{"id":77795,"date":"2026-05-02T17:00:48","date_gmt":"2026-05-02T15:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=77795"},"modified":"2026-04-28T15:35:14","modified_gmt":"2026-04-28T13:35:14","slug":"auf-literarischen-umwegen-oberschlesien-als-gelehrtenverschwoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-oberschlesien-als-gelehrtenverschwoerung\/","title":{"rendered":"Auf Literarischen Umwegen: Oberschlesien als Gelehrtenverschw\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<h1>Die wilde Landschaft und der tapfere R\u00f6mer<\/h1>\n<p><strong>Es war einmal, vor langer, langer Zeit, hinter sieben Bergen und sieben W\u00e4ldern, mitten in der wildesten aller Wildnisse, ein Land, das man Oberschlesien nannte. Dort wimmelte es von wilden Tieren und wilden Pflanzen \u2013 und, wie sollte es anders sein, auch von wilden Menschen. So jedenfalls stellte sich das Land ein R\u00f6mer namens Valerius vor, der in die Gegend des heutigen Murcki (dt. Emanuelssegen) \u2013 eines Stadtteils von Katowice (Kattowitz) \u2013 gelangte. Valerius war ein tapferer und edler Ritter des R\u00f6mischen Reiches, das sich zum Ziel gesetzt hatte, das \u201eLicht der Zivilisation\u201c in die finsteren Winkel der \u201ebarbarischen\u201c Welt zu tragen \u2013 zu jener Welt also, zu der man damals auch das heutige Schlesien z\u00e4hlte. Doch die Einheimischen wollten dieses Licht nicht annehmen; sie leisteten den Eindringlingen sogar offenen Widerstand. F\u00fcr Valerius endete dies in einer unangenehmen \u00dcberraschung: Der tapfere R\u00f6mer geriet in Gefangenschaft.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>So beginnt die Handlung der 1825 ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlung \u201eDer schwarze Brunnen\u201c aus der Feder des in Breslau geborenen Theologen Carl Wunster. Dass Wunster Oberschlesien zum Schauplatz w\u00e4hlt, ist kein Zufall. Bevor er ins Gro\u00dfherzogtum Posen gelangte, wirkte er als Prediger in verschiedenen oberschlesischen Orten und kannte die Region aus eigener Erfahrung.<\/p>\n<h2>Zwischen Wirklichkeit und Fantasie<\/h2>\n<p>Die Handlung spielt im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Auf dem r\u00f6mischen Thron sitzen zun\u00e4chst Mark Aurel und sp\u00e4ter sein Sohn Commodus; an den Grenzen des Reiches wachsen die Spannungen, und neue Kriege mit germanischen St\u00e4mmen zeichnen sich ab. Nachdem es Valerius in das Land zwischen Weichsel und Oder verschlagen hat, sieht er sich gezwungen, sich mit Germanen und ihren Verb\u00fcndeten auseinanderzusetzen \u2013 so zumindest stellt Wunster sich die Vergangenheit dieser Gegend vor. Doch dieser historische Rahmen dient dem Autor vor allem als Vorwand: Ihn interessiert die Begegnung zweier Welten \u2013 der Zivilisation und der vermeintlichen Barbarei \u2013 und die Folgen dieses Zusammenpralls.<\/p>\n<p>Das weitere Schicksal des Valerius entfaltet sich auf zwei Ebenen: der Wirklichkeit und der Fantasie. Zwar gelingt ihm die Flucht aus den H\u00e4nden germanischer Anf\u00fchrer, doch w\u00e4hrend er allein durch die W\u00e4lder irrt, schwindet seine Hoffnung auf Heimkehr, und die Angst um sein Leben w\u00e4chst. Als er schlie\u00dflich, ersch\u00f6pft von Furcht und langer Wanderung, einen Ort erreicht, den man den Schwarzen Brunnen nennt, verf\u00e4llt er in einen seltsamen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, in dem ihm Wundersames widerf\u00e4hrt. Aus einer nahen H\u00f6hle tritt ein anmutiges M\u00e4dchen hervor, bewacht von zwei B\u00e4ren, und fordert Valerius auf, ihr zu folgen. Der junge R\u00f6mer gelangt in eine geheimnisvolle Unterwelt voller r\u00e4tselhafter Gestalten, seltsamer Inschriften und flackernder Lichter. Bald zeigt sich, dass er gegen den schrecklichen Herrscher dieses Reiches und dessen furchterregende Diener k\u00e4mpfen muss. Das feurige Ungeheuer schreckt und verf\u00fchrt ihn abwechselnd, doch schlie\u00dflich unterliegt es dem unbeugsamen Willen des Ritters. Denn Valerius besiegt das flammende Monster nicht mit der Waffe, sondern mit Schweigen. Angesichts des Unfassbaren schweigt er, wie es die Inschrift an der Pforte zur Unterwelt gebietet. Es ist einer der faszinierendsten und zugleich bedeutendsten Momente der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Als Valerius aus diesem wunderlichen Traum erwacht, begegnet er einem geheimnisvollen Greis, der ihm im Kampf beigestanden hat und ihm geraten hatte, zu wachen, zu schweigen und zu k\u00e4mpfen. Dieses Motto wird sp\u00e4ter noch eine besondere Rolle spielen. Verwirrt folgt Valerius dem Alten auf einen nahegelegenen H\u00fcgel, wo sich alle R\u00e4tsel l\u00f6sen sollen. Umso gr\u00f6\u00dfer ist sein Erstaunen, als sich vor seinen Augen statt endloser Wildnis ein modernes Geh\u00f6ft erhebt \u2013 samt einem Geb\u00e4ude mit beweglichem Dach, in dem sich ein Observatorium und ein alchemistisches Labor verbergen.<\/p>\n<div id=\"attachment_77796\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77796\" class=\"size-full wp-image-77796\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2174\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-300x255.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-1024x870.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-768x652.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-1536x1304.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Daniel_Hock_Gefangene_Roemer_und_Germanen-2048x1739.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-77796\" class=\"wp-caption-text\">Gefangene R\u00f6mer und Germanen.<br \/>Quelle: Daniel Hock\/ Wikipedia<\/p><\/div>\n<h2>Die Gelehrtenverschw\u00f6rung und das Verm\u00e4chtnis<\/h2>\n<p>Der Greis stellt sich als Reinhardt vor \u2013 ein Germane, ein Einheimischer, vor allem aber ein Sch\u00fcler des ber\u00fchmten Philosophen Apollonios von Tyana, jenes legend\u00e4ren Wundert\u00e4ters, Magiers und Propheten. Den Lehren seines Meisters folgend, widmet sich Reinhardt eingehenden Studien der Natur. Denn er ist \u00fcberzeugt, dass nicht die Waffengewalt, sondern die Macht der Wissenschaft den \u201eBarbaren\u201c eines Tages die Herrschaft \u00fcber die Welt verschaffen werde. Und er arbeitet nicht allein: Die Mitglieder des von Apollonios gegr\u00fcndeten Bundes sind \u00fcber die ganze Welt verstreut, und auch Oberschlesien bildet ein Glied dieser geheimen Kette.<\/p>\n<p>Als Valerius dieses Gest\u00e4ndnis h\u00f6rt, greift er selbstverst\u00e4ndlich zur Waffe. Ein solcher Plan erscheint ihm als Bedrohung f\u00fcr die Macht Roms, die er als Ritter zu sch\u00fctzen geschworen hat. Doch die Haltung des Alten und seine Erkl\u00e4rungen ver\u00e4ndern seine Sicht der Dinge. Mehr noch: Begeistert von den wunderbaren Erfindungen, die ihm offenbart werden \u2013 und nicht minder von der Sch\u00f6nheit von Reinhardts Tochter, jenes anmutigen M\u00e4dchens aus der H\u00f6hle \u2013 schl\u00e4gt Valerius sich schlie\u00dflich auf die Seite des Schlesiers. Er erh\u00e4lt die Hand der jungen Frau und kehrt mit ihr nach Rom zur\u00fcck, wo er sich verpflichtet, den geheimen Bund der Gelehrten weiter auszubauen. Von nun an hei\u00dft es f\u00fcr ihn: wachen, k\u00e4mpfen und schweigen \u2013 im Verborgenen wirken, damit die Weisen eines Tages die Welt \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wunsters Erz\u00e4hlung bricht radikal mit dem im 19. Jahrhundert verbreiteten Stereotyp vom zivilisierten Westen und dem wilden Osten, zu dem damals auch Oberschlesien gez\u00e4hlt wurde. Man k\u00f6nnte sogar sagen: Es handelt sich um eine moderne, wenn auch m\u00e4rchenhaft verkleidete postkoloniale Erz\u00e4hlung, die entschieden mit dem bis heute nachwirkenden Bild Schlesiens als barbarischer, zumindest aber ungebildeter Provinz abrechnet. Der Schwarze Brunnen wird zur Metapher einer verborgenen Welt, unsichtbar f\u00fcr die Umgebung, doch voller kostbarer Sch\u00e4tze. F\u00fcr Wunster ist dieser Schatz die Wissenschaft \u2013 doch nicht nur sie. Denn nachdem Valerius den h\u00f6llischen Herrscher der Unterwelt besiegt hat, erlischt das unterirdische Feuer allm\u00e4hlich und brennt im Laufe der folgenden Jahrhunderte vollst\u00e4ndig aus. Zur\u00fcck bleiben nur schwarze Steine, die eines Tages an die Oberfl\u00e4che gelangen und den tapferen Bergleuten Mut und Wohlstand bringen. So liest sich die Erz\u00e4hlung wie ein Gr\u00fcndungsmythos des industriellen Oberschlesiens \u2013 und was sie noch pikanter macht, ist die Tatsache, dass ausgerechnet in Emanuelssegen die \u00e4lteste Steinkohlengrube der Region entstand. Wunster hat keinen Zweifel, dass dieses schwarze Gold ein Segen f\u00fcr das Land sein werde. Und Valerius teilt diese \u00dcberzeugung. Die Folgen der Industrialisierung Oberschlesiens sind allerdings eine ganz andere Geschichte. Ob sie tats\u00e4chlich ein gl\u00fcckliches Ende hat, muss jede und jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Dr. habil. Univ.-Prof. Nina Nowara\u2011Matusik<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wilde Landschaft und der tapfere R\u00f6mer Es war einmal, vor langer, langer Zeit, hinter sieben Bergen und sieben W\u00e4ldern, mitten in der wildesten aller Wildnisse, ein Land, das man Oberschlesien nannte. Dort wimmelte es von wilden Tieren und wilden Pflanzen \u2013 und, wie sollte es anders sein, auch von wilden Menschen. So jedenfalls stellte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":77799,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4224],"tags":[6162,6268,7682,7683,7681,6207,5943,7679,7680],"redaktor":[6064],"class_list":["post-77795","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-de","tag-auf-literarischen-umwegen","tag-breslau","tag-carl-wunster","tag-czarna-studnia","tag-der-schwarze-brunnen","tag-kattowitz-de","tag-oberschlesien-de","tag-oberschlesien-als-gelehrtenverschwoerung","tag-valerius","redaktor-prof-us-dr-hab-nina-nowara-matusik-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77795","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77795"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77795\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77997,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77795\/revisions\/77997"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/77799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77795"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77795"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77795"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=77795"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}