{"id":72076,"date":"2026-02-01T18:43:56","date_gmt":"2026-02-01T17:43:56","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=72076"},"modified":"2026-02-13T14:41:56","modified_gmt":"2026-02-13T13:41:56","slug":"rita-suessmuth-ist-tot-architektin-des-deutsch-polnischen-dialogs-und-politikerin-der-versoehnungsgeneration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/rita-suessmuth-ist-tot-architektin-des-deutsch-polnischen-dialogs-und-politikerin-der-versoehnungsgeneration\/","title":{"rendered":"Rita S\u00fcssmuth ist tot. Architektin des deutsch-polnischen Dialogs und Politikerin der Vers\u00f6hnungsgeneration"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rita S\u00fcssmuth ist gestorben \u2013 eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten des deutsch-polnischen Dialogs der vergangenen Jahrzehnte, ehemalige Pr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages und erste Bundesministerin f\u00fcr Frauenangelegenheiten. Sie wurde 88 Jahre alt. Bundestagspr\u00e4sidentin Julia Kl\u00f6ckner bezeichnete sie in ihrer Todesmitteilung als \u201eeine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik Deutschland\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland hatte Rita S\u00fcssmuth eine besondere Bedeutung. Sie wurde als \u201eArchitektin des deutsch-polnischen Dialogs\u201c bezeichnet und galt als eine der markantesten Vertreterinnen der sogenannten Vers\u00f6hnungsgeneration \u2013 jener Politikerinnen und Politiker, die nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst neue Beziehungen zwischen Nationen aufbauten, die durch eine tragische Geschichte belastet waren.<\/p>\n<div id=\"attachment_69642\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69642\" class=\"size-full wp-image-69642\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Rita_Suessmuth_im_Bundestag-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" \/><p id=\"caption-attachment-69642\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Rita S\u00fcssmuth. Foto: wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Sie wurde am 17. Februar 1937 in Wuppertal geboren. Von Beruf war sie P\u00e4dagogin und Soziologin, viele Jahre wirkte sie als Universit\u00e4tsprofessorin in Bochum und Dortmund. 1981 trat sie der CDU bei, bereits vier Jahre sp\u00e4ter berief sie Bundeskanzler Helmut Kohl zur Bundesministerin f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit. 1986 wurde ihr Ressort um die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Frauen erweitert \u2013 sie war damit die erste Frauenministerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Von 1988 bis 1998 amtierte sie als Pr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages. Gerade diese Zeit erwies sich auch f\u00fcr ihre Rolle in den Beziehungen zu Polen als entscheidend.<\/p>\n<h2><strong>Architektin des deutsch-polnischen Dialogs<\/strong><\/h2>\n<p>Rita S\u00fcssmuth spielte in den entscheidenden Momenten der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 eine zentrale Rolle. Im Juni 1990 trug sie zur Annahme einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung des Deutschen Bundestages und der Volkskammer der DDR \u00fcber die Anerkennung der Grenze zu Polen bei. Dieses Dokument hatte im Kontext der deutschen Wiedervereinigung eine enorme symbolische und politische Bedeutung.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1991 stattete sie Polen einen offiziellen Besuch ab. Ziel war es, die Emotionen rund um die Frage sogenannter \u201ebesonderer Rechte\u201c f\u00fcr Deutsche in Polen zu d\u00e4mpfen und Missverst\u00e4ndnisse zu verhindern, die das neu entstehende Vertrauen zwischen beiden L\u00e4ndern h\u00e4tten gef\u00e4hrden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>2019 wurde Rita S\u00fcssmuth mit dem Preis \u201eGoldene Br\u00fccken des Dialogs\u201c ausgezeichnet, verliehen vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Oppeln.<\/strong><\/span><\/p>\n<p>1995 widersetzte sie sich der Marginalisierung Polens anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges. Als der Pr\u00e4sident der Republik Polen nicht zu den offiziellen Feierlichkeiten eingeladen worden war, lud sie den damaligen Au\u00dfenminister W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski ein, bei einer eigens einberufenen gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat eine Rede zu halten. Dieser Schritt hatte gro\u00dfe politische und symbolische Bedeutung.<\/p>\n<p>1998, als sich die deutsch-polnischen Beziehungen infolge der Bundestagsresolution \u201eDie Vertriebenen, Umsiedler und deutschen Minderheiten als Br\u00fccke zwischen Deutschland und seinen \u00f6stlichen Nachbarn\u201c deutlich abk\u00fchlten, reiste sie erneut nach Polen, um \u2013 wie es damals hie\u00df \u2013 \u201eBr\u00e4nde zu l\u00f6schen\u201c in den bilateralen Beziehungen. Sie initiierte gemeinsame Projekte, setzte sich f\u00fcr Dialog und Verst\u00e4ndigung ein und wirkte Spannungen entgegen, die in eine ernsthafte politische Krise zu m\u00fcnden drohten.<\/p>\n<h2><strong>Auszeichnungen und Engagement<\/strong><\/h2>\n<p>Bereits 2003 wurde Rita S\u00fcssmuth f\u00fcr ihre Verdienste um die Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung zwischen Polen und Deutschen mit dem Kommandeurskreuz mit Stern des Verdienstordens der Republik Polen ausgezeichnet. Der damalige Ministerpr\u00e4sident Jerzy Buzek hob dabei ihre Rolle bei den \u201eSchl\u00fcsselereignissen\u201c der Beziehungen zwischen beiden Staaten hervor.<\/p>\n<p>Sie geh\u00f6rte zu den Initiatorinnen der Treffen polnischer und deutscher Historiker, die der Diskussion \u00fcber Vertreibungen und historische Erinnerung gewidmet waren und unter anderem in Darmstadt und Frankfurt (Oder) stattfanden. In ihren Reden sprach sie von ihrer Zufriedenheit \u00fcber \u201edie R\u00fcckkehr Polens in die europ\u00e4ische Familie\u201c.<\/p>\n<p>Sie war langj\u00e4hrige Pr\u00e4sidentin des Deutschen Polen-Instituts, Mitglied im Vorstand der Stiftung Genshagen sowie Vorsitzende des Bundeskuratoriums der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Zudem unterst\u00fctzte sie aktiv die Idee eines Denkmals f\u00fcr die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in Berlin als Ausdruck deutscher historischer Verantwortung.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihr Engagement erhielt sie unter anderem den Preis der Europa-Universit\u00e4t Viadrina (2008) f\u00fcr besondere Verdienste um die Ann\u00e4herung zwischen Polen und Deutschen sowie den Polonicus-Preis (2018) f\u00fcr ihren Beitrag zum deutsch-polnischen Dialog im Kontext der europ\u00e4ischen Integration.<br \/>\n2019 wurde sie mit dem Preis <strong>\u201eGoldene Br\u00fccken des Dialogs\u201c<\/strong> ausgezeichnet, verliehen vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Oppeln. Im Februar 2025 erhielt sie den Sonderpreis des Deutsch-Polnischen Preises f\u00fcr ihr Lebenswerk im Dienst der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<h2><strong>Politikerin des Mutes<\/strong><\/h2>\n<p>In der Innenpolitik der Bundesrepublik galt sie als ihrer Zeit voraus. Sie setzte sich f\u00fcr die Rechte der Frauen ein, k\u00e4mpfte gegen die Ausgrenzung von AIDS-Kranken und sprach sich f\u00fcr die Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland aus. Nicht selten geriet sie dabei in Konflikt mit ihrer eigenen Partei. Die Medien nannten sie \u201eLovely Rita\u201c \u2013 ein Symbol f\u00fcr das moderne Gesicht der Christdemokratie.<\/p>\n<p>Ihr Leitsatz lautete: \u201eEinmal mehr aufstehen als hinfallen\u201c. Bis zuletzt setzte sie sich f\u00fcr eine st\u00e4rkere Repr\u00e4sentanz von Frauen in der Politik ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsch-polnischen Beziehungen bleibt Rita S\u00fcssmuth eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten des letzten Vierteljahrhunderts \u2013 eine Politikerin, die in Krisenzeiten auf Dialog statt Konfrontation setzte und konsequent Br\u00fccken zwischen Polen und Deutschen baute.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Anna Durecka<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rita S\u00fcssmuth ist gestorben \u2013 eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten des deutsch-polnischen Dialogs der vergangenen Jahrzehnte, ehemalige Pr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages und erste Bundesministerin f\u00fcr Frauenangelegenheiten. Sie wurde 88 Jahre alt. Bundestagspr\u00e4sidentin Julia Kl\u00f6ckner bezeichnete sie in ihrer Todesmitteilung als \u201eeine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik Deutschland\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":72079,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4232],"tags":[6140,6139,5878,6129],"redaktor":[5629],"class_list":["post-72076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-de","tag-deutsch-polnische-beziehungen-de","tag-goldene-bruecken-des-dialogs","tag-haus-der-deutsch-polnischen-zusammenarbeit-de","tag-rita-suessmuth","redaktor-anna-durecka-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72076"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72078,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72076\/revisions\/72078"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/72079"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72076"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=72076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}