{"id":73861,"date":"2026-03-08T05:02:23","date_gmt":"2026-03-08T04:02:23","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=73861"},"modified":"2026-03-12T10:57:20","modified_gmt":"2026-03-12T09:57:20","slug":"auf-literarischen-umwegen-polinnen-sind-schoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-polinnen-sind-schoen\/","title":{"rendered":"Auf literarischen Umwegen: Polinnen sind sch\u00f6n"},"content":{"rendered":"<h1>Jedenfalls in der deutschen Literatur<\/h1>\n<p><strong>Nationale Literaturen lieben nationale Stereotype \u2013 sowohl die \u00fcber das eigene Volk als auch die \u00fcber das andere, und ganz besonders \u00fcber den Nachbarn. Man denke nur an Sienkiewicz. Wenn er \u00fcber Deutsche schreibt, dann m\u00fcssen es b\u00f6se Kreuzritter sein. Und da hilft ihnen nicht einmal der Umstand, dass sie \u2013 \u00e4hnlich wie die Polen \u2013 eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Marienverehrung pflegen. Der deutsche Kreuzritter muss der Feind sein, zudem ein schlechter Mensch und irgendwie auch h\u00e4sslich. All das dient nur dazu, den Polen vor diesem Hintergrund in voller Pracht und Herrlichkeit erstrahlen zu lassen. Vor allem, wenn wir uns am Ende des 19. Jahrhunderts befinden und die polnisch-deutschen Beziehungen gerade nicht besonders gut sind, weil das polnische Volk um sein \u00dcberleben k\u00e4mpft und das deutsche zu den Teilungsm\u00e4chten geh\u00f6rt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Die Macht der Klischees<\/h2>\n<p>Nationale Stereotype sind nichts Neues und nichts Besonderes. V\u00f6lker definieren sich auch \u00fcber Abgrenzung, um ihre eigene Identit\u00e4t zu bewahren. W\u00e4ren sie noch sie selbst, wenn sie einander zu \u00e4hnlich w\u00e4ren? Im Prozess der Herausbildung nationaler Identit\u00e4t greift man am leichtesten zu Stereotypen, denn sie operieren meist mit einer unkomplizierten, schwarz-wei\u00dfen Weltsicht und schaffen klare Trennlinien. Und obwohl Stereotype helfen, sich in einer komplizierten Wirklichkeit zurechtzufinden, f\u00fchren sie nicht selten auch zu geistiger Bequemlichkeit. Doch Stereotype m\u00fcssen nicht immer negativ sein. Vielleicht verbreiten sich aber gerade die negativen irgendwie leichter und schneller in der Welt als die positiven. F\u00fcr einen Deutschen ist der Pole oft ein gewitzter Dieb, und der Deutsche f\u00fcr den Polen ein aufgeblasener \u201eSchwabe\u201c. Vielleicht denkt ein Deutscher erst in zweiter Linie daran, dass der Pole auch ein K\u00fcnstler und Wissenschaftler sein kann \u2013 und ein Pole daran, dass auch ein Deutscher seine Freiheit \u00fcber alles sch\u00e4tzen kann.<\/p>\n<p>Kehren wir also zur Literatur zur\u00fcck, in der Stereotype ganz unterschiedliche Funktionen erf\u00fcllen k\u00f6nnen, nicht nur so eindeutige, wie Sienkiewicz sie bevorzugte. In der polnischen Kultur geh\u00f6rt eines der dauerhaftesten Stereotype zur Legende von Wanda. Es ist geradezu ein nationaler Mythos. F\u00fcr die Polen ist Wanda ein Symbol f\u00fcr Patriotismus, Ehre und den Kampf um die Heimat. Doch wenn wir etwas tiefer und etwas weiter blicken, zeigt sich, dass die Figur der Wanda sich in der deutschen Kultur und Literatur in eigener, nicht minder interessanter Form weiterentwickelt hat. Und dabei geht es nicht mehr nur darum, dass sie Vertreterin eines anderen Volkes ist, auch wenn dieser Aspekt gern wiederkehrt. In den Augen deutscher Literaten ist Wanda n\u00e4mlich vor allem eine sch\u00f6ne Frau \u2013 sinnlich, verf\u00fchrerisch, oft eine, die in Versuchung f\u00fchrt. Die Krakauer K\u00f6nigstochter ist geradezu die Urmutter des Stereotyps der \u201esch\u00f6nen Polin\u201c, und ihre n\u00e4heren und ferneren Nachfahrinnen tauchen in der deutschen Literatur mehr als einmal auf.<\/p>\n<h2>Motiv der sch\u00f6nen Polin<\/h2>\n<p>An die Spitze dieses literarischen Reigens der \u201esch\u00f6nen Polinnen\u201c tritt zweifellos die \u201eWeichsel-Aphrodite\u201c Heinrich Heines. Dieser Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der Frauen auf alle m\u00f6glichen Arten liebte, setzte ihnen auch in seinem Werk ein Denkmal. Und da Polinnen f\u00fcr ihn \u2013 ohne jeden Zweifel \u2013 G\u00f6ttinnen der Liebe waren, musste er sie auf besondere Weise verewigen. Kein Wunder also, dass er in seinen Reiseaufzeichnungen aus Polen geradezu fordert, man solle \u201eniederknien\u201c und \u201eden Hut abziehen\u201c, denn er habe nun vor, die polnischen Frauen zu beschreiben. Nat\u00fcrlich ist Heine ein ausgezeichneter Sp\u00f6tter. Und deshalb muss auch sein Bild der Polinnen sp\u00f6ttisch-ironisch sein. Er muss also beteuern, dass neben den Polinnen alle anderen Sch\u00f6nheiten verblassen und dass selbst ein so unerreichbarer Maler wie Raffael ihre \u00fcberw\u00e4ltigende Sch\u00f6nheit nicht wiedergeben k\u00f6nnte. Mehr noch: Heine geht einen Schritt weiter und behauptet, dass Raffaels Gem\u00e4lde im Vergleich zur Sch\u00f6nheit der Polinnen so sehr an Wert verlieren, dass sie wie gew\u00f6hnliche Schmierereien aussehen. Der begeisterte Heine erkennt bei den Polinnen keinerlei Fehler \u2013 obwohl er sich als Ehefrau dann doch eher eine Deutsche w\u00e4hlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Solche Zweifel finden wir nicht bei einem anderen deutschen Schriftsteller \u2013 einem, der diesseits und jenseits der Oder beliebt ist \u2013 Matthias Kneip. Auf seinen Reisen durch das heutige Polen kann Kneip kaum fassen, dass Polinnen \u2013 besonders die Germanistikstudentinnen in Oppeln \u2013 trotz klirrender K\u00e4lte Minir\u00f6cke tragen. Und f\u00fcr ihn ist es auch nichts Ungew\u00f6hnliches, dass seit 1989 die Deutschen bereits \u00fcber 100.000 Bewohnerinnen des Nachbarlandes geheiratet haben. Auch wenn der Autor es nicht ausdr\u00fccklich sagt, dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, dass gerade die Sch\u00f6nheit der polnischen Frauen zu seinen \u201e111 Gr\u00fcnden, Polen zu lieben\u201c geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Doch nat\u00fcrlich muss die Sch\u00f6nheit der Polinnen nicht immer etwas eindeutig Positives sein. Das wei\u00df sogar ein deutscher Nobelpreistr\u00e4ger \u2013 Gerhart Hauptmann \u2013, bekannt etwa durch die j\u00fcngst auf der B\u00fchne des Schlesischen Theaters wiederbelebten \u201eWeber\u201c. Weniger bekannt ist er jedoch f\u00fcr seine andere \u2013 eher triviale \u2013 Seite. Schade eigentlich, denn auch diese Seite hatte er. Ausdruck davon ist sein Roman mit dem vielsagenden Titel \u201eWanda\u201c, der urspr\u00fcnglich \u201eD\u00e4mon\u201c hie\u00df. Schon dieser Titelwechsel zeigt, dass eine Wanda-Figur zugleich sch\u00f6n und d\u00e4monisch gedacht ist \u2013 und man daher nichts Gutes von ihr erwarten darf. Und genau auf einem solchen Schema beruht die Handlung des Romans: Hauptmann zeichnet die sch\u00f6ne Polin (wieder einmal aus Oppeln!) als eine erbarmungslose Verf\u00fchrerin, der ein hoffnungslos verliebter Mann v\u00f6llig ausgeliefert ist. Doch da sie auch eine Artistin ist, die \u00fcber alles die Freiheit liebt, werden die Bande der Ehe f\u00fcr sie schlicht zu Fesseln. Also flieht sie vor ihrem verzweifelten Ehemann \u2013 was er nicht verkraftet und was letztlich zu seinem Tod f\u00fchrt. Diese Verbindung des Stereotyps der \u201esch\u00f6nen Polin\u201c mit dem Motiv der zerst\u00f6rerischen femme fatale, der grausamen Bezwingerin m\u00e4nnlicher Herzen, kehrt in der deutschen Literatur sehr h\u00e4ufig wieder.<\/p>\n<p>Um jedoch nicht den falschen Eindruck zu erwecken, dass die \u201esch\u00f6ne Polin\u201c vor allem Gegenstand des Interesses deutscher Schriftsteller und nicht Schriftstellerinnen sei, werfen wir noch einen Blick in den Roman \u201ePolnisches Journal. Aufzeichnungen von unterwegs\u201c von Tina Stroheker. Und hier eine \u00dcberraschung: Auf das Stichwort \u201esch\u00f6ne Polin\u201c reagiert eine der Erz\u00e4hlerinnen \u2013 ein namenloses Kind \u2013 mit Verwunderung. Aus kindlicher Sicht ist ein solches Stereotyp unbegreiflich, ebenso wie das abstrakte Polen. Dieser Sichtweise widerspricht jedoch eine andere Erz\u00e4hlerin des Romans, vielleicht das Alter Ego der Autorin selbst, die sehr viel unternimmt, um Polen und Polinnen kennenzulernen \u2013 allerdings nicht \u00fcber Stereotype, sondern \u00fcber die Sprache und die Literatur.<\/p>\n<p>Eine interessante Funktion erf\u00fcllt das Stereotyp der \u201esch\u00f6nen Polin\u201c auch im Roman \u201eOberschlesische Passion\u201c von Viktor Paschenda, einem Werk, das vor Emotionen nur so spr\u00fcht und dessen Spannung sich aus dem polnisch-deutschen Antagonismus speist. Die Handlung spielt in einer der kritischsten Phasen der polnisch-deutschen Beziehungen und zudem im oberschlesischen Beuthen: Der Zweite Weltkrieg endet und die Rote Armee r\u00fcckt in die Stadt ein, die nach einiger Zeit unter polnische Verwaltung gestellt wird. Eine Zeit des Terrors und des erbarmungslosen Kampfes ums \u00dcberleben beginnt, und ein eindrucksvolles Symbol der neuen Zeiten wird das ehemalige NS-Lager im Stadtzentrum, das von der neuen kommunistischen Macht mitsamt seiner gesamten Infrastruktur \u00fcbernommen wird. Einer der Gefangenen des Lagers ist der Deutsche Helmut, der \u2013 wie viele andere \u2013 unter Zwang unter Tage eingesetzt wird. Als er beschlie\u00dft zu entkommen, verhilft ihm die sch\u00f6ne Frau Skrzesi\u0144ska zur Flucht \u2013 eine Polin, die aus Warschau nach Beuthen gekommen ist und deren Mann in Katyn ermordet wurde. Helmut gelingt die Flucht, und die \u201esch\u00f6ne Polin\u201c, die ihr eigenes Leben riskiert, wird zum Symbol moralischer Standhaftigkeit und Widerstandskraft gegen die Hassrede, die damals nahezu \u00fcberall zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>Zum Schluss lohnt es sich noch, den breiten epischen Weg der Literatur zu verlassen und ihre seltener begangenen \u2013 lyrischen \u2013 Pfade zu betreten. Denn die Bilder der \u201esch\u00f6nen Polin\u201c erscheinen \u2013 erfreulicherweise \u2013 auch in der Poesie. Wir finden sie etwa beim Gleiwitzer und Berliner Dichter Arthur Silbergleit, konkret in zwei Gedichten mit vielsagenden Titeln: \u201ePolnische Frauen\u201c und \u201ePolnische T\u00e4nzerinnen\u201c. Und man muss es gleich sagen: Auch diesmal werden Polinnen eindeutig positiv dargestellt, ohne jede Spur von Ironie, Pathos oder Trivialit\u00e4t. Daf\u00fcr gibt es \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein! \u2013 sinnliche Sch\u00f6nheit, aber dar\u00fcber hinaus Tr\u00e4umerei, Eleganz, Mystik und sogar Transzendenz. Bei Silbergleit sind Polinnen geradezu \u00e4therische Wesen, die sich in einem m\u00e4rchenhaften Raum zwischen Einbildung und Wirklichkeit bewegen. Vor allem aber sind sie Gebilde poetischer Fantasie. Und gerade in dieser Gestalt \u2013 lyrisch, nicht national \u2013 erscheinen sie am interessantesten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedenfalls in der deutschen Literatur Nationale Literaturen lieben nationale Stereotype \u2013 sowohl die \u00fcber das eigene Volk als auch die \u00fcber das andere, und ganz besonders \u00fcber den Nachbarn. Man denke nur an Sienkiewicz. Wenn er \u00fcber Deutsche schreibt, dann m\u00fcssen es b\u00f6se Kreuzritter sein. Und da hilft ihnen nicht einmal der Umstand, dass sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":73824,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4580,5625],"tags":[6162,6608,6607,6610,6262,6609],"redaktor":[6064],"class_list":["post-73861","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne-de","category-kultur-de","tag-auf-literarischen-umwegen","tag-deutsche","tag-femme-fatale","tag-literatur-de","tag-polen-de","tag-schoenheit","redaktor-prof-us-dr-hab-nina-nowara-matusik-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=73861"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74172,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73861\/revisions\/74172"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/73824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=73861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=73861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=73861"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=73861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}