{"id":75244,"date":"2026-01-30T12:00:26","date_gmt":"2026-01-30T11:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=75244"},"modified":"2026-03-25T15:16:15","modified_gmt":"2026-03-25T14:16:15","slug":"kaiserliches-und-kulinarisches-bahnreisen-bahnhof-moschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/kaiserliches-und-kulinarisches-bahnreisen-bahnhof-moschen\/","title":{"rendered":"Kaiserliches und kulinarisches Bahnreisen: Bahnhof Moschen"},"content":{"rendered":"<p>Unsere winterliche Reise mit der Eisenbahn neigt sich zwar langsam dem Ende zu, doch zuvor machen wir noch Halt an einer Station einer privaten Bahnlinie auf der Strecke Gogolin \u2013 Neustadt (heute: Prudnik). Am Bahnhof Moschen (Moszna) stiegen nicht nur G\u00e4ste des Hauses von Tiele-Winckler aus dem Zug, sondern auch Kaiser Wilhelm II. selbst. Den Presseberichten zufolge nahm er in den sp\u00e4ten Herbstmonaten der Jahre 1901, 1904, 1910, 1911 und 1912 an eigens zu seinen Ehren organisierten Jagden teil. Die offiziellen Empf\u00e4nge fanden h\u00f6chstwahrscheinlich im Jagdsaal statt \u2013 dem Stolz des Grafen Franz von Tiele-Winckler.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Kaiserliche Jagden in Moschen<\/h2>\n<p>Bekannt ist, dass der Kaiser eine Vorliebe f\u00fcr einfache, schlichte Speisen hatte. Auf der Tafel erschienen daher h\u00e4ufig Suppe, Fisch sowie ein Braten mit Salat und Kompott. Danach folgten Gem\u00fcse, ein s\u00fc\u00dfer Nachtisch, K\u00e4segeb\u00e4ckstangen und Obst. Sehr oft wurden auch Krebse serviert, die man in kleinere Portionen teilte, da Wilhelm II. infolge einer L\u00e4hmung der linken Hand ausschlie\u00dflich seine rechte Hand benutzen konnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_69580\" style=\"width: 791px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69580\" class=\" wp-image-69580\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Wikipedia-Przystanek_kolejowy_w_Mosznej_kolo_Prudnika-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"781\" height=\"586\" \/><p id=\"caption-attachment-69580\" class=\"wp-caption-text\">Bahnhaltestelle in Moschen bei Prudnik.<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Aus Telegrammen der damaligen Presse geht hervor, dass am 4. Dezember 1901 der kaiserliche Zug mit zw\u00f6lf luxuri\u00f6sen Salonwagen auf einer eigens vorbereiteten Station unmittelbar neben dem Schloss Moschen eintraf. Graf Franz Hubert begr\u00fc\u00dfte den hohen Gast, anschlie\u00dfend begab man sich mit der Kutsche zum Schloss. Am folgenden Tag fand die Jagd statt, und zwischen dem sechsten und siebten Treiben wurde ein Fr\u00fchst\u00fcck gereicht. Dieses wurde in einem eigens zu diesem Zweck errichteten, stilvollen Holzbau serviert. Nach Abschluss der Jagd setzte der kaiserliche Zug seine Reise durch Schlesien fort. Wilhelm II. soll sich vor der Abfahrt mit den Worten verabschiedet haben: \u201eMein lieber Thiele, bei dir gef\u00e4llt es mir immer, und es ist au\u00dferordentlich gut, weil alles so reibungslos verl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<p>Heute ist der Ort, an dem einst der Kaiser aus dem Zug stieg, von Gestr\u00fcpp \u00fcberwuchert. An die Geschichte des Platzes erinnert lediglich der \u00dcberrest eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Exemplars einer amerikanischen Sumpfeiche, die zweifellos noch die Zeiten der kaiserlichen Besuche im damaligen Moschen erlebt hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_69583\" style=\"width: 776px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69583\" class=\" wp-image-69583\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/ODB-Postkarte-1899-300x191.png\" alt=\"\" width=\"766\" height=\"488\" \/><p id=\"caption-attachment-69583\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte 1899.<br \/>Quelle: ODB<\/p><\/div>\n<p>Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich in Moschen ein Gutshof mit Sch\u00e4ferei, ein Jagdhaus sowie eine weitl\u00e4ufige Parkanlage. Im Dorf gab es rund 30 H\u00f6fe, darunter 10 mit Obstg\u00e4rten und 14 mit Acker. Zudem bestanden zwei Wirtschaftsbetriebe. Der erste ist im Adressbuch von 1914 verzeichnet \u2013 eine von Fritz Gaertner gef\u00fchrte Gastwirtschaft. Der zweite trug den Namen \u201eGastst\u00e4tte zu den drei Rosen\u201c und geh\u00f6rte Otto Oelke.<\/p>\n<h2>Ein ungeplanter Besuch im M\u00e4rchenschloss<\/h2>\n<p>Das Dorf Moschen befand sich seit 1866 im Besitz von Hubert von Tiele-Winckler. Unsere famili\u00e4re Reise zu diesem malerischen Schloss fand 150 Jahre sp\u00e4ter statt \u2013 vollkommen ungeplant. Wir waren auf der R\u00fcckfahrt aus dem Urlaub, als auf der Autobahn ein gewaltiges Unwetter losbrach. Sturm und starker Regen machten die Fahrt nahezu unm\u00f6glich. Kurz hinter Oppeln gaben wir auf, verlie\u00dfen die Autobahn und suchten nach einer Idee f\u00fcr die n\u00e4chsten Stunden. So beschlossen wir, das Wetterchaos mit einem Besuch des m\u00e4rchenhaften Schlosses Moschen zu \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong><em>Heute ist Bahnhof Moschen, an dem einst der Kaiser aus dem Zug stieg, von Gestr\u00fcpp \u00fcberwuchert. An die Geschichte des Platzes erinnert lediglich der \u00dcberrest eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Exemplars einer amerikanischen Sumpfeiche, die zweifellos noch die Zeiten der kaiserlichen Besuche im damaligen Moschen erlebt hat.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Besonders beeindruckte uns damals der Wintergarten: Unter dem verglasten Dach hingen reifende Kokosn\u00fcsse und Bananen, und auch ein monumentaler Pflanzk\u00fcbel aus italienischem Marmor zog mit seinen zahlreichen Details und Verzierungen alle Blicke auf sich. Die traurige Geschichte des Schlosses und das, was von den letzten Besitzern geblieben ist, besch\u00e4ftigten uns noch lange. Immer wieder fragen wir uns, warum manche Orte ununterbrochen weiterleben, w\u00e4hrend andere \u2013 vom Schicksal gezeichnet \u2013 lediglich an ihre einstige Pracht erinnern.<\/p>\n<div id=\"attachment_69579\" style=\"width: 789px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69579\" class=\" wp-image-69579\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/SDB-Foto-vor-1939-300x196.png\" alt=\"\" width=\"779\" height=\"509\" \/><p id=\"caption-attachment-69579\" class=\"wp-caption-text\">Foto vor 1939.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>An jenem Julitag wirkte das Schloss, \u00fcber dem bedrohlich schwarze Wolken hingen, beinahe unwirklich, w\u00e4hrend der umliegende Park mit seinem alten Baumbestand das harmonische Gesamtbild vollendete. Ob wir damals bei einer Tasse Kaffee verweilten oder lieber den gepflegten, fast 40 Hektar gro\u00dfen Park erkundeten, vermag ich nicht mehr zu sagen. Das Dorf selbst haben wir leider nicht besucht \u2013 h\u00f6chste Zeit also, dieses Vers\u00e4umnis nachzuholen. Zumal hier jedes Jahr im Mai und Juni das Fest der bl\u00fchenden Azaleen gefeiert wird.<\/p>\n<h2>Hobelsp\u00e4ne \u2013 ein Dessert aus alter schlesischer K\u00fcche<\/h2>\n<p>Kulinarisch m\u00f6chte ich diese Geschichte mit einer S\u00fc\u00dfspeise abschlie\u00dfen, nach der man unwillk\u00fcrlich greift und deren Name mich schon immer fasziniert hat: \u201eHobelsp\u00e4ne\u201c (Pl.: <em>wi\u00f3ry<\/em>). Und tats\u00e4chlich: Die Form des Geb\u00e4cks erinnert an d\u00fcnne, eingerollte Holzsp\u00e4ne. Das Rezept selbst stammt aus dem Kochbuch von Maria Wurst, geboren 1875 in Schwerfelde (Ci\u0119\u017ckowice), die bis zu ihrem Tod am 26. Oktober 1941 in Oppeln, Gartenstra\u00dfe 29 (heute ul. Sienkiewicza), lebte.<\/p>\n<div id=\"attachment_69581\" style=\"width: 763px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69581\" class=\" wp-image-69581\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG-20160714_140531-MalJan-300x180.jpg\" alt=\"\" width=\"753\" height=\"452\" \/><p id=\"caption-attachment-69581\" class=\"wp-caption-text\">Schloss Moschen.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<h2>Rezept f\u00fcr Hobelsp\u00e4ne<\/h2>\n<h3><strong>Zutaten:<\/strong><\/h3>\n<p>\u00bd kg feines Mehl<br \/>\n2 Eier<br \/>\n125 g Zucker<br \/>\n4 EL ausgelassene Butter<br \/>\n4\u20135 EL saure Sahne oder gute Milch<br \/>\n1 nicht zu voller TL Backpulver<\/p>\n<div id=\"attachment_69577\" style=\"width: 406px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69577\" class=\" wp-image-69577\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/AAD_1275-Michal-Janik-300x265.jpg\" alt=\"\" width=\"396\" height=\"350\" \/><p id=\"caption-attachment-69577\" class=\"wp-caption-text\">Hobelsp\u00e4ne: eine kaiserliche S\u00fc\u00dfspeise.<br \/>Foto: Micha\u0142 Janik<\/p><\/div>\n<h3><strong>Zubereitung:<\/strong><\/h3>\n<p>Mehl, Eier, Zucker, Butter, Sahne und Backpulver werden zu einem klaren Teig gearbeitet, den man auf dem Nudelbrett messerr\u00fcckenstark ausrollt. Man schneidet daraus mit dem Messer oder den Backr\u00e4dchen ungef\u00e4hr 10 cm lange und 3\u20134 cm breite Streifen, macht mitten einen kurzen Schlitz und zieht das eine Ende des Streifens durch den Schlitz. Jetzt b\u00e4ckt man die Hobelsp\u00e4ne in kochendem Backfett schwimmend auf beiden Seiten sch\u00f6n braun, nimmt sie heraus, l\u00e4sst das Fett abtropfen und h\u00fcllt sie in Zucker, der etwas Vanillinzucker enthalten kann. Man kann auch statt der Sahne herben Wein oder auch 1 EL Sahne und 1 EL Arrak nehmen.<\/p>\n<p>Hobelsp\u00e4ne sind ein wahrhaft kaiserliches Dessert, ausgew\u00e4hlt aus einem historischen Oppelner Kompendium f\u00fcr Liebhaber der alten schlesischen K\u00fcche:<br \/>\n\u201eKochbuch f\u00fcr Schule und Haus. Auf Grund praktischer Erfahrungen zusammengestellt\u201c (Ausgabe von 1910).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere winterliche Reise mit der Eisenbahn neigt sich zwar langsam dem Ende zu, doch zuvor machen wir noch Halt an einer Station einer privaten Bahnlinie auf der Strecke Gogolin \u2013 Neustadt (heute: Prudnik). Am Bahnhof Moschen (Moszna) stiegen nicht nur G\u00e4ste des Hauses von Tiele-Winckler aus dem Zug, sondern auch Kaiser Wilhelm II. selbst. 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