{"id":73105,"date":"2026-02-28T17:00:53","date_gmt":"2026-02-28T16:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=73105"},"modified":"2026-02-27T15:40:49","modified_gmt":"2026-02-27T14:40:49","slug":"auf-literarischen-umwegen-der-blasphemische-joseph-von-eichendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-der-blasphemische-joseph-von-eichendorff\/","title":{"rendered":"Auf literarischen Umwegen: Der blasphemische Joseph von Eichendorff"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Das Idealbild gro\u00dfer Dichter<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Es gibt eine weitverbreitete Neigung, Menschen, die sich um Kultur, Kunst oder Wissenschaft verdient gemacht haben, als nahezu makellos zu betrachten. Wer gro\u00dfe Werke geschaffen hat, so lautet die unausgesprochene Logik, war nicht nur ein gro\u00dfer Dichter, Denker oder Forscher, sondern auch ein gro\u00dfer Mensch. Viele von ihnen arbeiteten im \u00dcbrigen selbst sorgf\u00e4ltig an einem solchen Image. Man denke nur an Goethe, der einen Bildhauer anwies, seine Statue schlanker zu gestalten, weil ihm der realistisch wiedergegebene Bauch missfiel. Auch Heinrich Heine war in dieser Hinsicht kaum besser: ein notorischer Lebemann, Aufmerksamkeitsheischer und Neidhammel, der sogar den unschuldigen Papagei seiner Frau Mathilde t\u00f6tete, weil dieser mehr Zuwendung erhielt als er selbst.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch nicht nur Episoden aus ihrem schillernden Leben k\u00f6nnen gro\u00dfen K\u00fcnstlern im Nachhinein Kopfschmerzen bereiten. Mitunter schaffen sie auch Werke, an die sie sich sp\u00e4ter wohl nur ungern erinnern w\u00fcrden. Nehmen wir Joseph von Eichendorff. Allgemein verehrter Vertreter der Romantik, sprachsensibler Lyriker, ber\u00fchmter S\u00e4nger der oberschlesischen W\u00e4lder, vorbildlicher Katholik. Niemand verstand es wie er, mit schlichten Worten das poetische Bild eines Sonnenuntergangs oder eines aufsteigenden Adlers zu zeichnen. Niemand traf mit einem einzigen Federstrich eine ganze Palette widerspr\u00fcchlicher Gef\u00fchle. Und niemand hatte ein solches Gesp\u00fcr f\u00fcr Reim und Rhythmus. All das ist unbestreitbar. All das bleibt. Denn Eichendorff war ohne Zweifel ein gro\u00dfer Dichter. Und bei ihm finden wir alles, was in Oberschlesien so hoch gesch\u00e4tzt wird: die Liebe zur Heimat, die gl\u00fchende Hingabe an Gott, die Verehrung Marias. Nicht umsonst sagte mir einmal ein Kursteilnehmer, selbst Eichendorffs W\u00e4lder rauschten genauso, wie man es von oberschlesischen Forsten in der Poesie erwarte. Auch das ist eine St\u00e4rke seines Werks: Trotz der verstrichenen Jahre erreicht es die Menschen noch immer und r\u00fchrt ihre Herzen. Kein Wunder also, dass weiterhin Preise seinen Namen tragen und Stipendien gestiftet werden, auf denen er in goldenen Lettern eingraviert ist.<\/p>\n<h2><strong>Der fromme Dichter und seine fr\u00fchen Fantasien<\/strong><\/h2>\n<p>Doch auch Eichendorff war einmal jung, und bevor er zum gro\u00dfen Dichter wurde, schrieb er die unterschiedlichsten Dinge. Darunter auch solche, die sich nur schwer mit seiner sp\u00e4teren, eher schwarz-wei\u00dfen Weltsicht vereinbaren lassen. Wir wissen: Wo s\u00fcndige Versuchung lauert, etwa in Gestalt einer d\u00e4monischen Venus, gen\u00fcgt ein Seufzer zu Gott, ein Kreuzzeichen oder ein frommes Gebet, und die tr\u00fcgerische Illusion verliert ihre Macht. Oder es sind Glockenkl\u00e4nge: Wenn B\u00f6ses geschieht oder der Held im Begriff ist, seinen moralischen Kompass zu verlieren, ert\u00f6nen sie und retten ihn. Ganz neu ist diese Idee \u00fcbrigens nicht: Auch Goethe lie\u00df die Osterglocken erklingen, als der lebensm\u00fcde Faust das Gift an die Lippen setzte.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Auch Eichendorff war einmal jung, und bevor er zum gro\u00dfen Dichter wurde, schrieb er die unterschiedlichsten Dinge. Darunter auch solche, die sich nur schwer mit seiner sp\u00e4teren, eher schwarz-wei\u00dfen Weltsicht vereinbaren lassen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und doch: Obwohl er ein musterg\u00fcltiger Katholik war, schrieb Eichendorff auch frivole Fantasien. Mehr noch: In diesen schw\u00e4rmerischen Visionen sehnt sich das lyrische Ich nicht nach einer unbestimmten Geliebten, sondern ausgerechnet nach Maria. Und hier wird gleich jemand einwenden: Das ist Poesie, dort spricht ein lyrisches Ich, nicht der Autor. Und das stimmt. Verwechseln wir beides also nicht und schauen wir stattdessen darauf, was dieses lyrische Ich, erschaffen von der Vorstellungskraft des jungen romantischen Dichters, in seinen Fantasien erlebt.<\/p>\n<h2><strong>Maria in den jugendlichen Gedichten<\/strong><\/h2>\n<p>Nehmen wir das Gedicht \u201eFr\u00fchlingsandacht\u201c, entstanden vermutlich zwischen 1807 und 1810. Eichendorff ist damals ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren. Schon hier tauchen Motive auf, die ihn sein Leben lang begleiten werden: Fr\u00fchling, Wanderschaft, der einsam durch W\u00e4lder streifende S\u00e4nger, der Klang eines Horns. Das Gedicht zeigt deutlich, wie die Natur erwacht und mit ihr die Menschen, die einander begegnen, feiern und tanzen wollen. Wenn die Sonne scheint und alles bl\u00fcht, bl\u00fcht auch die Lebenslust. In diese freudige Fr\u00fchlingsbegeisterung mischt sich jedoch ein dissonanter Ton: Das lyrische Ich bleibt allein. Allein durchstreift es die W\u00e4lder, allein lauscht es dem Hornklang. Es sucht etwas, wei\u00df aber selbst nicht, was. Und da kommt ihm die Natur, ja die Transzendenz selbst, zu Hilfe: Damit er nicht l\u00e4nger weine, erscheint ihm eine wundersch\u00f6ne Blume. Doch es ist keine gew\u00f6hnliche, einfach h\u00fcbsche Blume. Aus ihr tritt, \u201eim Glorienscheine\u201c, niemand Geringeres als die \u201eewige Jungfrau\u201c hervor, die den einsamen Wanderer an ihre \u201em\u00fctterliche Brust\u201c dr\u00fcckt und ihm \u201etausend K\u00fcsse\u201c schenkt. Man k\u00f6nnte nun einwenden: Aber hier f\u00e4llt doch nirgends das Wort Gottesmutter oder Maria. Nat\u00fcrlich nicht. Stattdessen begegnen wir \u00e4u\u00dferst gelungenen Euphemismen. Und au\u00dferdem: Eine \u201eewige Jungfrau\u201c, die zugleich Mutter ist, diese Vorstellung ist in der christlichen Bilderwelt wohl nur einer einzigen Gestalt vorbehalten, n\u00e4mlich Maria.<\/p>\n<p>In einer zweiten jugendlichen Fantasie Eichendorffs, \u201eSelige Wehmut\u201c, wird Maria immerhin im Untertitel genannt. Das Gedicht entfaltet sich als kurzer Dialog zwischen zwei Figuren, verteilt auf zwei Strophen. Zuerst spricht eine geheimnisvolle Gestalt, deren Haupt ein Kranz schm\u00fcckt und die in einen Schleier aus \u201eBlumenduft\u201c geh\u00fcllt ist. Diese stereotypen Attribute lassen sie daher eindeutig als Frau erkennen. Sie hebt den Schleier und fordert ihr Gegen\u00fcber auf, sich zu ihr zu setzen, ihr seine Sorgen anzuvertrauen und auszusprechen, was es begehrt, dann werde sie wegen seines Leids weinen. Die zweite Strophe bringt die Antwort: Der andere Gespr\u00e4chspartner erkl\u00e4rt, er m\u00fcsse nun auf \u201eewig [\u2026] schweigen\u201c, denn \u201ewohl niemand darf es wissen\u201c, was \u201edie W\u00fcnsche lang verschlie\u00dfen\u201c. Aber trotz dieser Beteuerung werden die W\u00fcnsche doch noch ausgesprochen: Er m\u00f6chte sie \u201erecht herzlich gr\u00fc\u00dfen\u201c, \u201eden Mund, den s\u00fc\u00dfen\u201c ber\u00fchren und, \u201eso im K\u00fcssen\u201c, gerne sterben. Wie im ersten Gedicht entfacht der Fr\u00fchling Fantasie und Sinne. Wie dort wird auch hier nirgends eindeutig gesagt, dass es sich bei der Gespr\u00e4chspartnerin um die Gottesmutter handelt. Wieder sind es nur vielsagende Anspielungen: Kranz, Schleier, \u201ehimmlisches Blau\u201c, das der andere im Herzen tr\u00e4gt. Und doch: Der Untertitel tut sein \u00dcbriges. Vielleicht ist das zu wenig, um die \u00e4therische Frau eindeutig mit Maria gleichzusetzen. Vielleicht aber reicht es v\u00f6llig, um das Gedicht als eine erotische Vision mit Maria in der Hauptrolle zu lesen.<\/p>\n<p>Man kann sich also emp\u00f6ren, in heiligen Zorn geraten und behaupten, das sei \u00dcberinterpretation und Manipulation am Bild eines gro\u00dfen Dichters. Oder man akzeptiert schlicht, dass selbst ein gro\u00dfer Dichter und vorbildlicher Katholik blasphemisch sein kann. Weil er es kann. Und weil genau das gute Literatur ausmacht: dieses freie Spiel der M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Dr. Habil. Nina Nowara-Matusik<\/strong><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"EWmwJHNOFE\"><p><a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-ueber-gnomen-und-huldren\/\">Auf literarischen Umwegen: \u00dcber Gnomen und Huldren<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Auf literarischen Umwegen: \u00dcber Gnomen und Huldren&#8220; &#8211; Wochenblatt - Gazeta Niemc\u00f3w w Rzeczypospolitej Polskiej\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-ueber-gnomen-und-huldren\/embed\/#?secret=3gPtc30Hfe#?secret=EWmwJHNOFE\" data-secret=\"EWmwJHNOFE\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Idealbild gro\u00dfer Dichter Es gibt eine weitverbreitete Neigung, Menschen, die sich um Kultur, Kunst oder Wissenschaft verdient gemacht haben, als nahezu makellos zu betrachten. 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