{"id":72584,"date":"2026-02-21T17:00:08","date_gmt":"2026-02-21T16:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=72584"},"modified":"2026-02-21T14:50:35","modified_gmt":"2026-02-21T13:50:35","slug":"in-der-farbe-eines-drecklappens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/in-der-farbe-eines-drecklappens\/","title":{"rendered":"Den Fr\u00fchling herbeistricken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich sterbe im Vorfr\u00fchling. Nicht im tr\u00fcben November, nicht im dunklen Dezember, nicht einmal im hoffnungslosen Januar, sondern am Ende eines t\u00f6dlich blassen Februars oder zu Beginn des komplett ausgewaschenen M\u00e4rz. Direkt an der Schwelle zum Fr\u00fchling \u2013 und doch immer noch Lichtjahre von ihm entfernt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich erinnere mich, wie ich mich als Kind naiv \u00fcber die ersten w\u00e4rmeren Sonnenstrahlen und das Tauwetter freute, w\u00e4hrend meine schlesischste aller Omas diese Begeisterung d\u00e4mpfte. Im Februar kommt der Winter erst recht, sagte sie \u2013 und nat\u00fcrlich hatte sie recht. Die Wahrheit war jedoch, dass auch sie schon mit den Hufen scharrte, es kaum erwarten konnte, in den Garten zu gehen, um ihre H\u00e4nde in die feuchte Erde zu tauchen, die Wege im Rasen neu auszutreten, umzugraben, was umzugraben war, auszus\u00e4en, was ausges\u00e4t werden musste. Die B\u00e4ume zu kalken, Kartoffeln zu setzen, Erbsen zu s\u00e4en. Behutsam die zweij\u00e4hrigen Setzlinge zu s\u00e4ubern, die den Winter \u00fcberlebt hatten, sie mit Andacht zu j\u00e4ten \u2013 all diese Fingerh\u00fcte und Bartnelken, die gleich, jeden Moment, in Farben explodieren w\u00fcrden.<\/p>\n<div id=\"attachment_72585\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72585\" class=\"size-large wp-image-72585\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_1868-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-72585\" class=\"wp-caption-text\">Oma produzierte an langen Januar- und Februartagen kilometerlange Decken, kunstvolle \u00dcberw\u00fcrfe, Kissen und Tischdecken in Gro\u00dfmengen.<br \/>Foto: A. Durecka<\/p><\/div>\n<p>Aber es ist noch nicht so weit. Noch dauert diese endlose karge Zeit an, die mal Winter ist, mal Herbst und nur ganz selten \u2013 wirklich selten \u2013 einen Vorgeschmack auf den Fr\u00fchling liefert. Ich wurde ohne Geduld f\u00fcr jene T\u00e4tigkeiten geboren, mit denen sich Frauen fr\u00fcher im Winter besch\u00e4ftigten. Ohne Talent f\u00fcrs Sticken, H\u00e4keln, Stricken \u2013 ja sogar f\u00fcrs Stopfen. Oma produzierte an langen Januar- und Februartagen kilometerlange Decken, kunstvolle \u00dcberw\u00fcrfe, Kissen und Tischdecken in Gro\u00dfmengen. Und Socken. Hunderte von Socken. Handarbeit f\u00fcr die Ewigkeit. In der Laube vermehrte sie Chrysanthemen \u2013 in T\u00f6pfen, Sch\u00e4lchen und Untersetzern. Sie konnte die Zeit erfolgreich totschlagen.<\/p>\n<p>Und ich? Ich pflege meine Vorfr\u00fchlingsdepression, \u00fcberpr\u00fcfe obsessiv die Wettervorhersage auf dem Handy, f\u00fclle meinen Warenkorb bei Allegro mit Samen exotischer Mohnarten. Vor allem aber streife ich durchs Haus wie ein L\u00f6we im K\u00e4fig, der sich nach der grenzenlosen Savanne sehnt. Meine Savanne liegt direkt hinter dem Fenster. Graubraun, immer noch in der Farbe des dreckigsten Waschlappens \u2013 wie es sie einmal in Omas Waschk\u00fcche gab.<\/p>\n<p>Dieses Mal halte ich noch durch. Noch tr\u00e4gt mich diese Wut auf die Welt und auf den Sch\u00f6pfer, der sich all das so ausgedacht hat, bis in den April hinein. Aber eines Tages, in etwa f\u00fcnfzig Vorfr\u00fchlingen, werde ich aufgeben. Ich werde aufh\u00f6ren, an duftende Duftwicken und saftige Tomaten direkt vom Strauch zu glauben. Ich werde an jenem Vorfr\u00fchling sterben \u2013 so wie Oma gestorben ist. Der Vorfr\u00fchling nimmt einem die Lebenslust.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Anna Durecka<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sterbe im Vorfr\u00fchling. Nicht im tr\u00fcben November, nicht im dunklen Dezember, nicht einmal im hoffnungslosen Januar, sondern am Ende eines t\u00f6dlich blassen Februars oder zu Beginn des komplett ausgewaschenen M\u00e4rz. 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