{"id":75775,"date":"2026-01-31T17:54:19","date_gmt":"2026-01-31T16:54:19","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=75775"},"modified":"2026-04-01T09:38:34","modified_gmt":"2026-04-01T07:38:34","slug":"von-krakau-nach-leobschuetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/von-krakau-nach-leobschuetz\/","title":{"rendered":"Von Krakau nach Leobsch\u00fctz"},"content":{"rendered":"<h1>Das schlesische Schicksal der polnischen F\u00fcrstin, die keinen Deutschen wollte<\/h1>\n<h1>Auf literarischen Umwegen<\/h1>\n<p><strong>Die Legende von Wanda, der F\u00fcrstin aus Krakau, die \u201ekeinen Deutschen wollte\u201c, geh\u00f6rt zu den bekanntesten polnischen Nationalmythen. Ihre Geschichte kennt wohl jedes polnische Kind: Die sch\u00f6ne Herrscherin weist die Hand eines deutschen F\u00fcrsten zur\u00fcck, und als dieser ihr mit Krieg droht, st\u00fcrzt sich Wanda in die Weichsel, um Ehre und Land zu retten.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieses Bild \u2013 stark national aufgeladen und in seiner Symbolik eher eindeutig \u2013 pr\u00e4gte \u00fcber Jahre die polnische Vorstellungskraft. Wenige wissen jedoch, dass im 19. Jahrhundert eine schlesische Version dieser Erz\u00e4hlung entstand, die deutlich vom bekannten Schema abweicht. Mehr noch: Ihr Autor, der Leobsch\u00fctzer Lehrer Ferdinand Minsberg, verlegte die Handlung nicht an die Weichsel, sondern in den Raum des mittelalterlichen Oberschlesiens.<\/p>\n<div id=\"attachment_69626\" style=\"width: 769px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69626\" class=\" wp-image-69626\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/leobschuetz-ansichtskarte.jpg\" alt=\"\" width=\"759\" height=\"561\" \/><p id=\"caption-attachment-69626\" class=\"wp-caption-text\">Leobsch\u00fctz, Ansichtskarte<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>In der Erz\u00e4hlung Die Vennfrau bei F\u00fcllstein ist Wanda nicht mehr nur die polnische F\u00fcrstin, die in den Fluten des Flusses stirbt, obwohl man zugeben muss, dass der polnisch-deutsche Antagonismus in dieser Geschichte weiterhin pr\u00e4sent ist. Doch f\u00fcr die Zur\u00fcckweisung der Hand des edlen F\u00fcrsten Rhitogar trifft Wanda eine zus\u00e4tzliche Strafe \u2013 sie findet selbst nach dem Tod keinen Frieden und muss als verfluchtes Wesen, die titelgebende Vennfrau, durch die Welt wandern. Diese Bezeichnung verweist auf das Wort Venn, das Moor, Sumpf oder Feuchtgebiet bedeutet. Kein Zufall: In der schlesischen Tradition verband man solche Orte h\u00e4ufig mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Gestalten, seien es Wasserm\u00e4nner oder Wasserfrauen. So wird Wanda zur Vennfrau \u2013 einer r\u00e4tselhaften Gestalt mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Eigenschaften.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">Wenige wissen, dass im 19. Jahrhundert eine schlesische Version der Saga \u00fcber Wanda entstand, die deutlich vom bekannten Schema abweicht. Mehr noch: Ihr Autor, der Leobsch\u00fctzer Lehrer Ferdinand Minsberg, verlegte die Handlung nicht an die Weichsel, sondern in den Raum des mittelalterlichen Oberschlesiens.<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<div id=\"attachment_69628\" style=\"width: 321px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69628\" class=\"wp-image-69628\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Nina-Nowara_Matusik-793x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"311\" height=\"402\" \/><p id=\"caption-attachment-69628\" class=\"wp-caption-text\">Univ.-Prof. Dr. habil. Nina Nowara-Matusik Foto: privat<\/p><\/div>\n<p>Nicht weniger interessant ist, dass Minsberg Wanda mit einer weiteren wichtigen Figur der schlesischen D\u00e4monologie verbindet \u2013 der Melusine, einer geheimnisvollen Wasser- und Windfrau, die in der ganzen Region bekannt ist. In vielen schlesischen Erz\u00e4hlungen erscheint Melusine als Wesen, das im Wind klagt und nach seinen Kindern sucht. Wanda in Minsbergs Version weist \u00e4hnliche Z\u00fcge auf: Sie erhebt sich in die Luft und schwebt durch den Himmel, und Erl\u00f6sung \u2013 die Befreiung vom Fluch \u2013 kann ihr gerade ein Kind bringen.<\/p>\n<p>Die schlesische Eigenart von Wanda wird auch durch ihre Bindung an den Ort akzentuiert. Die Handlung spielt in der Umgebung des ehemaligen F\u00fcllstein, des heutigen W\u0142odzienin, nahe Leobsch\u00fctz. Es ist eine Region, in der sich \u00fcber Jahrhunderte polnische, deutsche und tschechische Einfl\u00fcsse durchdrangen. Wanda wird hier zum Symbol einer Grenzidentit\u00e4t: uneindeutig und vielschichtig. Sie ist eine komplexe und vielf\u00e4ltige Figur \u2013 so komplex wie das historische Oberschlesien. Sie wandert durch die Gegend und nimmt verschiedene Gestalten an \u2013 einmal eine sch\u00f6ne Frau, dann eine Bettlerin, ein anderes Mal eine Zwergin oder sogar eine Hexe.<\/p>\n<p>Minsberg verschiebt die Akzente auch in anderer Hinsicht. In der schlesischen Version handelt Wanda nicht im Namen einer Nation, sondern folgt ihrem inneren Imperativ und zugleich einer moralischen Ordnung. Sie belohnt jene, die G\u00fcte zeigen, und bestraft jene, die Bed\u00fcrftigen den R\u00fccken kehren. Sie wird nicht von Feindseligkeit gegen\u00fcber einem anderen Volk geleitet, sondern von einem ethischen Kompass. Nicht der polnisch-deutsche Konflikt bildet hier das Zentrum der Erz\u00e4hlung, sondern der ewige Kampf zwischen Gut und B\u00f6se. Das wiederum macht die schlesische Wanda zu einer archetypischen, nicht zu einer nationalen Figur \u2013 zu jemandem, der zur Welt der Mythen geh\u00f6rt, nicht zur Welt der Politik oder der nationalen Geschichte.<\/p>\n<div id=\"attachment_69627\" style=\"width: 562px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69627\" class=\" wp-image-69627\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/512383_1b-1024x906.jpg\" alt=\"\" width=\"552\" height=\"488\" \/><p id=\"caption-attachment-69627\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Obwohl es ein Text aus dem 19. Jahrhundert ist, gestaltet der Leobsch\u00fctzer Lehrer die Figur der Wanda auf sehr moderne Weise und zeigt, dass Mythen neu interpretiert und neu erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. Dass eine Legende, die an einem Ort nationale Narrative st\u00fctzt und festigt, an einem anderen aus eingefahrenen Mustern ausbrechen und Raum f\u00fcr neue Bedeutungen \u00f6ffnen kann. Dass die Krakauer F\u00fcrstin auch ein D\u00e4mon sein kann, eine leidende Frau, eine strafende Hand der Gerechtigkeit und eine w\u00fcrdige Herrscherin. Und dass regionale Erz\u00e4hlungen nicht zwangsl\u00e4ufig Provinzialit\u00e4t bedeuten m\u00fcssen. All dies kann jedoch nur unter einer einzigen, aber grundlegenden Bedingung geschehen: Die nationale Erz\u00e4hlung muss sich f\u00fcr das Lokale \u00f6ffnen, und das Lokale f\u00fcr die nationale Erz\u00e4hlung. Denn das Lokale ist keine Bedrohung f\u00fcr das Nationale. Und das Nationale keine Bedrohung f\u00fcr das Lokale. Die Geschichte der schlesischen Wanda zeigt n\u00e4mlich, dass beide Werte koexistieren und einander beleuchten k\u00f6nnen \u2013 ohne sich etwas zu nehmen oder einander zu gef\u00e4hrden. Das ist m\u00f6glich \u2013 und erst recht in der Literatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das schlesische Schicksal der polnischen F\u00fcrstin, die keinen Deutschen wollte Auf literarischen Umwegen Die Legende von Wanda, der F\u00fcrstin aus Krakau, die \u201ekeinen Deutschen wollte\u201c, geh\u00f6rt zu den bekanntesten polnischen Nationalmythen. 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