{"id":74634,"date":"2026-03-28T17:00:00","date_gmt":"2026-03-28T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=74634"},"modified":"2026-04-07T12:43:25","modified_gmt":"2026-04-07T10:43:25","slug":"weibliches-leiden-in-oberschlesischer-praegung-auf-literarischen-umwegen-cholonek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/weibliches-leiden-in-oberschlesischer-praegung-auf-literarischen-umwegen-cholonek\/","title":{"rendered":"Auf literarischen Umwegen: Cholonek"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Weibliches Leiden in oberschlesischer Pr\u00e4gung<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Der Name \u201eJanosch\u201c hat eine besondere Anziehungskraft \u2013 zumindest, wenn es um Kinderliteratur geht. F\u00fcr viele Oberschlesier d\u00fcrfte er jedoch ein ebenso starker Anziehungspunkt sein, besonders f\u00fcr jene, die seinen heute schon kultigen <em>Cholonek<\/em> kennen. Dieser Roman hat eine riesige Fangemeinde und gilt nicht selten als Schl\u00fcsselwerk, ja als die einzig \u201ewahre\u201c Erz\u00e4hlung \u00fcber Oberschlesien: ein Werk, das schlesische Schicksale wie unter einem Brennglas sichtbar macht und treffsichere Portr\u00e4ts der Menschen dieser Region zeichnet. Man darf auch nicht vergessen, dass <em>Cholonek<\/em> eine B\u00fchnenfassung erhielt, die im Kattowitzer Theater Korez seit \u00fcber zwanzig Jahren mit gro\u00dfem Erfolg gespielt wird. Einst gab es sogar einen Preis \u2013 den \u201eJanosch-Ziegel\u201c \u2013 f\u00fcr Verdienste um die schlesische Kultur. All das zeugt von der Kraft der Feder und der Botschaft des Schriftstellers aus Hindenburg. Die Gleichung Janosch = Schlesien scheint fest zementiert.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In diesem Roman findet sich tats\u00e4chlich alles, was zum g\u00e4ngigen Bild von Oberschlesien geh\u00f6rt: Schweineschlachtungen, Hinterh\u00f6fe, die typischen Familoki, die schlesischen Backstein-Mietskasernen, und eine Reihe von Schicksalsschl\u00e4gen, die \u00fcber eine kleine Arbeitersiedlung hereinbrechen \u2013 verursacht von der gro\u00dfen Geschichte, der man nicht entkommt und mit der man im Alltag irgendwie zurechtkommen muss. Die Figur der Frau Schwientek ist daf\u00fcr ein Paradebeispiel: eine Frau fast wie ein weiblicher <em>He-Man<\/em>, eine <em>She-Woman<\/em>, die alles bew\u00e4ltigt \u2013 gegen alle Widerst\u00e4nde, gegen alle Menschen, gegen die eigene Familie und vielleicht sogar gegen sich selbst.<\/p>\n<p>Doch in diesem farbigen Reigen skurriler und grotesker Gestalten lohnt es sich, den Blick auf eine Figur zu richten, die im Hintergrund bleibt und dennoch h\u00f6chst bemerkenswert ist: Mickel, die Tochter der Frau Schwientek. Genau genommen ist sie die Hauptfigur des ersten Kapitels, das den Roman symbolisch und bedeutungsvoll er\u00f6ffnet. Man muss sich nur vor Augen f\u00fchren, dass dieser Abschnitt \u2013 er umfasst nur wenige Stunden \u2013 auf \u00fcber hundert Seiten entfaltet wird. Janosch dehnt die Erz\u00e4hlzeit ins Unendliche und schildert das Warten auf die Geburt des Protagonisten Adolf Cholonek. Doch bevor er zur Welt kommt, sehen wir Mickel, die sich an die Umst\u00e4nde erinnert, unter denen der kleine Adolf gezeugt wurde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich begegnen wir hier dem typischen Janosch-Ton: Humor, Derbheit, Groteske \u2013 aber auch pr\u00e4zisen Beobachtungen dessen, was \u201eschlesisch\u201c ist oder daf\u00fcr gehalten wird. Mickel steht kurz vor der Geburt, w\u00e4hrend ihre Mutter alles daransetzt, das Kind m\u00f6ge nicht an einem Schalttag zur Welt kommen \u2013 denn das bringe Ungl\u00fcck. Die M\u00fchen der Frau Schwientek bleiben vergeblich: Der Junge kommt zu sp\u00e4t. Er ist also zum Ungl\u00fcck verurteilt. Und der Aberglaube bewahrheitet sich: Adolf Cholonek wird tats\u00e4chlich zum Opfer \u2013 zun\u00e4chst seiner Familie und der gewaltt\u00e4tigen Mutter, sp\u00e4ter seiner Schulkameraden. Ein empfindsamer Junge hat keine Chance in einer Gemeinschaft, die brutal ums \u00dcberleben k\u00e4mpft \u2013 um das eigene, aber auch darum, in den Augen der anderen besser dazustehen, mehr zu haben oder zumindest so zu wirken. Es spielt keine Rolle, dass man keinen Fernseher besitzt \u2013 entscheidend ist, dass drau\u00dfen eine riesige Antenne prangt, die gr\u00f6\u00dfte im ganzen Viertel. Janosch pointiert und \u00fcberzeichnet diese Grenzland-Mentalit\u00e4t, die er so gut kannte.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu Mickel. Wiederholen wir: \u00dcber hundert Seiten lang wird das Warten auf die Geburt geschildert. Was geschieht in dieser zeitlichen Schwebe, in diesen wenigen Stunden, die sich in so viele Worte ausdehnen? Mickel leidet \u2013 sie bringt ihr Kind ohne jede Unterst\u00fctzung zur Welt: ohne emotionale oder k\u00f6rperliche Hilfe, von medizinischer ganz zu schweigen. Der einzige Rat ihrer Mutter lautet, sie solle ihren Intimbereich mit Nivea-Creme einreiben.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, dar\u00fcber nachzudenken, was in diesem Moment in Mickel vorgeht, denn Janosch gew\u00e4hrt uns \u2013 gl\u00fccklicherweise \u2013 Einblick in ihre Gedanken und Gef\u00fchle. Das Erste, was auff\u00e4llt, ist ihr Verh\u00e4ltnis zum eigenen K\u00f6rper: Sie str\u00e4ubt sich davor, die intime Stelle zu ber\u00fchren \u2013 das sei S\u00fcnde, das geh\u00f6re sich nicht. Dass sie schwanger ist und mit Stanik, dem Vater des Kindes, geschlafen hat, spielt keine Rolle. Der Gedanke an ihren eigenen K\u00f6rper versetzt sie in tiefe Scham.<\/p>\n<p>Zweitens: Mickel leidet, wie jede Frau w\u00e4hrend der Geburt leidet. Und Janosch beschreibt das, was in ihrem Kopf geschieht, mit einer gelungenen Analogie. Sie blickt sich in der Stube um und entdeckt an der Wand das Bild einer anderen leidenden Frau \u2013 der heiligen Maria Magdalena. Doch Maria Magdalena ist im Zustand der Gnade dargestellt, denn \u2013 so erkl\u00e4rt es sich Mickel \u2013 ihr Blick ist gen Himmel gerichtet. Auf ihrem Gesicht liegt Schmerz. Und in diesem Moment erlebt Mickel einen Moment fast mystischer Erkenntnis: Sie identifiziert sich sofort mit der Heiligen. Nur wenig fehlt, damit sie die Sch\u00f6nheit, die aus dem Leiden erw\u00e4chst, auch auf sich selbst \u00fcbertr\u00e4gt. So sieht sich die leidende Mickel selbst als eine Art Heilige, ganz nah am Himmel \u2013 sie leidet so sch\u00f6n, dass sie in Selbstverz\u00fcckung ger\u00e4t. Vielleicht w\u00fcnscht sie sich sogar, selbst auf einem solchen Bild zu erscheinen, mit demselben Ausdruck \u2013 entr\u00fcckt und leidend.<\/p>\n<div id=\"attachment_74635\" style=\"width: 1221px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-74635\" class=\"size-full wp-image-74635\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Titian_-_Penitent_Magdalene_Hermitage.jpg\" alt=\"\" width=\"1211\" height=\"1476\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Titian_-_Penitent_Magdalene_Hermitage.jpg 1211w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Titian_-_Penitent_Magdalene_Hermitage-246x300.jpg 246w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Titian_-_Penitent_Magdalene_Hermitage-840x1024.jpg 840w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Titian_-_Penitent_Magdalene_Hermitage-768x936.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1211px) 100vw, 1211px\" \/><p id=\"caption-attachment-74635\" class=\"wp-caption-text\">Penitent Magdalene. Foto: Tycjan &#8211; The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH\/ Wikimedia<\/p><\/div>\n<p>Janosch zeigt sich in dieser Szene als feiner Psychologe. Und das Ph\u00e4nomen, das er hier illustriert, hat eine andere hervorragende Psychologin pr\u00e4zise beschrieben: Natalia de Barbaro. Mickels Verhalten ist eine Form von M\u00e4rtyrertum, verbunden mit einer geh\u00f6rigen Portion Narzissmus. In ihrem vielgelesenen Buch <em>\u201eCzu\u0142a przewodniczka. Kobieca droga do siebie\u201c<\/em> unterscheidet die polnische Psychologin verschiedene Frauentypen, darunter die Sanfte, die Schneek\u00f6nigin und die M\u00e4rtyrerin \u2013 eine Frau, die wortw\u00f6rtlich und im \u00fcbertragenen Sinn leidet, auf vielf\u00e4ltige Weise. Sie arbeitet sich zu Tode, k\u00fcmmert sich um Kinder, Ehemann, Haushalt, K\u00fcche, vielleicht auch um Gro\u00dfeltern und alle anderen \u2013 nur nicht um sich selbst. F\u00fcr sich selbst zu sorgen, gilt nicht als schicklich \u2013 eine Leidende muss leiden, und am besten ist es, wenn alle es sehen und bewundern. Wie sch\u00f6n es ist zu leiden, wie erhaben \u2013 wie nah man dem Himmel kommt.<\/p>\n<p>Doch die M\u00e4rtyrerin ist dadurch eine zutiefst ungl\u00fcckliche Frau, denn sie n\u00e4hrt sich \u2013 narzisstisch \u2013 vom Blick der anderen: von der Bewunderung f\u00fcr ihr unersch\u00fctterliches Aushalten, ihr Durchhalten trotz aller Schl\u00e4ge. Sie lebt davon \u2013 und l\u00f6scht sich selbst aus.<\/p>\n<p>Geschieht das auch mit Mickel? Leider ja. Denn Mickel wiederholt sp\u00e4ter \u2013 v\u00f6llig unreflektiert \u2013 all jene Muster, die sie von zu Hause kennt. Sie ist grausam zu ihrem eigenen Kind, achtet vor allem auf den \u00e4u\u00dferen Schein und baut keine einzige echte Beziehung auf. Ihr Mann betr\u00fcgt und schl\u00e4gt sie, und obwohl es ihnen materiell immer besser geht, wirkt ihr Leben wie eine blo\u00dfe Fassade, die schon ein Windsto\u00df umwerfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ist das die typische schlesische Haltung? Die typische schlesische Familie? Die typische schlesische Frau? Nat\u00fcrlich nicht, wird man sagen \u2013 schlie\u00dflich herrsche in Oberschlesien seit jeher ein Matriarchat, und die schlesischen Frauen seien stark und stolz. Mickels Leiden sei eben ihre St\u00e4rke. Wirklich? Oder ist es schlicht die Macht eines Stereotyps?<\/p>\n<p>Diese Frage bleibt den Leserinnen und Lesern \u00fcberlassen. Denn genau darin liegt die St\u00e4rke \u2013 guter Literatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weibliches Leiden in oberschlesischer Pr\u00e4gung Der Name \u201eJanosch\u201c hat eine besondere Anziehungskraft \u2013 zumindest, wenn es um Kinderliteratur geht. 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