{"id":72041,"date":"2025-04-07T11:20:42","date_gmt":"2025-04-07T09:20:42","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/zwischen-trauma-und-tabu-frauen-krieg-und-das-ringen-um-erinnerung-2\/"},"modified":"2025-04-07T11:20:42","modified_gmt":"2025-04-07T09:20:42","slug":"zwischen-trauma-und-tabu-frauen-krieg-und-das-ringen-um-erinnerung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/zwischen-trauma-und-tabu-frauen-krieg-und-das-ringen-um-erinnerung-2\/","title":{"rendered":"Zwischen Trauma und Tabu: Frauen, Krieg und das Ringen um Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Rahmen der Reihe \u201eDie Frau und der Krieg\u201c organisiert das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen (DAZ) verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen. Mit Iga Nowicz, ifa-Kulturmanagerin beim DAZ, sprach Victoria Matuschek \u00fcber den bevorstehenden Workshop und die Podiumsdiskussion zum Thema \u201eGel\u00f6schte Erinnerungen. Warum ist es so schwer, \u00fcber das Jahr 1945 zu sprechen?\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Wie ist die Idee zu den Veranstaltungen entstanden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Jahr 2025 ist das Jahr, in dem an die oberschlesische Trag\u00f6die erinnert wird. Wir wollten eine Veranstaltung schaffen, die die Rolle der Frauen im Krieg in den Fokus stellt und eine andere Sicht auf den Krieg bietet. Dazu geh\u00f6ren zwei Ausstellungen: \u201eKreuz im Schatten der Diktaturen\u201c und \u201eSie k\u00e4mpfen, sie behandeln, sie retten\u201c, die Ausstellung zu den Frauen im Ukraine-Krieg. Wir wollten auch das Thema Gewalt an Frauen und sexualisierte Gewalt als Teil der Kriegsf\u00fchrung ansprechen, ein schwieriges und oft tabuisiertes Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Habt ihr Herausforderungen bei der Quellen- und Expertensuche erlebt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn kriegsbedingte sexualisierte Gewalt immer wichtiger f\u00fcr Wissenschaftler:innen wird, haben wir nur Sch\u00e4tzungen, was das tats\u00e4chliche Ausma\u00df der Vergewaltigungen 1945 betrifft. Viele Frauen, die direkt betroffen waren, wollten nicht sprechen, was die Forschung nat\u00fcrlich erschwert. Der bekannte deutsche Film \u201eBeFreier und Befreite\u201c von Helke Sander thematisiert zum Beispiel die Schwangerschaften deutscher Frauen durch russische Soldaten, was Hinweise auf die H\u00e4ufigkeit solcher Vorf\u00e4lle liefert. In der deutschen Erinnerungskultur ist das Thema seit den 2000er Jahren pr\u00e4senter geworden, beispielsweise durch die Wiederver\u00f6ffentlichung des Buches \u201eEine Frau in Berlin\u201c 2003 oder Romane wie \u201eDie Mittagsfrau\u201c von Julia Franck (neulich verfilmt) oder \u201eHeimsuchung\u201c von Jenny Erpenbeck. Deshalb haben wir eine Literaturwissenschaftlerin eingeladen, die Germanistin ist und sich mit dem Thema in Deutschland besch\u00e4ftigt. Wir wollen die Unterschiede in der deutschen und polnischen Erinnerungskultur reflektieren, was sexualisierte Gewalt an Frauen betrifft.<\/p>\n<div id=\"attachment_59861\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-59861\" class=\"size-full wp-image-59861\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/vm-Interview-DAZ-01-scaled-1-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-59861\" class=\"wp-caption-text\">Iga Nowicz, ifa-Kulturmanagerin beim DAZ: \u201eErinnerungskultur kann Narrative verfestigen \u2013 aber auch neue Perspektiven er\u00f6ffnen.\u201c<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Inwiefern gibt es hier Unterschiede?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Polen und Deutschland gab es lange unterschiedliche Erinnerungskulturen, auch was die Erinnerung an die Sowjetunion und die Rote Armee betrifft. In Ostdeutschland und Polen war es politisch nicht erlaubt, \u00fcber Verbrechen der Sowjetarmee zu sprechen. Was die Erinnerung an den Krieg als Ganzes betrifft, dominiert in Polen oft die Opferrolle, w\u00e4hrend in Deutschland die T\u00e4terrolle im Vordergrund steht. Und da ist nat\u00fcrlich die Frage: was machen wir mit einem solchen Thema, das gewisserma\u00dfen die Grenzen sprengt, und das Leiden der deutschen Zivilbev\u00f6lkerung anspricht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Gibt es Parallelen zwischen dem Thema \u201eDie Frau im Krieg 1945\u201c und der aktuellen Situation in der Ukraine, zu der ihr auch eine Ausstellung organisiert habt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verschiedene Formen von Gewalt, darunter nat\u00fcrlich auch sexualisierte Gewalt gegen Frauen und M\u00e4nner, werden auch im russischen Krieg gegen Ukraine systematisch eingesetzt. Die Ausstellung zur Ukraine zeigt aber, dass Frauen nicht nur passive Opfer sind, sondern auch aktiv in der Armee t\u00e4tig sind oder sich f\u00fcr andere einsetzen. Wir m\u00f6chten vermeiden, dass Frauen nur als Opfer wahrgenommen werden, da ihre Rolle nat\u00fcrlich viel komplizierter ist. In der Ukraine mussten Frauen sich das Recht erk\u00e4mpfen, milit\u00e4risch t\u00e4tig zu werden, was 2014 noch nicht selbstverst\u00e4ndlich war. Das Thema umfasst auch die Betrachtung unserer Vorstellungen von Krieg, Konflikt und Geschlechterrollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Inwiefern betrifft das Thema auch M\u00e4nner und junge Menschen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewalt an Frauen ist ein Thema, das nicht nur Frauen betrifft. Als menschliches Thema betrachtet, ist es auf jeden Fall f\u00fcr alle wichtig. Die Ereignisse 1945 hatten gravierende Folgen f\u00fcr ganze Familien und Gemeinschaften, die bis heute andauern, einschlie\u00dflich transgenerationalem Trauma. F\u00fcr die Jugend ist diese Thematik nicht einfach, es ist aber wichtig, auch junge Menschen f\u00fcr diese Geschichte zu sensibilisieren. Und wir wollen uns mit unserer Wahrnehmung der Vergangenheit befassen, auch mit den Bildern, die wir im Kopf haben, wenn wir \u00fcber das Schicksal von Frauen reden. Das ist f\u00fcr junge Menschen h\u00f6chst relevant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Welche Rolle spielen pers\u00f6nliche Erz\u00e4hlungen und Zeitzeugenberichte in der heutigen Erinnerungskultur? Und siehst du einen Wandel in der Erinnerungskultur?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben heute immer noch die M\u00f6glichkeit, mit Menschen zu reden, die zum Beispiel aus Schlesien fliehen mussten. Solche Gespr\u00e4che k\u00f6nnen uns ein anderes Verst\u00e4ndnis von Zeit, Ort, Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit erm\u00f6glichen, da diese komplexen Erfahrungen oft nicht den g\u00e4ngigen Diskursen entsprechen. Aus diesem Grund wollten wir die Stimmen aus der Vergangenheit in unserem Workshop zum Klingen bringen und autobiografische Texte behandeln, und sie in ihrem besonderen Kontext verorten. Wenn wir deutsche Texte aus den 1940er Jahren lesen, f\u00e4llt auf, dass eine kritische Analyse des Nationalsozialismus fehlt. Auch aus diesem Grund ist es spannend, aus heutiger Sicht zu sehen, wie die Texte die Gedanken der Menschen damals widerspiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Inwiefern kann die Erinnerung an kriegsbedingte sexualisierte Gewalt unser Verst\u00e4ndnis der Vergangenheit ver\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Thema erfordert die Bereitschaft, mit Komplexit\u00e4t und Ambivalenz umzugehen und die Erinnerung an das kriegsbedingte Leiden mit dem Bewusstsein der deutschen Verantwortung f\u00fcr den Krieg koexistieren zu lassen. Wie k\u00f6nnen wir solche Widerspr\u00fcche vereinbaren? Zum Beispiel war eine deutsche Frau im Dritten Reich nat\u00fcrlich nicht unschuldig, da sie m\u00f6glicherweise vom dem Regime profitiert hatte oder ideologisch mit der Nazi-Herrschaft einverstanden war. Wenn sie vergewaltigt wurde, war sie Opfer, w\u00e4hrend sie in anderen Kontexten aber als Komplizin betrachtet werden kann. Solche Widerspr\u00fcche sind interessant, da sie auch heute noch relevant sind.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eFrauen waren nicht nur Leidtragende des Krieges, sondern auch Mitwirkende \u2013 diese Mehrdimensionalit\u00e4t wird oft \u00fcbersehen.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Ich finde das Thema spannend, weil es, wie du bereits meintest, nicht linear ist, im Gegensatz dazu, was oft in Geschichtsb\u00fcchern thematisiert wird. Deutschland und Polen haben einen unterschiedlichen Bezug zum Ende des Zweiten Weltkrieges und zur Nachkriegszeit. Kann das DAZ als eine Institution, die sich mit der Geschichte der deutschen Minderheit in Polen befasst, eine Vernetzungsarbeit leisten und die gemeinsame Erinnerungskultur von Deutschland und Polen f\u00f6rdern? Wie siehst du die Relevanz dieser Zusammenarbeit f\u00fcr die Erinnerungskultur?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben bei unseren Veranstaltungen eher eine \u00e4u\u00dfere Sicht auf Deutschland, da die Historikerinnen Joanna Hytrek-Hryciuk und Bogus\u0142aw Tracz aus Polen kommen und die Literaturwissenschaftlerin Katherine Stone aus Gro\u00dfbritannien stammt. Diese Vielfalt erm\u00f6glicht es uns aber auch, unerwartete Verbindungen aufzuzeigen und Vergleiche anzustellen. Und nat\u00fcrlich sind sie alle Expertinnen auf ihrem Gebiet. F\u00fcr Katherine Stone ist diese Region auch sehr spannend und sie m\u00f6chte auch gerne selbst Fragen stellen und erfahren, wie die Menschen vor Ort mit der Vergangenheit umgehen.<br \/>\nIn Deutschland wurde das Leiden der Deutschen im Krieg erst seit den neunziger Jahren thematisiert, mit der Bombardierung, Vertreibung und den Massenvergewaltigungen. Das sind auch Themen der deutschen Minderheiten, die mit dem Schicksal von Vertreibung und Flucht konfrontiert waren und damit verbunden nat\u00fcrlich auch die Frage, wie l\u00e4sst sich das vereinbaren mit der T\u00e4terrolle im Nationalsozialismus? Diese Frage sollten wir nicht meiden, wir m\u00fcssen \u00fcber beides sprechen. Ich glaube, wir sollten genug Raum f\u00fcr unterschiedliche Erinnerungen schaffen, ohne starre Denkmuster zu bedienen, um eine zukunftsf\u00e4hige, differenzierte und offene Erinnerungskultur zu schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Deine Ans\u00e4tze zur Erinnerungskultur erinnern mich an den franz\u00f6sischen Wissenschaftler Glissant und seine Theorie der \u201eOpacity\u201c, die im Grunde besagt, dass man nicht alles verstehen muss, um es zu akzeptieren. Ich denke, wir brauchen mehr solche Ans\u00e4tze in der Kulturpolitik, die die Koexistenz verschiedener Perspektiven erm\u00f6glichen und starre Denkmuster vermeiden. Denkst du, dass wir eine solche Erinnerungskultur ben\u00f6tigen, die diese Vielfalt ber\u00fccksichtigt? Und inwiefern ist das auch f\u00fcr die deutsche Minderheit relevant?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, wir brauchen eine Erinnerungskultur, die pluridimensional und weltoffen ist. Deshalb finde ich es immer spannend, wenn vergessene Gruppen oder Geschichten untersucht werden. Historiker:innen sollten die Stimmen aus der Vergangenheit mit Respekt und ohne Vorurteile betrachten, insbesondere wenn es um Menschen geht, die sowohl Opfer als auch T\u00e4ter waren. Die deutsche Minderheit hat Zugang zu dieser pluridimensionalen Identit\u00e4t und kann diese komplexe Geschichte reflektieren und bewahren. Die Welt \u00e4ndert sich, und \u2013 wie ich schon gesagt habe \u2013 wir m\u00fcssen Platz schaffen f\u00fcr unerwartete Geschichten, die wir noch nicht geh\u00f6rt haben. Wir brauchen die Grundlage der historischen Tatsachen, aber wir m\u00fcssen auch reflektieren, dass Geschichte oft politisiert und verschieden interpretiert wird. Diese Interpretationen k\u00f6nnen neu bewertet werden, ohne ideologisch vereinnahmt zu werden. Ich glaube, wir brauchen flexibles Denken, und vielleicht kann die deutsche Minderheit das durch ihre einzigartige Lage leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Der Workshop findet am 09.04. von 14:30 bis 16:30 Uhr statt, Anmeldung unter cdwbp@cdwbp.opole.pl oder telefonisch unter +48 77 407 50 12.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>Die Paneldiskussion mit Expertinnen und Experten findet am 09.04. von 17 bis 19 Uhr im DAZ statt. Die Veranstaltungen sind zweisprachig und die Teilnahme ist kostenlos.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Das Projekt findet in Kooperation mit dem Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) statt und wird vom ifa \u2013 Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen e.V. aus den Mitteln des Ausw\u00e4rtigen Amtes gef\u00f6rdert.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Reihe \u201eDie Frau und der Krieg\u201c organisiert das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen (DAZ) verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen. Mit Iga Nowicz, ifa-Kulturmanagerin beim DAZ, sprach Victoria Matuschek \u00fcber den bevorstehenden Workshop und die Podiumsdiskussion zum Thema \u201eGel\u00f6schte Erinnerungen. 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