzel1-e1778065995218-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/orzel1-e1778065995218-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-78312\" class=\"wp-caption-text\">Der Adler ist das Symbol Polens \u2013 zugleich ziert ein Adler auch das deutsche Bundeswappen.<br \/>Foto: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Stimmen von Knut Abraham und Janusz Reiter. Ihre R\u00fcckblicke auf die achtziger und neunziger Jahre zeichnen das Bild einer Zeit, in der Polen \u201eauf Deutschland wie auf einen Leuchtturm\u201c blickte \u2013 und damit auch einer Phase klarer Orientierung und eindeutiger Asymmetrie, die weniger irritierend erschien als heute. Die Gegenwart, komplexer und weniger hierarchisch, entzieht sich einer solchen Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Partnerschaft l\u00e4sst sich nicht verordnen. Sie ist das Ergebnis eines langen Prozesses \u2013 \u00f6konomisch, institutionell und symbolisch \u2013 und erfordert Arbeit auf beiden Seiten. Asymmetrien verschwinden nicht, weil man sie nicht mehr benennt. Im Gegenteil: Sie zeigen sich gerade darin, wer definiert, was als \u201erealistisch\u201c gilt \u2013 und was als \u201eemotional\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Sinne erweist sich die Metapher der Couch als \u00fcberraschend treffend. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Polen auf ihr liegt. Interessanter ist vielmehr, warum wir so selten dar\u00fcber nachdenken, auch die andere Seite der Beziehung dort zu verorten.<\/p>\n<p>Wie also s\u00e4he Mleczkos Zeichnung aus, wenn anstelle des polnischen ein deutscher Adler auf der Couch l\u00e4ge? Was w\u00fcrde er sagen? Etwa \u00fcber Verantwortung, \u00fcber die M\u00fcdigkeit einer F\u00fchrungsrolle, \u00fcber das Gef\u00fchl, missverstanden zu werden? Oder w\u00fcrde er gar nicht erst im Sprechzimmer erscheinen \u2013 und stattdessen in der Rolle dessen verbleiben, der die Diagnose stellt?<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrzej Mleczko, einer der bekanntesten polnischen Karikaturisten, kommentiert seit Jahrzehnten mit feiner Ironie die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit seines Landes. In einer seiner Zeichnungen liegt der polnische Adler auf der Couch eines Therapeuten. \u201eAls ich merkte, dass ich das Symbol Polens bin, fiel ich in eine Depression\u201c, sagt der Patient. 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