{"id":75843,"date":"2026-04-01T12:00:18","date_gmt":"2026-04-01T10:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=75843"},"modified":"2026-04-02T10:56:12","modified_gmt":"2026-04-02T08:56:12","slug":"deutschland-als-feind-die-rueckkehr-eines-alten-schemas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/deutschland-als-feind-die-rueckkehr-eines-alten-schemas\/","title":{"rendered":"Deutschland als Feind? Die R\u00fcckkehr eines alten Schemas"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Entscheidung von Pr\u00e4sident Karol Nawrocki, sein Veto gegen das SAFE-Programm einzulegen, l\u00f6ste in Teilen der rechten Medien eine Reaktion aus, die hinsichtlich ihres Ausma\u00dfes und ihrer Wortwahl \u00fcberraschte. In der Berichterstattung eines Fernsehsenders tauchte fast augenblicklich eine Flut antideutscher Anspielungen auf. Auf dem Bildschirm war unter anderem zu lesen: \u201eDeutsche sind an der polnischen Front gefallen\u201c, \u201eDeutsche Spezialoperation \u201aDer SAFE\u2018 vom Pr\u00e4sidenten zerschlagen\u201c, \u201eHerr Tusk befiehlt dem Pr\u00e4sidenten der Republik Polen\u201c, \u201eDer Pr\u00e4sident als Schutzschild vor dem deutschen Einfall\u201c, \u201eEine Bande von Verr\u00e4tern und Volksdeutschen versucht, die Polen bei den Deutschen mit Milliarden Euro zu verschulden\u201c oder schlie\u00dflich \u201eGoebbelsche Propaganda greift den Pr\u00e4sidenten an\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass wir es seit einigen Jahren mit der R\u00fcckkehr eines altbekannten Schemas zu tun haben: Deutschland als politischer und zivilisatorischer Gegner, als Feind, gegen den sich Polen mobilisieren muss. In diesem Narrativ geht es nicht einmal mehr um konkrete politische Entscheidungen oder Streitigkeiten mit dem heutigen deutschen Staat \u2013 einem Nachbarn und Mitglied derselben internationalen Organisationen. Deutschland wird vielmehr wieder zu einem symbolischen Gegner, zu einer Figur in einer politischen Erz\u00e4hlung \u00fcber die Verteidigung einer angeblich bedrohten Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<h2>Ist dies ein neues Ph\u00e4nomen?<\/h2>\n<p>In gewisser Hinsicht erinnert dies an aus der Geschichte bekannte Muster. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war die antideutsche Rhetorik Teil der offiziellen Staatspolitik. Sie hatte dabei ihre reale Begr\u00fcndung. Polen war ein Land, das durch den von Berlin ausgel\u00f6sten Krieg schrecklich zerst\u00f6rt worden war, und die Bundesrepublik Deutschland erkannte lange Zeit die Grenze an Oder und Nei\u00dfe nicht an. In einer solchen Atmosph\u00e4re war es leicht, das Bild von Deutschland als einem Staat der Rachegeister und Militaristen zu konstruieren. Doch schon damals wurde erkannt, dass es sich dabei in erster Linie um einen propagandistischen Schachzug handelte.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist ein Auszug aus einem Artikel von Jerzy Ambroziewicz und Edmund Gonczarski aus dem Jahr 1957, der in der Wochenzeitschrift \u201ePo prostu\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde. Die Autoren schrieben ironisch, dass, wenn man versuchen w\u00fcrde, ein Bild von Westdeutschland ausschlie\u00dflich auf der Grundlage der damaligen polnischen Presse zu zeichnen, dieses wie folgt aussehen w\u00fcrde: \u201eIn den Kellern sitzen bei einem traditionellen Bier Rachek\u00e4mpfer mit Hakenkreuzen auf den Schultern. Daneben Ruinen. Hinter den Ruinen die m\u00e4chtigen Krupp-Waffenfabriken. Hinter den Stadttoren ziehen Truppen der Wehrmacht umher.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Text war ein Versuch, sich von dem schwarz-wei\u00dfen Bild Deutschlands zu distanzieren, das in der polnischen Propaganda des ersten Nachkriegsjahrzehnts vorherrschte. Schon damals wurden Stimmen laut, die bem\u00e4ngelten, dass ein solches Schema kein Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t erm\u00f6gliche. Die R\u00fcckkehr zur harten antideutschen Propaganda w\u00e4hrend des Kriegsrechts (das ber\u00fchmte Plakat mit Bundeskanzler Konrad Adenauer im Kreuzrittermantel) fand keinen allzu gro\u00dfen Anklang.<\/p>\n<p>Die Kontakte der Polen zur BRD waren bereits zu zahlreich, und die Beh\u00f6rden der Volksrepublik Polen, die durch ihre Unf\u00e4higkeit diskreditiert wurden, verloren an gesellschaftlichem Ansehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #9b2335;\"><strong>Deutschland wird vielmehr wieder zu einem symbolischen Gegner, zu einer Figur in einer politischen Erz\u00e4hlung \u00fcber die Verteidigung einer angeblich bedrohten Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Heute ist die Lage v\u00f6llig anders. Die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts brachten einen historischen Wendepunkt. Polen und Deutschland sind heute Mitglieder derselben politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Gemeinschaft \u2013 der Europ\u00e4ischen Union und der NATO. Seit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags \u00fcber gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit sind bereits 35 Jahre vergangen. In dieser Zeit ist ein dichtes Netz an institutionellen, wissenschaftlichen, kommunalen und gesellschaftlichen Kontakten entstanden. Hunderttausende Polen leben in Deutschland, und in Polen gibt es eine deutsche Minderheit. Die Grenze verbindet mehr, als sie trennt (trotz der j\u00fcngsten \u00c4nderungen bei den Grenz\u00fcbertrittsbestimmungen). Es scheint also, als h\u00e4tten differenziertere Beschreibungen der Realit\u00e4t die fr\u00fcheren negativen Vorstellungen dauerhaft abgel\u00f6st.<\/p>\n<h2>Warum kehren die alten Bilder so leicht zur\u00fcck?<\/h2>\n<p>Eine Antwort liegt in der Logik der heutigen politischen Kommunikation. In einem politischen Streit ist ein \u00e4u\u00dferer Gegner ein \u00e4u\u00dferst n\u00fctzliches Instrument der Mobilisierung. Er erm\u00f6glicht es, die komplexe Realit\u00e4t auf eine simple, auf Stereotypen zur\u00fcckgreifende Zweiteilung zu vereinfachen: wir und sie. In diesem Sinne werden die Deutschen weniger zu einem realen politischen Partner als vielmehr zu einem Symbol \u2013 einem bequemen Element der Rhetorik im innerpolnischen Streit.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch noch einen zweiten Grund. In den letzten Jahren betreibt der polnische Staat \u2013 was angesichts der Ausgaben f\u00fcr die sogenannte Geschichtspolitik paradox klingen mag \u2013 in immer geringerem Ma\u00dfe eine bewusste, vielschichtige und wirksame Erinnerungspolitik auf internationaler Ebene. Dies gilt auch f\u00fcr die deutsch-polnischen Beziehungen. Dies zeigte sich beispielsweise anl\u00e4sslich der j\u00fcngsten Jahrestage zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Brief der polnischen Bisch\u00f6fe an die deutschen Bisch\u00f6fe aus dem Jahr 1965 \u2013 ein Dokument von grundlegender Bedeutung f\u00fcr den Prozess der Vers\u00f6hnung und Ann\u00e4herung zwischen unseren Gesellschaften. Es l\u00e4sst sich kaum leugnen, dass diese Jahrestage nicht angemessen genutzt wurden.<\/p>\n<p>Infolgedessen bleibt der symbolische Raum oft leer. Und ein leerer Raum f\u00fcllt sich schnell mit emotionalen und einseitigen Narrativen. Wo sind heute die Kreise und Institutionen, die jahrzehntelang den deutsch-polnischen Dialog aufgebaut haben? Wo sind die Experten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungsinstitute, die die Komplexit\u00e4t der Beziehungen zwischen beiden L\u00e4ndern zu erkl\u00e4ren vermochten? Und wo stehen in dieser Debatte die nat\u00fcrlichen Vermittler \u2013 die in Deutschland lebenden Polen und die deutsche Minderheit in Polen? Das Schweigen dieser Kreise ist kein Zufall \u2013 es resultiert zum Teil aus der Ersch\u00f6pfung bisheriger Dialogformen und dem Fehlen neuer Sprachen zur Beschreibung dieser Beziehungen.<\/p>\n<p>Je schwieriger es ist, einen neuen Ansatz f\u00fcr die Beziehungen zwischen beiden L\u00e4ndern vorzuschlagen, desto leichter f\u00e4llt es, zu alten Parolen und schwarz-wei\u00dfen Feindbildern zur\u00fcckzukehren. Die antideutsche Rhetorik, die heute in Teilen der Medien auftaucht, muss nicht unbedingt eine dauerhafte Wende in den deutsch-polnischen Beziehungen bedeuten \u2013 sie zeigt jedoch, wie leicht alte Reflexe ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen und wie schnell Bilder zur\u00fcckkehren, die \u2013 wie es schien \u2013 bereits der Vergangenheit angeh\u00f6ren.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\r\n                        <div class=\"osoba-image\">\r\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\r\n                            <\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entscheidung von Pr\u00e4sident Karol Nawrocki, sein Veto gegen das SAFE-Programm einzulegen, l\u00f6ste in Teilen der rechten Medien eine Reaktion aus, die hinsichtlich ihres Ausma\u00dfes und ihrer Wortwahl \u00fcberraschte. In der Berichterstattung eines Fernsehsenders tauchte fast augenblicklich eine Flut antideutscher Anspielungen auf. 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