{"id":77109,"date":"2026-04-20T17:00:46","date_gmt":"2026-04-20T15:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=77109"},"modified":"2026-04-20T10:50:14","modified_gmt":"2026-04-20T08:50:14","slug":"zwischen-zitat-und-verpflichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/zwischen-zitat-und-verpflichtung\/","title":{"rendered":"Zwischen Zitat und Verpflichtung"},"content":{"rendered":"<h1>Was ist vom Hirtenbrief der Bisch\u00f6fe von 1965 geblieben?<\/h1>\n<p><strong>Der Hirtenbrief der polnischen Bisch\u00f6fe von 1965 gilt als Symbol der Vers\u00f6hnung \u2013 doch sein urspr\u00fcnglicher Anspruch ist zunehmend aus dem Blick geraten. Im Jahr 2025 blieben die hohen staatlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger den Jubil\u00e4umsfeiern weitgehend fern. Was ist von dieser radikalen Idee der Vers\u00f6hnung geblieben, wenn sie vor allem noch zitiert, aber kaum noch als gemeinsame Praxis verstanden wird?<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der polnischen \u00f6ffentlichen Debatte gibt es nur wenige S\u00e4tze, die so h\u00e4ufig zitiert und so selten durchdacht werden wie die Worte: \u201eWir vergeben und bitten um Vergebung\u201c. Der Brief der polnischen Bisch\u00f6fe an die deutschen Bisch\u00f6fe vom 18. November 1965, dessen Hauptautor Boles\u0142aw Kominek war, ist zu einem Symbol der Vers\u00f6hnung geworden.<\/p>\n<p>Das Problem besteht jedoch darin, dass dieses Symbol immer h\u00e4ufiger losgel\u00f6st von seinem urspr\u00fcnglichen Sinn funktioniert \u2013 und das Jubil\u00e4um seiner Ver\u00f6ffentlichung, das im Jahr 2025 nahezu ausschlie\u00dflich innerhalb kirchlicher Mauern begangen wurde, hat diese Dissoziation mit besonderer Deutlichkeit sichtbar gemacht.<\/p>\n<p>Der Brief war weder eine h\u00f6fliche Geste noch moralische Dekoration. Im Jahr 1965, kaum zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, stellte er einen radikalen Vorschlag dar \u2013 den Versuch, eine Sprache der Beziehungen zwischen Nationen zu schaffen, die durch Gewalt, asymmetrische Schuld und mangelnde gegenseitige Anerkennung belastet waren.<\/p>\n<p>Das geringe Interesse der staatlichen Institutionen \u2013 sowohl in Polen als auch in Deutschland \u2013 am sechzigsten Jahrestag war nicht blo\u00df ein protokollarisches Vers\u00e4umnis. Es legte ein tiefer liegendes Problem offen: Wir wissen heute nicht recht, wie wir mit diesem Dokument umgehen sollen.<\/p>\n<h2>Eine Geste, f\u00fcr die niemand bereit war<\/h2>\n<p>Die Reaktionen auf den Brief waren in Polen und in Westdeutschland k\u00fchl, nicht selten sogar feindselig \u2013 allerdings aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden und mit unterschiedlichem Charakter.<\/p>\n<p>In Polen waren die gesellschaftlichen Emotionen authentisch. Zwanzig Jahre nach dem Krieg war die Erinnerung an Besatzung, Verbrechen und Verluste lebendig und unverarbeitet. Ebenso entscheidend war jedoch die Reaktion des kommunistischen Staates: Die Beh\u00f6rden entfesselten eine Kampagne gegen die Kirche und stellten den Brief als Verrat an nationalen Interessen dar. W\u0142adys\u0142aw Gomu\u0142ka, der noch wenige Jahre zuvor vorsichtig M\u00f6glichkeiten einer Normalisierung der Beziehungen zu Bonn sondiert hatte, wies das Schreiben nun demonstrativ scharf zur\u00fcck. Diese Reaktion zeigte, wie leicht historische Erinnerung zu einem Instrument politischer Mobilisierung werden kann \u2013 und wie gef\u00e4hrlich diese Instrumentalisierung ist, wenn sie auf einen Boden trifft, der von unbew\u00e4ltigtem Schmerz gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Das Bild der Reaktionen in Westdeutschland bedarf jedoch einer differenzierteren Betrachtung. W\u00e4hrend der offizielle katholische Episkopat damals vorsichtig und zur\u00fcckhaltend reagierte \u2013 seine Antwort vom Dezember 1965 war diplomatisch ausweichend und vermied eine klare Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze \u2013 vollzogen sich parallel gesellschaftliche Prozesse, die sich langfristig als wegweisend erwiesen.<\/p>\n<div id=\"attachment_77112\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77112\" class=\"size-full wp-image-77112\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/60-Jahre-Brief-der-pl-Bischoefe_9-e1763564000449.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/60-Jahre-Brief-der-pl-Bischoefe_9-e1763564000449.jpg 720w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/60-Jahre-Brief-der-pl-Bischoefe_9-e1763564000449-300x170.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-77112\" class=\"wp-caption-text\">Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda und Bischof Dr. Georg B\u00e4tzing unterzeichneten aus Anlass des 60. Jahrestages des Bischofsbrief eine gemeinsame Erkl\u00e4rung (Archivbild).<br \/>Foto: M. Oliveira<\/p><\/div>\n<p>Bereits 1965 ver\u00f6ffentlichten deutsche Protestanten im Umfeld der Evangelischen Kirche in Deutschland die sogenannte Ostdenkschrift. Dieses seiner Zeit vorausgreifende Dokument forderte die Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze als Grundlage f\u00fcr Stabilit\u00e4t in Ost-Mitteleuropa. Einige Jahre sp\u00e4ter schlugen auch katholische Laien einen \u00e4hnlichen Kurs ein: 1968 sprach sich der sogenannte Bensberger Kreis f\u00fcr die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze aus und unterst\u00fctzte den von den polnischen Bisch\u00f6fen angesto\u00dfenen Dialog. Dies war ein Zeichen daf\u00fcr, dass der Impuls zur Vers\u00f6hnung nicht unbeantwortet blieb \u2013 auch wenn die Antwort nicht aus den offiziellen Hierarchien kam, sondern aus Kreisen von Theologen und engagierten Laien.<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen lassen sich nicht ohne den breiteren Kontext der gesellschaftlichen Umbr\u00fcche in der Bundesrepublik in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre verstehen. Die Generation von 1968 l\u00f6ste eine tiefgreifende Debatte \u00fcber die Verantwortung f\u00fcr den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sowie \u00fcber die Politik gegen\u00fcber Ost-Mitteleuropa aus. In diesem Sinne traf der polnische Brief einen \u00dcbergangsmoment: zwischen einer alten Kultur des Schweigens und einer neuen Sprache der Verantwortung, die sich erst herauszubilden begann.<\/p>\n<h2>Ein selektiver Erfolg<\/h2>\n<p>Aus der Perspektive von sechzig Jahren gilt der Brief als eine der Grundlagen der deutsch-polnischen Vers\u00f6hnung \u2013 und diese Einsch\u00e4tzung ist berechtigt. Das Problem besteht jedoch darin, dass seine Rezeption selektiv war.<\/p>\n<p>Er wurde institutionalisiert: Er fand Eingang in den Kalender der Gedenktage, gab Impulse zur Gr\u00fcndung weiterer Dialogforen und wurde zu einem Bezugspunkt offizieller Reden. Zugleich wurde er symbolisiert: Die Formel \u201eWir vergeben und bitten um Vergebung\u201c wurde Teil des historischen rhetorischen Kanons beider Nationen. Nicht jedoch wurde er vollst\u00e4ndig internalisiert \u2013 das hei\u00dft, er wurde nicht zu einem praktischen Modell daf\u00fcr, wie man unter Bedingungen ungleicher Erfahrungen \u00fcber die Vergangenheit streitet.<\/p>\n<p>Dieser Unterschied ist nicht abstrakt. Er zeigt sich deutlich darin, wie die Regierungen in Warschau und Berlin im Jahr 2025 auf das Jubil\u00e4um reagierten \u2013 oder vielmehr: wie sie es nicht wahrnahmen. Die Gedenkfeiern blieben den Kirchen, Historikern und wenigen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten. Das Jahr 2025 h\u00e4tte eine Gelegenheit sein k\u00f6nnen, daran zu erinnern, dass die Grundlagen der deutsch-polnischen Vers\u00f6hnung m\u00fchsam, langwierig und oft gegen offizielle Interessen erarbeitet wurden \u2013 und dass dieser Erfolg keineswegs selbstverst\u00e4ndlich war. Diese Gelegenheit wurde jedoch verpasst.<\/p>\n<p>Die Frage, ob die staatlichen Institutionen das Jubil\u00e4um bewusst ignoriert haben, ist daher falsch gestellt. Treffender ist eine andere: Warum wird ein Dokument, dessen Bedeutung weit \u00fcber den kirchlichen Raum hinausging, heute als interne Angelegenheit der Episkopate behandelt?<\/p>\n<h2>Die Kirche zwischen Erinnerung und Politik<\/h2>\n<p>Eine Antwort darauf erfordert einen Blick darauf, wie die katholische Kirche in Polen \u2013 jene Institution, die den Brief verfasst und \u00fcber Jahrzehnte bewahrt hat \u2013 heute mit seinem Erbe umgeht.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferungen einzelner Hierarchen zeigen, wie grundlegend sich der Kontext ver\u00e4ndert hat. Im Jahr 2022, als in der polnischen \u00f6ffentlichen Debatte erneut die Frage nach Kriegsreparationen von Deutschland aufkam, erkl\u00e4rte Erzbischof Stanis\u0142aw G\u0105decki, \u201eVergebung widerspricht keineswegs der Suche nach Wahrheit, sondern verlangt sie vielmehr\u201c, und \u201edas begangene Unrecht muss erkannt und \u2013 soweit m\u00f6glich \u2013 wiedergutgemacht werden\u201c.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #9b2335;\"><strong>Geschichte kehrt nicht zur\u00fcck, weil sie vergessen wurde. Sie kehrt zur\u00fcck, weil sie politisch n\u00fctzlich ist \u2013 weil sie Emotionen mobilisieren und moralische \u00dcberlegenheit begr\u00fcnden kann.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Formulierung war \u2013 wie die deutsche Publizistin Regina Einig in \u201eDie Tagespost\u201c treffend bemerkte \u2013 so geschickt gew\u00e4hlt, dass \u201ekein deutscher Bischof ihr widersprechen kann\u201c. Der Hierarch griff bewusst auf die Sprache des Briefes zur\u00fcck, um Reparationsforderungen zu begr\u00fcnden: Zwischen Vergebung und Gerechtigkeit bestehe kein Widerspruch.<\/p>\n<p>Diese Position steht nicht im Widerspruch zum Geist des Briefes von 1965. Ihre theologische Logik ist schwer zu bestreiten. Sie offenbart jedoch etwas Entscheidendes: Die von Kominek und seinen Mitautoren entwickelten Formeln werden heute in aktuelle politische Auseinandersetzungen hineingezogen \u2013 nicht, um Gegens\u00e4tze zu \u00fcberwinden, sondern um sie zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Ein anderer Ton ist in den \u00c4u\u00dferungen von Erzbischof Marek J\u0119draszewski zu h\u00f6ren, der die deutsch-polnischen Beziehungen in einen breiteren Rahmen kultureller und geopolitischer Konfrontation stellt. In einem Interview erkl\u00e4rte der Krakauer Metropolit, Polen sei ein \u201enat\u00fcrlicher F\u00fchrer\u201c in diesem Teil Europas, und warnte: \u201eWenn wir nur \u201adanke Deutschland\u2018 sagen, werden wir dieser F\u00fchrer nicht sein\u201c (Radio Maryja, 2023). In dieser Perspektive \u2013 wohlgemerkt: aus dem Mund eines katholischen Hierarchen \u2013 werden die Beziehungen zu Deutschland nicht mehr als Frage historischer Vers\u00f6hnung verstanden, sondern als Element geopolitischer Konkurrenz.<\/p>\n<p>Noch weiter ging Bischof Wies\u0142aw Mering, der im Juli 2025 erkl\u00e4rte, \u201edie Grenzen unseres Landes sind sowohl im Westen als auch im Osten bedroht\u201c, womit er die russische Aggression gegen die Ukraine mit den deutsch-polnischen Beziehungen gleichsetzte \u2013 und die Regierung als \u201epolitische Gangster\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Die Reaktion war beispiellos: Das polnische Au\u00dfenministerium legte im Vatikan eine offizielle Protestnote (Demarche) ein und erkl\u00e4rte, die \u00c4u\u00dferungen des Bischofs \u201euntergraben die guten deutsch-polnischen Beziehungen\u201c und st\u00fcnden im Widerspruch zur \u201ehistorischen Erfahrung der deutsch-polnischen Vers\u00f6hnung nach dem Zweiten Weltkrieg\u201c. In diesem Zusammenhang berief sich das Ministerium ausdr\u00fccklich auf den Brief von 1965.<\/p>\n<p>Diese Abfolge offenbart ein kaum zu \u00fcbersehendes Paradox. Dasselbe Ministerium, das 2025 keine Initiative zum Jubil\u00e4um des Briefes ergriff, griff auf seine Autorit\u00e4t zur\u00fcck, als es ein Argument im Streit mit einem polnischen Bischof ben\u00f6tigte. Der Brief wurde somit nicht als lebendiges Fundament bilateraler Beziehungen erinnert, sondern als Instrument einer situativen Intervention.<\/p>\n<p>Doch die Antwort kam nicht nur von au\u00dfen. Sie kam auch aus dem Inneren der Kirche \u2013 und zwar von einem Ort mit besonderer symbolischer Bedeutung. Der Erzbischof von Breslau, J\u00f3zef Kupny, Nachfolger Komineks, schrieb auf der Plattform X: \u201eAls Nachfolger von Boles\u0142aw Kominek f\u00fchle ich mich geradezu verpflichtet, daran zu erinnern, dass von Breslau die au\u00dfergew\u00f6hnliche Flamme der deutsch-polnischen Vers\u00f6hnung ausgegangen ist. Ich m\u00f6chte sie fortf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Und er f\u00fcgte hinzu: \u201eIn Breslau bevorzugen wir statt \u201aSolange die Welt steht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein\u2018 entschieden: \u201aWir vergeben und bitten um Vergebung\u2018. Wir begehen gerade das Jahr der Vers\u00f6hnung. Wie aktuell wird doch der Brief der polnischen Bisch\u00f6fe an die deutschen, den Kardinal Kominek verfasst hat!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_77227\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77227\" class=\"size-full wp-image-77227\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1696\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-300x199.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-1024x678.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-768x509.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-1536x1017.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC1229-2048x1356.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-77227\" class=\"wp-caption-text\">Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Briefes zeigten vor allem eines: die weitgehende Abwesenheit der politischen Institutionen (Archivbild).<br \/>Foto: M. Oliveira<\/p><\/div>\n<p>Kupny betonte zugleich, Vers\u00f6hnung bedeute \u201ekeinen Verzicht auf die polnische Staatsr\u00e4son\u201c \u2013 eine Formel, die es ihm erlaubte, den Brief zu verteidigen, ohne sich in die Reparationsdebatte hineinziehen zu lassen.<\/p>\n<p>Der Vergleich der \u00c4u\u00dferungen von Mering und Kupny offenbart mehr als nur einen innerkirchlichen Streit \u00fcber den Ton. Er zeigt zwei unterschiedliche Deutungen dessen, was der Brief ist \u2013 und wozu er verpflichtet. F\u00fcr die einen bleibt er ein historisches Dokument, das je nach Bedarf zitiert oder ignoriert werden kann. F\u00fcr die anderen ist er eine lebendige Verpflichtung, die unabh\u00e4ngig von politischen Konjunkturen aufrechterhalten werden muss.<\/p>\n<h2>Zwischen Geschichte und ihrer Nutzung<\/h2>\n<p>Geschichte kehrt nicht zur\u00fcck, weil sie vergessen wurde. Sie kehrt zur\u00fcck, weil sie politisch n\u00fctzlich ist \u2013 weil sie Emotionen mobilisieren und moralische \u00dcberlegenheit begr\u00fcnden kann. In diesem Sinne ist der R\u00fcckgriff auf den Brief paradox: Je h\u00e4ufiger er als Symbol zitiert wird, desto seltener wird seine Logik angewendet.<\/p>\n<p>Diese Logik bestand n\u00e4mlich nicht darin, Unrecht zu erinnern oder vorzuhalten. Sie bestand in der bewussten Begrenzung seines Monopols bei der Gestaltung der Beziehungen zwischen Nationen. Kominek und seine Mitautoren wussten, dass ihr Text von Menschen gelesen werden w\u00fcrde, die das erlittene Unrecht nicht vergessen hatten \u2013 und sie forderten nicht, es zu vergessen. Sie forderten die Schaffung eines Raums, in dem der Schmerz der Vergangenheit die M\u00f6glichkeiten der Zukunft nicht vollst\u00e4ndig bestimmt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #9b2335;\"><strong>Je h\u00e4ufiger er als Symbol zitiert wird, desto seltener wird seine Logik angewendet.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Unterscheidung ist auch heute noch aktuell. Debatten \u00fcber Kriegsreparationen, Spannungen um die Interpretation von Geschichte in Schulb\u00fcchern oder Ungleichgewichte bei der institutionellen Erinnerung an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung bilden einen Kontext, in dem der Brief als Modell des Denkens dienen k\u00f6nnte \u2013 und nicht nur als ritualisiertes Zitat. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Fragen die Sprache des Dokuments von 1965 besonders h\u00e4ufig auftaucht \u2013 und ebenso h\u00e4ufig auf einen seiner Aspekte reduziert wird.<\/p>\n<h2>Nicht nur eine kirchliche Angelegenheit<\/h2>\n<p>Der Brief der polnischen Bisch\u00f6fe geh\u00f6rt nicht zu einem abgeschlossenen Kapitel der Vers\u00f6hnungsgeschichte. Das Schweigen der polnischen und deutschen staatlichen Institutionen im Jahr 2025 war kein Zufall. Das Dokument bleibt unbequem \u2013 nicht weil es von Vers\u00f6hnung spricht, sondern weil es Anforderungen an beide Seiten stellt: die Bereitschaft, Asymmetrien anzuerkennen, die eigene Schuld zu reflektieren und auf das Monopol des eigenen Leidens zu verzichten. Dies war 1965 eine au\u00dferordentlich schwierige Aufgabe. Heute \u2013 in einem Klima wachsenden historischen Nationalismus auf beiden Seiten der Grenze \u2013 ist sie kaum weniger schwierig und kaum weniger notwendig.<\/p>\n<p>Die polnische Diplomatie berief sich im Juli 2025 auf den Brief, um die \u00c4u\u00dferungen eines Bischofs zu kritisieren. Im November 2025 berief sie sich nicht auf ihn, um sein Jubil\u00e4um zu w\u00fcrdigen. Erzbischof Kupny erinnerte aus Breslau daran, wo die \u201eFlamme der Vers\u00f6hnung\u201c ihren Ursprung hatte. Bischof Mering erhielt \u2013 unerwartet \u2013 eine Antwort aus genau jenem Ort, von dem sechzig Jahre zuvor der Brief an die deutschen Bisch\u00f6fe ausgegangen war.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, zu diesem Dokument zur\u00fcckzukehren \u2013 nicht, um es fragmentarisch zu zitieren, sondern um zu pr\u00fcfen, wie weit wir uns von seinem Anspruch entfernt haben (Gl\u00e4ubige und Nichtgl\u00e4ubige, Vertreter der staatlichen Institutionen und B\u00fcrger) \u2013 und welche dieser Distanzen wir bereit sind zu verringern.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist vom Hirtenbrief der Bisch\u00f6fe von 1965 geblieben? Der Hirtenbrief der polnischen Bisch\u00f6fe von 1965 gilt als Symbol der Vers\u00f6hnung \u2013 doch sein urspr\u00fcnglicher Anspruch ist zunehmend aus dem Blick geraten. Im Jahr 2025 blieben die hohen staatlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger den Jubil\u00e4umsfeiern weitgehend fern. 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