{"id":72273,"date":"2026-02-16T17:15:35","date_gmt":"2026-02-16T16:15:35","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=72273"},"modified":"2026-04-10T10:27:28","modified_gmt":"2026-04-10T08:27:28","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-die-stadt-als-palimpsest-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-die-stadt-als-palimpsest-lesen\/","title":{"rendered":"Nachbarschaft verpflichtet: Die Stadt als Palimpsest lesen"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Das deutsche Erbe in Breslau und Schlesien in drei Projekten<\/strong><\/h1>\n<p><strong>In der Debatte \u00fcber das deutsche Erbe wird oft \u00fcber Eigentum, Symbolik, Erinnerungskonflikte oder politische Kontexte gesprochen. Viel seltener wird jedoch auf etwas Grundlegenderes hingewiesen: dass dieses Erbe physisch immer noch um uns herum existiert, Teil unseres Alltags ist. Man kann es einfach sehen, fotografieren und versuchen, es im historischen Kontext zu lesen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Genau auf dieser Ebene \u2013 der materiellen Pr\u00e4senz der Vergangenheit im Raum \u2013 agieren die nachstehend geschilderten Projekte. Sie f\u00fchren keine ideologischen Debatten, sie entscheiden nicht, \u201ewem\u201c eine bestimmte Geschichte \u201egeh\u00f6rt\u201c, sondern schlagen etwas Einfacheres und zugleich Mitrei\u00dfenderes vor: die Aufmerksamkeit auf die Spuren der Vergangenheit zu lenken, die in der Stadt und der Region eingeschrieben sind.<\/p>\n<h2><strong>Die Stadt als Text und Palimpsest<\/strong><\/h2>\n<p>Einen guten Interpretationsrahmen f\u00fcr diese Art von Aktivit\u00e4ten bietet Karl Schl\u00f6gel \u2013 heute emeritierter Professor f\u00fcr Geschichte, einer der bedeutendsten Forscher zu Mittelosteuropa und den Beziehungen zwischen Raum, Zeit und Erinnerung, Preistr\u00e4ger des renommierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels f\u00fcr das Jahr 2025. Schl\u00f6gel verwendete im Titel eines seiner wichtigsten Werke die Formulierung: \u201eIm Raume lesen wir die Zeit\u201c, die mehr als nur eine Metapher wurde \u2013 sie wurde zu einem Forschungsprogramm.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive wird die Stadt zu einer Art Text, den man interpretieren kann: Putzschichten, Schilder, Inschriften, architektonische Details oder st\u00e4dtebauliche Strukturen erz\u00e4hlen die Geschichte nicht schlechter als Archive. \u201eDie Stadt lesen\u201c bedeutet also nicht nur einen Spaziergang mit einem Reisef\u00fchrer, sondern eine besondere Form historischer Aufmerksamkeit: eine Praxis, die Sehen, Wissen und Vorstellungskraft zu einem interpretativen Ganzen verbindet.<\/p>\n<div id=\"attachment_72374\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72374\" class=\"size-full wp-image-72374\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1319du-breslau1.jpg\" alt=\"\" width=\"830\" height=\"623\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1319du-breslau1.jpg 830w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1319du-breslau1-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1319du-breslau1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><p id=\"caption-attachment-72374\" class=\"wp-caption-text\">Im Innenhof (des ehemaligen Kaufmannsheims) finden sich noch wundersch\u00f6ne deutsche Jugendstilinschriften.<br \/>Foto: Ruben Gall\u00e9\/Archiv<\/p><\/div>\n<p>Die Stadt \u2013 und im weiteren Sinne die Region \u2013 kann jedoch nicht nur gelesen, sondern auch als Palimpsest verstanden werden: ein Text, der mehrfach beschrieben und wieder abgerieben wurde, wobei die nachfolgenden Schichten die vorherigen nicht vollst\u00e4ndig zerst\u00f6ren, sondern sie unter sich durchscheinen lassen, manchmal kaum sichtbar, manchmal \u00fcberraschend deutlich.<\/p>\n<p>In diesem Sinne sind Breslau und Schlesien weder \u201edeutsch\u201c noch \u201epolnisch\u201c im einfachen Sinne dieser Worte, sondern palimpsestartig: Sie tragen gleichzeitig Spuren verschiedener Epochen, Sprachen und Gemeinschaften in sich.<\/p>\n<h2><strong>Projekt 1: Wroc\u0142aw \u2013 \u201eUnter dem Putz blickt Breslau hervor\u201c<\/strong><\/h2>\n<p>Der \u00f6ffentliche Raum von Wroc\u0142aw, 80 Jahre nach Kriegsende, best\u00e4tigt nicht die These, dass es gelungen sei, \u201ealle germanischen \u00dcberreste\u201c dauerhaft zu beseitigen. Unter dem Putz blickt immer noch Breslau hervor: Deutsche Inschriften, Schilder und architektonische Details sind nach wie vor in der Stadtlandschaft pr\u00e4sent, obwohl das Wissen dar\u00fcber verstreut, fragmentarisch und weiterhin wenig bekannt ist und der Bestand selbst tats\u00e4chlich vom Verschwinden bedroht ist.<\/p>\n<p>Das 2020 ins Leben gerufene Projekt \u201eUnter dem Putz blickt Breslau hervor\u201c ist ein Versuch, dieses Erbe systematisch zu erfassen, zu sch\u00fctzen und zug\u00e4nglich zu machen, und zwar mithilfe <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"http:\/\/dolnoslaskosc.pl\/mapa-wersja-internetowa,1853.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einer interaktiven Karte<\/a><\/span>, auf der solche Spuren im heutigen Breslau verzeichnet sind. Es dokumentiert Fragmente von Werbungen, Namen von Betrieben, technische Bezeichnungen, Inschriften, Grenzsteine und Grabplatten \u2013 oft zuf\u00e4llig erhalten, unter mehreren Schichten Farbe und Putz, Erde und Pflastersteinen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Der basisdemokratische Charakter von Projekten wie \u201eUnter dem Putz blickt Breslau hervor\u201c zeigt, dass das Interesse an den materiellen Spuren der Vergangenheit heute nicht von verordneten Bildungsma\u00dfnahmen herr\u00fchrt, sondern aus dem tiefen Bed\u00fcrfnis, den eigenen Lebensraum zu verstehen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Das Projekt wird von der Tymoteusz-Karpowicz-Stiftung f\u00fcr Kultur und Bildung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum f\u00fcr Forschung zum Kulturerbe Niederschlesiens und der Stadt Breslau durchgef\u00fchrt. Es setzt die Idee des \u201eLesens der Stadt\u201c in die Praxis um: Ein einzelnes Wort oder eine fragmentarische Inschrift wird zum Ausgangspunkt f\u00fcr eine mikrohistorische Reflexion \u00fcber die fr\u00fcheren Funktionen von Orten, die allt\u00e4glichen Praktiken ihrer Nutzer und den Lebensrhythmus vor 1945. Dabei hat das Projekt einen partizipativen Charakter \u2013 es wird von Einwohnern, Liebhabern der Stadtgeschichte, Fotografen und Spazierg\u00e4ngern mitgestaltet. Jeder kann durch die \u00dcberreste in die Vergangenheit blicken.<\/p>\n<p>Dies ist ein Beispiel f\u00fcr \u00f6ffentliche Geschichte ohne Pathos und Monumentalisierung, basierend auf der Materialit\u00e4t der Vergangenheit und der aktiven Beteiligung der Rezipienten, die selbst die in den Raum eingeschriebene Geschichte entdecken.<\/p>\n<h2><strong>Projekt 2: Breslau \u2013 Oder-Vorstadt mit einem Reisef\u00fchrer<\/strong><\/h2>\n<p>Das zweite Projekt in Breslau ist ein <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/www.wroclawguide.com\/de\/auf-den-spuren-deutscher-geschichte-in-wroclaw-ein-spaziergang-durch-nadodrze\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Spaziergang auf den Spuren der deutschen Geschichte<\/a><\/span> durch die Oder-Vorstadt (Nadodrze), vorbereitet von WroclawGuide. Diese Initiative unterscheidet sich von rein kartografischen Projekten: Anstelle einer Datenbank oder einer digitalen Karte gibt es hier eine Erz\u00e4hlung vor Ort, die sich an ein breites Publikum richtet \u2013 Touristen, Einwohner, Lehrer und Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Die Autoren des Projekts sind Ewa und Mirko, zwei Liebhaber der Geschichte des alten Breslau, die \u2013 zwischen D\u00fcsseldorf und dem heutigen Breslau pendelnd \u2013 die Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Aus dieser biografischen und emotionalen Verbundenheit mit dem Ort entstand die Idee, WroclawGuide.com als Plattform zur Popularisierung der vielschichtigen Vergangenheit der Stadt zu schaffen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Bestandteil des Reisef\u00fchrers ist auch die \u201eKarte der deutschen Spuren in Nadodrze\u201c, die die wichtigsten deutschen Spuren in dem Stadtteil lokalisiert und als Bezugspunkt f\u00fcr den Spaziergang dient. Auf diese Weise verbindet das Projekt performative Erz\u00e4hlung (Gehen, Erz\u00e4hlen) mit einem kartografischen Werkzeug, das Wissen ordnet und eine eigenst\u00e4ndige Erkundung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<div id=\"attachment_72367\" style=\"width: 751px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72367\" class=\"size-full wp-image-72367\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/MirkoSeebeck_Buch_Neon2-e1771258137599.jpg\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"557\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/MirkoSeebeck_Buch_Neon2-e1771258137599.jpg 741w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/MirkoSeebeck_Buch_Neon2-e1771258137599-300x226.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 741px) 100vw, 741px\" \/><p id=\"caption-attachment-72367\" class=\"wp-caption-text\">Mirko Seebeck, einer der Macher des Bolgs WroclawGuide, mit seinem Reisef\u00fchrer.<br \/>Foto: M. Baumgarten\/Archiv<\/p><\/div>\n<p>Der Spaziergang zeigt, wo und wie man hinschauen muss: wie man Details zu einer gr\u00f6\u00dferen Erz\u00e4hlung \u00fcber den Stadtteil, seine soziale Struktur und seine Funktionen vor 1945 zusammenf\u00fcgt. Die Autoren verbinden fachliche Kompetenz mit der F\u00e4higkeit, mit dem Publikum zu arbeiten, und fungieren als Vermittler zwischen historischer Forschung und sozialer Wissensvermittlung.<\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr solche Spazierg\u00e4nge sind Momente, in denen die Teilnehmer \u2013 w\u00e4hrend sie eine scheinbar gew\u00f6hnliche Stra\u00dfe entlanggehen \u2013 pl\u00f6tzlich beginnen, sie anders zu sehen: Sie achten auf zuvor ignorierte Details wie die Anordnung der Treppenh\u00e4user, die Art der Schaufenster oder die Beziehungen zwischen Fassade und Innenhof. Der Raum gewinnt dann an zeitlicher Tiefe und ist nicht mehr nur \u201ehier und jetzt\u201c, sondern wird Teil einer l\u00e4ngeren st\u00e4dtebaulichen und sozialen Geschichte.<\/p>\n<h2><strong>Projekt 3: \u201eVergessenes Erbe\u201c \u2013 deutsches materielles Erbe und deutschsprachige Inschriften in Ober- und Niederschlesien als bedrohtes Erbe des Alltags<\/strong><\/h2>\n<p>Das dritte Beispiel f\u00fcr das \u201eLesen des Raumes\u201c als Tr\u00e4ger von Erinnerung ist das Projekt \u201eVergessenes Erbe\u201c, das sich dem deutschen materiellen Erbe und den deutschsprachigen Inschriften widmet, die im \u00f6ffentlichen Raum von Ober- und Niederschlesien erhalten geblieben sind.<\/p>\n<p>Das Projekt wird vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit durchgef\u00fchrt; sein Autor und wissenschaftlicher Kurator ist Dawid Smolorz in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Thomas Vo\u00dfbeck und Ma\u0142gorzata Makowska. Es verbindet Forschungs-, Dokumentations- und k\u00fcnstlerische Kompetenzen in der Form der Public History, eingebettet in den realen Raum der Region.<\/p>\n<p>Es umfasst zwei sich erg\u00e4nzende, aber dennoch getrennte Bereiche des Kulturerbes. Der Teil \u201eVergessenes Erbe\u201c konzentriert sich auf verlassene und verfallene architektonische Objekte \u2013 von Industriepal\u00e4sten der Magnaten \u00fcber \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude bis hin zu Sakralbauten \u2013, die einst das Aush\u00e4ngeschild der Region waren und heute am Rande des Alltags und des kollektiven Ged\u00e4chtnisses existieren.<\/p>\n<p>Der Teil <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/zapomnianedziedzictwo.pl\/de\/inschriften.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eVergessene Inschriften\u201c<\/a><\/span> lenkt die Aufmerksamkeit hingegen auf kleinere, leichter zerst\u00f6rbare Erinnerungstr\u00e4ger: deutschsprachige Informations- und Werbeinschriften, Ladenschilder, Wegweiser und Fassadenbeschriftungen.<\/p>\n<p>\u00dcber vier Jahrzehnte lang verfolgten die polnischen Beh\u00f6rden nach dem Krieg eine intensive Politik der Beseitigung materieller Spuren der deutschen Vergangenheit. Opfer dieser Politik wurden vor allem Inschriften, da sie die sichtbarste und zugleich am leichtesten zu zerst\u00f6rende Form der fr\u00fcheren kulturellen Pr\u00e4senz darstellten. Der Prozess der \u201eEntdeutschung\u201c war jedoch nicht \u00fcberall vollst\u00e4ndig erfolgreich: Bis heute kann man in vielen Orten beider Teile Schlesiens alte deutsche Inschriften sehen und h\u00e4ufig erst unter dem abbl\u00e4tternden Nachkriegsputz entdecken.<\/p>\n<div id=\"attachment_72369\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72369\" class=\"size-large wp-image-72369\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel-1024x767.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"767\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel-1024x767.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel-300x225.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel-768x575.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel-1536x1151.png 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Breslau-Bahnhof-Tunnel.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-72369\" class=\"wp-caption-text\">Bahnhofstunnel in Breslau mit der Inschrift &#8222;Durchgang Flurstrasse&#8220;.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>Nach 1989 wurden diese Relikte lange Zeit nicht aus ideologischen Gr\u00fcnden zerst\u00f6rt; h\u00e4ufiger drohte ihnen die Vernichtung durch Vernachl\u00e4ssigung oder \u2013 paradoxerweise \u2013 durch Renovierungsarbeiten. In den letzten Jahren ist jedoch eine neue Welle von Spannungen um die Pr\u00e4senz deutscher Namen und Inschriften im \u00f6ffentlichen Raum, insbesondere an \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, zu beobachten. Diese Kontroversen f\u00fchren manchmal zu Ma\u00dfnahmen, die man als zweite Welle der Repolonisierung bezeichnen k\u00f6nnte \u2013 das Bestreben, den Raum im Geiste eines einheitlichen nationalen Narrativs, das angeblich durch die Pr\u00e4senz dieser Artefakte bedroht ist, symbolisch und administrativ zu ordnen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang gewinnt das Projekt \u201eVergessenes Erbe\u201c eine neue Dimension: Aus einer vor allem informativen Initiative wird ein Dokumentations- und Archivierungsprojekt, das Best\u00e4nde erfasst, die erneut reduziert, umgewandelt oder gel\u00f6scht werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Das Projekt reiht sich damit in den Trend der Public History und des basisdemokratischen Kulturerbes ein und zeigt, dass das \u201eLesen des Raumes\u201c nicht nur spektakul\u00e4re architektonische Objekte betrifft, sondern auch die allt\u00e4glichsten und damit besonders gef\u00e4hrdeten Formen der materiellen Erinnerung \u2013 wie Inschriften, Schilder und Beschriftungen, die kein monumentales Narrativ \u00fcber die Vergangenheit konstruieren, sondern deren lokalste und intimste Ebene offenbaren, die mit dem fr\u00fcheren Alltag gew\u00f6hnlicher Menschen verbunden ist.<\/p>\n<h2><strong>Von Enthusiasten zu Institutionen \u2013 gemeinsam f\u00fcr die Erinnerung<\/strong><\/h2>\n<p>Die Gegen\u00fcberstellung dieser drei Projekte verdeutlicht vor allem die enorme Vielfalt der Akteure, die sich aktuell mit dem deutschen Kulturerbe auseinandersetzen. Hier treffen wir auf Basisinitiativen von Enthusiasten und B\u00fcrgervereinen ebenso wie auf professionelle G\u00e4stef\u00fchrer und etablierte Kulturinstitutionen. Diese Vielfalt bildet die St\u00e4rke der zeitgen\u00f6ssischen Erinnerungsarbeit, die l\u00e4ngst nicht mehr ausschlie\u00dflich Historikern oder Beamten \u2013 nicht einmal Denkmalpflegern \u2013 vorbehalten ist.<\/p>\n<p>Der basisdemokratische Charakter von Projekten wie \u201eUnter dem Putz blickt Breslau hervor\u201c zeigt, dass das Interesse an den materiellen Spuren der Vergangenheit heute nicht von verordneten Bildungsma\u00dfnahmen herr\u00fchrt, sondern aus dem tiefen Bed\u00fcrfnis, den eigenen Lebensraum zu verstehen. Die Arbeit von G\u00e4stef\u00fchrern und Geschichtsvermittlern unterstreicht ihrerseits, wie wichtig es ist, Fachwissen in eine f\u00fcr ein breites Publikum verst\u00e4ndliche Form zu bringen \u2013 ohne Vereinfachungen, aber auch ohne akademische Tr\u00e4gheit. Schlie\u00dflich sorgen institutionelle Initiativen wie \u201eVergessenes Erbe\u201c daf\u00fcr, dass dieses Interesse nachhaltig und systematisch gef\u00f6rdert wird und in Bildung, Forschung und Denkmalpflege weiter genutzt werden kann. Nur das Zusammenwirken dieser drei Ebenen \u2013 Begeisterung an der Basis, Expertise in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit und institutionelle Unterst\u00fctzung \u2013 schafft so etwas wie eine neue Ged\u00e4chtnisinfrastruktur, die \u00fcber die Logik aktueller politischer Auseinandersetzungen hinaus funktionieren kann.<\/p>\n<h2><strong>Lesen statt ausl\u00f6schen<\/strong><\/h2>\n<p>In einer Zeit, in der die Vergangenheit zunehmend zum Instrument ideologischer und symbolischer Auseinandersetzungen wird, vermitteln Projekte wie die oben beschriebenen etwas weitaus Fundamentaleres als die blo\u00dfe Sammlung historischer Fakten. Sie f\u00f6rdern eine einzigartige Haltung: die Bereitschaft, die Komplexit\u00e4t der im Raum eingebetteten Vergangenheit zu betrachten, zu erkennen und anzunehmen.<\/p>\n<p>\u201eDie Stadt lesen\u201c bedeutet hier, einfache Narrative aufzugeben und stattdessen das Bestehende sorgf\u00e4ltig zu interpretieren \u2013 selbst wenn es nicht den vorgefertigten Mustern des offiziellen Diskurses entspricht.<\/p>\n<p>Diese Haltung ist besonders bedeutsam im Hinblick auf das historische Erbe der Region, das jahrzehntelang entweder marginalisiert oder instrumentalisiert wurde \u2013 als ein Problem, das beseitigt oder einem einzigen, dominanten Narrativ untergeordnet werden musste. Die Stadt als Palimpsest zu lesen, erm\u00f6glicht es uns hingegen zu erkennen, dass die Vergangenheit nicht durch administrative oder symbolische Entscheidungen \u201eausgel\u00f6scht\u201c werden kann, sondern unabh\u00e4ngig von unseren aktuellen Konflikten im Gef\u00fcge der Stadt und ihrer Landschaft fortbesteht. In diesem Sinne besteht die Alternative zum Ausl\u00f6schen, \u00dcbermalen oder Neutralisieren von Spuren der Vergangenheit nicht in deren unkritischer Verherrlichung, sondern vielmehr in der sorgf\u00e4ltigen Auseinandersetzung damit. Lesen statt ausl\u00f6schen bedeutet, die Vielschichtigkeit der Geschichte als kognitiven und kulturellen Wert anzuerkennen, nicht als Bedrohung der eigenen Identit\u00e4t oder als Ausdruck vermeintlicher Aggression des Nachbarn. Nur eine solche Perspektive erm\u00f6glicht den Aufbau eines reifen Verh\u00e4ltnisses zum Erbe, das nicht im nationalen Sinne \u201eunser\u201c sein muss, um im b\u00fcrgerlichen und kulturellen Sinne unser zu sein.<\/p>\n<hr \/>\n<h1><strong>Nachbarschaft verpflichtet \u2013 die neue Textreihe<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Ich habe das Angebot einer festen Zusammenarbeit mit der Zeitung der deutschen Minderheit \u201eNeues Wochenblatt.pl\u201c gerne angenommen. In der Vergangenheit habe ich bereits verschiedene Texte in dieser Zeitung ver\u00f6ffentlicht, darunter auch Interviews \u2013 umso mehr freue ich mich \u00fcber die M\u00f6glichkeit eines regelm\u00e4\u00dfigen Kontakts mit den Leserinnen und Lesern.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin Professor f\u00fcr Geschichte und arbeite an der Universit\u00e4t Breslau. Bis 2024 leitete ich das <strong>Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau<\/strong><strong>. <\/strong>In den Jahren 2024\/2025 war ich <strong>Beauftragter des Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit<\/strong>. Ich bin Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte und zu den polnisch-deutschen Beziehungen, mit besonderem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<div id=\"attachment_72362\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72362\" class=\"size-large wp-image-72362\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Krzysztof-Ruchniewicz-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"1024\" \/><p id=\"caption-attachment-72362\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Krzysztof Ruchniewicz.<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<p>Au\u00dferdem besch\u00e4ftige ich mich mit der Popularisierung der Geschichte. Ich bin Blogger, Fotograf und Podcaster \u2013 den Podcast <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"http:\/\/2historykow1mikrofon.pl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#2historykow1mikrofon<\/a><\/span> betreibe ich gemeinsam mit Prof. Przemys\u0142aw Wiszewski.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">Als Motto f\u00fcr meine Feuilletons habe ich den Leitgedanken der bekannten deutschlandkundlichen Reihe \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c gew\u00e4hlt, die viele Jahre lang unter der Herausgeberschaft von Prof. Christoph Kle\u00dfmann und Prof. Hubert Or\u0142owski erschien.<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Als Motto f\u00fcr meine Feuilletons habe ich den Leitgedanken der bekannten deutschlandkundlichen Reihe \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c gew\u00e4hlt, die viele Jahre lang unter der Herausgeberschaft von Prof. Christoph Kle\u00dfmann und Prof. Hubert Or\u0142owski erschien. Im Rahmen dieser Reihe wurden 50 B\u00e4nde ver\u00f6ffentlicht, die dem polnischen Leser die wichtigsten Werke deutscher Geisteswissenschaftler \u2013 Historiker, Politologen und Soziologen \u2013 n\u00e4herbrachten. Auf diese Weise entstand ein Kanon von Werken, der die polnische Reflexion \u00fcber Deutschland und die polnisch-deutschen Beziehungen wesentlich bereichert hat.<\/p>\n<p>\u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c ist jedoch nicht nur der Titel einer Verlagsreihe, sondern ein st\u00e4ndiger Aufruf zur Arbeit an den deutsch-polnischen Beziehungen \u2013 sowohl auf staatlicher Ebene als auch im t\u00e4glichen Umgang zwischen Polen und Deutschen.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass die von mir behandelten Themen Ihr Interesse wecken. Ich freue mich auch \u00fcber R\u00fcckmeldungen \u2013 sei es in Form von Leserbriefen oder Reaktionen in den sozialen Medien.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Krzysztof Ruchniewicz<\/strong><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"tVtjVgN64e\"><p><a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/deutsche-inschriften-in-schlesien-und-der-umgang-mit-diesem-erbe\/\">Deutsche Inschriften in Schlesien und der Umgang mit diesem Erbe<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Deutsche Inschriften in Schlesien und der Umgang mit diesem Erbe&#8220; &#8211; Wochenblatt - Gazeta Niemc\u00f3w w Rzeczypospolitej Polskiej\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/deutsche-inschriften-in-schlesien-und-der-umgang-mit-diesem-erbe\/embed\/#?secret=MfN2YsGjdT#?secret=tVtjVgN64e\" data-secret=\"tVtjVgN64e\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das deutsche Erbe in Breslau und Schlesien in drei Projekten In der Debatte \u00fcber das deutsche Erbe wird oft \u00fcber Eigentum, Symbolik, Erinnerungskonflikte oder politische Kontexte gesprochen. Viel seltener wird jedoch auf etwas Grundlegenderes hingewiesen: dass dieses Erbe physisch immer noch um uns herum existiert, Teil unseres Alltags ist. 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