{"id":72257,"date":"2026-02-15T17:00:21","date_gmt":"2026-02-15T16:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=72257"},"modified":"2026-02-23T08:52:47","modified_gmt":"2026-02-23T07:52:47","slug":"die-grosse-synagoge-von-kattowitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-grosse-synagoge-von-kattowitz\/","title":{"rendered":"Vergessenes Erbe: Die Gro\u00dfe Synagoge von Kattowitz"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Kattowitz stand einst eine der pr\u00e4chtigsten und gr\u00f6\u00dften Synagogen Deutschlands. Die Geschichte dieses besonderen Gotteshauses steht symbolisch f\u00fcr das einstige multireligi\u00f6se Zusammenleben, die Bedeutung der j\u00fcdischen Gemeinde wie auch ihr tragisches Schicksal.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2><strong>Eine dynamisch wachsende Gemeinde<\/strong><\/h2>\n<p>Die j\u00fcdische Gemeinde von Kattowitz hat ihre Wurzeln im fr\u00fchen 19. Jahrhundert. Die ersten j\u00fcdischen Gottesdienste fanden 1850 im heutigen Stadtteil Bogutsch\u00fctz statt, doch erst der Bau einer eigenen Synagoge 1861\/62 erm\u00f6glichte die Gr\u00fcndung einer eigenen Gemeinde 1865. In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Wirtschaft und Bev\u00f6lkerung von Kattowitz dynamisch. Dies betraf j\u00fcdische Kattowitzer, deren Mitglieder in verschiedensten Positionen, inklusive als Mitglieder des Stadtrates, zum Aufschwung beitrugen. Die Gemeinde war dabei heterogen. Ein Teil ihrer Mitglieder verstand sich als Deutsche j\u00fcdischen Glaubens und war oft liberal, w\u00e4hrend ein anderer Teil eher ostj\u00fcdisch und konservativ gepr\u00e4gt war. Dar\u00fcber hinaus nimmt Kattowitz in der j\u00fcdischen Geschichte einen wichtigen Platz ein, da hier die Kattowitzer Konferenz stattfand. Dies war der erste Kongress der zionistischen Bewegung, der die Schaffung des Staates Israel forderte.<\/p>\n<h2><strong>Ein ambitionierter Neubau<\/strong><\/h2>\n<p>Mit der wachsenden Anzahl an Gl\u00e4ubigen reichte der Platz in der alten Synagoge trotz Ausbaus nicht mehr. So erwarb die j\u00fcdische Gemeinde ein Grundst\u00fcck an der heutigen Mickiewiczstra\u00dfe, was die M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen stadtpr\u00e4genden Bau gab. Den Entwurf f\u00fcr den Neubau lieferten die Architekten Max und Hugo Gr\u00fcnfeld. Dies waren die S\u00f6hne von Ignatz Gr\u00fcnfeld, dem Erbauer der ersten Kattowitzer Synagoge.<\/p>\n<p>Die Gebr\u00fcder Gr\u00fcnfeld schlugen einen eklektischen Bau vor, der die Elemente der Neogotik, der Neorenaissance und des neomaurischen Stils verband. Damit bewegten sie sich innerhalb der architektonischen Trends der damaligen Str\u00f6mungen reformierter Synagogen im deutschsprachigen Raum. Von au\u00dfen sollte das Gotteshaus mit rotem Backstein und Sandstein dekoriert werden. Die Synagoge war von vornherein als Monumentalbau gedacht und sollte sowohl in ihrer Dimension als auch im Detail den pr\u00e4chtigsten Synagogen Berlins oder Bochums ebenb\u00fcrtig sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_72258\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72258\" class=\"size-large wp-image-72258\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gedenkstein-Kattowitzer-Synagoge-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-72258\" class=\"wp-caption-text\">Gedenkstein am ehemaligen Standort der Gro\u00dfen Synagoge in Kattowitz.<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Nach der Grundsteinlegung im Jahr 1896 dauerte der Bau vier Jahre, bis die Gro\u00dfe Synagoge am 12. Oktober 1900 unter Beisein der Gl\u00e4ubigen und Vertreter der Stadtverwaltung er\u00f6ffnet wurde. Die Gro\u00dfe Synagoge beeindruckte mit einer gewaltigen Kuppel, die den Hauptgebetssaal mit 1.200 Pl\u00e4tzen kr\u00f6nte. Dabei fanden M\u00e4nner im Erdgeschoss und Frauen auf den Emporen Platz. Der Innenraum war mit ornamentalem Dekor, farbigen Glasfenstern und einer sorgf\u00e4ltig gestalteten Umrahmung des Toraschreins ausgestattet.<\/p>\n<p>Die neue Synagoge war von Anfang an weit mehr als ein Gotteshaus. Zum Komplex geh\u00f6rten wichtige Begleitbauten, u. a. eine Mikwe, ein rituelles Bad, eine Mazzenb\u00e4ckerei und ein ritueller Schlachthof. So entstand ein kompaktes religi\u00f6s-gesellschaftliches Zentrum der Kattowitzer Juden im Herzen der aufstrebenden Industriestadt, das gleichberechtigt neben christlichen Gottesh\u00e4usern und \u00f6ffentlichen Repr\u00e4sentationsbauten das Stadtbild pr\u00e4gte.<\/p>\n<h2><strong>Zerst\u00f6rung im September 1939<\/strong><\/h2>\n<p>Im Plebiszit unterst\u00fctzten die Kattowitzer Juden gr\u00f6\u00dftenteils den Verbleib bei Deutschland. Deshalb wanderten nach 1922 viele von ihnen aus, u. a. nach Breslau und Beuthen. Gleichzeitig siedelten sich Juden aus Zentralpolen in Kattowitz an. Obwohl auch in Polen Antisemitismus ein Problem war, kehrten seit 1933 viele Kattowitzer Juden aus Deutschland zur\u00fcck. Denn die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland leitete die Phase der eskalierenden Repressionen gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung ein, die 1938 in der Reichspogromnacht gipfelte.<\/p>\n<p>Der deutsche Angriff auf Polen am 1. September 1939 steht auch f\u00fcr die Ausweitung der antisemitischen Gewalt auf den \u00f6stlichen Teil Oberschlesiens. Am 3. September 1939 besetzte die Wehrmacht Kattowitz, und f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter steckten deutsche Soldaten die Synagoge in Brand. Die Flammen erfassten rasch Dach und Kuppel, und der Feuerwehr wurde verboten, das Geb\u00e4ude zu l\u00f6schen \u2013 sie durfte lediglich die Nachbarh\u00e4user sch\u00fctzen. Gegen 3.30 Uhr in der Nacht zum 9. September st\u00fcrzte die Kuppel ein. In den folgenden Wochen ordneten die deutschen Beh\u00f6rden an, dass die j\u00fcdische Gemeinde die Ruinen auf eigene Kosten abtragen m\u00fcsse. Anfang 1940 wurden die Kattowitzer Juden in die Ghettos von Sosnowiec und Bedzin oder in Zwangsarbeitslager deportiert. Nicht wenige von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.<\/p>\n<p>Die meisten Kattowitzer Juden \u00fcberlebten den Holocaust nicht oder kehrten nach dem Krieg nicht in ihre Heimat zur\u00fcck. Nach dem Krieg zogen nur wenige polnische Juden nach Kattowitz, sodass eine kleine Gemeinde erst 1993 wieder gegr\u00fcndet werden konnte. Dort, wo bis 1939 die Gro\u00dfe Synagoge stand, erinnert seit 1988 ein Gedenkstein an die Kattowitzer Juden. Der Platz selbst tr\u00e4gt seit 1990 offiziell den Namen Synagogenplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Martin Wycisk<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kattowitz stand einst eine der pr\u00e4chtigsten und gr\u00f6\u00dften Synagogen Deutschlands. 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