{"id":72067,"date":"2026-02-12T17:00:49","date_gmt":"2026-02-12T16:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=72067"},"modified":"2026-02-13T13:03:26","modified_gmt":"2026-02-13T12:03:26","slug":"mein-treffen-mit-rita-suessmuth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/mein-treffen-mit-rita-suessmuth\/","title":{"rendered":"Mein Treffen mit Rita S\u00fcssmuth"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Wie ich Premierminister Oleksy eine misslungene Reise bescherte<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Mit Rita S\u00fcssmuth ist eine der wichtigsten Architektinnen des deutsch-polnischen Dialogs gestorben \u2013 eine pr\u00e4gende Vertreterin der Vers\u00f6hnungsgeneration und langj\u00e4hrige Pr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages. Unser Autor Lech Krysza\u0142owicz erinnert an eine pers\u00f6nliche Begegnung mit ihr im Herbst 1995, als sich in G\u00f6ttingen zeigte, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen Polen und Deutschland noch sehr sensibel war.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich habe Rita S\u00fcssmuth nur einmal getroffen. Das war im Herbst 1995. Sie war damals Pr\u00e4sidentin des Bundestages, und ich war Journalist bei der \u201eGazeta Olszty\u0144ska\u201c, die seit einigen Jahren nicht mehr das Sprachrohr der PZPR (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) war und intensiv daran arbeitete, ihr Image zu \u00e4ndern. Wir trafen uns in G\u00f6ttingen am Vorabend des Tages der Erinnerung.<\/p>\n<p>An diesem Tag legten CDU-Aktivisten auf einem der Pl\u00e4tze in G\u00f6ttingen kleine Schleifen mit den Namen deutscher Soldaten nieder, die im Zweiten Weltkrieg gefallen und an unbekannten Orten begraben worden waren. Zu dieser Feier wurde auch ein Vertreter der polnischen Armee aus Allenstein eingeladen, da sie friedlicher Natur war und es um Vers\u00f6hnung und nicht um Abrechnung ging. Solche Feierlichkeiten fanden, wenn ich mich recht erinnere, seit vielen Jahren in G\u00f6ttingen statt, und ihre Bedeutung hatte sich weiterentwickelt. Und gerade 1995 nahm zum ersten Mal ein polnischer Offizier daran teil. Das war ein Symbol f\u00fcr neues Denken.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Lokale CDU-Aktivisten informierten mich auch, dass Rita S\u00fcssmuth an der Feier teilnehmen w\u00fcrde und dass sie mir, wenn ich wollte, ein Interview mit ihr arrangieren k\u00f6nnten. Nat\u00fcrlich stimmte ich zu.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das wussten die Einwohner von G\u00f6ttingen jedoch nicht, insbesondere die Studenten. G\u00f6ttingen ist ein starkes und wichtiges akademisches Zentrum in Deutschland, und junge Menschen sind bekanntlich radikal in ihren Ansichten. Wir wurden daher gewarnt, dass diese radikalen jungen Menschen wahrscheinlich versuchen w\u00fcrden, die Feierlichkeiten zu st\u00f6ren. Lokale CDU-Aktivisten informierten mich auch, dass Rita S\u00fcssmuth an der Feier teilnehmen w\u00fcrde und dass sie mir, wenn ich wollte, ein Interview mit ihr arrangieren k\u00f6nnten. Nat\u00fcrlich stimmte ich zu.<\/p>\n<p>Am Vorabend der Feierlichkeiten fand in einem der Lokale ein offizielles Abendessen statt, bei dem sich die f\u00fcr den Ablauf verantwortlichen Aktivisten trafen, und Rita S\u00fcssmuth erschien. Ich f\u00fchrte ein Interview mit ihr. Wir sprachen \u00fcber die deutsch-polnischen Beziehungen. Nach dem Interview sagte die Bundestagspr\u00e4sidentin in einem zwanglosen Gespr\u00e4ch, dass sie aus einem gewissen Grund doch nicht an der morgigen Feier teilnehmen werde. Sie fragte mich au\u00dferdem, was die Menschen in Polen \u00fcber J\u00f3zef Oleksy sagen, der damals Premierminister Polens war und aus der PZPR stammte. Dies geschah einige Zeit, nachdem Innenminister Milczanowski, der als Vertreter von Pr\u00e4sident Lech Wa\u0142\u0119sa in der Regierung sa\u00df, ihn unter dem Pseudonym Olin der Spionage f\u00fcr Russland bezichtigt hatte. Diese Vorw\u00fcrfe wurden nicht best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Ich sagte der Budestagspr\u00e4sidentin, dass die Menschen nicht glauben, dass er nicht f\u00fcr Russland spioniert habe. Man werfe ihm vor, dass er als erfahrener Politiker mit russischen Diplomaten verkehrte, obwohl er wusste, dass sie Agenten des russischen Geheimdienstes waren. Ich stellte fest, dass dies eine \u00fcbelriechende Angelegenheit sei, und Oleksy unglaubw\u00fcrdig geworden sei, weil seine Erkl\u00e4rungen naiv wirkten.<\/p>\n<div id=\"attachment_72070\" style=\"width: 994px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-72070\" class=\"size-full wp-image-72070\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Rita-Suessmuth-2.jpg\" alt=\"\" width=\"984\" height=\"681\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Rita-Suessmuth-2.jpg 984w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Rita-Suessmuth-2-300x208.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Rita-Suessmuth-2-768x532.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 984px) 100vw, 984px\" \/><p id=\"caption-attachment-72070\" class=\"wp-caption-text\">Rita S\u00fcssmuth und Lech Krysza\u0142owicz im Herbst 1995.<br \/>Foto: Agnieszka Wr\u00f3blewska<\/p><\/div>\n<p>Wor\u00fcber wir noch gesprochen haben, wei\u00df ich nicht mehr. Am n\u00e4chsten Tag war Rita S\u00fcssmuth nicht auf dem Platz. Daf\u00fcr wurde die Feier st\u00e4ndig von verschiedenen jungen Leuten gest\u00f6rt. Die Polizei griff mehrfach ein. Oft setzte sie Schlagst\u00f6cke ein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erschienen in der lokalen Presse Berichte \u00fcber die Feierlichkeiten. Sie zeigten die Brutalit\u00e4t der Polizei und beschuldigten die Organisatoren eindeutig, deutschen Militarismus zu pflegen, Kriegsressentiments zu sch\u00fcren usw. Niemand erw\u00e4hnte, dass ein polnischer Offizier anwesend war, dass Polen und Deutsche eine Einigung suchten und dass die Erinnerung an die Kriegsopfer nach Frieden ruft.<\/p>\n<p>Da sch\u00e4tzte ich die Vorsitzende zum ersten Mal f\u00fcr ihre Weisheit. Was auch immer sie \u00fcber Vers\u00f6hnung gesagt h\u00e4tte, niemand h\u00e4tte es wegen des Aufruhrs der Radikalen geh\u00f6rt. Stattdessen h\u00e4tten alle sie auf diesem Platz gesehen und angenommen, dass sie den Militarismus unterst\u00fctze.<\/p>\n<p>Das zweite Mal sch\u00e4tzte ich ihre Besonnenheit, als ich nach Hause zur\u00fcckkehrte. Im polnischen Fernsehen h\u00f6rte ich bald darauf die Nachricht, dass Premierminister J\u00f3zef Oleksy nach Berlin reisen und sich dort mit wichtigen deutschen Politikern treffen w\u00fcrde, darunter auch mit der Bundestagspr\u00e4sidentin. Ich erkannte sofort, dass ihre Frage nach Oleksy kein Zufall gewesen war. Das war sie nicht, und ich wusste bereits, was passieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In letzter Minute sagte die Bundestagspr\u00e4sidentin das Treffen mit dem polnischen Premierminister wegen eines unerwarteten Ereignisses ab. Und \u00fcberhaupt hatte er damals Pech, denn niemand Wichtiges traf sich mit ihm.<\/p>\n<p>So habe ich Oleksy auf unerwartete Weise eine misslungene Reise beschert. Die Aff\u00e4re mit Olin kostete ihn bald seinen Posten als Premierminister.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"6dF2gw73YT\"><p><a href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/rita-suessmuth-ist-tot-architektin-des-deutsch-polnischen-dialogs-und-politikerin-der-versoehnungsgeneration\/\">Rita S\u00fcssmuth ist tot. Architektin des deutsch-polnischen Dialogs und Politikerin der Vers\u00f6hnungsgeneration<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Rita S\u00fcssmuth ist tot. 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