{"id":77532,"date":"2026-04-28T05:00:12","date_gmt":"2026-04-28T03:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=77532"},"modified":"2026-04-27T17:31:33","modified_gmt":"2026-04-27T15:31:33","slug":"wie-man-ueber-deutsch-polnische-beziehungen-schreibt-und-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wie-man-ueber-deutsch-polnische-beziehungen-schreibt-und-spricht\/","title":{"rendered":"Wie man \u00fcber deutsch-polnische Beziehungen schreibt und spricht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit l\u00e4ngerer Zeit ist ein Mangel an Sprache sp\u00fcrbar, mit der sich deutsch-polnische Beziehungen beschreiben lie\u00dfen, ohne auf abgenutzte Formeln zur\u00fcckzugreifen: dass \u201edie Beziehungen gut sind\u201c, dass \u201ees Krisen gibt\u201c, aber \u201ewie in jeder Familie \u2013 kein Grund zur Sorge besteht\u201c. Doch diese Erz\u00e4hlung reicht zunehmend nicht mehr aus.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Problem liegt nicht nur in der Sprache, sondern auch im Fehlen einer politischen Entscheidung, diese Beziehungen neu zu benennen und ihnen eine Richtung zu geben. Es ist deutlich sichtbar, dass derzeit keine der beiden Seiten ein besonderes Interesse daran hat, sie zu vertiefen, und dass Angelegenheiten der \u201egro\u00dfen Welt\u201c teilweise die Stagnation in den nachbarschaftlichen Beziehungen \u00fcberdecken. Viele Fragen bleiben in der Schwebe.<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten sp\u00fcren dies die Bewohner der Grenzregion \u2013 Menschen, die t\u00e4glich auf dem Weg zur Arbeit die Grenze \u00fcberschreiten. F\u00fcr sie sind deutsch-polnische Beziehungen keine Abstraktion, sondern gelebte Alltagspraxis, die zunehmend belastend wird. Ein Blick auf die Situation an der Grenze gen\u00fcgt: Die Warteschlangen sind nicht verschwunden \u2013 im Gegenteil, sie sind l\u00e4nger geworden. Pkw stehen gemeinsam mit Lastwagen, es fehlen getrennte Zufahrtsspuren, Chaos und Frustration nehmen zu. Trotz der vergangenen Monate seit der Wiedereinf\u00fchrung der Kontrollen wurden keine L\u00f6sungen erarbeitet, die den Verkehr erleichtern w\u00fcrden.<\/p>\n<div id=\"attachment_77536\" style=\"width: 858px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77536\" class=\"size-full wp-image-77536\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-nimcy-aj.png\" alt=\"\" width=\"848\" height=\"1264\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-nimcy-aj.png 848w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-nimcy-aj-201x300.png 201w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-nimcy-aj-687x1024.png 687w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/polska-nimcy-aj-768x1145.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 848px) 100vw, 848px\" \/><p id=\"caption-attachment-77536\" class=\"wp-caption-text\">Grenzkontrolle.<br \/>Foto: Ki-generiert<\/p><\/div>\n<p>Was haben diese Kontrollen gebracht? Sind sie \u00fcber die Sph\u00e4re innenpolitischer Botschaften und Machtdemonstrationen hinaus \u00fcberhaupt von Nutzen? Dies ist ein konkretes Beispiel daf\u00fcr, wie das Fehlen politischer Vereinbarungen sich auf den Alltag der B\u00fcrger auswirkt. Sind diese Staus ein Beleg f\u00fcr tats\u00e4chliche staatliche Handlungsf\u00e4higkeit?<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eDie deutsch-polnischen Beziehungen leiden weniger an fehlenden Themen als an einem Mangel an politischem Willen, ihnen eine klare Richtung zu geben.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrenddessen bleiben seit Jahren viele wichtige Fragen ungel\u00f6st oder werden auf ein angeblich g\u00fcnstigeres \u201eSp\u00e4ter\u201c verschoben. Es fehlt eine ernsthafte Debatte \u00fcber die Zukunft des deutsch-polnischen Vertrags und \u00fcber Herausforderungen, die durch unsere Passivit\u00e4t keineswegs verschwinden. Historische Fragen werden ohne gr\u00f6\u00dfere Diskussion und ohne Begeisterung behandelt, obwohl sie in unseren Gesellschaften \u2013 insbesondere in der polnischen \u2013 stark nachhallen. Zwar wurde endlich ein Wettbewerb f\u00fcr ein Denkmal f\u00fcr die ermordeten Polen im Zentrum Berlins ausgeschrieben, doch die Frage der Entsch\u00e4digung f\u00fcr die noch lebenden Opfer des Dritten Reiches in Polen bleibt weiterhin offen.<\/p>\n<p>Es ist daran zu erinnern, dass noch vor den ersten nach den Wahlen 2023 abgehaltenen Regierungskonsultationen \u2013 die im Juli 2024 in Warschau stattfanden \u2013 Au\u00dfenminister Rados\u0142aw Sikorski Deutschland zu mehr Kreativit\u00e4t in den bilateralen Beziehungen aufrief. Nach weiteren Konsultationen \u2013 im Dezember 2025 \u2013 ist es heute jedoch schwer, eine klare Handlungsrichtung in diesem Bereich zu erkennen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Gespr\u00e4chen am \u201eRunden Tisch\u201c, die von Monat zu Monat verschoben werden, oft ohne klare Kommunikation der Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die zu regelnden Fragen betreffen unmittelbar das Leben von Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenze, die Lebensrealit\u00e4t von W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, deren Interessen keineswegs mit den Programmen extremer Gruppen \u00fcbereinstimmen m\u00fcssen, die an der Grenze politische Aktionen inszenieren. Der Mangel an entschlossenem Handeln treibt sie jedoch gerade in die Arme jener Gruppierungen, die einfache L\u00f6sungen versprechen, keinen Aufwand erfordern und in Wirklichkeit antieurop\u00e4isch sind und kein Interesse am deutsch-polnischen Dialog haben.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse von Meinungsumfragen besonders aufschlussreich. Die Polen betrachten die Beziehungen zu Deutschland zunehmend gleichg\u00fcltig und pragmatisch \u2013 sie halten sie weder f\u00fcr eindeutig gut noch f\u00fcr schlecht. Gleichzeitig w\u00e4chst die Skepsis gegen\u00fcber dem westlichen Nachbarn. Es lohnt sich zu fragen, wie vergleichbare Umfragen auf deutscher Seite ausfallen w\u00fcrden. K\u00fcrzlich erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Artikel, in dem der deutsche Korrespondent dieser Zeitung in Polen die Polen \u201eauf die Couch legte\u201c, ohne seine eigenen Landsleute derselben Behandlung zu unterziehen. Schlie\u00dflich liegen die Probleme nicht nur auf einer Seite, sondern auf beiden.<\/p>\n<p>Die Frage lautet daher, ob sich endlich Politiker finden werden, die anerkennen, dass das weitere Aufschieben deutsch-polnischer Angelegenheiten nicht im Interesse beider Staaten liegt. Polen und Deutschland sind f\u00fcr Europa von zentraler Bedeutung, und von ihrer Zusammenarbeit \u2013 politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich \u2013 h\u00e4ngt die Zukunft des gesamten europ\u00e4ischen Projekts ab. Es werden dringend konkrete, positive Erfolge ben\u00f6tigt, die die Effektivit\u00e4t der Nachbarschaft sichtbar machen. Sind wir nicht in der Lage, langfristige Programme ins Leben zu rufen, die Polen und Deutsche auf verschiedenen Ebenen miteinander verbinden?<\/p>\n<p>Weiteres Z\u00f6gern ist kein Luxus, sondern ein Verlust, den sich keine der beiden Seiten leisten sollte. Es bleibt die Frage, was aus dem Appell zur Kreativit\u00e4t geworden ist \u2013 und ob beiden Seiten heute blo\u00dfer Pragmatismus und das Management laufender Krisen gen\u00fcgen \u2013 also letztlich deren mediale Inszenierung.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit l\u00e4ngerer Zeit ist ein Mangel an Sprache sp\u00fcrbar, mit der sich deutsch-polnische Beziehungen beschreiben lie\u00dfen, ohne auf abgenutzte Formeln zur\u00fcckzugreifen: dass \u201edie Beziehungen gut sind\u201c, dass \u201ees Krisen gibt\u201c, aber \u201ewie in jeder Familie \u2013 kein Grund zur Sorge besteht\u201c. Doch diese Erz\u00e4hlung reicht zunehmend nicht mehr aus.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":77534,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4232],"tags":[6140,6271,7596,6262,7230],"redaktor":[6211],"class_list":["post-77532","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-de","tag-deutsch-polnische-beziehungen-de","tag-deutschland-de","tag-grenzkontrollen-de","tag-polen-de","tag-prof-krzysztof-ruchniewicz-de","redaktor-krzysztof-ruchniewicz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77532"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77731,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77532\/revisions\/77731"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/77534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77532"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=77532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}