{"id":74256,"date":"2026-03-15T18:19:17","date_gmt":"2026-03-15T17:19:17","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=74256"},"modified":"2026-03-16T12:34:24","modified_gmt":"2026-03-16T11:34:24","slug":"vergessenes-erbe-beuthens-schoenster-friedhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-beuthens-schoenster-friedhof\/","title":{"rendered":"Vergessenes Erbe: Beuthens sch\u00f6nster Friedhof"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Mater-Dolorosa-Friedhof in Beuthen z\u00e4hlt zu den beeindruckendsten Nekropolen Oberschlesiens. An der Piekarerstra\u00dfe erz\u00e4hlen Mausoleen und pr\u00e4chtige Grabsteine vom einstigen Wohlstand und der komplizierten Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Urspr\u00fcnge<\/h2>\n<p>Die dynamische Entwicklung Beuthens w\u00e4hrend der Industrialisierung im 19. Jahrhundert \u00fcberforderte den bisherigen Stadtfriedhof, der sich an der Stelle der Kirche St. Trinitatis befand. Schon 1866 wurde mit dem Aufkauf von Grundst\u00fccken an der Piekarerstra\u00dfe begonnen, und zwei Jahre sp\u00e4ter fand die erste Person hier ihre letzte Ruhest\u00e4tte. Erst 14 Jahre sp\u00e4ter entstand die neogotische Friedhofskapelle nach dem Entwurf des Wiener Architekten Hugo Heer. Finanziert wurde der Bau durch das Verm\u00e4chtnis der Rossberger B\u00fcrgerin Julianna Garus (12.000 Mark).<\/p>\n<h2>Ein Spaziergang durch die oberschlesische Geschichte<\/h2>\n<p>Wer sich die Zeit nimmt und Mater Dolorosa besucht, wird ein wertvolles Ensemble aus Grabkapellen, Skulpturen und Obelisken aus dem sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert vorfinden. Das Besondere dabei ist die hohe Anzahl an Gr\u00e4bern mit deutschen Inschriften, die bis heute \u00fcberdauert haben. Diese berichten nicht nur \u00fcber Geburts- und Todesdaten. Es scheint fr\u00fcher durchaus \u00fcblich gewesen zu sein, der Nachwelt auch seinen Berufsstand mitzuteilen. So finden sich hier neben Stadtr\u00e4ten auch Bahnschaffner, Schneidermeister, Hausbesitzer, Primaner (heute w\u00fcrden wir Gymnasiasten sagen) und Rentiers.<\/p>\n<div id=\"attachment_74266\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-74266\" class=\"size-large wp-image-74266\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-2-Friedhofskapelle-Martin-Wycisk-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-74266\" class=\"wp-caption-text\">Friedhofskapelle<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Eindruck machen auf dem Friedhof die Gr\u00e4ber der ehemaligen Eliten Beuthens. Hervorzuheben ist hier u. a. das Mausoleum des Beuthener Bierk\u00f6nigs Ignatz Hakuba. Der geb\u00fcrtige Beuthener war als Unternehmer der reichste Einwohner seiner Stadt und machte sich als Philanthrop und Stadtrat verdient. Nicht weniger beeindruckend sind die Gr\u00e4ber der Familien Schastok oder Goetzler.<\/p>\n<div id=\"attachment_74270\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-74270\" class=\"size-large wp-image-74270\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-5-Familiengraber-Martin-Wycisk-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-74270\" class=\"wp-caption-text\">Familiengr\u00e4ber<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Was Besucher aus Deutschland \u00fcberraschen kann, sind Gr\u00e4ber mit polnischen Inschriften aus der Zeit vor 1945. Hier fanden auch Oberschlesier ihre letzte Ruhe, die sich f\u00fcr den Erhalt der polnischen Sprache in Oberschlesien einsetzten. Zu erw\u00e4hnen ist z. B. der im heutigen Stadtteil Miechowitz geborene Pfarrer und Dichter Norbert Bonczyk oder der Pfarrer und Abgeordnete der Preu\u00dfischen Nationalversammlung und des Abgeordnetenhauses in den Jahren 1848\u20131851, J\u00f3zef Szafranek, der auch in der Arbeiterseelsorge und der Bek\u00e4mpfung des Alkoholismus aktiv war.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\">Wer sich die Zeit nimmt und Mater Dolorosa besucht, wird ein wertvolles Ensemble aus Grabkapellen, Skulpturen und Obelisken aus dem sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert vorfinden.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Ende des Zweiten Weltkrieges hinterlie\u00df auch auf den oberschlesischen Friedh\u00f6fen seine Spuren. Ab dem Jahr 1945 fanden auch die neuen Einwohner der Stadt hier ihre letzte Ruhest\u00e4tte. Was bei den polnischen Gr\u00e4bern auff\u00e4llt, ist, dass Berufsbezeichnungen deutlich seltener angegeben wurden, wobei \u00c4rzte, Bergbauingenieure und Milit\u00e4rs hervorstechen. Daf\u00fcr steht hinter manchen Geburtsdaten der Zusatz \u201ewe Lwowie\u201c \u2013 in Lemberg. Ob die Verstorbenen damit auf ihren Schmerz \u00fcber die verlorene Heimat aufmerksam machen wollten?<\/p>\n<div id=\"attachment_74272\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-74272\" class=\"size-large wp-image-74272\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-6-Familiengrab-Bruning-Martin-Wycisk-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-74272\" class=\"wp-caption-text\">Familiengrab Br\u00fcning<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Zu den wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten der Nachkriegszeit, die hier beigesetzt wurden, geh\u00f6ren u. a. zwei polnische Nationalspieler und Legenden des Fu\u00dfballvereins Polonia Bytom \u2013 der aus Klein-Dombrowka (heute Kattowitz) stammende Torwart Edward Szymkowiak und der in Stanis\u0142aw\u00f3w (heute Iwano-Frankiwsk\/Ukraine) geborene St\u00fcrmer Kazimierz Trampisz. Zu den sportlichen Gr\u00f6\u00dfen des Friedhofs geh\u00f6rt auch der Lemberger Emil Nikodemowicz, der als Trainer der Eishockeyabteilung von Polonia Bytom zu vier polnischen Meisterschaften f\u00fchrte.<\/p>\n<h2>Der Weg zum Denkmalschutz<\/h2>\n<p>Dass wir heute durch den Friedhof spazieren k\u00f6nnen, ist jedoch keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Anders als so oft in Beuthen wurden hier nicht Bergbausch\u00e4den zur Gefahr, sondern die lokalen Beh\u00f6rden. 1973 initiierten diese die Schlie\u00dfung dreier katholischer Friedh\u00f6fe im Umfeld der Piekarerstra\u00dfe. Nur dem Widerstand des Pfarrers der St.-Trinitatis-Kirche ist es zu verdanken, dass Mater Dolorosa als einziger der drei Nekropolen von der Schlie\u00dfung verschont blieb.<\/p>\n<p>Dies verhinderte jedoch nicht die Entfernung einzelner Gr\u00e4ber, u. a. die des verdienten Oberb\u00fcrgermeisters Georg Br\u00fcning unter der beh\u00f6rdlichen Begr\u00fcndung nicht gezahlter Friedhofsgeb\u00fchren.<\/p>\n<div id=\"attachment_74275\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-74275\" class=\"size-large wp-image-74275\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Foto-7-Grab-Pfarrer-Szafranek-Martin-Wycisk-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-74275\" class=\"wp-caption-text\">Grab Pfarrer Szafranek<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Seit 1987 steht der Mater-Dolorosa-Friedhof unter Denkmalschutz. In den Jahren 1999 und 2008 wurde die Friedhofskapelle renoviert. Zum Zwecke des Erhalts historischer Grabst\u00e4tten werden seit dem Jahr 2000 j\u00e4hrlich an Allerheiligen Spenden gesammelt. Vom wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein f\u00fcr den Wert der Nekropole zeugt auch, dass diese 2009 in einer zweimonatigen Onlineabstimmung zu einem der sieben architektonischen Wunder der Woiwodschaft Schlesien gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Zu den Beuthener Traditionen geh\u00f6rt mittlerweile auch, dass am Vorabend von Allerheiligen der Stadtpr\u00e4sident und weitere Beh\u00f6rdenvertreter Kr\u00e4nze an den Gr\u00e4bern der ehemaligen B\u00fcrgermeister niederlegen. Hierbei eingeschlossen sind auch Alfred Stephan und Georg Br\u00fcning. Dem Letzteren wird am Grab seiner Familie gedacht. Dort brachte die Stadt Beuthen 2005 eine zweisprachige Gedenktafel an, um die Erinnerung an seine Verdienste zu wahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mater-Dolorosa-Friedhof in Beuthen z\u00e4hlt zu den beeindruckendsten Nekropolen Oberschlesiens. An der Piekarerstra\u00dfe erz\u00e4hlen Mausoleen und pr\u00e4chtige Grabsteine vom einstigen Wohlstand und der komplizierten Geschichte der Stadt im 20. 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