{"id":76438,"date":"2026-04-11T05:00:53","date_gmt":"2026-04-11T03:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=76438"},"modified":"2026-04-11T12:20:40","modified_gmt":"2026-04-11T10:20:40","slug":"beuthen-und-sein-altes-fatum-der-fluch-des-alchemisten-das-geheimnisvolle-fatum-von-beuthen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/beuthen-und-sein-altes-fatum-der-fluch-des-alchemisten-das-geheimnisvolle-fatum-von-beuthen\/","title":{"rendered":"Der Fluch des Alchemisten \u2013 das geheimnisvolle Fatum von Beuthen"},"content":{"rendered":"<h1>Beuthen und sein altes Fatum<\/h1>\n<h1>Auf literarischen Umwegen<\/h1>\n<p><strong>Als Beuthen neulich in nahezu ganz Polen Gespr\u00e4chsthema war \u2013 ausgel\u00f6st durch eine bekannte Prominente, die auf die skandal\u00f6sen Zust\u00e4nde im st\u00e4dtischen Tierheim aufmerksam machte \u2013 konnte ich nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, dass das alte Fatum von Beuthen erneut zuschl\u00e4gt. Und es trifft mich noch immer tief, dass Kattowitz, im Vergleich zum \u00e4lteren Beuthen, gerade einmal ein Gr\u00fcnschnabel ist, der im vergangenen Jahr seine 160 Jahre feierte \u2013 und dennoch wirtschaftlich und kulturell den \u00e4lteren Bruder \u00fcbertrifft.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Man sagt gew\u00f6hnlich, Beuthen habe seine Chance auf Entwicklung vertan, als es in den 1840er Jahren ablehnte, sich der neu entstehenden Oberschlesischen Eisenbahn anzuschlie\u00dfen, die die Stadt weitr\u00e4umig umkurvte. Und wie bekannt, profitierte gerade Kattowitz davon. Die damaligen Stadtoberen von Beuthen erkannten die historische Gelegenheit nicht \u2013 vielleicht erschien ihnen das Vorhaben schlicht zu riskant. Dar\u00fcber schreiben nicht nur Historiker, sondern auch Literaten und Zeitzeugen jener Jahre: Anton Oskar Klaussmann, Sch\u00fcler einer Beuthener Schule, und der Stadteinwohner Ignatz Bruck.<\/p>\n<h2>Historische Hintergr\u00fcnde und b\u00fcrokratische H\u00fcrden<\/h2>\n<p>In seinem Erinnerungsbericht \u201eOberschlesien vor 55 Jahren und wie ich es wiederfand\u201c gibt Klaussmann jedoch nicht allein der Stadt die Schuld daran, eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Gelegenheit verpasst zu haben, sondern deutet an, dass die Angelegenheit komplexer war, als es zun\u00e4chst erscheinen mochte. Der deutsche Publizist erinnert etwa daran, dass die Stadt Beuthen damals bei den zentralen Beh\u00f6rden kein besonderes Wohlwollen genoss, da sie viele Jahre auf die Einrichtung eines Gerichts sowie eines Gymnasiums warten und unz\u00e4hlige Eingaben an die Beh\u00f6rden richten musste. Auch Ignatz Bruck schreibt in den 1916 ver\u00f6ffentlichten \u201eBeuthener Erinnerungen eines betagten Oberschlesiers\u201c, dass die Stadt damals v\u00f6llig auf sich allein gestellt war und ihre periphere Lage \u201eam Rande des Reiches\u201c keineswegs die Entwicklung f\u00f6rderte.<\/p>\n<h2>Der mittelalterliche Fluch<\/h2>\n<p>Das wiederkehrende Pech von Beuthen wird jedoch fast ebenso oft mit einem mittelalterlichen Fluch verbunden, den der Papst selbst verh\u00e4ngte, nachdem habgierige B\u00fcrger ihre Geistlichen ertr\u00e4nkt hatten, weil diese unerm\u00fcdlich die Zahlung der Kirchensteuer eingefordert hatten. Sieben Jahrzehnte lang durfte in der Marienkirche kein Gottesdienst und keine christliche Bestattung gefeiert werden \u2013 nicht einmal die eines Kindes. Und obwohl zahlreiche Messen im Namen der Stadt abgehalten wurden und der Fluch nach mehreren Jahrzehnten aufgehoben wurde, lie\u00dfen \u00dcberschwemmungen und Br\u00e4nde, die die Stadt und die Stollen in den folgenden Jahrhunderten heimsuchten, ein Vergessen seiner Existenz nicht zu.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Sieben Jahrzehnte lang durfte in der Marienkirche kein Gottesdienst und keine christliche Bestattung gefeiert werden \u2013 nicht einmal die eines Kindes. <\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Man k\u00f6nnte \u00fcber die Beuthener Misere wohl manche Abhandlung schreiben, vielleicht sogar eine Habilitation oder Professur daraus machen. Interessanter ist jedoch der Blick in die Literatur, die die Geschichte von Beuthen auf eine andere Weise erkl\u00e4rt \u2013 mit Fantasie.<\/p>\n<h2>Der Alchemist Scharlem<\/h2>\n<p>Eine der faszinierendsten Versionen der Entstehung des Beuthener Fluchs liefert Karl Franz Mainka \u2013 Bergmann, geboren 1868 in Tarnowitz, autodidaktischer Schriftsteller, Absolvent der Bergschule in Tarnowitz und Mitarbeiter der Beuthener Zeche \u201eKarten-Zentrum\u201c. In der Erz\u00e4hlung \u201eDer Geist Scharlem und die Beuthener B\u00fcrger\u201c versetzt Mainka den Leser ins Jahr 1348, als Beuthen auf Silber sa\u00df und daraus enorme Gewinne erzielte. Diese Gewinne musste die Stadt jedoch mit den Nachbarn teilen, da kein einziger B\u00fcrger die Kunst verstand, Silber vom Blei zu trennen.<\/p>\n<div id=\"attachment_76686\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-76686\" class=\"size-large wp-image-76686\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bytom_-_stara_mapa-Beuthen-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-76686\" class=\"wp-caption-text\">Das Stadtgebiet auf einer alten Landkarte: Beuthen mit Schomberg und Rossberg.<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Als die Unzufriedenheit der Beuthener wuchs, erschien pl\u00f6tzlich ein Fremder \u2013 ein Alchemist und Meister des Metallschmelzens, gekleidet, was wichtig ist, wie ein fahrender Scholar. Er sah aus wie ein typischer Vagant des Mittelalters, der \u00fcblicherweise von Universit\u00e4t zu Universit\u00e4t zog, um Wissen zu sammeln und selbst \u00fcber gewisse Fertigkeiten verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, der Fachmann sei den Beuthenern vom Himmel gefallen \u2013 doch weit gefehlt. Wer sich erinnert, dass in einem \u00e4hnlichen Gewand \u2013 als wandernder Student \u2013 selbst Mephisto vor dem wissensdurstigen Faust erschien, wird erahnen, dass auch in der Geschichte von Beuthen die Herkunft des fremden Alchemisten eher h\u00f6llisch als himmlisch ist. Der Besucher aus fremden Landen macht sich an die Arbeit und baut eine Schmelzh\u00fctte f\u00fcr die Beuthener, durch die das Silber vom Blei getrennt und der gesamte Gewinn in die Stadtkasse flie\u00dft. Die Beuthener bereichern sich enorm, und alles h\u00e4tte wahrscheinlich ein Happy End gefunden, h\u00e4tte die Kirche nicht an die f\u00e4lligen Steuern erinnert.<\/p>\n<h2>Die Trag\u00f6die der \u00fcberm\u00fctigen B\u00fcrger<\/h2>\n<p>Doch die von ihrem eigenen Erfolg \u00fcberm\u00fctigen B\u00fcrger sagen ihr entschieden \u201eNein\u201c. Und leider folgt auf diese Haltung \u2013 zugegeben, sie war \u00e4u\u00dferst selbstbewusst! \u2013 ein Verbrechen: Pfarrer und Vikar werden von den B\u00fcrgern ermordet. An diesem Punkt folgt eine Wendung, mit der wohl niemand gerechnet h\u00e4tte: Zwar ist die Strafe f\u00fcr das Verbrechen erneut ein Fluch, doch verh\u00e4ngt ihn nicht die Kirche, sondern der satanische Schmelzmeister. Den Fluch sprechend, verurteilt der Alchemist die Stadt zu langsamem Niedergang und, noch schmerzhafter, trennt sie vom Wissen \u2013 kein Beuthener erlernte in der Zwischenzeit das Geheimnis der Metallverarbeitung. Die vom Fremden gebaute Schmelzh\u00fctte zerf\u00e4llt, Wasser \u00fcberschwemmt die Bergwerke, und das Schicksal der stolzen Stadt scheint besiegelt.<\/p>\n<p>Der geheimnisvolle Fremde verschwindet auf ebenso r\u00e4tselhafte Weise, wie er erschienen ist. Und nur der Titel der Sage erlaubt eine grobe Identifizierung: Es ist angeblich der Geist Scharlem. Bekannt als Scharlem, Scharley oder schlicht als Skarbnik (Schatzmeister), ist der D\u00e4mon der Unterwelt in Oberschlesien wohlbekannt, wobei seine Erscheinung nicht ausschlie\u00dflich finster ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_76486\" style=\"width: 864px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-76486\" class=\"size-full wp-image-76486\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mainka.png\" alt=\"\" width=\"854\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mainka.png 854w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mainka-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mainka-768x432.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 854px) 100vw, 854px\" \/><p id=\"caption-attachment-76486\" class=\"wp-caption-text\">Schriftsteller Karl Franz Mainka.<br \/>Quelle: privat<\/p><\/div>\n<h2>Die Botschaft von Mainka<\/h2>\n<p>Mainka interessiert jedoch mehr als die Identit\u00e4t des Schmelzmeisters etwas anderes: die Notwendigkeit, eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht nur auf materiellem Gewinn, sondern vor allem auf Wissen basiert. Und obwohl die Erz\u00e4hlung \u00fcber das Schicksal von Beuthen vor mehr als hundert Jahren ver\u00f6ffentlicht wurde, ist ihre Botschaft erstaunlich aktuell. Wissen ist wohl das wertvollste Erz, dem selbst das st\u00e4rkste Fatum nicht widerstehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beuthen und sein altes Fatum Auf literarischen Umwegen Als Beuthen neulich in nahezu ganz Polen Gespr\u00e4chsthema war \u2013 ausgel\u00f6st durch eine bekannte Prominente, die auf die skandal\u00f6sen Zust\u00e4nde im st\u00e4dtischen Tierheim aufmerksam machte \u2013 konnte ich nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, dass das alte Fatum von Beuthen erneut zuschl\u00e4gt. 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