{"id":73025,"date":"2026-02-27T12:00:06","date_gmt":"2026-02-27T11:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=73025"},"modified":"2026-02-27T11:12:32","modified_gmt":"2026-02-27T10:12:32","slug":"echte-schlesische-happen-ein-sommernachtstraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-ein-sommernachtstraum\/","title":{"rendered":"Echte Schlesische Happen: Ein Sommernachtstraum"},"content":{"rendered":"<h1><strong>F\u00fcrstliche Speisekarte<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Im Leben geschieht wohl nichts zuf\u00e4llig \u2013 jedes Ereignis hat seine Ursache. So f\u00fchrte uns unser Weg vor Kurzem nach Oppeln, wo wir gegen Mittag in einem Caf\u00e9 Platz nahmen und uns einer samtigen hei\u00dfen Schokolade und aromatischem Kaffee hingaben. Gest\u00e4rkt beschlossen wir, das Museum des Oppelner Schlesiens zu besuchen. Wir w\u00e4hlten unseren eigenen Rundgang und begannen in den oberen Ausstellungsr\u00e4umen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der ethnografischen Abteilung verweilte ich lange vor alten h\u00f6lzernen Lebkuchenformen. Ihre ornamentalen Vertiefungen erz\u00e4hlten stumm von Festtagen und s\u00fc\u00dfen Traditionen vergangener Jahrhunderte. Leider blieb ihre museale Beschreibung knapp und geheimnisvoll \u2013 fast so, als wollten die Formen ihre Geschichten nur jenen preisgeben, die bereit sind, genauer hinzusehen.<\/p>\n<p>Den st\u00e4rksten Eindruck jedoch hinterlie\u00df die Sonderausstellung \u00fcber die schlesische Linie des Hauses W\u00fcrttemberg, deren Sommerresidenz sich in Carlsruhe befand \u2013 dem heutigen Pok\u00f3j. Noch bis Ende Mai 2026 kann man hier in die Atmosph\u00e4re eines Ortes eintauchen, der einst zu den kulturellen Juwelen Schlesiens z\u00e4hlte.<\/p>\n<div id=\"attachment_73028\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-73028\" class=\"size-large wp-image-73028\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Postkarte-Bad-Carlsruhe-1928-ODB-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Postkarte-Bad-Carlsruhe-1928-ODB-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Postkarte-Bad-Carlsruhe-1928-ODB-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Postkarte-Bad-Carlsruhe-1928-ODB-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Postkarte-Bad-Carlsruhe-1928-ODB.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-73028\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte Bad Carlsruhe, 1928.<br \/>Quelle: ODB<\/p><\/div>\n<p>Der Gr\u00fcnder von Carlsruhe, Herzog Carl Christian Erdmann von W\u00fcrttemberg, soll sich w\u00e4hrend einer Jagd in den umliegenden W\u00e4ldern verirrt haben. Der Ort, den er dabei entdeckte, ber\u00fchrte ihn so sehr, dass er beschloss, hier seine Residenz zu errichten. Der Name \u201eCarlsruhe\u201c wird oft als Ausdruck jenes inneren Friedens gedeutet, den der Herzog hier gefunden haben soll \u2013 ein Gedanke, der mich auch heute noch ber\u00fchrt.<\/p>\n<h2><strong>Ein kulturelles Zentrum im Wald<\/strong><\/h2>\n<p>Zuerst entstand ein Wildpark, dann ein Jagdschloss, und in den folgenden Jahren entwickelte sich rund um die Residenz ein lebendiges kulturelles Zentrum. G\u00e4ste, die durch die W\u00e4lder anreisten, trafen auf ein \u00fcberraschend pulsierendes Leben: ein Theater, einen Konzertsaal, eine reiche Bibliothek und ein Schloss, dessen R\u00e4ume mit ebenso viel Fantasie wie praktischem Sinn f\u00fcr Besucher gestaltet waren.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Vielleicht servierte man den G\u00e4sten zum Jagdfr\u00fchst\u00fcck geschmortes Rindfleisch oder eine feine Gefl\u00fcgel-Galantine \u2013 Gerichte.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit galt auch der Ausstattung der f\u00fcrstlichen Tafel. Bei feierlichen Mahlzeiten speiste man von silbernen Servicen mit dem w\u00fcrttembergischen Wappen, gefertigt von Breslauer Meistern wie Christian Beyl (CB), Carl Gottlieb Haase (CGH), Johann Gottlieb Schmidt (IGS) und Michael Alex (MA). Auf Reisen begleitete den Herzog ein vergoldetes Mundzeug, geschaffen vom Hofgoldschmied Eduard Foehr. Mit dem Aufschwung der Porzellanmanufakturen bezogen die schlesischen W\u00fcrttemberger ihre Servicen zunehmend aus regionalen Manufakturen \u2013 ein Ausdruck jener Verbindung von lokalem Handwerk und h\u00f6fischer Eleganz, die auch die K\u00fcche pr\u00e4gte. Viele dieser Exponate sind in der erw\u00e4hnten Ausstellung zu sehen.<\/p>\n<h2><strong>Die Kunst des Feierns<\/strong><\/h2>\n<p>In der Ecksteins Buchdruckerei, die im <em>Anzeiger f\u00fcr Bad Carlsruhe<\/em> auch die Beilage <em>Carlsruher Zeitung<\/em> herausgab, erschienen drei Hefte der Reihe \u201eAus unserer Heimat\u201c. <em>Der Oberschlesier<\/em> (1924) ver\u00f6ffentlichte diese historischen Quellen, in denen Friedrich Stumpe \u00fcber das rege gesellschaftliche Leben schrieb:<\/p>\n<p><em>Feste feiern ist eine Kunst. Manch Lebensk\u00fcnstler gestaltet sich jeden Tag zum Feste. Bei Festen lernt man die Menschen kennen, ihr Herz und ihre Seele; denn in den Festen spiegelt sich \u2013 wie im Spiel der Kinder \u2013 das Herz der Menschen und der Geist der Zeit. So bietet die Beschreibung fr\u00fcherer Feste einen Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte vergangener Zeiten. Carlsruhe war ein festfroher Boden.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_73030\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-73030\" class=\"size-large wp-image-73030\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1354-Michal-Janik-2-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1354-Michal-Janik-2-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1354-Michal-Janik-2-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1354-Michal-Janik-2-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1354-Michal-Janik-2.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-73030\" class=\"wp-caption-text\">Mit dem Aufschwung der Porzellanmanufakturen bezogen die schlesischen W\u00fcrttemberger ihre Servicen zunehmend aus regionalen Manufakturen. Ausstellung im Museum des Oppelner Schlesiens.<br \/>Foto: Micha\u0142 Janik<\/p><\/div>\n<p>Unsere Reise in die Vergangenheit beginnt im Sommer 1780: Herzogin Marie Sophie empf\u00e4ngt ihre Tochter Friederike Sophie Charlotte Auguste und serviert den G\u00e4sten einfache Speisen der Landk\u00fcche. Bald darauf beginnt ein Erntetanz, voller Leichtigkeit und Lebensfreude.<\/p>\n<p>Aus dieser Begegnung erwuchs eine Idee mit nachhaltiger Wirkung: die Anlage eines Weinbergs nach dem Vorbild von Gr\u00fcnberg. Noch im selben Jahr traf der aus W\u00fcrttemberg geholte Winzer Eberhardt ein und pflanzte die Reben. Die erste Lese erbrachte sechs Eimer Wein \u2013 genug, um den Grundstein f\u00fcr eine f\u00fcrstliche Tradition zu legen. Als Dank f\u00fcr die M\u00fche wurde ein Weinfest veranstaltet, das fortan j\u00e4hrlich stattfand und Besucher aus nah und fern anzog. Gleichzeitig legte Eberhardt Obstg\u00e4rten an, die sowohl die Hofk\u00fcche als auch die Bev\u00f6lkerung mit frischen Fr\u00fcchten versorgten.<\/p>\n<h2><strong>Was auf den Tisch kam<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend es zahlreiche Beschreibungen dar\u00fcber gibt, wie in Carlsruhe gefeiert wurde und wer an der f\u00fcrstlichen Tafel der W\u00fcrttemberger Platz nahm, finden sich hingegen nur wenige \u00dcberlieferungen dar\u00fcber, was bei einem Picknick, einer Jagd oder w\u00e4hrend der zahlreichen Festlichkeiten aufgetragen wurde.<\/p>\n<p>Die Waldumgebung von Carlsruhe bot sowohl Wild und Wildgefl\u00fcgel als auch Waldfr\u00fcchte: Heidelbeeren, Brombeeren oder Preiselbeeren. Eine Delikatesse waren auch die an den Waldr\u00e4ndern gesammelten Haseln\u00fcsse. Am Schloss befand sich in der Anfangszeit eine Orangerie \u2013 vielleicht lieferte sie exotische Fr\u00fcchte f\u00fcr die f\u00fcrstliche Tafel?<\/p>\n<div id=\"attachment_73032\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-73032\" class=\"size-large wp-image-73032\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1371-Michal-Janik-2-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1371-Michal-Janik-2-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1371-Michal-Janik-2-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1371-Michal-Janik-2-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1371-Michal-Janik-2.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-73032\" class=\"wp-caption-text\">Vielleicht servierte man den G\u00e4sten in Carlsruhe zum Jagdfr\u00fchst\u00fcck geschmortes Rindfleisch oder eine feine Gefl\u00fcgel-Galantine.<br \/>Foto: Micha\u0142 Janik<\/p><\/div>\n<p>So l\u00e4sst sich die K\u00fcche von Carlsruhe vor allem durch ihre N\u00e4he zur Landschaft beschreiben: Fleisch aus der Jagd, Fisch aus den Teichen, Fr\u00fcchte aus den G\u00e4rten und Wein aus den eigenen Reben. Vielleicht servierte man den G\u00e4sten zum Jagdfr\u00fchst\u00fcck geschmortes Rindfleisch oder eine feine Gefl\u00fcgel-Galantine \u2013 Gerichte, wie sie sp\u00e4ter auch in Nelli von Heimburgs Sammlung h\u00f6fischer Rezepte <em>Perlen der Kochkunst<\/em> (1910) beschrieben wurden:<\/p>\n<p>Putenfleisch wird angebraten und dann mit so viel hei\u00dfem Wasser \u00fcbergossen, dass es vollst\u00e4ndig bedeckt ist. In diese Br\u00fche gibt man Zwiebel, Gew\u00fcrze, Lorbeerblatt und Salz und schmeckt zuletzt mit etwas Wei\u00dfwein und Zitronensaft (oder Essig) sorgf\u00e4ltig ab. Wenn das Fleisch (in gut verschlossenem Kochtopf) weich gekocht ist, zerlegt man es und legt es in eine Form. Die Br\u00fche wird mit Eierschaum gekl\u00e4rt, die aufgel\u00f6ste Gelatine hinzugef\u00fcgt, durch ein Tuch gegossen und \u00fcber das Putenfleisch in die Form gegossen. Nach dem Erkalten wird die Speise gest\u00fcrzt angerichtet. Auf \u00bd Liter Br\u00fche nimmt man 6 Bl\u00e4tter wei\u00dfe Gelatine.<\/p>\n<div id=\"attachment_73036\" style=\"width: 845px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-73036\" class=\"size-full wp-image-73036\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Nelli-von-Heimburg-Perlen-der-Kochkunst-Koeslin-1910.png\" alt=\"\" width=\"835\" height=\"478\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Nelli-von-Heimburg-Perlen-der-Kochkunst-Koeslin-1910.png 835w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Nelli-von-Heimburg-Perlen-der-Kochkunst-Koeslin-1910-300x172.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Nelli-von-Heimburg-Perlen-der-Kochkunst-Koeslin-1910-768x440.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 835px) 100vw, 835px\" \/><p id=\"caption-attachment-73036\" class=\"wp-caption-text\">Rezept f\u00fcr Ged\u00e4mpftes Rindfleisch.<br \/>Quelle: Nelli von Heimburg, Perlen der Kochkunst, K\u00f6slin 1910.<\/p><\/div>\n<p>Heute ist von dieser Welt vieles vergangen. Doch in den \u00fcberlieferten Rezepten, im Glanz des Silbers und in den Geschichten von Wein, Wild und f\u00fcrstlichen Festen der W\u00fcrttemberger lebt sie weiter \u2013 wie ein Sommernachtstraum, bewahrt im Geschmack der Erinnerung an das einstige Carlsruhe in Oberschlesien.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em>Ma\u0142gorzata Janik<\/em><\/strong><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"ujU5PxSTSp\"><p><a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-erbsensuppe-aus-dem-kaiser-automaten\/\">Echte Schlesische Happen: Erbsensuppe aus dem Kaiser-Automaten<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Echte Schlesische Happen: Erbsensuppe aus dem Kaiser-Automaten&#8220; &#8211; Wochenblatt - Gazeta Niemc\u00f3w w Rzeczypospolitej Polskiej\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-erbsensuppe-aus-dem-kaiser-automaten\/embed\/#?secret=kjOLqSTVvB#?secret=ujU5PxSTSp\" data-secret=\"ujU5PxSTSp\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcrstliche Speisekarte Im Leben geschieht wohl nichts zuf\u00e4llig \u2013 jedes Ereignis hat seine Ursache. 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