{"id":75417,"date":"2026-03-30T05:00:29","date_gmt":"2026-03-30T03:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=75417"},"modified":"2026-03-31T08:46:01","modified_gmt":"2026-03-31T06:46:01","slug":"ein-kenner-polens-wird-neuer-direktor-der-stiftung-flucht-vertreibung-versoehnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ein-kenner-polens-wird-neuer-direktor-der-stiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/","title":{"rendered":"Ein Kenner Polens wird neuer Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung"},"content":{"rendered":"<h1>Einstimmige Wahl nach kontroverser Debatte<\/h1>\n<p><strong>Nach Tagen intensiver Diskussionen und medialer Kritik ist die Entscheidung gefallen. Der Historiker Roland Borchers \u00fcbernimmt k\u00fcnftig die Leitung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung \u2013 einstimmig gew\u00e4hlt vom Stiftungsrat. Ob damit auch der Streit \u00fcber die k\u00fcnftige Ausrichtung der Einrichtung beigelegt ist, bleibt offen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung hat einen neuen Direktor: Der Historiker Roland Borchers \u00fcbernimmt die Leitung der Stiftung. Seine Wahl am Donnerstag, 26. M\u00e4rz 2026, fiel einstimmig \u2013 ein Ergebnis, das nach den teils heftigen Diskussionen der vergangenen Tage keineswegs selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p>Noch kurz vor der Entscheidung hatte der<span style=\"color: #0000ff;\"> <a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/friedrich-merz-chaos-bei-vertriebenenstiftung-kanzler-spricht-machtwort-a-2bb91e39-e4e0-46fa-89f3-ad12e62aff44\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Spiegel<\/em><\/a> <\/span>berichtet, dass aus dem Stiftungsrat heraus gefordert worden sei, das Auswahlverfahren neu zu starten. Dennoch einigte sich das Gremium schlie\u00dflich auf Borchers, der derzeit stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Niedersch\u00f6neweide ist.<\/p>\n<h2>Streit um k\u00fcnftige Ausrichtung<\/h2>\n<p>Im Vorfeld der Wahl war in deutschen und polnischen Medien intensiv \u00fcber die Neubesetzung berichtet worden (<span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/neue-unruhe-bei-der-stiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mehr dazu lesen Sie hier<\/a><\/span>). Beobachter werteten den Vorgang als Ausdruck eines grundlegenden Konflikts \u00fcber die k\u00fcnftige Ausrichtung der Stiftung \u2013 insbesondere mit Blick auf die Dauerausstellung.<\/p>\n<p>Kritik hatte vor allem die Entscheidung ausgel\u00f6st, den Vertrag der bisherigen Direktorin Gundula Bavendamm nicht zu verl\u00e4ngern und die Stelle neu auszuschreiben. Der Wissenschaftliche Beirat der Stiftung \u00e4u\u00dferte sich kritisch. Auch der polnische Historiker Piotr Madajczyk, Mitglied des Gremiums, hatte sich bereits im Januar in einem Gastbeitrag dazu ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #9b2335;\"><strong>\u201eMutma\u00dfungen, es gehe dem BdV um eine Umdeutung wider europ\u00e4ische Interessen, weisen wir entschieden zur\u00fcck.\u201c<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #9b2335;\"><em>Stephan Mayer, Pr\u00e4sident des Bundes der Vertriebenen (BdV)<\/em><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In der Berichterstattung wurden zudem Vorw\u00fcrfe laut, der Bund der Vertriebenen (BdV) wolle gemeinsam mit der Unionsfraktion im Bundestag st\u00e4rkeren Einfluss auf die Stiftung gewinnen. Der<span style=\"color: #0000ff;\"> <a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/neuer-chef-des-zentrums-flucht-vertreibung-versohnung-feindliche-ubernahme-verhindert-15403261.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Tagesspiegel<\/em><\/a><\/span> sprach in diesem Zusammenhang von einer m\u00f6glichen \u201efeindlichen \u00dcbernahme\u201c.<\/p>\n<p>Der BdV wies diese Darstellung zur\u00fcck und kritisierte eine \u201edeutliche Schlagseite\u201c in der medialen Berichterstattung. Zugleich betonte der Verband, es gehe bei der angestrebten Weiterentwicklung der Dauerausstellung darum, \u201eden gesetzlichen Rahmen und die konzeptionelle Schwerpunktsetzung klarer zur Geltung zu bringen\u201c sowie den Vers\u00f6hnungsauftrag st\u00e4rker zu betonen und die Reichweite der Ausstellung zu erh\u00f6hen. Zudem kritisierte der BdV, dass interne Diskussionen die \u00d6ffentlichkeit gelangt seien.<\/p>\n<h2>Kritik und R\u00fcckzug eines Kandidaten<\/h2>\n<p>In den Berichten wurde insbesondere auf einen Brief des damaligen BdV-Pr\u00e4sidenten Bernd Fabritius Bezug genommen, in dem er unter anderem den Teil der Dauerausstellung kritisierte, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. In seiner Stellungnahme wies der aktuelle BdV-Pr\u00e4sident Stephan Mayer auch die in der medialen Berichterstattung ge\u00e4u\u00dferten Bedenken zur\u00fcck, die Neugestaltung k\u00f6nnte insbesondere im europ\u00e4ischen Ausland als Revisionismus interpretiert werden. Zudem verwies er auf die fortgesetzte Vers\u00f6hnungsarbeit, die der BdV leiste und geleistet habe.<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rte: \u201eMutma\u00dfungen, es gehe dem BdV um eine Umdeutung wider europ\u00e4ische Interessen, weisen wir entschieden zur\u00fcck. Gerade der BdV und seine Landsmannschaften haben noch zu Zeiten des Warschauer Paktes und nach dessen Zerfall ma\u00dfgeblich zur grenz\u00fcberschreitenden Verst\u00e4ndigung beigetragen \u2013 zun\u00e4chst auf der Ebene von Mensch zu Mensch und sp\u00e4ter immer st\u00e4rker auch auf institutioneller Ebene. Dies pr\u00e4gt unseren Einsatz bis heute.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_75424\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75424\" class=\"size-large wp-image-75424\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530-1024x577.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530-1024x577.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530-768x433.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530-1536x866.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/as105828_e2_print-e1774800451530.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-75424\" class=\"wp-caption-text\">Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung.<br \/>Foto: Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\/Markus Gr\u00f6teke<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr Brisanz sorgte im Vorfeld der Wahl aber auch die Kandidatenliste. Neben Bavendamm und Borchers geh\u00f6rte auch der Bundestagsabgeordnete Sven Oole dazu, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Arbeitsgruppe f\u00fcr Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten der CDU\/CSU-Fraktion. Medienberichten zufolge galt er als Favorit des BdV. Kritiker bem\u00e4ngelten jedoch fehlende Erfahrung im musealen Bereich sowie eine unzureichende wissenschaftliche Expertise im Themenfeld der Stiftung.<\/p>\n<p>Einen Tag vor der Wahl zog Oole seine Kandidatur zur\u00fcck. Laut dem bereits genannten Bericht des<span style=\"color: #0000ff;\"> <a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/friedrich-merz-chaos-bei-vertriebenenstiftung-kanzler-spricht-machtwort-a-2bb91e39-e4e0-46fa-89f3-ad12e62aff44\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Spiegels<\/em><\/a><\/span> soll Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Treffen mit Politikern der CDU\/CSU-Fraktion darauf gedr\u00e4ngt haben, die deutsch-polnischen Beziehungen nicht zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<h2><strong>Ein Direktor mit Vermittlungspotenzial<\/strong><\/h2>\n<p>Mit Roland Borchers fiel die Wahl schlie\u00dflich auf einen Kandidaten, dem Beobachter eine vermittelnde Rolle zutrauen. In seiner Dissertation besch\u00e4ftigte er sich mit polnischen Zeitzeugenberichten zur NS-Zwangsarbeit. Neben Geschichte und Politikwissenschaft studierte er auch Polonistik und sammelte fr\u00fch Erfahrungen in Polen, unter anderem durch ein Praktikum im Sejm.<\/p>\n<p>Diese internationale Perspektive k\u00f6nnte sich als Vorteil erweisen \u2013 gerade angesichts der politischen Sensibilit\u00e4t des Themas. Auch der BdV hob Borchers\u2019 Qualifikationen hervor. Verbandspr\u00e4sident Stephan Mayer erkl\u00e4rte auf Anfrage, Borchers bringe \u201efachliche Kompetenz, internationale Erfahrung und die Bereitschaft zum offenen Dialog\u201c mit. Die einstimmige Wahl sei ein wichtiges Signal.<\/p>\n<p>Der Historiker Krzysztof Ruchniewicz sieht in der Personalentscheidung ebenfalls ein Zeichen der Beruhigung \u2013 zumindest vorl\u00e4ufig. In seinem Kommentar f\u00fcr Neues Wochenblatt.pl schreibt er, dass die grundlegenden Differenzen \u00fcber die k\u00fcnftige Ausrichtung der Stiftung damit jedoch nicht endg\u00fcltig gel\u00f6st seien.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\r\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung<\/h4>\r\n                <div class=\"osoba-body\">\r\n            <div class=\"osoba-text\"><p>Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung wurde 2008 durch ein Bundesgesetz gegr\u00fcndet und untersteht organisatorisch der Stiftung Deutsches Historisches Museum. Grundlage war eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag der Bundesregierung aus CDU\/CSU und SPD aus dem Jahr 2005. Ziel war es, \u201ein Berlin ein sichtbares Zeichen\u201c zu setzen, um an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern.<\/p>\n<p>Dem gingen seit den 1990er-Jahren intensive gesellschaftliche Debatten voraus, auch \u00fcber m\u00f6gliche Standorte und Konzepte eines Erinnerungsortes.<\/p>\n<p>Sitz der Stiftung ist das Deutschlandhaus nahe dem Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg. Der Umbau begann 2013, die offizielle Er\u00f6ffnung des Dokumentationszentrums erfolgte am 21. Juni 2021 im Beisein der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel.<\/p>\n<p>Die Dauerausstellung widmet sich Zwangsmigrationen, insbesondere in Europa im 20. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt auf Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs. Erg\u00e4nzt wird das Angebot durch Sonderausstellungen, eine Bibliothek und ein Archiv.<\/p>\n<p>Geleitet wird die Stiftung von einer Direktorin oder einem Direktor. Von 2016 bis 2026 hatte Gundula Bavendamm dieses Amt inne. \u00dcber grundlegende Fragen entscheidet ein Stiftungsrat. In diesem Gremium sind Vertreter der Politik (Bundestag, Ausw\u00e4rtiges Amt, Innenministerium und Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien), des Bundes der Vertriebenen, der Kirchen (evangelisch, katholisch, Zentralrat der Juden) sowie die Pr\u00e4sidenten der beiden Stiftungen \u201eDeutsches Historisches Museum\u201c und \u201eHaus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland\u201c vertreten.<\/p>\n<p>Der Stiftungsrat w\u00e4hlt auch die Direktorin oder den Direktor. Ihm steht ein wissenschaftlicher Beirat beratend zur Seite. In diesem internationalen Gremium sind auch Wissenschaftler aus Polen vertreten. Aktuell \u00fcbt Piotr Madajczyk vom Instytut Studi\u00f3w Politycznych PAN in Warschau diese Funktion aus.<\/p>\n<\/div>\r\n                    <\/div>\r\n    <\/div>\r\n    \n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Mauro Oliveira<\/strong><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"z0tPBIT0bw\"><p><a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/zwischen-geschichte-und-politik-der-streit-um-die-kuenftige-ausrichtung-der-bundesstiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/\">Zwischen Geschichte und Politik: Der Streit um die k\u00fcnftige Ausrichtung der Bundesstiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201d<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Zwischen Geschichte und Politik: Der Streit um die k\u00fcnftige Ausrichtung der Bundesstiftung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201d&#8220; &#8211; Wochenblatt - Gazeta Niemc\u00f3w w Rzeczypospolitej Polskiej\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/zwischen-geschichte-und-politik-der-streit-um-die-kuenftige-ausrichtung-der-bundesstiftung-flucht-vertreibung-versoehnung\/embed\/#?secret=0SjAUmt8yy#?secret=z0tPBIT0bw\" data-secret=\"z0tPBIT0bw\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einstimmige Wahl nach kontroverser Debatte Nach Tagen intensiver Diskussionen und medialer Kritik ist die Entscheidung gefallen. 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