{"id":77015,"date":"2026-04-18T12:00:43","date_gmt":"2026-04-18T10:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=77015"},"modified":"2026-04-17T10:05:18","modified_gmt":"2026-04-17T08:05:18","slug":"echte-schlesische-happen-vom-schlesischen-davos-nach-goerbersdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-vom-schlesischen-davos-nach-goerbersdorf\/","title":{"rendered":"Vom schlesischen Davos nach G\u00f6rbersdorf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer heute die Kurorte Niederschlesiens besucht, kennt den Alltag eines Kurgastes nur allzu gut. Es lie\u00dfen sich aber gewiss auch zahlreiche Stimmen finden, die sowohl mit der Gastronomie als auch mit der Infrastruktur unzufrieden sind. Doch wie w\u00fcrde ein Vergleich mit den Zust\u00e4nden von vor beinahe 150 Jahren ausfallen?<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Heilmethoden und Alltag im 19. Jahrhundert<\/h2>\n<p>Ein aufschlussreiches Bild vermittelt der Reisef\u00fchrer aus dem Jahr 1882 \u201eG\u00f6rbersdorf. Dr. Brehmer\u2019s Heilanstalt f\u00fcr Lungenkranke\u201c. Dr. Brehmer, ein schlesischer Arzt und Begr\u00fcnder einer eigenen Behandlung, setzte auf die nat\u00fcrlichen, heilkr\u00e4ftigen Eigenschaften des damaligen G\u00f6rbersdorf. Dabei ma\u00df er nicht nur der Behandlung selbst, sondern auch der Ern\u00e4hrung seiner Patienten gr\u00f6\u00dfte Bedeutung bei. Aus diesem Grund unterlag die Di\u00e4t der Kurg\u00e4ste einer strengen \u00e4rztlichen Kontrolle. Besonderer Wert wurde auf nahrhafte, st\u00e4rkende Speisen gelegt, die den durch Krankheit geschw\u00e4chten Organismus wieder aufbauen sollten.<\/p>\n<p>Der Tagesplan sah f\u00fcnf Mahlzeiten vor:<br \/>\nFr\u00fchst\u00fcck: Kaffee, Milch, Brot, Butter, Wei\u00dfgeb\u00e4ck<br \/>\nZweites Fr\u00fchst\u00fcck: Brot, Butter, Milch (bei den M\u00e4nnern zudem Fleisch, Schnittk\u00e4se und Eier)<br \/>\nMittagessen: Suppe, Fleisch, Gem\u00fcse oder Beilage, Kompott oder Dessert<br \/>\nNachmittagskaffee: Kaffee, Milch, Brot, Butter, Wei\u00dfgeb\u00e4ck<br \/>\nAbendessen: warme oder kalte K\u00fcche.<\/p>\n<div id=\"attachment_77023\" style=\"width: 1194px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77023\" class=\"size-full wp-image-77023\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI.png\" alt=\"\" width=\"1184\" height=\"864\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI.png 1184w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-300x219.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-1024x747.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-768x560.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1184px) 100vw, 1184px\" \/><p id=\"caption-attachment-77023\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Weicker&#8217;s K\u00fcche im Sanatorium Marienhaus G\u00f6rbersdorf-Schmidtsdorf Kreis Waldenburg 1915.<br \/>Foto: SDB<\/p><\/div>\n<p>Eine bemerkenswerte therapeutische Besonderheit war zudem die t\u00e4gliche Zuteilung einer Flasche leichten Bieres oder eines alkoholfreien Getr\u00e4nks \u2013 individuell abgestimmt nach \u00e4rztlicher Verordnung.<\/p>\n<p>Neben der Ern\u00e4hrung bildete die sogenannte \u201eFrischluftkur\u201c das Fundament der Brehmer\u2019schen Methode. Die Patienten verbrachten den Gro\u00dfteil des Tages im Freien, unmittelbar nach dem Fr\u00fchst\u00fcck beginnend. Auch nachts blieben die Fenster ge\u00f6ffnet; Vorh\u00e4nge, die den Luftstrom h\u00e4tten behindern k\u00f6nnen, gab es nicht. Beheizt wurden die R\u00e4ume lediglich w\u00e4hrend des Ankleidens. Was heute beinahe radikal erscheinen mag, erwies sich damals in G\u00f6rbersdorf als \u00e4u\u00dferst wirksam in der Behandlung von Lungenerkrankungen und \u00fcbertraf die bis dahin bekannten Methoden.<\/p>\n<h2>Strenger Rhythmus und mond\u00e4ne Infrastruktur<\/h2>\n<p>Auch der Tagesrhythmus folgte strikt den therapeutischen Vorgaben. Die ges\u00fcnderen Patienten standen gegen sechs Uhr morgens auf. Ein Trompetensignal rief sie ins Kurhaus zum Fr\u00fchst\u00fcck um sieben Uhr. Das zweite Fr\u00fchst\u00fcck wurde zwischen 10 und 11 Uhr serviert, das Mittagessen um 13 Uhr. Der Nachmittagskaffee folgte zwischen 16 und 17 Uhr, das Abendessen begann um 19 Uhr. Zwischen den Mahlzeiten spazierten die Patienten durch den Park oder in die umliegenden Berge. Schwerer Erkrankte blieben in ihren Zimmern und wurden dort versorgt. Das Trompetensignal k\u00fcndigte jede Mahlzeit an \u2013 wer es vers\u00e4umte und nicht im Speisesaal erschien, erhielt keine Verpflegung.<\/p>\n<p>Dennoch bot das Dorf auch gastronomische Alternativen: So konnte man unter anderem in der Gastwirtschaft \u201eZur Waldquelle\u201c von Karl Langer, im Restaurant \u201eBellevue\u201c, im Gasthof \u201eZur Preu\u00dfischen Krone\u201c oder im Hotel \u201eZum Deutschen Kaiser\u201c speisen. Auch das \u201eBerghotel\u201c sowie die Konditorei und das Caf\u00e9 \u201eLaugers Konditorei und Kaffee\u201c luden zum Verweilen ein.<\/p>\n<h2>Aufstieg, Niedergang und heutige Perspektive<\/h2>\n<p>Die gesundheitsf\u00f6rdernde Bergluft in G\u00f6rbersdorf, kombiniert mit Brehmers innovativer Therapie, erwies sich als \u00e4u\u00dferst effektiv im Kampf gegen die damals oft t\u00f6dliche Tuberkulose. Kein Wunder also, dass der Ort rasch Ber\u00fchmtheit erlangte und als Vorbild f\u00fcr zahlreiche Einrichtungen weltweit diente \u2013 darunter auch die Hochgebirgsklinik im schweizerischen Davos.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Zitat: Die gesundheitsf\u00f6rdernde Bergluft in G\u00f6rbersdorf, kombiniert mit Brehmers innovativer Therapie, machte den Ort zu einem Vorbild f\u00fcr zahlreiche Kurorte weltweit.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Dynamik der Entwicklung ist beeindruckend: Um 1900 z\u00e4hlte G\u00f6rbersdorf etwa 1000 Einwohner, w\u00e4hrend \u00fcber 1100 Sanatoriumspl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung standen. Eine weitere Statistik verdeutlicht das Wachstum: 1894 wurden hier lediglich 8 Kurg\u00e4ste behandelt, 1913 bereits 2080. Dieses enorme Potenzial wurde jedoch durch historische Umbr\u00fcche sowie durch die Entdeckung eines wirksamen Medikaments gegen Tuberkulose im Jahr 1943 gebremst.<\/p>\n<p>Ein Anh\u00e4nger der \u201eK\u00e4ltetherapie\u201c bleibe ich wohl nie \u2013 doch G\u00f6rbersdorf begeistert zu jeder Jahreszeit: mit seinem milden Klima, eindrucksvollen Ausblicken und einem nahezu endlosen Netz an Waldwegen. Eine kleine Herausforderung bleibt allerdings: Es ist nicht immer leicht, einen Ort f\u00fcr eine warme Mahlzeit zu finden. Umso mehr lohnt es sich, in die kulinarischen Traditionen dieses einstigen schlesischen Kurortes einzutauchen und bei einem klassischen Gericht einen genussvollen Sonntagsmittag zu verbringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_77025\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77025\" class=\"size-full wp-image-77025\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wikipedia.org-Goebersdorf-1879-AI.png\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wikipedia.org-Goebersdorf-1879-AI.png 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wikipedia.org-Goebersdorf-1879-AI-300x188.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wikipedia.org-Goebersdorf-1879-AI-1024x640.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/wikipedia.org-Goebersdorf-1879-AI-768x480.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-77025\" class=\"wp-caption-text\">G\u00f6rbersdorf 1879.<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Das folgende Rezept stammt aus dem historischen Kochbuch \u201eUniversal-Lexikon der Kochkunst\u201c (Band 1, A\u2013K) aus dem Jahr 1913:<\/p>\n<p>Ein Kilogramm Lammfleisch wird in zierliche St\u00fccke zerschnitten, gewaschen, mit Salz und etwas gesto\u00dfenem wei\u00dfen Pfeffer bestreut, dann zuerst in Butter geschmort und hierauf mit einer Bouillon \u00fcbergossen und unter Hinzuf\u00fcgung von einer Zwiebel, Wurzelwerk, Macis, einem Lorbeerblatt und zwei Gew\u00fcrznelken gut zugedeckt langsam weichged\u00e4mpft. Sobald das Fleisch beinahe butterzart ist, seiht man die Br\u00fche durch, tut 2\u20133 EL Tomatenmark und ein halbes Glas Wei\u00dfwein hinzu, verdickt sie mit einer hellen Mehlschwitze und richtet sie \u00fcber dem Fleisch an.<br \/>\nEin klassisches Lammragout ist ein zartes Schmorgericht, ideal aus Lammschulter oder -keule. Dazu passen Semmelkn\u00f6del, Nudeln oder Kartoffelp\u00fcree.<\/p>\n<div id=\"attachment_77027\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77027\" class=\"size-full wp-image-77027\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1596\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-300x187.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-1024x638.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-768x479.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-1536x958.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/SDB-Dr.-Weickers-Kueche-im-Sanatorium-Marienhaus-Goerbersdorf-Schmidtsdorf-Kreis-Waldenburg-1915-AI-2048x1277.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-77027\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<p>Durch die Sanatorien von Dr. Brehmer, Dr. Weicker und Dr. R\u00f6mpler wurde G\u00f6rbersdorf gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Kurorte in diesem Teil Europas. Heute ein vergessener Ort, jedoch weiterhin reich an Geschichte und M\u00f6glichkeiten, der zum stillen Helden dieses sehr subjektiven Spaziergangs durch Zeit und Raum geworden ist. Wer wei\u00df, ob es ihm gelingt, seine intime Atmosph\u00e4re zu bewahren und wie sich sein weiteres Schicksal entwickeln wird. Dennoch verliert die Inschrift aus der Waldquelle nicht an Aktualit\u00e4t \u2013 ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: \u201eF\u00fcr manchen Wanderer soll die Quelle flie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Ma\u0142gorzata Janik<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer heute die Kurorte Niederschlesiens besucht, kennt den Alltag eines Kurgastes nur allzu gut. Es lie\u00dfen sich aber gewiss auch zahlreiche Stimmen finden, die sowohl mit der Gastronomie als auch mit der Infrastruktur unzufrieden sind. 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